Die Predigt von Erzbischof Becker von Paderborn bei der heutigen Priesterweihe (findet sich
).
»Diese
Geschichte von Saul und David [die wir eben gehört haben: 1 Sam 16,14-23] findet man z.Z. in keiner Leseordnung. Sie
mögen sich wundern, warum ich diese Stelle ausgesucht habe, aber
vielleicht wundern sie sich gleich nicht mehr.
Ich
kann sie nicht verbergen. Meine Liebe zur Musik und auch meine
Prägung durch die Musik. Die Musik ist mir ein Geistlicher
Nährboden. Neben der Theologie natürlich und der christlichen
Spiritualität. Und vor diesem Hintergrund erlaube ich mir heute
morgen mit Ihnen einen Gedankengang vorzunehmen und einen Gedanken
aufzugreifen des Märtyrerbischofs Ignatius von Antiochien (um das
Jahr 107). Da sagt er ganz einfach, an die Gemeinde in Ephesos
geschrieben: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf.“
Hat
Gott ein Lied für uns ein Lebenslied? In diesem Brief vergleicht
Ignatius die Gemeinde mit einem großen Chor. Da sagt er: „Nehmt
Gottes Melodie in euch auf, so werdet ihr alle zusammen zu einem
Chor. Und in eurer Eintracht und zusammenklingenden Liebe ertönt
durch euch das Lied Jesu Christi, das ist das Lied, das Gott der
Vater hört, und so erkennt er euch alle als die, die zu Christus
gehören." Ein
Wort voller Poesie.
Das
schreibt ein Mann der gefesselt in einer Soldatenkohorte daherzieht,
auf Rom zu, und er weiß, dass er den gewaltsamen Tod durch wilde
Tiere entgegengeht. Dieser Bischof Ignatius hat die Vorstellung, dass
Gott für jeden eine Stimme, eine Lebensmelodie hat. Und wenn jeder
die ihm zugedachte Melodie Gottes wirklich hört und in sich
aufnimmt, dann wird der zusammen aller Stimmen eine Symphonie.
Symphonie heißt der wörtlich „Zusammenklang“.
Fragst
du dich, lieber Weihekandidat, am Tag deiner Priesterweihe: „Was
ist Gottes Melodie, Gottes Lied für mich? Welche Stimme hat er mir
zugedacht?“
Ich
bewundere und verehre den großen Geigenvirtuose Yehudi Menuhin.
Einer der ganz großen Musiker des 20. Jahrhunderts. Er hat
Lebenserinnerungen geschrieben unter dem Titel „Unvollendete
Reise“. Da denkt er an einer Stelle über die Interpretation eines
Musikstücks nach und schreibt: Im Idealfall würde man eine Passage
ganz gleichmäßig spielen und gerade soviel Unregelmäßigkeit
zulassen, dass ein Element der Lebendigkeit spürbar bleibt. Dieses
Element der Lebendigkeit nennt er „la part de Dieu – Gottes
Part“. Jede große Aufführung lebt davon. Gottes Part.
Die
Noten die Partitur so exakt wie möglich, aber dann jener Spielraum
zwischen den Noten den wir nicht in der Hand haben, und der Alles
bewegt und belebt: „la part de Dieu – Gottes Part“. Und heute:
Gottes Part im Dienst des Priesters.
Ein
beachtenswertes Bild Schwestern und Brüder: Nehmt Gottes Melodie in
euch auf. Gott ist wie eine unerschöpfliche Melodie die in uns zum
Klingen kommen will. Die Seiten sind in uns angelegt, wir können sie
schwingen lassen und der ganze Körper mit allen Fasern unserer Seins
kann zum Resonanzboden werden.
Meine
Lieben Weihekandidaten: Gott hat für jeden von uns eine eigene
Stimme vorgesehen. Eine unverwechselbare Lebensmelodie. Ihre Lebensmelodie erfährt heute eine sakramentale Linienführung. Das
Sakrament der Weihe schlägt den Ton in ihnen und durch sie an. Jenen
Ton, den wir als Gottes Part erkennen dürfen. Wenn jeder seinen Part
hört und in sich aufnimmt, dann kommt es zu einem guten
Zusammenklang zu einer Sinfonie und im Urtext des Bischofs Ignatius
steht buchstäblich Symphonie. Die mir und dir zugesagt und
zugedachte Lebensmelodie kommt erst im Zusammenklang mit den anderen
Stimmen zur Geltung und da soll ein Chor entstehen in dem jeder seine
Lebensmelodie einbringen. So kann durch uns das Lied Jesu Christi
erklingen und Gott erkennt uns Menschen, die zu Christus, seinem
Sohn, gehören.
Gesang,
Chor, Gottes Melodie: Das hat hier in unserem Dom einen festen und
würdigen Platz und das soll auch den Christen prägen, daran soll
man ihn auch erkennen. Jetzt können Sie sagen: „Ist das nicht ein
bisschen zu harmonisch oder zu romantisch, lieber Bischof?“ Mancher
wird denken – auch hier in Dom –: „Naja, ihr vier heute morgen,
an einem Tag wie heute, ihr habt gut singen. Aber wisst ihr denn
nicht, was wirklich gespielt wird? Wartet nur ab. So wie es in der
Kirche aussieht, wird euch das Siegen bald vergehen!“
Wirklich?
Sie wissen wie es in der Kirche aussieht und sie meine Lieben
Kandidaten machen sich auch nichts vor. Sie gehen nicht mit
Scheuklappen durch das Bistum und auch nicht durch ihre ersten
diakonalen, seelsorglichen Gemeindefelder. Und trotzdem hören Sie
den Ruf: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf.“ Es geht um einen
anderen Ton, der hier angeschlagen wird. Es geht hier nicht um die
übliche alte Leier.
Die
alte Leier: Wir kennen Sie zur Genüge. Wo Kirchenleute aller Ebenen
heute zusammensitzen, sprechen sie in aller Regel die meiste Zeit
darüber, wie schwierig es doch alles jetzt ist und wie es bergab
geht, und dass ihn Grunde „Rom“ oder „Paderborn“ oder „Köln“
an allem Schuld ist.
Schwestern
und Brüder, es gibt so eine negative Genüsslichkeit innerhalb der
Kirche. Diese Genüsslichkeit ergeht sich auf den Schattenseiten –
die zweifellos da sind – und kommt sich dabei äußerst
„progressiv“ vor. Jemand hat es einmal sehr markant ausgedrückt:
„Je progressiver desto hoffnungsloser.“ Da gehört es zum guten
Ton sich als ohnmächtig gegenüber der „Institution“ zu
empfinden; man erschöpft sich in Selbstmitleid und psychologischer
Selbstpflege. Die alte Leier.
Von
solchem Lamentieren kann man nicht leben. Wenn ich der Kirche immer
nur wieder nachweisen möchte, dass man ja eigentlich in ihr gar
nicht leben kann, dann kann ich sie nicht, und auch in ihr nicht
leben, nicht arbeiten und auch nicht, wenn es sein muss, leiden oder
sogar kämpfen.
Ich
zitiere Dorothee Sölle: „Aus der Perspektive der Armeen
betrachtet, ist solche Hoffnungslosigkeit eine Art Luxus für
diejenigen, die nicht in die waren Kämpfe vor Ort verwickelt sind.
Solche Hoffnungslosigkeit können wir uns nur in unserem
Wohlstandskirchen leisten. Den jungen armen Kirchen im Süden ist sie
ganz fremd und sie ist auch nicht mit Argumenten, so habe ich oft
den Eindruck, zu besiegen.
Aber
man könnte ja, wie der Junge David im Falle des depressiven Saul,
zur Zither greifen um die Schmermut zu lindern oder gar zu
vertreiben. David hat die Lieder angestimmt, die bis heute Tag für
Tag in der Kirche erklingen, auch in der Liturgie. Das liebe
Weihekandidaten soll nun ihre Lieder werden. Diese Gotteslieder, vor
allem die durch Jahrtausende alten Psalmen, wollen und sollen sie
anstimmen, das weitet den Raum und das eröffnet Perspektiven.
Im
letzten Buch der Heiligen Schrift, in der Geheimen Offenbarung des
Johannes, heiß es: Und die Sieger trugen die Harfen Gottes. Sie
sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied zu Ehren
des Lammes. Das muss es geben in unserer Welt. Das muss es geben
durch die Zeiten hindurch: Menschen, die die Harfen Gottes tragen und
das Lied zu Ehren des Lammes anstimmen. Es muss sie geben: Menschen
die sich in all ihrer Gebrechlichkeit rufen lassen, damit sie im
Konzert der Menschen den Part Gottes durchkommen lassen. Wenn der
Part Gottes verstummt in der Kirche – und dann in der Welt – dann
gute Nacht!
In
einem altkirchlichen Hymnus ist zu lesen: Wie der Wind durch die
Harfe streicht und die Saiten erklingen, so fährt der Geist des
Herrn durch unsere Glieder und ich fange an zu singen von seiner
Liebe berührt. Part Gottes.
Ich
kenne noch einen anderen großen Geiger des 20. Jahrhunderts, Isaac
Stern. Er wurde kurze Zeit nach der Kulturrevolution nach Rotchina
eingeladen und sollte dort das neu beginnende Musikleben kennenlernen
und auch beurteilen. Er hat die Einladung unter einer Bedingung
angenommen: Er wollte das was sich ihm darbot festhalten, mit der
Kamera dokumentieren. Da ist ein aufschlussreiches Dokument zustande
gekommen, in dem man alles sieht: Alles perfekt eintrainiert, ganz
exakt ausgeführt, aber es klingt nicht. Es fehlt der Spielraum aus
dem die Musik ihre Strahlkraft bekommt: „la part de Dieu – Gottes
Part“.
Ja
liebe Schwestern und Brüder, das treibt mich schon um: Wir könnten
im großen Konzert unserer Kirche in Deutschland sein wie ein
Orchester, das die Noten und die Partitur beherrscht, mit äußerster
Perfektion spielt. Aber es fehlt der Spielraum Gottes. Vom Spielraum
Gottes sind die Menschen bewegt und werden sie bewegt werden und
belebt werden. Ja, wir müssen mit den Noten korrekt umgehen, wir
müssen sie spielen. Es geht nicht nur um unsere eigenen
Improvisationskünste. Aber die Noten allein bringen es nicht. Mit
all unseren erlernten pastoralen, Künsten und Medien allein, werden
wir es nicht vollbringen. Es wird alles darauf ankommen, dass Gott
durchkommt sein Atem, sein schöpferischer Geist, der Menschen
begeistern kann – der Part Gottes. So spreche ich Ihnen heute,
meine Lieben Kandidaten, am Tage ihrer Priesterweihe und uns allen,
Schwestern und Brüder, die wir uns den Resonanzboden unseres
christlichen Zeugnisses und unserer christlichen Freude nicht
zerstören lassen wollen, ich rufe uns allen zu: „Nehmt Gottes
Melodie in euch auf!“ Der Part Gottes ist mächtiger als wir es uns
denken können.
Liebe
Neupriester unseres Erzbistums: Er spielt ihn nicht zuletzt in ihrer
Lebensmelodie als Priester Jesu Christi. Dazu gilt Ihnen mein
herzlicher Segenswunsch an dieser Stelle.«