Montag, 24. Mai 2021

Pfingstliches Zeugnis

Tertullian († nach 220) wusste um das geistgewirkte Zeugnis und die machtvolle Fürsprache der Christen auch für den Staat – er wusste aber auch um die ihnen entgegenbrandende Feindseligkeit. Aus seinem Apologeticum:


»Von gestern erst sind wir, und doch haben wir schon den Erdkreis und all das eurige erfüllt, die Städte, Inseln, Kastelle, Munizipalstädte, Ratsversammlungen, sogar die Heerlager, Zünfte, Dekurien, den Palast, den Senat und das Forum; wir haben euch nur die Tempel gelassen. […] Jetzt nämlich ist die Zahl der Feinde, die ihr habt, geringer als die Zahl der Bürger, wegen der Menge der Christen, die fast die Gesamtzahl der loyalen Bürger ausmachen. Und indem ihr in den Christen beinahe alle Bürger für Feinde haltet, wolltet ihr sie doch lieber Feinde des menschlichen Geschlechts nennen, als Feinde der menschlichen Irrtümer. Aber wer würde euch dann jenen verborgenen, euch die geistige und körperliche Gesundheit beständig verwüstenden Feinden entreißen, ich meine, den Angriffen der Dämonen, welche wir von euch ohne Belohnung, ohne Bezahlung vertreiben? […] Ihr habt es aber vorgezogen, anstatt auf eine angemessene Belohnung für solchen Schutz Bedacht zu nehmen, eine Menschenklasse, die euch nicht nur nicht lästig, sondern sogar unentbehrlich ist, für Feinde anzusehen, was wir fürwahr sind – aber nicht des menschlichen Geschlechts, sondern vielmehr des menschlichen Irrtums. […] Aber fahrt nur so fort, treffliche Präsidenten, die ihr beim Pöbel viel beliebter werdet, wenn ihr ihm Christen opfert; quält, martert, verurteilt uns, reibt uns auf; eure Ungerechtigkeit ist der Beweis unserer Unschuld! Deswegen duldet Gott, daß wir solches dulden. […] Und doch, die ausgesuchteste Grausamkeit von eurer Seite nützt nichts; sie ist eher ein Verbreitungsmittel unserer Genossenschaft. Wir werden jedesmal zahlreicher, so oft wir von euch niedergemäht werden; ein Same ist das Blut der Christen.«


In Deutschland haben wir keine solche Feindseligkeit zu fürchten, weil wir auch kein Zeugnis geben…


Samstag, 22. Mai 2021

Wider die alte Leier

Die Predigt von Erzbischof Becker von Paderborn bei der heutigen Priesterweihe (findet sich hier).

Der Text zu Dokumentationszwecken (vom Computer getippt und von mir bereinigt):

 

»Diese Geschichte von Saul und David [die wir eben gehört haben: 1 Sam 16,14-23] findet man z.Z. in keiner Leseordnung. Sie mögen sich wundern, warum ich diese Stelle ausgesucht habe, aber vielleicht wundern sie sich gleich nicht mehr.

Ich kann sie nicht verbergen. Meine Liebe zur Musik und auch meine Prägung durch die Musik. Die Musik ist mir ein Geistlicher Nährboden. Neben der Theologie natürlich und der christlichen Spiritualität. Und vor diesem Hintergrund erlaube ich mir heute morgen mit Ihnen einen Gedankengang vorzunehmen und einen Gedanken aufzugreifen des Märtyrerbischofs Ignatius von Antiochien (um das Jahr 107). Da sagt er ganz einfach, an die Gemeinde in Ephesos geschrieben: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf.“

Hat Gott ein Lied für uns ein Lebenslied? In diesem Brief vergleicht Ignatius die Gemeinde mit einem großen Chor. Da sagt er: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf, so werdet ihr alle zusammen zu einem Chor. Und in eurer Eintracht und zusammenklingenden Liebe ertönt durch euch das Lied Jesu Christi, das ist das Lied, das Gott der Vater hört, und so erkennt er euch alle als die, die zu Christus gehören." Ein Wort voller Poesie.

Das schreibt ein Mann der gefesselt in einer Soldatenkohorte daherzieht, auf Rom zu, und er weiß, dass er den gewaltsamen Tod durch wilde Tiere entgegengeht. Dieser Bischof Ignatius hat die Vorstellung, dass Gott für jeden eine Stimme, eine Lebensmelodie hat. Und wenn jeder die ihm zugedachte Melodie Gottes wirklich hört und in sich aufnimmt, dann wird der zusammen aller Stimmen eine Symphonie. Symphonie heißt der wörtlich „Zusammenklang“.

Fragst du dich, lieber Weihekandidat, am Tag deiner Priesterweihe: „Was ist Gottes Melodie, Gottes Lied für mich? Welche Stimme hat er mir zugedacht?“

Ich bewundere und verehre den großen Geigenvirtuose Yehudi Menuhin. Einer der ganz großen Musiker des 20. Jahrhunderts. Er hat Lebenserinnerungen geschrieben unter dem Titel „Unvollendete Reise“. Da denkt er an einer Stelle über die Interpretation eines Musikstücks nach und schreibt: Im Idealfall würde man eine Passage ganz gleichmäßig spielen und gerade soviel Unregelmäßigkeit zulassen, dass ein Element der Lebendigkeit spürbar bleibt. Dieses Element der Lebendigkeit nennt er „la part de Dieu – Gottes Part“. Jede große Aufführung lebt davon. Gottes Part.

Die Noten die Partitur so exakt wie möglich, aber dann jener Spielraum zwischen den Noten den wir nicht in der Hand haben, und der Alles bewegt und belebt: „la part de Dieu – Gottes Part“. Und heute: Gottes Part im Dienst des Priesters.

Ein beachtenswertes Bild Schwestern und Brüder: Nehmt Gottes Melodie in euch auf. Gott ist wie eine unerschöpfliche Melodie die in uns zum Klingen kommen will. Die Seiten sind in uns angelegt, wir können sie schwingen lassen und der ganze Körper mit allen Fasern unserer Seins kann zum Resonanzboden werden.

Meine Lieben Weihekandidaten: Gott hat für jeden von uns eine eigene Stimme vorgesehen. Eine unverwechselbare Lebensmelodie. Ihre Lebensmelodie erfährt heute eine sakramentale Linienführung. Das Sakrament der Weihe schlägt den Ton in ihnen und durch sie an. Jenen Ton, den wir als Gottes Part erkennen dürfen. Wenn jeder seinen Part hört und in sich aufnimmt, dann kommt es zu einem guten Zusammenklang zu einer Sinfonie und im Urtext des Bischofs Ignatius steht buchstäblich Symphonie. Die mir und dir zugesagt und zugedachte Lebensmelodie kommt erst im Zusammenklang mit den anderen Stimmen zur Geltung und da soll ein Chor entstehen in dem jeder seine Lebensmelodie einbringen. So kann durch uns das Lied Jesu Christi erklingen und Gott erkennt uns Menschen, die zu Christus, seinem Sohn, gehören.

Gesang, Chor, Gottes Melodie: Das hat hier in unserem Dom einen festen und würdigen Platz und das soll auch den Christen prägen, daran soll man ihn auch erkennen. Jetzt können Sie sagen: „Ist das nicht ein bisschen zu harmonisch oder zu romantisch, lieber Bischof?“ Mancher wird denken – auch hier in Dom –: „Naja, ihr vier heute morgen, an einem Tag wie heute, ihr habt gut singen. Aber wisst ihr denn nicht, was wirklich gespielt wird? Wartet nur ab. So wie es in der Kirche aussieht, wird euch das Siegen bald vergehen!“

Wirklich? Sie wissen wie es in der Kirche aussieht und sie meine Lieben Kandidaten machen sich auch nichts vor. Sie gehen nicht mit Scheuklappen durch das Bistum und auch nicht durch ihre ersten diakonalen, seelsorglichen Gemeindefelder. Und trotzdem hören Sie den Ruf: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf.“ Es geht um einen anderen Ton, der hier angeschlagen wird. Es geht hier nicht um die übliche alte Leier.

Die alte Leier: Wir kennen Sie zur Genüge. Wo Kirchenleute aller Ebenen heute zusammensitzen, sprechen sie in aller Regel die meiste Zeit darüber, wie schwierig es doch alles jetzt ist und wie es bergab geht, und dass ihn Grunde „Rom“ oder „Paderborn“ oder „Köln“ an allem Schuld ist.

Schwestern und Brüder, es gibt so eine negative Genüsslichkeit innerhalb der Kirche. Diese Genüsslichkeit ergeht sich auf den Schattenseiten – die zweifellos da sind – und kommt sich dabei äußerst „progressiv“ vor. Jemand hat es einmal sehr markant ausgedrückt: „Je progressiver desto hoffnungsloser.“ Da gehört es zum guten Ton sich als ohnmächtig gegenüber der „Institution“ zu empfinden; man erschöpft sich in Selbstmitleid und psychologischer Selbstpflege. Die alte Leier.

Von solchem Lamentieren kann man nicht leben. Wenn ich der Kirche immer nur wieder nachweisen möchte, dass man ja eigentlich in ihr gar nicht leben kann, dann kann ich sie nicht, und auch in ihr nicht leben, nicht arbeiten und auch nicht, wenn es sein muss, leiden oder sogar kämpfen.

Ich zitiere Dorothee Sölle: „Aus der Perspektive der Armeen betrachtet, ist solche Hoffnungslosigkeit eine Art Luxus für diejenigen, die nicht in die waren Kämpfe vor Ort verwickelt sind. Solche Hoffnungslosigkeit können wir uns nur in unserem Wohlstandskirchen leisten. Den jungen armen Kirchen im Süden ist sie ganz fremd und sie ist auch nicht mit Argumenten, so habe ich oft den Eindruck, zu besiegen.

Aber man könnte ja, wie der Junge David im Falle des depressiven Saul, zur Zither greifen um die Schmermut zu lindern oder gar zu vertreiben. David hat die Lieder angestimmt, die bis heute Tag für Tag in der Kirche erklingen, auch in der Liturgie. Das liebe Weihekandidaten soll nun ihre Lieder werden. Diese Gotteslieder, vor allem die durch Jahrtausende alten Psalmen, wollen und sollen sie anstimmen, das weitet den Raum und das eröffnet Perspektiven.

Im letzten Buch der Heiligen Schrift, in der Geheimen Offenbarung des Johannes, heiß es: Und die Sieger trugen die Harfen Gottes. Sie sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied zu Ehren des Lammes. Das muss es geben in unserer Welt. Das muss es geben durch die Zeiten hindurch: Menschen, die die Harfen Gottes tragen und das Lied zu Ehren des Lammes anstimmen. Es muss sie geben: Menschen die sich in all ihrer Gebrechlichkeit rufen lassen, damit sie im Konzert der Menschen den Part Gottes durchkommen lassen. Wenn der Part Gottes verstummt in der Kirche – und dann in der Welt – dann gute Nacht!

In einem altkirchlichen Hymnus ist zu lesen: Wie der Wind durch die Harfe streicht und die Saiten erklingen, so fährt der Geist des Herrn durch unsere Glieder und ich fange an zu singen von seiner Liebe berührt. Part Gottes.

Ich kenne noch einen anderen großen Geiger des 20. Jahrhunderts, Isaac Stern. Er wurde kurze Zeit nach der Kulturrevolution nach Rotchina eingeladen und sollte dort das neu beginnende Musikleben kennenlernen und auch beurteilen. Er hat die Einladung unter einer Bedingung angenommen: Er wollte das was sich ihm darbot festhalten, mit der Kamera dokumentieren. Da ist ein aufschlussreiches Dokument zustande gekommen, in dem man alles sieht: Alles perfekt eintrainiert, ganz exakt ausgeführt, aber es klingt nicht. Es fehlt der Spielraum aus dem die Musik ihre Strahlkraft bekommt: „la part de Dieu – Gottes Part“.

Ja liebe Schwestern und Brüder, das treibt mich schon um: Wir könnten im großen Konzert unserer Kirche in Deutschland sein wie ein Orchester, das die Noten und die Partitur beherrscht, mit äußerster Perfektion spielt. Aber es fehlt der Spielraum Gottes. Vom Spielraum Gottes sind die Menschen bewegt und werden sie bewegt werden und belebt werden. Ja, wir müssen mit den Noten korrekt umgehen, wir müssen sie spielen. Es geht nicht nur um unsere eigenen Improvisationskünste. Aber die Noten allein bringen es nicht. Mit all unseren erlernten pastoralen, Künsten und Medien allein, werden wir es nicht vollbringen. Es wird alles darauf ankommen, dass Gott durchkommt sein Atem, sein schöpferischer Geist, der Menschen begeistern kann – der Part Gottes. So spreche ich Ihnen heute, meine Lieben Kandidaten, am Tage ihrer Priesterweihe und uns allen, Schwestern und Brüder, die wir uns den Resonanzboden unseres christlichen Zeugnisses und unserer christlichen Freude nicht zerstören lassen wollen, ich rufe uns allen zu: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf!“ Der Part Gottes ist mächtiger als wir es uns denken können.

Liebe Neupriester unseres Erzbistums: Er spielt ihn nicht zuletzt in ihrer Lebensmelodie als Priester Jesu Christi. Dazu gilt Ihnen mein herzlicher Segenswunsch an dieser Stelle.«

Donnerstag, 20. Mai 2021

Glühende Kohlen

Über Bernhardin von Siena, dessen Gedenktag heute ist:

»92. Ein sehr gelehrter und tüchtiger Prediger des Franziskanerordens wurde einmal gefragt, warum er bei der Bekehrung des Volkes nicht auch solche Erfolge aufzuweisen habe wie Bernhardin, den er doch an Wissen und Beredsamkeit weit übertreffe. Der Bruder gab zur Antwort: "Ich selber gleiche einer Kohle ohne Glut; wenn man auf diese Kohle andere, gleichfalls erloschene Kohlen legt, wer den sie nie neu erglühen. Bernhardin dagegen ist eine vom Gottesgeist erglühende Kohle; bei der Berührung mit ihr werden andere Kohlen, auch wenn sie bereits erloschen sind, sich an der Glut ihres Feuers sogleich entzünden."« (Aus: "Das Leben des heiligen Bernhardin von Siena" in der Serie "Heilige der ungeteilten Christenheit") 


In Deutschland scheinen wir ein riesengroßer Haufen erloschener Kohlen zu sein, wo sind die glühenden Kohlen, die etwas entfachen?

Dienstag, 18. Mai 2021

pädophile Prävention?

Im Januar hat die "Bundeskonferenz der diözesanen Präventionsbeauftragten" ein "Positionspapier zur Gestaltung der Schnittstelle von Prävention sexualisierter Gewalt und sexueller Bildung" veröffentlicht, das dem Dokument zufolge "in einem intensiven Diskussionsprozess entwickelt und auf der Bundeskonferenz am 20.01.2021 einstimmig verabschiedet" wurde. Am 12. Mai hat der "Elternverein NRW" dieses Papier in einem offenen Brief kritisiert (HIER; dort gibt es auch das Positionspapier: hier):

»Zu unserem Entsetzen bezieht sich dieses Präventionspapier auf Sielert und dessen Kollegen, wie Karlheinz Valtl und Gunther Schmidt. Ausdrücklich wird darin der Begriff „sexuelle Bildung“ empfohlen, ein Wortgebrauch, den Sielert 2008 einführte. [...] Diese Form der „sexuellen Bildung“ stellt einen eindeutig pädophilen Ansatz dar, geht sie doch von der These einer Kontinuität sexueller Bedürfnisse bei Kindern und Erwachsenen aus. Wer Kinder auf diese Weise frühzeitig sexualisiert, beschützt sie nicht etwa vor Missbrauch, sondern öffnet ihrem Missbrauch Tür und Tor. [...] Als Vertreter der Elternschaft stehen wir ohne jedes Verständnis und zutiefst besorgt vor der Tatsache, dass die katholische Kirche ihre Präventionsarbeit auf dieser im Ansatz pädophilen „sexuellen Bildung“ aufbauen will. Nicht nur werden dort mögliche Täter geradezu dazu eingeladen, Kinder frühzeitig sexuell zu stimulieren. Hinter diesem Sielert'schen Begriff verbirgt sich darüber hinaus eine bewusste Umerziehung der Kinder und Jugendlichen [...]. Die Kernfamilie aus Vater, Mutter und Kindern, ein Familienbild, das in unserem Land von der Mehrheit der Familien gewünscht und gelebt wird, wird hier als Klischee und einschränkendes Lebenskonzept abgewertet. Im Blick auf die Prinzipien Sielerts verwundert es dann leider auch nicht, dass in diesem „katholischen“ Papier zur Prävention und sexueller Bildung die Worte Ehe, Familie, Liebe und Sexualität als Sprache der Liebe und Kraft der Bindung, sowie Quelle des Lebens nicht vorkommen.«

Um es kurz zu machen: Die Präventionsbeauftragten der katholischen Bistümer Deutschlands vertreten offenbar (einstimmig!) die "Position", man könne nur dadurch Prävention sicherstellen, indem man die kirchliche Sexualmoral durch eine pädophil unterlegte weltliche Sexualmoral ersetzt. Für sie ist die Sexualmoral eine Quelle von Gewalt. Klar, denn seit Jahrzehnten halten sich ja alle brav an die katholische Sexualmoral, deswegen der Missbrauch! Und diese ganzen Missbrauchstäter in der evangelischen Kirche, im Sportverein und anderswo, die sind nämlich alle fanatische Anhänger der katholischen Sexualmoral, müsst ihr wissen!

Satire ist tot, die Realität hat sie erschlagen.

Interessant finde ich es, dass das in Frage stehende Dokument, das "ausdrücklich zur Diskussion und fachlichen Rückmeldung" einläd, inzwischen auf der offiziellen Seite der DBK zum Thema Missbrauch (hier) nicht mehr verfügbar ist (laut Google war es das bis vor Kurzem, der Link von Google führt aber ins Nirgendwo). Auf einzelnen Bistumsseiten findet man es noch. Erklärungen (z.B. Pressemeldung) dafür oder Hinweise darauf: keine. Die DBK so: "War was? Ne, da war nix, optische Täuschung! Pssst!"

Upsie!


Katholische Kirche in Deutschland at it's best!

Samstag, 15. Mai 2021

Ida Friederike Görres († 15. Mai 1971)

Auf die Frage, warum wir die Kirche lieben:
»Weil sie die Wahrheit trägt: das, das macht unsre Herzen erzittern vom unaussprechlichen Schauer der Gottesbegegnung: weil sie, genau wie Christus von sich sagt: "dazu geboren und in die Welt gekommen ist, um von der Wahrheit Zeugnis zu geben". (Joh. 18, 37). Darum allein: Wenn das nicht wäre! Alles sonst, was andre, was zum Beispiel Sie an der Kirche bewundern, uns vielleicht beneidend: der pädagogische und künstlerische und kulturelle Reichtum, das seelische Geborgensein in einem Kosmos von unerhörter, einziger Fülle, - alles das könnte uns gestohlen werden, wäre es auf einer Lüge, einem Traum, einer Illusion aufgebaut. Nie habe ich begreifen können, wie Andersgläubige, auch Sie, verehrter Freund, um ihrer Caritas oder Kunst oder Ordnungsmacht oder Weisheit willen der katholischen Kirche so lächelnd und großmütig Reverenz bezeugen können, wenn Sie doch glauben, dass die Macht über den Menschen, welche alle diese geistige Fruchtbarkeit hoch trieb, letztlich auf einem falschen Anspruch fußt. So ungefähr: "Wenn es die katholische Kirche nicht gäbe, müsste man sie erfinden, ob das, was sie als Dogma zu ihrer Begründung darstellt, im übrigen wahr ist oder nicht." Ganz im Gegenteil! Auf das Letzte allein kommt es uns an. Wenn dieses Eine nicht stimmt, wenn nicht sie, sie allein, als Ganzes, als Körper, als "Anstalt", das Gesamt der geoffenbarten Wahrheit, das heißt der Botschaft Gottes über sich selbst, über den Menschen, über die Welt enthält und trägt, so ganz, so eins, dass nicht ein Stückchen abgebrochen werden oder verloren gehen darf, und mit der unfehlbaren Entscheidung darüber, was eigentlich in diesem un geheuren Konglomerat von Lehre, Kult, Auslegung, herauskristallisiertem Brauch und Ansatz das Ur-Erbe ist und was Menschenwerk, darüber, was man glauben muss und was man glauben darf und kann und soll: wenn die Kirche also nicht das Organ der vollen Botschaft Gottes auf Erden ist, Ver mächtnis und Stiftung Jesu Christi, dann gibt es doch für den, dem an der Wahrheit etwas liegt, nur die eine Lösung: écrasez l'infame vernichtet die Verfluchte. Dann ist sie nämlich der Antichrist, das fleisch- und formgewordene Prinzip der Lüge, und ihre sämtlichen "kulturellen Werte und Verdienste" sind nichts als der riesenhafteste Apparat der Verführung. Darum liebe und ehre ich die Protestanten, die aus solchem Ernst heraus die Kirche den Antichrist nennen, - auch Newman tat es, viele Jahre hindurch, und bei diesem Liebenden der Wahrheit war es ja auch gar nicht anders möglich -, weil sie der Kirche die Ehre antun, ihren ungeheuren Anspruch an das christliche Gewissen ernstzunehmen, und seine Ungeheuerlichkeit, wenn er falsch wäre. Wir aber, die wir diesen ihren Anspruch hören und glauben: dass, wer die Kirche hört, Gott hört, die wir glauben, dass, wenn ein Engel vom Himmel käme mit andern Ansprüchen, so sei er verflucht, - wir "suchen" bei ihr zu erst weder Kultur noch Weisheit der Menschenführung noch Ordnung der Völker und der Gesellschaft noch die gewaltige Macht der nothelfenden, tränentrocknenden Caritas: wir suchen die Wahrheit Gottes in ihr und das "Amt der Versöhnung" (2. Kor. 5, 18), das Kommen Seines Reiches, - und siehe, all das andre wird uns nachgeworfen!«


(Aus dem "Brief über die Kirche" vom 01.08.1946)

Bisher auf diesem Blog von ihr: hier und hier.

Dienstag, 4. Mai 2021

Katholische Wahrheiten

Auf kath.net ist ein Artikel erschienen, der sich mit den hanebüchenen Thesen Michael Seewalds zum Katechismus beschäftigt (hier), die dieser neulich in "Christ in der Gegenwart" veröffentlicht hat, namentlich jener von ihm schon länger propagierten These, der KKK habe die päpstliche Lehrvollmacht illegitimer Weise auf Aspekte ausgeweitet, die nicht explizit in der Offenbarung enthalten sind. Als Entgegnung wird auf Schmaus und Wetzer/Welte verwiesen, die ziemlich klar machen, dass die päpstliche (auch unfehlbare) Lehrvollmacht sich natürlich auch auf solche Bereiche erstreckt. Eine Ergänzung dazu: 


Im 19. Jahrhundert gab es, besonders in England, das Phänomen des „Minimismus“, der alles, was nicht ausdrücklich als „Dogma“ erklärt wurde, für eine bloße Meinungsäußerung hielt und darum als unwichtig und unverbindlich betrachtete. Das gleiche Phänomen haben wir heute wieder sehr oft (nach dem Schema: Dass Frauen nicht Priester werden können ist kein Dogma, also kann es auch anders sein), Michael Seewald ist nur einer von zahlreichen Inhabern dieser Meinung in einflussreichen kirchlichen Positionen. Wobei er noch einen Schritt weitergeht und irrwitzigerweise, ich paraphrasiere, den Katechismus in Gänze als „ist doch kein Dogma, also weg damit!“ bezeichnet, was natürlich auf gar keiner Ebene irgendeinen Sinn ergibt.

Die sog. „katholischen Wahrheiten“ hat insbesondere Matthias Joseph Scheeben in der Erkenntnislehre am Beginn seiner Dogmatik recht ausführlich behandelt (vgl. Bd. 1, Nr. 416-432). Man kann sie auch als „Dogmen im weiteren Sinne des Wortes“ bezeichnen, d.h. sie sind „vorschriftsmäßige Lehre der Kirche, zu deren zweifellosen Annahme jedes Glied der Kirche als solches ebenso verpflichtet als berechtigt ist“ (edb. 416). Eingängiger als bei Scheeben, findet sich das Thema bei Schmaus, Katholische Dogmatik Bd. 3/1, 809-811 (§177) erläutert.

Letztlich ist das alles auch eine Frage der sprachlichen Konvention: was ein „Dogma“ genannt wird, und was nicht. In all seinen neuscholastischen Feinheiten (siehe Scheeben) interessiert das heute eigentlich niemanden mehr. Am ehesten ist vielleicht noch die Unterscheidung zwischen „göttlichen“ und „kirchlichen“ Dogmen relevant, also direkt aus der Offenbarung gewonnene Lehren, respektive von der Kirche als mit dieser eng verbunden verbürgte, wie es der Katechismus darlegt. Fest steht aber: Etwas wird nicht erst dadurch verbindlich, dass es als „Dogma“ bezeichnet und festgesetzt wird, sondern andersherum wird ein Schuh draus: Weil etwas verbindlich gelehrt wird, kann die Kirche es „Dogma“ nennen und „dogma-tisieren“ – muss sie aber nicht, was nichts an seiner Verbindlichkeit ändert.

Und das unfehlbare Lehramt erstreckt sich natürlich auch auf diese „katholischen Wahrheiten“, das ist völlig klar (bei Schmaus werden sie etwa ausgerechnet im Kapitel zur päpstlichen Unfehlbarkeit [= §177] näher behandelt). Dass der KKK in Nr. 88 einen „weiten“ Dogmenbegriff wählt ist legitim und geschah womöglich auch mit der Absicht, dem wieder aufkeimenden Minimismus entgegen zu treten, bedeutet aber in keiner Weise eine Ausweitung der kirchlichen Lehrvollmacht oder des Verbindlichkeitsanspruchs – das war vorher alles schon da.

Was einen Inhaber eines dogmatischen und dogmengeschichtlichen Lehrstuhls dazu veranlasst, seit Jahren immer und immer wieder etwas als 1992 illegal eingeführt zu bezeichnen, was offenkundig schon sehr viel länger zum dogmatischen Einmaleins gehört, vermag ich nicht zu beurteilen. Dass der KKK „dem Lehramt eine Kompetenz zu[spricht], die die vergangenen beiden Konzilien ihm ausdrücklich nicht zugesprochen haben“, wie Seewald meint, stimmt jedenfalls sicher nicht. Dazu Schmaus (a.a.O. 809): 

»Das Feld der päpstlichen Unfehlbarkeit umfaßt die ganze Offenbarung, also die geoffenbarten Glaubens- und Sittenlehren, aber auch jene Randgebiete, welche mit dem Offenbarungsfelde selbst in so enger Verbindung stehen, daß dieses nicht mehr unversehrt bleibt, wenn nicht auch jene gesichert sind.
Es handelt sich hierbei um die sogenannten katholischen Wahrheiten, um allgemeine kirchliche Disziplinarvorschriften, um die Approbation von Orden und schließlich um die Kanonisation von Heiligen.«

Dienstag, 27. April 2021

Wie Theologie heute funktioniert - 1

Michael Seewald, Dogmatiker in Münster (und Priester, aber das merkt man nie und nirgends), lässt verlauten (hier): "Der Katechismus ist zu einem normativ aufgeladenen Text geworden, zu einer Art lehramtlichem Superdokument, das nicht selten als Markstein des wahrhaft Katholischen betrachtet wird" um damit zu insinuieren, dass er eben eigentlich nicht normativ ist, sondern erst in letzter Zeit dazu stilisiert wurde. In Wahrheit sei er (bloß!) eine "Arbeitshilfe" die "angeboten" wird und "nützlich" sei, er bilde aber nicht für überlieferte Glaubenslehre ab.

Fragen wir doch mal den Papst, der den Katechismus herausgegeben hat (in seinem Schreiben Fidei depositum, das als Teil des Katechismus vorne drin immer mit abgedruckt ist): 

»Der „Katechismus der katholischen Kirche“ [...] ist eine Darlegung des Glaubens der Kirche und der katholischen Lehre, wie sie von der Heiligen Schrift, der apostolischen Überlieferung und vom Lehramt der Kirche bezeugt oder erleuchtet wird. Ich erkenne ihn als sichere Norm für die Lehre des Glaubens an...« (33)

Und weiter: Der KKK ist "sicherer und authentischer Bezugstext für die Darlegung der katholischen Lehre", dient der Vertiefung der "Kenntnis der unerschöpflichen Reichtümer des Heiles", zeigt "den Inhalt und den harmonischen Zusammenhang des katholischen Glaubens genau auf", in kurz: Er legt dar "was die katholische Kirche glaubt." (34)

Der Katechismus wurde nicht nachträglich als normativ stilisiert, er war es von Anfang an. Und er erhebt durchaus den Anspruch, die überlieferte Glaubenslehre verbindlich, nicht nur als Angebot (Vorschlag?), darzustellen. 

So funktioniert heute Theologie: Man behauptet einfach etwas, auch wenn die Realität eine ganz andere ist. Dahinter steht der Versuch, diese Realität dadurch zwangsweise zu verändern, dass man die Menschen glauben macht, sie sei ganz anders. Und, nein, der Mann ist nicht dumm oder unwissend, das alles ist eine ganz bewusste Irreführung (sein Buch "Dogma im Wandel) dokumentiert dies).

Petrus Canisius und die Bücher

Aus der Vorrede des hl. Petrus Canisius zu seinen „Hauptwahrheiten des katholischen Glaubens“ (man beachte auch seine anfängliche Diagnose der Zeit...).


»Es will die Zeit, so voll Sünden und Aergerniß ist, aufs Höchste erfordern, daß wir Christen uns selbst und auch die Unsrigen, so viel unser Seelenheil belangt, recht fleissig versorgen, besonders in diesen gefährlichen, zänkischen und verführerischen Läuften; denn leider (wie vor Augen) christlicher Glaube und Andacht je länger, je mehr abnimmt, die Lieb erkaltet, die Bosheit geht in Schwung, und nach Christi Weissagung nimmt sie überhand allenthalben.
Nun findet man aber gleichwohl viel Bücher und Büchlein, welche im Druck ausgegangen, die sich dermassen ansehen lassen, als ob sie nichts Anderes, als den wahren und christlichen Weg uns weiseten, und als ob sie uns und die Unsrigen in der Gottseligkeit genugsam bewahrten und versorgten. Im Grund aber erfindet sich, daß mehrentheils in solchen allgemeinen Büchlein nur ein Schein und eine schöne Farb der Wahrheit angestrichen wird, haben aber sonst allerlei irrige, verführerische und schädliche Lehren eingemischt, welche doch von dem gemeinen Mann nicht leicht gemerkt und verstanden werden. Soll darum ein jeder fromme Christ ernstlich ermahnet und bei seiner Seele Seligkeit gewarnet sein, daß er wohl zu und umsehe, was er für Büchlein habe und lese, besonders von Katechismen und Betbüchlein, und dergleichen anderen mehr. Denn wie St. Johannes sagt: ‚Glaubet nicht jeglichem Geist,‘ so mag man auch wohl sagen: ‚Glaubet nicht jeglichem Büchlein und Katechismo, weil viel falsche Propheten und Scribenten (Schriftsteller) in die Welt ausgegangen sind.‘ Und wie wohl viel andere Katechismi gefunden werden, welche die reine ungefälschte christliche Lehre in Kürze begreifen und vortragen, so wird doch dies Büchlein vielleicht nicht weniger Frucht als diese schaffen, weil es ohne alle Weitläufigkeit kurz und gründlich alle vornehmsten, nothwendigsten Stücke anzeiget und vorstellt; denn in diesem findest du, christlicher Leser, die Grundveste und Hauptartikel unserer wahren, christkatholischen und seligmachenden Religion. Es hängt doch Alles am Glauben, Hoffnung, Liebe, Sakramenten und Gerechtigkeit, wenn wir nur immer Gottes Kinder und in Christo gerecht und selig werden wollen. Ohne den Glauben erkennen wir Gott nicht, ohne die Hoffnung verzweifeln wir an Gottes Gnaden; ohne Lieb nutzt uns weder Glauben noch Hoffen oder Vertrauen, sondern wir bleiben noch in der Finsterniß, ja auch im Tod, wie die Hl. Apostel schreiben. Ohne die Sakramente aber, und ihren rechten katholischen Gebrauch wird die Gnade des Hl. Geistes nicht geschöpft noch erhalten. Wo dann nicht ist die Gerechtigkeit, da ist nicht Christi sondern des Teufels Reich, wie da geschrieben steht: ‚Wer recht thut, der ist gerecht. Wer Sünde thut, ist vom Teufel. Dazu aber ist erschienen der Sohn Gottes, sagt Johannes, daß er die Werke des Teufels zerstöre.‘«

 

Beachtlich finde ich es, dass der Heilige seine "Kurze Erklärung der vornehmsten Stücke des wahren katholischen Glaubens" eigentlich nur als Faszikel vor seine "rechte und katholische Form zu beten" gestellt hat: jene Grundwahrheiten des Glaubens sind sozusagen das Vorspiel für sein eigentliches Anliegen, nämlich das Gebet der Gläubigen zu fördern, wofür er dann in bester Gebetsbuch-Tradition einiges zusammengestellt hat; von den über 500 Seiten sind nicht einmal 90 der Katechismus. So eine Kombination aus klar dargelegten Glaubenswahrheiten und Gebeten für den gläubigen Alltag finde ich klasse. Soetwas bräuchte es in für heute angemessener Form eigentlich auch - dringend. Ein "Katechismus-Gebetbuch" für die heutige Glaubensnot... Quasi eine Kombination aus Youcat und Youcat-Jugendgebetbuch für unterschiedliche Altersstufen...

Dienstag, 20. April 2021

Bischof Oster und G.K. Chesterton

Bischof Oster von Passau ist offenbar (verständlicherweise) ob des bescheuerten Rassismusvorwurfs einer gewissen Tübinger (sich so titulierenden) "Theologin" gegenüber lehramtstreuen Katholiken die Hutschnur geplatzt. Jedenfalls hat er einen ausgesprochen deutlichen und kämpferischen Beitrag dazu verfasst, was katholisch ist, und was nicht (HIER zu finden). Sehr zu empfehlen!

Nur eine kleine Anmerkung: In seinem Beitrag fügt der Bischof auch ein Zitat ein, das gerne G.K. Chesterton zugeschrieben wird: »Ich brauche keine Kirche, die mir erzählt, dass ich unrecht habe, wenn ich weiß, dass ich unrecht habe. Ich brauche eine Kirche, die mir sagt, dass ich unrecht habe, wenn ich glaube, dass ich recht habe.«

Inhaltlich liegt das gewiss ganz auf der Linie von Chesterton, aber es ist eher eine Paraphrase von etwas, das Chetserton geschrieben hat, kein Zitat. Die Paraphrase stammt aus seinem Büchlein "The Catholic Church and Conversion", das Chesterton wenige Jahre nach seiner eigenen Konversion schrieb. Dort heißt es in Kapitel 5: »We do not really want a religion that is right where we are right. What we want is a religion that is right where we are wrong.« Viel interessanter als dieses Bonmont finde ich aber, was darauf folgt, denn es ist eine Abrechnung mit genau dem Schlag von "religiösen Menschen", der heute z.B. am suizidalen Weg den Ton angibt:

»These people merely take the modern mood, with much in it that is amiable and much that is anarchical and much that is merely dull and obvious, and then require any creed to be cut down to fit that mood. But the mood would exist even without the creed. They say they want a religion to be social, when they would be social without any religion. They say they want a religion to be practical, when they would be practical without any religion. They say they want a religion acceptable to science, when they would accept the science even if they did not accept the religion. They say they want a religion like this because they are like this already. They say they want it, when they mean that they could do without it.
It is a very different matter when a religion, in the real sense of a binding thing, binds men to their morality when it is not identical with their mood. It is very different when some of the saints preached social reconciliation to fierce and raging factions who could hardly bear the sight of each others' faces. It was a very different thing when charity was preached to pagans who really did not believe in it; just as it is a very different thing now, when chastity is preached to new pagans who do not believe in it. It is in those cases that we get the real grapple of religion; and it is in those cases that we get the peculiar and solitary triumph of the Catholic faith.«

Mittwoch, 14. April 2021

Kein Nebenschauplatz

Ein Gedankenexperiment:

In seiner Offenbarung an die Menschen sagt Gott kategorisch und ohne Ausnahmen zuzulassen: Wer die Handlung X tut, der ist des Todes würdig, er kann nicht Erbe meines Heils sein.

Bestimmte Kirchenleute sagen: Wir möchten der Handlung X den Segen Gottes zusprechen.

Wie kann man etwas segnen, was Gott definitiv (nach allem, was er uns offenbart hat) nicht segnet, sondern eindeutig verwirft? Macht man Gott damit nicht zum "Diener der Sünde" (Gal 2,17)?


Von den beiden großen evangelischen Theologen Adolf von Harnack (1851-1930, "liberal") und Adolf Schlatter (1852-1938, "konservativ"), wird erzählt, dass Harnack einmal vor Fakultätsangehörigen erklärt habe: "Vom Kollegen Schlatter unterscheidet mich nur die Wunderfrage!" (sprich: ob Wunder real sind, oder nicht), daraufhin habe Schlatter dazwischengerufen: "Nein, die Gottesfrage!"

Also: Wie bei der Frage nach der Realität von Wundern, so geht es auch bei der frage der Segnung homosexueller Akte nicht um etwas Nebensächliches, sondern letztlich um die "Ordnung", die Gott seiner Schöpfung gegeben hat, und es geht um Gottes Gebote. Damit geht es aber um das, was wir von Gott glauben. Glauben wir, dass Gott sich offenbart hat? Dass er klare Weisungen gegeben hat und dass, obwohl im Verlauf der Geschichte seiner Offenbarung einiges davon sich gewandelt hat - wie sich ja auch die Qualität dieser Offenbarung sowie die Adressaten dieser Offenbarung und jener Weisungen geändert haben -, ihre wesentlichen Gehalte zu unserem Heil von Gott erlassen wurde?

 

Oder anders: Glauben wir, dass, was Gott segnet, wahrhaft gesegnet ist? Wenn ja, dann müssen wir aber auch das, was Gott eindeutig verwirft, als verworfen betrachten. Ihm dennoch den Segen Gottes zuzusprechen, ist nichts weniger als eine Lüge, und zwar eine die zugleich Gott der Lüge (oder schlimmerer Dinge) bezichtigt.

Wenn es den Segen Gottes gibt und wenn Gott wahrhaft Person (und nicht bloß eine moralisch gleichgültige "Kraft") ist, dann gibt es für Gott auch die Möglichkeit, etwas nicht zu segnen. Wenn wir uns anmaßen solchem Tun dennoch den "Segen Gottes" zusprechen zu wollen, dann besteht m.E. die ernste Gefahr, dass hier jemand anderes seinen "Zuspruch" gibt, denn Gott ist es sicherlich nicht...