Sonntag, 26. Mai 2013

Zerstörung des Zölibats

Überlegungen eines Laien.

Der Zölibat ist eine von den Kirchen (lateinische wie östliche) hoch geachtete Lebensform die ihre Wurzeln durchaus in der Bibel hat. Doch in den letzten 50 Jahren wurde allerhand unternommen, um diese Lebensform zu zerstören. Das ist nicht neu, das wurde vor 200 Jahren schon aktiv und höchst politisch betrieben (s. hier). Neu ist heute die Vielfalt der Zerstörer.

Dass es zahlreiche Übergriffe von Zölibatären auf Minderjährige gibt, ist klar. Dass nach seriösen Schätzungen mindestens 1/3 des deutschen Weltklerus sein Versprechen bricht und im Konkubinat lebt, ist weniger bekannt, aber leider auch kaum verwunderlich. Andernorts, v.a. in Südamerika, sieht es nicht besser aus.

Was die "Gesellschaft" so am Zölibat stört ist nicht unbedingt der Verzicht auf Sex. Da mag ein Freiburger Moraltheologe Schockenhoff noch so sehr der Ansicht sein, ein zölibatär lebender Priester leide "Hunger" (über die Gerüchte, den Lebenswandel des besagten Moraltheologen betreffend, der übrigens Priester ist, schweige ich lieber).
Es ist auch nicht bloß die eschatologische Zeichenhaftigkeit des Zölibats, die Anstoß erregt (jemand, der alles auf eine Karte, Gott, setzt und nichts für sich im Irdischen beansprucht).  Ich wage zu behaupten, dass hinter dem medialen Hass auf den Zölibat letztlich doch auch eine verständliche Motivation steckt.

Der Grund, warum gerade die Kleriker beim Thema Missbrauch und auch beim Bruch des Zölibatsgelübdes besonders an den Pranger gestellt werden, ist hausgemacht: Weil für den Klerus ein weit höher angesetzter moralischer Maßstab geltend gemacht wird. Zugleich unterlässt man es, die realen Abgründe zu sehen und zu benennen. Nach den Ursachen zu fragen fällt daher ebenso flach. Die Ursache ist erwiesenermaßen ja nicht der Zölibat. Der Grund, warum jemand an seinem Lebensentwurf scheitert (was immer dieser sei), kann ja schwerlich dieser Lebensentwurf selbst sein. Ein jeder Lebensentwurf ist etwas Abstraktes. Es sind immer Menschen, die ihn ausfüllen und beleben. Und es sind die Menschen die scheitern. Warum scheitern sie?

Was ich meine: Offenkundig gibt es eine große Zahl von Klerikern, die an ihrer Zölibatsverpflichtung scheitern. Mal verbrecherisch und abscheulich in Form sexueller Übergriffe, mal durch das (hetero- oder homosexuelle) Konkubinat. Woran liegts?
Nun ist es leicht zu sagen, hier fehle es eben an der nötigen Stärke, am nötigen Willen, an Integrität.

Das Problem ist sehr komplex, aber ich vermute stark, eine Hauptursache, die ziemlich nah an den Ursprung des Ungemachs reicht, liegt schlicht und ergreifend in der (Aus)Bildung der Kleriker begründet.
Funfact: Stand in den beiden ersten Ausgaben des LThK (1930-38 und 1957-68) noch als erster Satz im Artikel "Zölibat", dass dieser eine "(Standes)Pflicht" der katholischen Priesters sei, so ist in der aktuellen Ausgabe nurmehr von einer "Lebensform" die Rede. Die Pflicht fehlt. Der Stand sowieso. Offenbar beurteilt also die Theologie den Zölibat heute anders als noch zu Zeiten des letzten Konzils.

Allbekannt ist sicherlich, dass in den Jahren nach dem letzten Konzil an nicht wenigen Priesterseminaren den Studenten erzählt wurde, der Zölibat werde in absehbarer Zeit "fallen". Diese Falschinformation ist für einen nicht kleinen Teil der späteren Laiisierungen verantwortlich gewesen, als die so Instruierten merkten, dass sich nichts ändern wird.
Generell habe ich den Eindruck, auch aus eigenen Erfahrungen, dass während der Priesterausbildung an vielen Orten der Zölibat nur ein Randthema darstellt. Man geniert sich und begegnet Unsicherheit und Zweifel, gar offener Infragestellung des Zölibats auf Seiten der Studenten, mit Ratlosigkeit und Schweigen... und Letzteres begegnet zuweilen sogar als "Rat" an die Betroffenen!

Die Ironie ist, dass, nun da das LThK die Rede von der "Pflicht" zum Zölibat eliminiert hat, der Zölibat in den Seminaren fast ausschließlich nur unter genau diesem Gesichtspunkt der "Pflicht", und zwar einer lästigen und bedrückenden solchen, betrachtet wird. Der Zölibat wird heute nicht mehr vom Einzelnen "angenommen", sondern er wird dem Einzelnen (von der pösenpösen Kirche) "angetan".
Wie wenig an den Seminaren über den Zölibat geredet wird, mag man auch daran ersehen, dass die meisten ständigen Diakone nicht wissen(!), dass sie gleichfalls zum Zölibat verpflichtet sind. Sie bekommen einen Dispens für die Dauer ihrer schon vor der Weihe geschlossenen Ehe, sie sind nicht von der Zölibatspflicht befreit! Das ist der Grund, warum Diakone nach dem Tod der Gemahlin nicht neu heiraten dürfen: Mit der Weihe sind sie, wie alle römisch katholischen Kleriker, zum Zölibat verpflichtet (CIC c. 277 §1).

Hierin liegt nun m.E. ein nicht kleiner Teil des Problems: Den Leuten wird der Sinn und das Wesen des Zölibats nicht erklärt. Ihnen wird der Wert, die Würde und die Schönheit dieser Lebensform nicht vermittelt. Und das Problem ist exponentiell gewachsen, denn die heutigen Ausbilder sind ihrerseits ja bereits durch diesen "Drill der Ignoranz" gegangen... sie wissen oft genug selber nicht, was es mit dem Zölibat auf sich hat! Wer sollte es den angehenden Priestern also beibringen?
Bei einem Priester, der so eine Ausbildung durchlaufen hat, wundert es mich nicht übermäßig, wenn er übergriffig oder seinem Versprechen untreu wird. Wie sollte sich auch jemand ganz bewusst und von ganzem Herzen einer Lebensform verschreiben, deren Sinn er nicht kennt? "Warum tu ich mir das überhaut an?" mögen sich viele gefragt haben, bevor sie zur Tat schritten.

Man wird aber auf absehbare Zeit nichts daran ändern. Man wird weiter das hohe Ideal hochhalten und den schönen Schein wahren. Mit der Folge, dass man es auch nicht kurieren können wird. Solange man das Geschwür nicht als existierend anerkennt, wird man es nicht behandeln können. 
Und wenn man weiterhin ein Ideal hochhält, das zwar an sich richtig und wichtig ist, dem man jedoch systematisch jede Substanz entzogen hat, wird man weiter die Häme über den bigotten Klerus ertragen müssen, was wiederum eben diesen Klerus belastet und ins Wanken bringt.

Die Wahrheit ist zu benennen: 
Ja, wir habens verbockt! Unsere Kleriker werden reihenweise ihrem Gelübde untreu, weil wir ihnen beigebracht haben, das sei so schlimm nicht. Und sie werden übergriffig, weil wir oft genug ihre Sorgen und Nöte nicht hören wollten. Ein nicht unwesentlicher Teil unseres Klerus' ist innerlich verfault und bigott bis zum Erbrechen, und WIR sind daran schuld. Wir haben den Zölibat zu einer zu (er)tragenden Last umgestaltet und nurmehr pro forma als "Charisma" etikettiert. Ihr habt Recht, wenn ihr uns selbstherrlich und heuchelrisch nennt, denn wir nehmen die Krankheit nicht ernst.
Aber hört auch dies: dass wir uns durch unser Tun auch an der Kirche und ihrem Leben vergangen haben. Wir haben dieses wunderbare "Zeichen des neuen Lebens" (KKK 1579) verachtet, es mutwillig und gleichgültig behandelt. Wir haben den Kandidaten den Umfang dessen verschwiegen, worauf sie sich einlassen und ihnen statt der Freude über diese "besondere Gabe Gottes" (c. 277) von schauerlichen Fesseln gepredigt. Wir haben aus der "Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen" die Verheißung andauernden Hungerns und Dürstens gemacht. Wir sind darum Schuld daran, dass so viele Priester "am Zölibat scheitern". Nicht "die Gesellschaft", nicht "die Medien". WIR!

Es muss also etwas geschehen... Es braucht eine Radikalkur, um diesen nach wie vor in den Seminaren und an den Fakultäten wuchernden Krebs zu besiegen. Andernfalls wird der Verfall nur noch schlimmer werden und der Zölibat wird mehr und mehr genau das sein, was heute schon medial durchaus nicht immer zu Unrecht am Pranger steht: Nurmehr eine Fassade, hinter der sich alles mögliche tummelt... nur keine sakramentalen Christusrepräsentanten. Und dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis sich die Kirche beugen muss und diese Fassade dann auch noch einreißt. Und sie täte in dem Fall gut daran!
Aber so weit muss es ja nicht kommen...

Gebet für den Zölibat.

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