Freitag, 18. September 2015

Der transparente Priester


Gedanken eines Laien.

»Es gibt eine spezifische Liebe des Gläubigen zu guten Priestern, die wahrscheinlich nur im katholischen Raum vorkommt - eine qualitativ durchaus eigene Liebe, nämlich im Grund die dem Göttlichen zugewandte. Sie erfasst seinen Widerschein im "Transparent"; aber nicht "nur" wie im sonstwie frommen Menschen, sondern schon ausgesprochen in der Partizipation durch den charcter indelebilis. Jedoch auch wieder nicht "unpersönlich", durch den Menschen hindurch oder über ihn hinüber Gott allein "meinend". Der Mensch wird mit sehr persönlicher Liebe gemeint und umfaßt: mit der complacentia - dem Wohlgefallen - über die Schönheit des Widerscheins, mit glühender Dankbarkeit dafür, daß er durchsichtig ist und halbwegs "würdiger" Träger, mit großer Sehnsucht nach irgend einer Form der Nähe und Teilhabe, weil dies ja Annäherung zu verheißen scheint an Das, oder vielmehr Den, den er trägt, mit inniger benevolentia, die ihm sorgend und hoffend wünscht, er möge die Durchsichtigkeit und die Ähnlichkeit und alles, was dazu gehört, behalten und darin wachsen.
Aber diese Liebe, so sehr sie den Einzelnen angeht, bezieht sich eben tatsächlich in jedem Punkt auf das Göttliche, das da sichtbar wird, und so ist sie wahrscheinlich einfach ein Teil und ein Ausdruck der Unendlichen, unstillbaren Sehnsucht nach der visio betifica.«

Was Ida Friederike Görres in diesen Zeilen vom November 1944 ausdrückt, ist für viele Katholiken heute schwer verständlich. Es setzt eine gewisse Intensität der Frömmigkeit und, im Hinblick auf die vorzügliche und dem Priester eigentliche Tätigkeit in der Feier der hl. Messe, ein Gewahrsein der Wirklichkeit des eucharistischen Opfers voraus, welches das Zweite Vartikanische Konzil fons et culmen, Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens genannt hat (LG 11). Überhaupt ist ein tieferes Verständnis von Priestertum oder Eucharistie ohne das jeweils andere nicht denkbar. Von Johannes Paul II. wissen wir, dass der Priester zu allererst ein Diener der Eucharistie ist (vgl. EE 9 und das Schreiben der Glaubenskongregation Sacerdotium ministeriale "über den Diener der Eucharistie"), weil sich hier sein priesterliches Wesen am deutlichsten zeigt und ausdrückt.

Ein Priester der mit seiner priesterlichen Identität hadert - sei es, dass er gegenüber den Laien "nichts Besonderes" sein möchte (auch in seiner Kleidung), sei es, dass er mit den liturgischen Vorgaben, die die Feier der Sakramente regeln, allzu "kreativ" umgeht -, wird nicht durchsichtig für das Ewige, das er für die ihm anvertraute Herde "einholen" soll. Er bleibt bloß er selbst und was man an ihm sieht ist wahlweise ein Entertainer (vgl. hier), ein Blender oder einfach echt netter Kerl, der in bester Absicht handelt.

Der Priester, der die liturgischen Normen nach eigenem Gutdünken ignoriert, fällt auf. Er zieht die äußeren wie inneren Sinne auf sich. Wenn man über ihn redet, auch unter seinen "Fans", ist wirklich er und nur er gemeint.

Der Priester aber, der sein Priestertum aus der Fülle lebt, den kann man v.a. in der Feier der Liturgie, ob nun Messe, Stundengebet oder bei etwaigen Andachten, als Fenster zum Ewigen erfahren. Ein Priester, der sich ganz als Diener der Eucharistie versteht, der zugleich aber nicht einfach nur rite et recte zelebriert, sondern auch würdig und authentisch spricht, sich bewegt und ggf. predigt, der gibt den Blick frei zu Dem, für Den er mit seinem Leben einsteht. Wenn über ihn gesprochen wird ("der feiert die Messe so schön"), dann ist er als Person zwar irgendwie auch gemeint, aber das dieser Rede zugrundeliegende "erhobene" Empfinden richtet sich auf Gott, richtet sich auf Den, um Den es eigentlich geht. Da war dann Gott nicht nur als Lippenbekenntnis "in der Mitte" - da war der Herr wirklich da, hat Sich gezeigt, durch den Priester hindurch, und konnte dann auch unverstellt in Seinem Leib und Seinem Blut angebetet werden.

Die Priester die ich "toll" finde, sind genau solche. Sie machen nicht groß Aufhebens um die Gestaltung der Liturgie, sondern sie feiern sie einfach: würdig, und so wie es vorgeschrieben ist. Und dann passieren zwei erstaunliche Dinge: Es ist dann nämlich nichts zu merken von einem starren Befolgen von Regeln, vor dem die zuvor behandelte Gruppe von Priestern solche Angst zu haben scheint. Etwas pointiert gesagt: Wird die Messe würdig und den Rubriken folgend gefeiert, dann verschwinden die Rubriken. Sie werden selbstverständlich. Die Vorschriften lösen sich geradezu auf und geben den Raum frei für den zu den Menschen kommenden Gott. Und zugleich tritt auch der Zelebrant ganz in den Hintergrund, wird fast nicht mehr als Person wahrgenommen. Die Worte, die der Priester spricht, scheinen fast aus dem Off zu kommen, die Worte des Herrn derweil wirklich von Diesem selbst ausgesagt. (Mutatis mutandis gilt das alles natürlich auch für die verschiedenen liturgischen Laiendienste!) Dann steht plötzlich nur noch die Seele vor ihrem Gott, Aug in Aug. Man schaut Ihn, lauscht Ihm, verkostet Ihn. Participatio actuosa in Reinform: Geist und Seele sind hoch aktiv, dabei, mittendrin... hach...

Wo hingegen mit viel Akribie Rubriken übergangen, Texte geändert, hinzugefügt oder weggelassen werden (vgl. SC 22, wo dies vom Konzil aufs Schärfste verboten wird), da bleibt die Person des Liturgen immer gut sichtbar und hörbar... Bei jeder eigenmächtigen "Anpassung" (ließ: Manipulation) in Formulierung, Aussprache, oder Gestik und Auftreten, wird die sich zu Gott ausstrecken wollende Seele fast schon gewaltsam herabgerissen. Festgetackert. Der Liturge bleibt geradezu als Hindernis zwischen der Seele und Gott stehen. Die Relationen zirkulieren horizontal (zu Deutsch: man dreht sich im Kreis), es bleibt beim vis-à-vis zwischen Liturge und "Volk". Eine echte participatio actuosa wird hier verunmöglicht, weshalb sie auch in Gemeinden mit solchen Liturgen als Aktionismus umgedeutet und damit gänzlich missverstanden werden muss.


Die bereits angeklungenen Problematiken will ich noch in einigen Punkten etwas vertiefen:

- Der Vorwurf, sich hier an Äußerlichkeiten zu klammern, trifft den Vorwerfenden: Wir Menschen sind nunmal leib-geistige, körperliche Sinneswesen. Das "Äußere" ist das, worüber wir wahrnehmen und in Beziehung treten. Der ganze Sinn etwa einer Ikone ist ja, durch das Sichtbare zum Unsichtbaren zu geleiten. Und so kann denn auch etwas so äußerliches wie beispielsweise das liturgische Gewand innerhalb der liturgischen Feier durchaus hindernd oder fördernd für die Hinwendung zu Gott wirken: Wenn der Liturge im grauen "Betsack" mit Regenbogenstola daherkommt, statt, wie von den Rubriken gefordert, in würdiger, edler und dem Anlass entsprechender liturgischer Kleidung, dann ist er der dem Äußerlichen Verhaftete. (Appropos: Die Eucharistie gibt Anteil am himmlichen Hochzeitsmahl... Wie erging es noch gleich dem Gast in Jesu Gleichnis, der kein Hochzeitsgewand trug?...) Wer dieses Argument äußert um seinen grauen Betsack zu rechtfertigen (oder gleich den Verzicht auf spezielle liturgische Gewandung), ist in Wahrheit derjenige, der an Äußerlichkeiten hängen bleibt, denn er überlegt sich ja, wie er mit seiner Kleidung ein Statement abgeben kann, anstatt einfach nur, in Bescheidenheit, dem ihm (per Gesetz) Vorgegebenen zu folgen.
Der "gute" Priester, den ich meine, befolgt die Regeln, weil es seinem Wesen als Priester, als Diener des unaussprechlichen Mysteriums, entspricht. Und er tritt dann hinter dem liturgischen Gewand auch zurück. Er trägt es ja auch nicht zu seiner Ehre, sondern zur Ehre Gottes... und spätestens wenn er dann, angetan mit Rauchmantel und Velum, den eucharistischen Segen spendet, verschwindet er auch rein äußerlich betrachtet restlos unter dem Gewand und hinter Dem, um Den es eigentlich geht. Wer die Regeln bewusst missachtet, möchte aber nur sich selbst positionieren um damit irgendetwas - also letztlich wieder: sich selbst - auszusagen. 

- Die eigentliche Zelebrationsrichtung auch des gegenwärtigen Römischen Messbuchs ist ad orientem (vgl. meine Ausführungen dazu hier). Diese Zelebrationsrichtung vermag jene "Transparenz" noch zu verstärken, weil der Priester als Individuum dann sogar topographisch "abnimmt", getreu dem Wort des Johannes: "Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen."

- Entsprechend dem Grundsatz lex orandi, lex credendi entspricht das "Gesetz des Betens" dem "Gesetz des Glaubens" (vgl. meine Ausführungen dazu hier). Das Römische Messbuch enthält den ganzen Glauben der Kirche. Wenn nun ein Zelebrant nach eigenem Dafürhalten die in diesem Messbuch enthaltenen Gebete umformuliert, was sagt dass dann über seinen Glauben aus? Und was bedeutet das für die feiernde Gemeinde, die das dann oktroyiert bekommt? Die Liturgie ist etwas Vorgegebenes, an dem aus gutem Grund niemand rumwerkeln darf. Zur Erinnerung: Die liturgischen Vorschriften, Rubriken, sind Gesetze. Dass sie nicht im CIC stehen hat gute Gründe, aber nichts desto trotz sind es Gesetze der Kirche, die gewissenhaft zu befolgen alle Glieder der Kirche, insbesondere die Priester, verpflichtet sind (das wiederum steht im CIC). Eine würdige und den Vorgaben der Kirche gemäß gefeierte Liturgie ist ein einklagbares Recht jedes Gläubigen. Ein Priester der an der Liturgie rumbastelt, bricht das Gesetz und beraubt die Gläubigen ihrer Rechte. Vom spirituellen Schaden, um den es mir hier geht, ganz zu schweigen.

- Besonders krass wird die Horizontalisierung und Selbstbezogenheit der Liturgie feiernden Gemeinde in jeder Form der Anbiederung und des Gekünstelten, in der Ausrichtung auf eine bestimmte Zielgruppe, oder bei der "thematischen" Gestaltung einer Messe. Eine hl. Messe darf nicht "Rahmen" für irgendein "Thema" sein oder in irgendeiner Weise "partikular" ausgerichtet sein, denn sie ist selbst das Herzstück der Kirche und des Lebens in ihr. Nur wenn der Gottesdienst um seiner selbst (also: um Gottes) Willen vollzogen wird, ist er "echt", und dort kann sich dann auch jeder in jeder Lage einfinden. (Kleines Gedankenexperiment: Wenn ich z.B. gerade in einer Lebenskrise stecke und dann, in der Messe trostsuchend, mit dem Thema "Naturschutz" oder "Frauenrechte" als Grundton der Feierlichkeit berieselt werde (siehe ein besonders krasses Beispiel hier), dann geh ich da kein zweites Mal hin...) Und, nein: Die der Liturgie immanenten Besonderheiten (Votivmessen, liturgische Feste und Heiligengedenktage) unterscheiden sich von jenen "Themen" insofern, als sie immer den Blick auf das Heilsmysterium lenken... und sie sind Teil der lex orandi und damit der lex credendi der Kirche, denn sie kommen nicht zur Liturgie "hinzu" wie jegliche "(aktuellen) Themen", sondern sind integraler Bestandteil von ihr.
 
- Wenn der Priester "sein Ding" macht und man sich nicht von ihm festtackern lassen (nicht horizontal zirkulieren, sondern in Gemeinschaft mit Gott treten) will, bleibt einem oft nichts anderes übrig, als das zu tun, was man sich in bestimmten Kreisen immer befleißigt an der "alten" Messe zu kritisieren, was einem dann aber plötzlich und etwas von oben herab als zu tun empfohlen wird: Selber auch sein eigenes Ding zu machen, den Zelebranten und was "da vorne" geschieht zu ignorieren und sich, irgendwie davon abgekoppelt, nach eigener Façon zu Gott aufzuschwingen... was aber definitiv nicht Sinn der Sache ist. 

- Auch die Gläubigen sind nicht zu vergessen. Ich begann ja meine Ausführungen mit einem Anspruch, den die Gläubigen erfüllen müssen. Das Wunderbare ist, dass eine Liturgie, die einfach nur Liturgie der Kirche ist (ohne "Thema", ohne Entertainer etc.) einen Raum schafft, in dem sich jeder hineinfinden kann - oder auch nicht (auch Jesus ist ja wahrlich nicht jeder nachgefolgt). Das kann sehr unterschiedlich ausfallen und nicht jedem behagt jeder Aspekt. Aber der Unterschied zwischen authentisch gefeierter Liturgie und thematischen oder sonstwie verunstalteten Messen besteht darin, dass in ersterer der Einzelne sich der Kirche mit ihrem zweitausendjähreigen Erbe (und ihrer von Gott zugesicherten Autorität) gegenüber verhalten muss: letztlich also dem Glauben der Kirche gegenüber, der sich in ihrem Beten ausdrückt (lex orandi, lex credendi) - und er nicht, wie in letzterem Fall, der Laune des Pfarrers oder den "tollen Ideen" einer Pastoralassistentin ausgeliefert ist.

- Es sei auch nicht unerwähnt gelassen, dass natürlich auch das penible Befolgen der Rubriken problematisch sein kann. Es kann für manchen regelrecht zum Fetisch werden. Weswegen ich bei dem bisher Dargelegten - was etwa Anbiederung, Künsteleien, "viel Aufhebens machen" und dergleichen anbelangt - durchaus auch die Fälle im Blick habe, wo dies etwa unter dem Mäntelchen von Summorum pontificum betrieben wird. Auch Rubrizismus gilt es zu vermeiden, das Stichwort lautet auch hier: Gelassenheit. Ein authentischer Priester ist dies aus sich heraus und um Gottes und des Heils der ihm anvertrauten Seelen Willen, nicht um irgendwelchen Menschen zu gefallen. Er wird transparent auf das Göttliche hin, wenn er selbst echt und authentisch (ungekünstelt) Priester ist.

- Noch eine persönliche Note (das Geschilderte stammt alles aus persönlicher Erfahrung, aber jetzt kommt noch etwas Persönlicheres): In der Zeit zwischen meiner Bekehrung zum Christentum und meiner Taufe, als ich noch nicht wusste, ob ich katholische werden will, habe ich im Umkreis meiner damaligen Wohnstatt sehr bald die Messen gemieden, weil ich das selbstreferentielle Gehabe und die Flachheit nicht aushielt, die mir dort entgegenbrandete (heute, nach einigen Jahren des Theologiestudiums, weiß ich, dass so manche dieser Messen sehr wahrscheinlich nichtmal gültig waren). Ich habe zuweilen weite Strecken in Kauf genommen, um am Beten der Kirche teilhaben und so ihren Glauben kennenlernen zu können (ich verbrachte auch viel Zeit in "konservativen" evangelischen Kreisen... bis heute erhalte ich von dort viele wertvolle Impulse). Hätte ich nur diese Gemeinden und ihr quasiliturgisches Treiben als Referenzpunkte, als Orte des Kontaktes mit dem Katholizismus gehabt - ich wäre niemals katholisch geworden. Heute weiß ich leider auch, dass es solche Gemeinden überall gibt und es alles andere als Ausnahmen waren... und es graust mir... DORT findet man nicht - oder nur sehr schwer - zur Kirche. Aber da, wo gute Priester ihre Berufung wirklich als solche ausüben, da werden die Menschen berührt, da finden Bekehrungen statt, da strahlt Gott in die Gemeinde... das hab ich am eigenen Leib erfahren dürfen und ich erfahre es bis heute.

- Der thematische Kreis (*g*) schließt sich: Es kommt hier nämlich auch das Thema der (Ordens- wie Priester)Berufungen ins Spiel: Viele der hier geschilderten Problematiken rühren daher oder führen dazu, dass man den Priester oft nurmehr auf seine Funktionen reduzieren (ihn "funktionalisieren") will, die dann auch Laien übernehmen können sollen (auch die Idee, Frauen zu "weihen", obwohl wir wissen, dass es nicht geht, hat hier ihren locus). Wo das der Fall ist, wird aber weder das Priestertum, noch die Eucharistie, noch die Kirche, noch überhaupt "Sakramente" verstanden. Priester wird man nicht, weil man dies möchte, sondern weil man von Gott berufen ist. Und es obliegt der Kirche, festzustellen (und Kriterien dafür festzulegen), ob die Berufung echt ist. Wer aber den Priester nur unter dem Aspekt seiner (äußerlichen) Funktionen betrachtet, dem fehlt offenkundig die hier lang und breit beschriebene Erfahrung der Transparenz des Priesters für das Göttliche; für den ist eine hl. Messe u.U. nur wenig mehr als ein gemeinschaftliches Singspiel.
Jeder Priester oder vielversprechende Priesteramtskandidat den ich kenne (und derer sind viele), hat im Hintergrund seiner Berufung einen authentischen Priester, in etwa wie ich ihn oben beschrieben habe. Priester, so sagt man augenzwinkernd, können sich nur selbst fortpflanzen: Nur wo ein Priester sein Priestersein authentisch lebt - und dessen Zentrum, Quelle und Höhepunkt ist nunmal die feier der Eucharistie - werden junge Männer in-spiriert, auch selbst diesen Weg einzuschlagen (gratia supponit naturam auch hier). Priester wird man nicht, weil man auf der Diözesanhomepage sich nach nem Job umgesehen hat (siehe meine Analyse davon hier). Priester wird man, weil man erlebt hat, wie Priestersein ist, was es ausmacht, wie es gelingt: Vorbilder. Das sind in aller Regel auch die Priester, die in der beschriebenen Weise transparent sind für Den, Dem sie ihr Leben geweiht haben. (In meiner Gemeinde, in der seit Jahren großer Wert auf eine würdige Liturgie gelegt wird, haben wir z.Z. fast schon eine regelrechte Schwemme an Ordens- und Priesterberufungen - und das liturgische Leben spielt dabei eine entscheidende Rolle... sehr spannend!)

... 
Gott sei Dank haben wir das sakramentale Priestertum. Dass auch Priester am Ende des Tages bloß Menschen sind, ist klar. Aber den Anspruch dürfen die Laien haben, dass der Priester sich nach Kräften darum bemüht, das zu tun, was er bei seiner Weihe versprochen hat: "in der Verkündigung des Evangeliums und in der Darlegung des katholischen Glaubens den Dienst am Wort Gottes treu und gewissenhaft zu erfüllen", "die Mysterien Christi, besonders die Sakramente der Eucharistie und der Versöhnung, gemäß der kirchlichen Überlieferung zum Lobe Gottes und zum Heil seines Volkes in gläubiger Ehrfurcht zu feiern" und sich "Christus, dem Herrn, von Tag zu Tag enger zu verbinden und so zum heil der Menschen für Gott zu leben" in "Ehrfurcht und Gehorsam" gegenüber dem Bischof. Dann kann sich auch verwirklichen, was der Bischof ihm nach diesen feierlichen Versprechen sagt: "Gott selbst vollende das gute Werk, das er in dir begonnen hat." Dann kann dieser Priester auch transparent werden für Gottes Wirken in seiner Kirche, wofür wir ihn lieben.
Heiliger Jean-Marie Vianney, bitte für uns.

... ich bin übrigens der Meinung, dass das Buch von Michael Kunzler (R.I.P.) "Liturge sein: Entwurf einer Ars celebrandi" *hint* für jeden Priester und Priesteramtskandidaten Pflichtlektüre sein sollte...

Dienstag, 15. September 2015

Mitis Iudex Dominus Iesus

Papst Franziskus hat in seinem Motu proprio "Mitis Iudex Dominus Iesus", kurz Mitis, das dieser Tage veröffentlicht wurde (hier, bisher nur auf Latein und Italienisch verfügbar), im Wesentlichen zwei Änderungen für das Kirchenrecht im Hinblick auf Ehenichtsgkeitsprozesse verfügt (das sonstige Kleinklein lass ich hier mal unbehandelt): 
1) Die bisher immer erforderliche Zweite Instanz soll wegfallen (bisher war es so: Wenn die zweite Instanz zu einem anderslautenden Urteil kam, ging das ganze an die dritte Instanz - Rom - deren Urteil dann galt; als Berufungsinstanz bleibt sie erhalten). 
2) Es soll ein "beschleunigtes Verfahren" eingeführt werden für Fälle, in denen es evidente Gründe für die Nichtigkeit der Ehe gibt und wenn sich die Gatten einig sind (in allen anderen Fällen bleibt das Verfahren wie gehabt).

Zunächst: Mancherorts ließt man nun, der Papst habe in Mitis "neue Nichtgkeitsgründe" eingeführt (so z.B. hier). Ist das so?
Richtig ist, dass der Papst in den an sein Motu proprio angehängten prozessualen Regeln einige Punkte aufführt, die ein "beschleunigtes Verfahren" ermöglichen sollen. Dahinter steht folgende Überlegung: Wenn es offensichtliche Anhaltspunkte für eine (beweisbare!) Nichtigkeit einer Ehe gibt, dann soll ein beschleunigtes Verfahren möglich sein. Wo diese Anhaltspunkte nicht vorliegen, ist das beschleunigte Verfahren nicht möglich.
Der Papst nennt nun einige beispielhafte Gründe, die ein solches beschleunigtes Verfahren ermöglichen sollen. Unter den ganannten Faktoren finden sich weitläufig bekannte Ehenichtigkeitsgründe, etwa Konsensmängel (cc. 1095 bis 1107 CIC) wie "Simulation" und "willensbestimmender Irrtum" (simulationem consensus vel errorem voluntatem determinantem), aber auch Faktoren, die auf den ersten Blick so garnicht wie Ehenichtigkeitsgründe wirken: Das Vorliegen einer ungeplanten Schwangerschaft, kurzes eheliches Zusammenleben und das Bestehen einer außerehelichen Beziehung zum Zeitpunkt der Hochzeit oder unmittelbar danach.
Auf diese letzteren will ich kurz im Einzelnen eingehen.
- Unvorhergesehene Schwangerschaft der Frau (haud praevisa praegnantia mulieris): Es geht hier natürlich nicht darum, dass eine schwangere Frau keine gültige Ehe schließen kann oder darum, dass eine ungeplante Schwangerschaft per se eine Ehe ungültig macht. Sondern es geht darum, mit welcher Intention die Ehe geschlossen wurde und noch konkreter: ob der Ehekonsens wirklich frei erfolgte. Eine ungeplante Schwangerschaft kann nämlich durchaus dazu führen, dass man das Heiraten überstürzt. Der soziale Druck kann aufgrund der Schwangerschaft so groß sein, dass man schwerlich von der Freiwilligkeit des Entschlusses sprechen kann. Und auch wenn der Entschluss frei erfolgte, bleibt noch die Frage, was hier (frei) gewollt wurde: Wenn die Ehe nur gewollt wurde wegen der Schwangerschaft (nicht sozialer Druck also, sondern eigener Antrieb), ist auch dieser Wille nicht hinreichend für das Zustandekommen des Sakraments.

- Kürze des ehelischen Zusammenlebens (brevitas convictus coniugalis): Es ist hier nicht ausgesagt, dass eine Ehe eine bestimmte Zeit nach der Eheschließung per se noch für ungültig erklärt werden kann (das wäre grenzdebil). Hier geht es darum, dass, wenn eine Ehe schon nach kurzer Zeit zerrüttet ist, die Frage gestellt werden kann und muss, ob überhaupt jemals ein gemeinsamer Wille und/oder ein wechselseitiges Kennen bestand.

- Das Verharren in einer außerehelischen Beziehung zum Zeitpunkt der Eheschließung oder unmittelbar anschließend (permanentia pervicax in relatione extraconiugali tempore nuptiarum vel immediate subsequenti): Wer zum Zeitpunkt der Eheschließung noch eine andere sexuelle Beziehung unterhält, kann keinen gültigen Ehewillen (der notwendig den Willen zur Treue einschließt) formen. Wer nicht zur Treue fähig ist auch nicht.

Die genannten Faktoren sind keine "neuen Nichtigkeitsgründe", sondern es sind, wenn man so will, einige mögliche Manifestationen von Ehenichtigkeitsgründen.
Das Problem, das ich hier sehe, ist Folgendes: Die Aufzählung endet mit einem et cetera, erhebt also keinen Anspruch auf Vollständigkeit (was logisch ist). Die ganannten Anhaltspunkte, die auf eine mögliche Nichtigkeit der Ehe hinweisen können, könnten nun aber von manchen Leuten missverstanden werden als Beweise für das faktische Vorliegen einer Nichtigkeit. Die Gefahr besteht, dass hier Menschen Zweifel ob der Gültigkeit ihrer Ehe bekommen könnten, obwohl in Wirklichkeit überhaupt kein Anlass dazu besteht. So könnten etwa eine Frau Zweifel an der Gültigkeit ihrer Ehe befallen, weil sie zum Zeitpunkt der Eheschließung ungeplant schwanger war, auch wenn das auf ihren Ehewillen überhaupt keinen Einfluss hatte. Und ich hege diese Sorge weniger wegen der vom Papst genannten Punkte, sondern wegen all derer, die sich in dem et cetera noch verbergen und die durch die Praxis noch ergänzt werden. Im schlimmsten Fall könnten vermittels solcher Zweifel, die gesät werden, diese Anzeichen sich als eine Art sich selbst erfüllende Prophezeihungen entpuppen, die eine gültige und ansonsten stabile Ehe zerrütten können. Selbst  theologisch Gebildete werden schon jetzt von diesen Anhaltspunkten verwirrt, was insofern verständlich ist, weil der Papst ja tatsächlich selbst, so wie sich uns der Wortlaut darstellt, in seiner Aufzählung hinlänglich bekannte offensichtliche Ehenichtsgkeitsgründe mit möglichen Anhaltspunkten für das Vorliegen von Mängeln ungeordnet zusammengeworfen hat. Die Aufzählung ist in sich bereits missverständlich und die absehbare Erweiterung der Liste durch die Praxis könnte das noch verschlimmern.


Von diesem Verwirrungspotential einmal abgesehen, sehe ich das Motu proprio überhaupt mit gemischten Gefühlen. Konkrete Punkte habe ich drei:
Wenn man bedenkt, dass etwa in Deutschland, wenn ich mich recht entsinne, in 8 oder 9% der Fälle das Zweiturteil bei Eheprozessen anders ausfällt als in der ersten Instanz, dann mag der Wegfall der zweiten Instanz für manche nicht soo gravierend wirken, für andere aber durchaus: Bei 600 Ehenichtigkeitsprozessen pro Jahr in Deutschland, ergibt das einen möglichen Irrtum der ersten Instanz in bis zu 50 Fällen. Ob das akzeptabel ist, mag jeder für sich beurteilen.

Zudem ist hinsichtlich den beschleunigten Verfahren zu fragen, ob das dem Ziel des ganzen gerecht wird. Zur Erinnerung: In einem Ehenichtsgkeitprozess sind die Eheleute (oder zumindest einer der beiden) die Kläger, die gegen die Gültigkeit der Ehe Klage einlegen. Der Angeklagte ist das Eheband, das dann vom Ehebandverteidiger als Vertreter der Kirche vor Gericht vertreten wird. Ausgangspunkt ist: Das Eheband gilt als gültig, bis seine Ungültigkeit bewiesen ist (favor matrimonii). (So ähnlich wie im zivilen Recht: Der mutmaßliche Straftäter gilt als Unschuldig, bis seine Schuld bewiesen ist.) Ziel des Ganzen, und damit das eigentliche Interesse der Kirche in so einem Prozess, ist der Schutz der Heiligkeit des Ehebandes, das der defensor vinculi im Auftrag der Kirche verteidigt. Mit diesen nun eingefürten beschleunigten Verfahren muss man jedoch den Eindruck gewinnen, das Interesse der Kirche - und damit der Fokus des Prozesses - richte sich nunmehr am Wunsch der Kläger nach Erweis der Ungültigkeit des Ehebandes aus. Mir ist angesichts dieses Paradigmenwechsels, wenn es einer ist, nicht recht wohl.
Schließlich befürchte ich einen Qualitätsverlust: Wenn die zweite Instanz wegfällt, fällt damit auch eine Kontrollinstanz weg, vor der sich bisher alle Beteiligten ob ihrer Sorgfalt und Korrektheit rechtfertigen mussten, denn man hatte natürlich das Interesse, alles so gut und fachlich einwandfrei wie möglich zu behandeln, damit das eigene Urteil vor der zweiten Instanz bestehen kann. Jetzt fehlt diese Kontrollinstanz. Für die beschleunigten Verfahren fehlt sie sowieso - wobei da die Qualitätssicherung ohnehin fragwürdig ist... schon weltliche Strafprozesse werden nicht nach dem Kriterium der Schnelligkeit geführt, sondern es geht um die Suche nach der Wahrheit, auch wenn das mal länger dauert... wie wichtig ist da Sorgfalt erst, wenn es um die Gnadenordnung Gottes und die Ordnung in der Kirche geht? Die Konsequenzen kann sich jeder selbst ausdenken.
Wenn sodann für die beschleunigten Verfahren nunmehr die Bischöfe direkt zuständig sein sollen (sie wurden übrigens, wie man hört, nicht gefragt, ob sie das denn wollen!), ist auch dies alles andere als ein Garant für Qualität, denn die meisten Bischöfe - die doch eh schon genug zutun haben! - sind keine Kirchenrechtler (da sind viele Pastoraltheologen, Dogmatiker, Moraltheologen, Liturgiker, Kirchenhistoriker, Exegeten... aber nicht annähernd genug Kirchenrechtler). Sie sind also in den meisten Fällen schlichtweg fachfremd. (Hier in Freiburg zum Glück nicht.) Und Amtsgnade ersetzt nunmal keine fehlende Fachkompetenz. Und, nein: Soweit ich das sehe, ist diese neue Funktion nicht delegierbar. Papst Franziskus macht es in Mitis überdeutlkich, dass sich die (Erz)Bischöfe um diese beschleunigten Verfahren kümmern sollen.

Es ist ja nun einerseits tatsächlich so, dass ein oft Jahre währendes Prozedere Menschen zermürben kann und die Kirche dabei alles andere als Barmherzig erscheint. Handlungsbedarf gab es diesbezüglich schon länger, weshalb Benedikt dazu auch bereits eine Kommission eingesetz hatte (die aber nun übergangen wurde?). Wobei freilich zu bedenken ist, dass diese kirchlichen Eheprozesse auch deshalb so langwierig sind, weil sie auf freiwilliger Basis funktionieren: Das kirchliche Gericht hat keine Mittel, Kläger oder Zeugen vorzuladen, alles läuft auf der Grundlage der Bereitschaft (und der Terminpläne) der Beteiligten ab. Etwas so Banales wie "Terminfindung" kann da sehr leicht mal eben Monate um Monate addieren.
Generell halte ich es für unklug, solche schwerwiegenden Änderungen derart übers Knie zu brechen. Die Arbeiten an diesen Änderungen begannen frühestens im November letzten Jahres - 10 Monate ist sehr wenig Zeit für begründete Forschungen in den Rechtsquellen und Erfahrungen der Weltkirche (zu nennen ist hier etwa das "Experiment" in den 70er und 80er Jahren in den USA, als dort die zweite Instanz weggelassen wurde, was gravierende Folgen hatte, weswegen dieses Experiment schließlich abgebrochen wurde) und für eine adäquate ("synodale") Einbindung zuständiger Dikasterien sowie der Bischöfe, weshalb jetzt auch entsprechende Beschwerden und Bedenken die Runde machen. So wie das vor sich ging, mangelte es bei der Erarbeitung der neuen Regelungen sowohl an kanonistischer und theologischer Sorgfalt, wie auch - und das sollte jeden aufhorschen lassen - an der ansonsten (auch in Mitis) so vielgepriesenen Kollegialität. Hier wurde m.E. inhaltlich und formal unsauber gearbeitet und es bedürfte eigentlich eines Moratoriums zu seiner Implementierung, bis Entsprechendes nachgeholt wurde.
Man mag in dieser ganzen Debatte um die Synode kirchenpolitisch stehen wo man will, aber dass hier nicht gerade mit Sorgfalt und Team-Geist gearbeitet wurde, sollte jeden ins Grübeln bringen. Wollen wir missverständliche Hauruck-Gesetze?


Noch mal zu dem möglichen Paradigmenwechsel:
Sehr am Kopf kratzen musste ich mich angesichts der "Neuformulierung" von Kanon 1676, wo es bisher hieß: 
»Bevor der Richter eine Sache annimmt und sooft er Hoffnung auf Erfolg sieht, soll er mit seelsorglichen Mitteln die Gatten zu bewegen suchen, ihre Ehe, falls möglich, gültig zu machen und die eheliche Lebensgemeinschaft wiederherzustellen.«
Diese ermutigende, seelsorgerlich kluge und im Hinblick auf das Sakrament wertvolle Regelung wurde, ohne ersichtlichen Grund, ersatzlos gestrichen. Stattdessen wird nunmehr bloß vermerkt, dass sich der Richter vor Prozessbeginn davon zu überzeugen habe, dass die Ehe unrettbar zerrüttet und das Zusammenleben unmöglich sei. Wie das festgestellt werden soll, abgesehen von der direkten Frage an die Ehegatten, was sie denn meinen, ist mir schleierhaft. Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was zuvor galt. Nicht mehr die Sorge um den Bestand der Ehe soll den Richter zu allererst (!) bewegen, sondern - faktisch wirds wohl darauf hinauslaufen - der achsomenschliche (und daher auch kurzsichtige und egoistische) Blick und Gemütszustand der Kläger. Und mich lässt das komische Gefühl nicht los, dass hiermit der Richter faktisch für die Kläger quasi Partei ergreift: Wenn er sich schon vor Prozessbeginn sicher sein soll, dass die Ehe unrettbar ist, wie soll er dann noch objektiv urteilen können? (Das wäre in etwa so, als müsste sich ein Richter in einem Mordfall vor Prozessbeginn davon überzeugen, dass der Angeklagte das Opfer auch wirklich bis aufs Blut gehasst hat...)


Ich habe ein bisschen das Gefühl, als sei hier das Kind mit dem Bade ausgeschüttet worden. Die Lehre der Kiche über die Sakramente ist zwar nicht tangiert worden (weswegen Kasper/Marx und ihre Anhänger alles andere als zufrieden sind), aber ihre Disziplin. Und insofern diese Disziplin dem Schutz der Sakramente und damit dem Heil der Seelen dient (Stichwort: Sakramentenmissbrauch), ist diese Entwicklung durchaus keine Lappalie. Man wird sehen, was passiert. Gespannt bin ich v.a., wie die Synodalen darauf reagieren werden, denn die wurden ja auch übergangen.

Montag, 14. September 2015

Vexilla Regis

Des Königs Fahnen ziehen voran,
es erglänzt das Geheimnis des Kreuzes,
da der Schöpfer des Fleisches
im Fleische ans Kreuz geheftet wurde.


Den Leib mit Nägeln durchbohrt,
Hände und Füße ausgestreckt,
wurde um der Erlösung willen
hier das Opfer hingeschlachtet.


Der überdies verwundet wurde
Durch die grauseme Spitze der Lanze;
Um uns von Vergehen reinzuwaschen,
floss Wasser und Blut.


Erfüllt hat sich, was David
in glaubwürdigem Liede gesungen,
indem er den Völkern verkündigte:
vom Holze herab herrscht Gott.


O herrlicher und ausgezeichneter Baum,
geziert mit dem Purpur des Königs,
auserwählt, mit würdigem Stamme
so heilige Glieder zu berühren.


Glückseliger, an dessen Ästen
Der Lösepreis der Welt hing;
Zur Waage des Leibes ist er geworden,
und er entriss die Beute der Hölle.


Wohlgeruch verströmst du aus deiner Rinde,
du übertriffst den Geschmack des Nektars,
erfreut, fruchtbare Frucht zu tragen,
spendest du Beifall diesem edlen Triumph.


Sei gegrüßt, Altar, sei gegrüßt, Opfer,
aus dem Ruhm des Leidens,
in dem das Leben den Tod ertrug
und durch den Tod das Leben wieder gewann.


Sei gegrüßt, o Kreuz, einzige Hoffnung,
in dieser Zeit des Leidens
vermehre den Frommen die Gnade
und Sündern tilge die Vergehen.


Dich, Gott, höchste Dreifaltigkeit,
soll loben jeglicher Geist
und die du durch das Geheimnis des Kreuzes
rettest, herrsche in alle Ewigkeit.


(Venatius Fortunatus, + um 600)

Freitag, 11. September 2015

Ich glaube an die heilige Kirche

Ich glaube an die heilige Kirche,
die apostolisch ist und allgemein und rechtgläubig,
und die uns unversehrte Lehre kündet.
Nicht glaube ich an sie, wie ich an Gott glaube,
wohl aber glaube ich, dass sie in Gott ist und Gott in ihr.
Nicht ist sie Gottes eingegrenztes Maß,
wohl aber ist Gott der Raum der Kirche.
So ist sie Gottes Haus und Braut des Herrn Christus.
Sie ist die leibhafte Gemeinschaft der Heiligen,
aller Gerechten, die sind und waren und kommen.
Größeres noch ist wahr: auch die Chöre der Engel
scharen sich selig zur alleinigen Kirche.
Denn der Apostel lehrt: «Versöhnt ist alles in Christus,
nicht nur auf Erden, auch was da lebt in den Himmeln!»
Gottesstadt nennt man die hehre Einheit,
Glutofen, der alles Gold zusammenschmilzt.
Sie ist mein Glaube, die eine Kirche,
katholisch, weil hinieden und droben,
zerstreut über die Welt und dennoch berufen,
einmal gebunden zu werden zu seliger Garbe,
wenn sie mit Christus in Ewigkeit herrscht.
Er ist das Haupt und die Kirche der Leib.

Dieses Leibes bin auch ich ein Glied,
rein aus göttlicher Gnade,
wenngleich nur ein kleines, ein schwaches.
Der Kirche will ich in Glaube und Werk
immer die Treue wahren,
das hoff ich vom Geber der Gaben.
In der Kirche, die heilig und eins,
dieser katholischen Mutter,
die bis an die Grenzen der Erde
alles mit Gottes Lobpreis erfüllt,
glaub ich festen Gemüts,
Gemeinschaft der Gnade zu erben.
Nicht auf eigenes Werk vertrau ich,
sondern auf Christi heiligen Blutstrom,
und auf das gnadenverdienende Beten
meiner heiligen Mutter, der Kirche.


Alkuin von York († 804)

Dienstag, 8. September 2015

Die Horizontalität der Debatte

Ich beobachte mit Unbehagen eine höchst bedenkliche Horizontalität der meisten Debatten um die kirchliche Lehre auch und gerade innerhalb der Kirche (vgl. dazu meinen Beitrag "Dürftige Theologie - 12 - Horizontalisierung"). 
Wir alle stehen in der Gefahr, uns an vielen Stellen nur noch mit den politischen "Implikationen", vermeintliche hintergründigen "Intentionen" und oberflächlischen "Wirkungen" zu beschäftigen, ohne den wirklichen Sinn etwa eines Jubeljahres der Barmherzigkeit zu erkennen und das eigentliche Ziel allen kirchlichen Tuns zu beachten: Das ewige Heil der Seelen.

Papst Franziskus sagt beispielsweise - so auch vor wenigen Tagen wieder zu den Priestern (hier) -:  "Bitte seid große Vergeber" und er meint damit ausdrücklich das Wirken des Priesters im Beichtstuhl. Es geht hier also nicht um ein billiges "Vergeben" mit dem Slogan "Ist schon gut. Weitermachen!", gar um das Gutheißen irgendwelcher Handlungen, sondern um das Treten vor das ehrfurchtgebietende Antzlitz Gottes, des Arztes unserer Seelen und des Richters über Heil und Unheil, um ihn "mit zerknirschtem Herzen und reumütigem Sinn" um Verzeihung für die von uns begangenen Sünden zu bitten (die pastorale Einführung für die Feier der Buße hält denn auch völlig zu Recht daran fest, den Beichtvater als Arzt und als Richter zu identifizieren).
Nicht wenige Zeitgenossen, auch innerhalb der Kirche, wollen hier aber heraushören, der Papst würde die Schwere der Sünde herunterspielen oder sie gar gutheißen. Ich erlebe solche Deutungen von Franziskus' immer wiederkehrenden Rufen zur Versöhnung sogar unter Theologiestudenten. Dabei ist das Gegenteil wahr.

Das wurde mir kürzlich wieder besonders krass vor Augen geführt, als ein Kommentator auf diesem Blog auf die Erleichterung des Zugangs zum Sakrament der Beichte (zum Zwecke des Erwerbs des Jubiläumsablasses) im Falle der Beteiligung an einer Abtereibung während des außerordentlichen Heiligen Jahres der Barmherzigkeit durch Papst Franziskus, mit der "Deutung" reagierte, der Papst wolle hier "Signale" senden, gar noch solche "gegen militante Lebensschützer". (Man lese hier im Kommentarbereich, gleich der erste Kommentar.)

Aus meiner letzten Antwort auf diese Thesen des Kommentators:
»Es ist sehr bedauerlich, dass deine Perspektive so eisern horizontal ist. Du siehst scheinbar ausschließlich die "politische Botschaft", die der Papst angeblich senden will, übersiehst aber völlig das große Ganze, das eigentlich direkt vor Augen ist (den Wald vor lauter Bäumen...): Dass es bei diesen Äußerungen des Papstes einzig um die Versöhnung der verwundeten Seele mit Gott im Sakrament der Beichte geht.
Es geht somit um nichts weniger als um den wahren Kern des christlichen Glaubens: "Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung." (2Kor 5,19)

Franziskus hat es in seinem Pontifikat immer unermüdlich gepredigt und ist immer, das "Protokoll" brechend, mit gutem Beispiel voran gegangen: Lasst euch versöhnen in der Beichte! Ich erinnere mich noch an die Bilder, wie ihn sein Zeremoniar den Beistuhl zeigt, den er besetzen soll, und Franziskus lässt ihn links liegen, läuft einfach geradeaus weiter, am Kameramann vorbei, auf die andere Seite des Ganges und geht selber erstmal beichten.
Ich habe das Gefühl, als sei dir diese ganze sakramentale Dimension der Versöhnung, die unzweifelhaft im Zentrum der Verkündigung dieses Papstes steht, völlig egal... es geht dir nur um die Politik, um das "Senden" von "Botschaften". Deine Ausführungen könnten 1 zu 1 von irgendeinem Reporter stammen, der überhaupt keinen Bezug zum Glauben der Kirche hat, und der, so völlig "außen" stehend, versucht, die "Signale" zu deuten, die "das Oberhaupt der katholishen Kirche" an die Welt "sendet". Wo er doch in Wahrheit nur die Katholiken(!) zum Empfang des Bußsakramentes ermutigen will.«

Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte es dazu kommen, dass Menschen, auch Katholiken, den Ruf zur Versöhnung (der immer ein Weg der Umkehr und der Lebensänderung ist) mit einer Verharmlosung der Schuld oder gar, wie es in den Medien ablesbar ist und wie ich es auch in Gesprächen erlebt habe, einem Freibrief zur Sünde verwechseln? Den Fehlschluss könnte man vielleicht so formulieren: "Wenn es mir vergeben werden kann, dann darf ich es also guten Gewissens tun" (wobei das mit dem Sakrament der Beichte dabei allerdings ausgeblendet wird). Irgendetwas ist ganz gehörig kaputt im moralischen und geistlichen Empfinden auch vieler Katholiken. (Vgl. meinen Beritrag über das moralische "Be-Urteilen".)

Wenn das ewige Heil der Seelen aus dem Blick gerät und nurmehr politische Botschaften und die möglichst vorteilhafte Positionierung innerhalb aktueller gesellschaftlicher Debatten von Belang sind, die nur das (vorgebliche) irdische Glück der Menschen betreffen (das erlebe ich leider auch immer häufiger bei nicht wenigen deutschen Bischöfen); wenn die Warnung vor der Sünde als Diskriminierung und zugleich der Ruf zur Versöhnung (der immer auch eine Warnung vor der Sünde beinhaltet!) als Duldung oder gar Anerkennung von Sünde missverstanden wird; wenn der Ruf "geht zur Beichte!" als ein "ach, regt euch nicht auf, so schlimm ist das doch nicht" aufgefasst wird - dann leben wir ganz sicher nicht in einer Welt, in der sich der Wille Gottes im Handeln der Menschen zeigt. Dann ist diese Welt, und die Akteure in ihr, weit, weit Weg von den Wegen Gottes.
[Kategorien wie "irdisches Glück" und "Zufriedenheit", sind denn auch der Maßstab, nach dem immer mehr Katholiken die Kirche beurteilen und wie nicht wenige Bischöfe sie sehen wollen, weswegen sie dann Marketing-Strategen zu Rate ziehen, die auf der Grundlage entsprechender Zufriedenheitsstudien "Verbesserungen" herbeiführen sollen... Wenn die Kirche zur NGO wird.]

Die traurige Ironie bei alledem ist, dass wir es hier mit exakt der gleichen Situation zutun haben, mit der auch Jesus Christus konfrontiert war (nichts Neues unter der Sonne...): Auch seine ständigen Rufe zu Umkehr und Versöhnung mit Gott wollte die Mehrheit seiner Zuhörer nur in Kategorien "politischer Botschaften" und "Signale" verstehen, weswegen sie ihn, als er diesen gesellschaftlich-politischen Erwartungen nicht gerecht wurde (Israel von der römischen Besatzung zu befreien), loswerden wollten. Der Ruf zur Umkehr war für die Menschen damals so unerträglich wie er es für uns Heutige auch ist. Da tut es gut, solche Rufe nur in gesellschaftspolitischen Kategorien aufzufassen... das ist einfach, weil es dann nur um Meinungen, Standpunkte und  Debatten geht. Mit mir und meiner Lebensweise hat das dann im Grunde nichts zutun, also muss ich da auch nichts ändern, geschweigedenn, zur Beichte gehen. Die Horizontalität schützt vor einer Infragestellung der eigenen Bequemlichkeit. Den wenigen Hirten, die unbeirrt weiter zur Umkehr rufen, der prominenteste unter ihnen ist derzeit Papst Franziskus, wird es am Ende wohl nicht anders ergehen, als es Jesus erging. Wenn dann der Papst, wie zu erwarten ist, nicht die hohen Erwartungen der "Welt" (!) an ihn erfüllt, werden sie ihn medial kreuzigen, wartets nur ab!

Man muss sich nur mal die Berichte über die Synode auch in katholischen Medien ansehen: Es wird dort nicht nach dem Willen Gottes gefragt, sondern nach den Erwartungen der Menschen. Unentwegt begegnen einem Stimmen, die irgendetwas "von der Kirche" fordern, überall werden "Erwartungen an die Synode" formuliert. Immer geht es um ein fast schon störrisches "Ich will!". Nur äußerst selten wagt es jemand, die Frage in den Raum zu werfen "Was will eigentlich Gott?". Denn Gott ist nurnoch der Alibigeber, der uns ja "Freiheit" und ein "Gewissen" gegeben habe und der deswegen alles toll zu finden hat, was wir "frei" und "gewissenhaft" tun wollen. Aber das ist ein Hirngespinst, weil so eine Einstellung in der ganzen Heilsgeschichte kein Vorbild hat: Nie war das, was die Menschen in der Mehrheit wollten identisch mit dem Willen Gottes. Deswegen bedurfte es immer der Rufe zur Umkehr zu Gott, von denen die Bibel voll ist.
Es ist eine grenzenlose Arroganz (war es zu allen Zeiten), dass wir meinen, es nicht mehr nötig zu haben umzukehren - ausgerechnet heute, da wir merken, dass wir noch nie in der Geschichte den Menschen so effizient töten und ausbeuten konnten, wie es heute getan ist, sei es im Krieg oder im Mutterleib. Wir leben wahrlich in einer "Kultur des Todes", und der Ruf danach, die vorfindliche "Lebenswirklichkeit" als Maßstab für die Wahrheit zu nehmen, ist einfach nur ekelerregend zynisch.

Es ist traurig, weil die, die nach "Änderungen in der Kirche" rufen, die ihren Wünschen entsprechen, nichts mehr von Gott erwarten. Sie erwarten alles vom Menschen, vom irdischen Leben, wollen hier alles Glück und alle Freiheit. Der Leser möge es selbst mal testen: Alles, was derzeit öffentlich an "Forderungen" gebracht wird, funktioniert auch ganz ohne Gott. Man kann "Gott" herausnehmen, ohne jedwede inhaltliche Beeinträchtigung. Die ganzen Reformpläne, Aufrufe, Arbeitspapiere und Beschlüsse haben Gott nur noch marginal, als Alibi drin (wenn überhaupt), nie als entscheidenden Faktor, gar als bestimmendes Merkmal, als Ursprung oder als Ziel des Handelns. Ob nun Ungehorsmsaufrufe, Dialogprozesse oder dergleichen mehr, sie alle zeichnen sich durch einen intrinsischen Atheismus aus.
Die wahren "Reformen", zumal die Reformgestalten in der Kirchengeschichte, erkannte man immer an ihrer Heiligkeit und ihrer unbedingten Ausrichtung auf Gott und seine Wahrheit. Immer auch im Dienst am Menschen, ja, aber seiner von Gott geschenkten Berufung gemäß, nicht seinen eigenen Wünschen!

»So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!« (2Kor 5,20)


Mir scheint der ganze Trubel, als schauten wir in ein dunkles Dickicht, auf bedeutungslose Baumstümpfe, und als seien wir unfähig, nach oben zu blicken und den Wald zu erkennen, das Licht zu sehen und die Verheißung, die an uns erging: "Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus!" (Offb 12,10)

Pannenberg über Homosexualität

Ich habe hier vor einer Weile versucht von der Bibel her eine Antwort auf die Frage zu geben "Ist praktizierte Homosexualität Sünde?" und dem eine Betrachtung über die Berechtigung und die Gebotenheit moralischen Be-Urteilens hinzugefügt (hier).
Da derzeit immer wieder "Theologen" das Wort ergreifen, die feierlich verkünden, theologisch, gar biblisch, stünde einer Anerkennung homosexueller Akte, gar homosexueller "Ehen" nichts im Wege, sei ein (durchaus nicht unbekannter) Text des vor einem Jahr verstorbenen großen evangelischen Theologen Wolfhart Pannenberg zitiert: "Maßstäbe zur kirchlichen Urteilsbildung über Homosexualität" von 1994. Persönlich halte ich Pannenberg für den bedeutendsten und kompetentesten evangelischen Theologen des ausgehenden 20. Jahrhunderts; seine Christologie ist mit das Beste, was es dazu gibt.
Pannenberg erregte ein gewisses Aufsehen, als er 1997 das ihm 1987 verliehene Bundesverdienstkreuz 1. Klasse zurückgab, nachdem dieses einer Dame verliehen wurde, die sich für die Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften in Kirche und Gesellschaft einsetzte; dies steht laut Pannenberg im Widerspruch zum verfassungsmäßigen besonderen Schutz von Ehe und Familie.
Der Text:

»Kann Liebe Sünde sein? Nach der ganzen Tradition christlicher Lehre gibt es verkehrte, perverse Liebe. Die Menschen sind zur Liebe geschaffen, als Geschöpfe des Gottes, der Liebe ist, aber diese Bestimmung der Menschen wird, wo sie sich von Gott abgewendet haben, pervertiert. Das ist überall da der Fall, wo Menschen anderes mehr lieben als Gott. So sagt Jesus: „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert“ (Mt 10,37). Sogar für die Liebe zu den Eltern gilt also, dass die Liebe zu Gott den Vorrang haben muss, obwohl doch die Liebe zu den Eltern Gegenstand des vierten Gebotes ist. Der Wille Gottes – oder mit der Verkündigung Jesu zu sprechen: Die Herrschaft Gottes über unser Leben – soll bei unserer Lebensführung der Leitstern unserer Selbstbestimmung sein.

Was das für den Bereich des sexuellen Verhaltens bedeutet, ist aus dem Wort Jesu über die Ehescheidung zu entnehmen. Jesus greift in seiner Antwort auf die Frage der Pharisäer nach der Zulässigkeit der Ehescheidung auf die Schöpfung des Menschen zurück, in der er Gottes Intention mit diesem seinem Geschöpf ausgedrückt sieht: Von der Schöpfung her gilt, Gott hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen. Darum heiße es auch, der Mann werde Vater und Mutter verlassen, um mit dem Weibe vereint zu sein, und die beiden werden ein Fleisch sein. Daraus folgert Jesu Wort, dass die Unverbrüchlichkeit der Gemeinschaft von Mann und Frau das Ziel des göttlichen Schöpfungswillens mit dem Menschen sei. Die unauflösliche eheliche Gemeinschaft ist also das Ziel der Erschaffung des Menschen als geschlechtliches Wesen (Mk 10,2-9).

Dieses Wort Jesu bildet die Grundlage und das Kriterium für alle christlichen Stellungnahmen zu den Fragen der Sexualität. Es geht ja darin nicht nur um die Ehe als Spezialthema, sondern ganz umfassend um die von der Schöpfung des Menschen her begründete Bestimmung seiner Existenz als Geschlechtswesen. Nach dem Worte Jesu ist die Geschlechtlichkeit des Menschen als Mann und Frau auf die unauflösliche Gemeinschaft der Ehe angelegt. Das ist der Maßstab für die Urteilsbildung christlicher Lehre über den ganzen Bereich des geschlechtlichen Verhaltens.

Diese Sicht der Dinge entspricht bei Jesus im Großen und Ganzen jüdischer Tradition, obwohl Jesus mit der Betonung der Unauflöslichkeit der Ehe über die Bestimmung des jüdischen Gesetzes hinausging, die eine Möglichkeit der Ehescheidung vorsah (Dtn 24, 1). Dass der Mensch in seiner Geschlechtlichkeit zur ehelichen Gemeinschaft bestimmt ist, war gemeinsame jüdische Überzeugung. Darin sind schon im Alten Testament die Urteile über von dieser Norm abweichende Formen sexuellen Verhaltens begründet, also neben Unzucht und Ehebruch auch über die Homosexualität.

Die biblischen Urteile über homosexuelles Verhalten sind eindeutig in ihrer mehr oder weniger scharfen Ablehnung, und alle biblischen Aussagen zu diesem Thema stimmen ausnahmslos darin überein. Das Heiligkeitsgesetz im dritten Buch Mose bestimmt apodiktisch- „einem männlichen Wesen darfst du nicht beiwohnen, wie man einer Frau beiwohnt; es wäre ein Gräuel“ (Lev 18,22). Das zwanzigste Kapitel des Buches rechnet solches Verhalten sogar zu den todeswürdigen Verbrechen (Lev 20,13), übrigens ebenso wie wenige Verse zuvor den Ehebruch (Lev 20, 10). Die Juden wussten sich in diesen Fragen von den sie umgebenden Völkern geschieden, und das hat auch die neutestamentlichen Aussagen zum Thema der Homosexualität bestimmt, im Gegensatz zur hellenistischen Kultur, die an homosexuellen Beziehungen keinen Anstoß nahm. Paulus hat im Römerbrief homosexuelles Verhalten zu den Folgen der Abwendung der Menschen von Gott gerechnet (Röm 1,27), und im ersten Brief an die Korinther wird homosexuelle Praxis neben Unzucht, Ehebruch, Götzendienst, Wucherei, Trunksucht, Diebstahl und Raub zu den Verhaltensweisen gerechnet, die von der Teilhabe am Reiche Gottes ausschließen 1 Kor 6,9f), und Paulus meint, die Christen seien von der Verstrickung in all solche Verhaltensweisen durch die Taufe frei geworden (1 Kor 6,11).

Diesen paulinischen Aussagen steht im Neuen Testament keine einzige Stelle gegenüber, die ein günstigeres Urteil über homosexuelle Betätigung erkennen ließe. In der Gesamtheit des biblischen Zeugnisses wird also praktizierte Homosexualität ausnahmslos zu den Verhaltensweisen gerechnet, in denen die Abwendung des Menschen von Gott besonders eklatant zum Ausdruck kommt. Dieser Befund setzt dem Urteil einer an die Autorität der Schrift gebundenen Kirche zum Thema der Homosexualität sehr enge Grenzen, zumal die biblischen Aussagen zu diesem Thema das negative Gegenstück zu den positiven Anschauungen über die schöpfungsgemäße Bestimmung des Menschen in seiner Sexualität bilden, sodass es sich also keineswegs um marginale Urteile handelt, die ohne Schaden für die christliche Botschaft im ganzen vernachlässigt werden könnten. Die biblischen Aussagen über Homosexualität lassen sich auch nicht dadurch relativieren, dass man sie als Ausdruck einer für den modernen Menschen überholten kulturgeschichtlichen Situation betrachtet. Es handelt sich hier ja gerade um ein Thema, bei dem die biblischen Zeugnisse schon ursprünglich ganz bewusst den in ihrer kulturellen Umwelt herrschenden Auffassungen entgegentraten, und zwar um des Glaubens an den Gott Israels willen hinsichtlich der von ihm dem Menschen bei seiner Schöpfung verliehenen Bestimmung.

Nun hört man heute von Befürwortern einer Änderung des Urteils der Kirche über die Homosexualität, die biblischen Aussagen hätten einen erst durch moderne anthropologische Erkenntnisse gewonnenen Befund nicht berücksichtigen können, nämlich dass Homosexualität – wie es heißt – schon als „Gegebenheit“ der leiblich-seelischen Befindlichkeit homosexueller Menschen vor aller entsprechenden sexuellen Betätigung zu würdigen sei. Man sollte hier zur deutlicheren Unterscheidung von der homosexuellen Betätigung besser von einer homophilen Veranlagung sprechen. Dazu ist zu sagen, dass eine solche Veranlagung nur durch ihre Intensität auf eine Minderheit von Menschen beschränkt ist. Als ein Faktor menschlicher Sexualität unter anderen ist sie viel weiter verbreitet. Für den Menschen ist ja charakteristisch, dass sexuelle Antriebe nicht auf einen abgesonderten Verhaltensbereich beschränkt sind, sondern das ganze menschliche Verhalten in allen Lebensbereichen durchdringen. Dazu gehören auch Beziehungen zu Personen des eigenen Geschlechts. Doch gerade weil erotische Motive beim menschlichen Verhalten überall beteiligt sind, stellt sich dem Menschen die Aufgabe ihrer Integration in das Ganze der menschlichen Lebensführung. Die Tatsache homophiler Neigungen muss nicht automatisch zur homosexuellen Betätigung führen. Sie kann in eine Lebensführung integriert werden, in der sie der Beziehung zum andern Geschlecht untergeordnet wird und in der das Thema sexueller Betätigung überhaupt nicht das alles andere beherrschende Zentrum menschlicher Lebensführung sein sollte. Die Leistung der Ehe als Institution liegt, wie der Soziologe Helmut Schelsky mit Recht gesagt hat, nicht zuletzt darin, dass sie die menschliche Sexualität einbindet in darüber hinausgehende Aufgaben und Ziele.

Die Tatsache homophiler Neigungen also braucht nicht verleugnet und darf auch nicht verurteilt werden. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht bei der dem Menschen aufgegebenen Selbstbestimmung seines Verhaltens. Das ist das eigentliche Problem, und an dieser Stelle hat das Urteil seinen Ort, dass homosexuelle Betätigung eine Abweichung von der dem Menschen als Geschöpf Gottes gegebenen Norm für sein sexuelles Verhalten darstellt. Im Urteil der Kirche gilt das nicht allein für die Homosexualität, sondern für jede nicht auf das Ziel der Ehe zwischen Mann und Frau bezogene sexuelle Betätigung, vor allem auch für den Ehebruch. Die Kirche muss mit der Tatsache leben, dass Abweichungen von der Norm in diesem Lebensbereich wie in andern nicht selten sind, sondern eher die Regel bilden. Die Kirche muss den betreffenden Menschen mit Toleranz und Verständnis begegnen, aber sie auch zur Umkehr aufrufen. Sie kann nicht die Unterscheidung zwischen der Norm und dem davon abweichenden Verhalten aufgeben. An dieser Stelle liegt die Grenze für eine christliche Kirche, die sich an die Autorität der Schrift gebunden weiß. Wer die Kirche dazu drängt, die Norm ihrer Lehre in dieser Frage zu ändern, muss wissen, dass er die Spaltung der Kirche betreibt. Denn eine Kirche, die sich dazu drängen ließe, homosexuelle Betätigung nicht mehr als Abweichung von der biblischen Norm zu behandeln und homosexuelle Lebensgemeinschaften als eine Form persönlicher Liebesgemeinschaft neben der Ehe anzuerkennen, eine solche Kirche stünde nicht mehr auf dem Boden der Schrift, sondern im Gegensatz zu deren einmütigem Zeugnis. Eine Kirche, die einen solchen Schritt tut, hätte darum aufgehört, evangelische Kirche in der Nachfolge der lutherischen Reformation zu sein.«

Noch ein Wort zur aktuellen Situation: In der aktuellen Debatte gehen Theologen immer öfter dazu über, die biblischen Aussagen zur Homosexualität nicht mehr zu ignorieren, wie man es auch lange Zeit tat, oder sie einfach für "zeitbedingt" und daher hinfällig zu erklären, sondern sie, ganz kreativ und falsch, umzudeuten, so als bezögen sie sich nur auf unfreiwillige sexuelle Kontakte, etwa im Krieg, sprich: Vergewaltigung. Daher sei einvernehmlicher homosexueller Verkehr, den die biblischen Autoren überhaupt nicht im Blick gehabt hätten (obwohl es ihn in ihrer Umwelt durchaus gab?!), ok. Das ist aber schon allein darum falsch, weil die Bibel sehr wohl zwischen freiwilligem und unfreiwilligem Sex deutlich unterscheidet, dies im Bezug auf Homosexualität aber gerade nicht tut. Eine Formulierung wie etwa Lev 18,22 ergäbe dann auch keinen Sinn, denn sie würde ja Vergewaltigung bei Frauen gutheißen (so, wie du es mit einer Frau tust, sollst du es mit einem Mann nicht tun). Es handelt sich hierbei um eine theologische Fiktion, die weder mit der Bibel noch mit irgendetwas aus 2000 Jahren christlicher Tradition zu stützen ist.
Die Schrift widersetzt sich solchen Umdeutungen. Am Ende des Tages bleibt einzig die Frage übrig, wie ernst wir das Wort Gottes nehmen, und darin auch die Warnung vor der Sünde und dem Jüngsten Gericht (vgl. den ersten Link oben).

Freitag, 4. September 2015

Ehrlichkeit statt Arroganz

Ohne das jetzt kirchenpolitisch zu färben, nur mal rein vernünftig betrachtet:

Stellen sie sich vor, die allermeisten Leute in Deutschland wüssten nicht mehr, wie Demokratie funktioniert und wozu sie eigentlich gut ist, und niemand könnte sich mehr so richtig etwas unter Begriffen wie "Diktatur" und "Absolutismus" vorstellen.

In dieser Situation entsteht nun eine Bewegung, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Demokratie zu "reinigen" von den Lasten ihrer Geschichte und sie zu ihrem "eigentlichen Wesenskern" zurückführen. Auch wenn, bei Licht betrachtet, eigentlich kaum jemand weiß, worin der bestanden haben könnte... man denkt sich halt was aus.
Viele der Akteure dieser Bewegung bezeichnen sich denn auch als "Demokraten" - denn sie wollen die Demokratie ja nicht abschaffen, sondern erst richtig verwirklichen! -, auch wenn sie nie wirklich bewiesen haben, dass sie welche sind. Sie gerieren sich als "erfahrene Politiker", auch wenn sie niemals nennenswerte Erfolge bei den Wählern oder bei der Ausübung eines Amtes hatten.
Die Änderungsvorschläge beinhalten etwa den, nicht mehr jeden Bürger ab einem bestimmten Alter wählen zu lassen, sondern die Kriterien einzugrenzen, etwa auf den Lebensstand. Überlegt wird auch, den Politikern, einmal gewählt, das Recht auf belienige Verlängerung und sogar erbliche Übertragung ihrer Ämter an ihre Sprösslinge zuzugestehen. Auch eine Mitgleidschaft im Parlament nur noch an den Höchstbietenden zu verkaufen, ist im Gespräch.
Erschwerend kommt noch hinzu, dass es keine Diskussionskultur mehr gibt, eigentlich werden immerzu nur Phrasen und Schlagworte gebrüllt... wirklich begründen, historisch fundiert darlegen oder erörtern, kann man nicht mehr.

Frage: Ist das vernünftig? Ist es vernünftig, in einem allgemeinen Klima der Unkenntnis, des mangelnden Wissens über und des fehlenden Bezugs zur Demokratie, diese selbe Demokratie auf ihren angeblichen "wahren Kern" hin ummodeln zu wollen?  Besteht nicht die Gefahr, dass hier die Redelsführer die breiten Massen ob ihrer Unkenntnis für ihr eigenes Spiel missbrauchen?
Oder wäre es nicht doch sinnvoller, zunächst einmal für eine tiefgehende Bildung und eine breite Beteiligung der Bürger Sorge zu tragen, bevor man anfängt, an dem System herumzudoktern? Einfach aus dem Grund, damit die Leute wissen, was sie da ändern und wohin die Reise gehen soll, bevor man ans Werk geht.

Nun: Genau dieses oben beschriebene Szenario erlebt die Katholische Kirche in Deutschland gerade. Die große Mehrheit ihrer Mitglieder hat faktisch ein schockierend niedriges Wissen darüber, was die Kirche ist, was sie lehrt und warum sie dies lehrt. Die Ergebnisse des vatikanischen Fragebogens vom letzten Jahr haben das schwarz auf weiß offengelegt (vgl. hier). Die meisten Verantwortungsträger haben insofern in ihrem Amt versagt, als sie diesen desolaten Zustand direkt zu verantworten und seit Jahrzehnten nichts Gegenteiliges unternommen haben. Und ihre Ortskirchen zerbröseln unter ihren Händen, die Leute treten in Massen aus, niemand schert sich mehr um das, was sie zu sagen haben.
Trotz allem haben wir nun eine breit angelegte "Bewegung", die alles Mögliche in der Kirche ändern will, seien es Fragen die eng mit dem Glauben zusammenhängen (Frauenpriestertum) oder zentrale Fragen der Morallehre.
Ich erlebe es selbst an meiner theologischen Fakultät, auch bei den Dozenten, dass eigentlich nicht verstanden wird, wie und warum die Kirche dies oder jenes lehrt. Allzuoft auch schon nicht, WAS die Kirche eigentlich lehrt. Es wird einfach eine Lehre (sei es des Glaubens oder der Moral) oder eine Disziplin abgelehnt, aber nur äußerst selten kann der Ablehnende erklären, warum es diese Lehre oder Disziplin überhaupt gibt... oder was sie genau beinhaltet. Wenn er aber nicht weiß, warum die Kirche dies oder jenes sagt, was berechtigt ihn dann dazu, dies in Frage zu stellen?

Es wäre zum lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Die, die faktisch am wenigsten kompetent sind etwas zu ändern, tun so, als hätten sie den Master-Plan. Und die Wenigen, die über diese schändliche Situation noch den Überblick haben, die aber ihre eigenen Ziele verfolgen, wissen diese Unkenntnis wunderbar zu nutzen um "demokratisch" Druck auszuüben. Da sie oft genug selbst für diese Unkenntnis (mit)verantwortlich sind, ist das ganze sogar schon irgendwie perfide.

Ich habe nichts gegen sinnvolle Änderungen. Aber ich lege doch Wert darauf, dass sich darum diejenigen kümmern, die Ahnung haben. Wenn einem Arzt alle seine Patienten wegsterben, egal mit welcher Krankheit sie zu ihm kommen, dann sollte man sich zweimal überlegen, ob er der Richtige ist, mich im Krankheitsfall zu beraten. Wenn einem Bischof immerzu die Leute weglaufen, dann ist er vermutlich nicht der Richtige, mir zu erzählen, wie man genau das verhindern kann. Wenn unter diesem Bischof das geistliche Leben stagniert oder rapide abnimmt, dann wird er wohl kaum der Experte für geistlichen Aufbruch sein. Wie ein schaler Witz wirkt es da, wenn solch ein Bischof ein Buch schreibt mit dem Titel "Kirche überlebt", denn überleben ist etwas anderes als leben. Überleben kann ich einen schweren Unfall auch, wenn ich hinterher querschnittsgelähmt bin. Überleben kann ein alter und eigentlich sterbender Mensch noch sehr lange, wenn er nur an die richtigen Maschinen angeschlossen ist und vor sich hin siecht.

Stattdessen sollten wir, das halte ich für das mit Abstand vernünftigste, unseren Blick dahin wenden, wo die Kirche nicht bloß überlebt, sondern wo sie lebt, wo sie blüht. Dort lernen wir, was es heißt, Kirche zu sein.
Und die Lehre der Kirche sollte man auch nur dort hinterfragen, wo sie 1. bekannt ist, 2. in ihrer Begründung verstanden wird und wo sich 3. die Menschen zumindest bemühen, sie zu leben. 2. und 3. haben 1. als notwendige Vorbedingung. Aber gerade um 1. ist es in Deutschland sehr schlecht bestellt, das haben wir seit einem Jahr schwarz auf weiß; um 2. ist es dementsprechend noch viel schlechter bestellt, gerade auch unter den Was-zu-sagen-Habern (siehe das ZK). Und um 3., das hat jene Umfrag zum geistlichen Leben bei den Seelsorgern gezeigt, muss man sich auch ganz ernsthaft Sorgen machen.

Mal ehrlich: Welche Berechtigung hätte ausgerechnet die katholische Kirche in Deutschland, Lehre und Disziplin der Kirche zu hinterfragen? Was hat die Kirche in Deutschland denn wirklich der Weltkirche zu bieten, das für das Heil der Menschen und die überweltliche Gemeinschaft der Glieder der Kirche geistlich fruchtbar wirken kann?
Das Einzige, was wir anzubieten haben, sind viele theologische Fakultäten mit endlosen Metern verstaubter Bücher (vgl. hier), stetig weiter wachsende Strukturapparate und viel, sehr viel Geld. Aber an geistlichen Gütern und Aufbrüchen, was haben wir da zu verzeichnen? Bekehrungen, Kircheneintritte, Beichtzahlen, Gottesdienstbesucher, Wallfahrten, Anbetung, Eheschließungen, Taufen?... Und trotzdem spielen wir uns auf wie sonstwas... Man sollte so ehrlich sein, sich das eigene Ungenügen und die entsprechende Nichtzuständigkeit einzugestehen. Es stünde einem Kardinal Marx gut an, einmal ganz still zu sein, sich stellvertretend für seine Amtskollegen (und seine und deren Vorgänger) unauffällig ganz weit an den Rand der Synodenaula zu setzen, gut zuzuhören und sich einer ausgiebigen Gewissenserforschung zu widmen.

Donnerstag, 3. September 2015

Wahrheit und Mehrheit

Ein Kommentator schrieb neulich (hier, runterscrollen):  
»es geht darum, dass die innersten und ehrlichsten Überzeugungen der vernünftigen Mehrheit der Christen (bspw. dass Homosexualität anders als man früher dachte wohl doch nicht in sich böse ist) ein Indiz dafür sind, was in der kath. Kirche als richtig zu gelten hat und welche Lehrmeinung sich durchsetzt.
Also nicht Akkomodation i.S. einer bequemen, widerstandslosen Übernahme irgendeines Zeitgeistes. Sondern Zurkenntnisnehmen der Wahrheit, die (auch) in der allg. Überzeugung der Mehrheit der vernünftigen und gutmeinenden Christen zum Ausdruck kommt.«

Meine Erwiederung sah zunächst so aus:
»Dein Denkfehler liegt darin begründet, dass du "Mehrheit" mit "Wahrheit" gleichsetzt. Das ist Irrsinn. Mehrheit bringt hier überhaupt nichts. Die Mehrheit lebte in Sodom und Gomorra verdammungswürdig. Die Mehrheit warf sich vor dem goldenen Kalb nieder. Die Mehrheit der Israeliten fiel immer wieder von Gott ab. Die Mehrheit wählte, ganz demokratisch, nicht nur in unserem Land einst einen Diktator zum Staatschef.«

Man könnte diese Aufzählung noch beliebig erweitern und z.B. erwähnen, dass "die Mehrheit" der Zuhörer Jesu bei der Eucharistierede in Joh 6 sich danach von ihm abgewendet haben. Man könnte darauf hinweisen, dass "die Mehrheit" gerufen hat "Kreuzige ihn!"...
Man könnte sodann darauf Hinweisen, dass Jesus immerzu vor dem Weg der Mehrheit gewarnt hat (breite Straße, weites Tor). Es gibt wirklich nichts in der Verkündigung Jesu oder in der Geschichte Gottes mit seinem Volk, das die These stützen könnte, wonach es eine Korrelation zwischen Mehrheit und Wahrheit gibt. Stattdessen finden wir überall das genaue Gegenteil. Übrigens auch zu Hauf in der Kirchengeschichte.

Der Grund, warum Mehrheit niemals Wahrheit schaffen kann, ist offensichtlich, und ich habe dies in meinem Blogbeitrag Dürftige Theologie - 17 - Vom Be-Urteilen mittels einer rhetorischen Frage zu verdeutlichen versucht: "Oder glaubt denn irgendwer ernsthaft, dass wir gegenwärtig in einer Gesellschaft leben, die im Einzelnen wie im Gesamten so heil(igmäßig) ist, dass sich der Wille Gottes in der "Lebenswirklichkeit" der Menschen kundtut?"
Nichts anderes wird nun aber von jenem Kommentator (und er ist damit in der theologischen und pseudo-theologischen Landschaft in Deutschland alles andere als allein) vorgeschlagen.

Der Grund, warum Mehrheit niemals Wahrheit schaffen darf, ist ähnlich simpel: Weil die "Meinung der Mehrheit" (auch dann, wenn man sie pathetisch als "innerste und ehrlichste Überzeugung" exaggeriert) niemals die Meinung der Mehrheit ist, sondern die Meinung des erfolgreichsten Populisten (bzw. dessen mit dem lautesten Organ). Denn die meisten Leute haben keine Ahnung von den komplexen Sachverhalten, um die es geht - sei es nun Wirtschaft, Politik, oder Theologie - und müssen sich darum dem Redelsführer anschließen, von dessen Parolen sie sich am ehesten gemeint fühlen oder den sie am sympathischsten finden. 
Mehrheiten fallen, auch wenn der Kommentator das Gegenteil behauptet, nicht vom Himmel: Mehrheiten werden immer von Menschen gemacht.

Appropos: Was ist denn eigentlich eine "vernünftige Mehrheit"? Wer bestimmt darüber, wer vernünftig ist? Wer fällt denn darunter? Etwa die Mehrheit der Theologen in unserem Land, die wesentliche Glaubensinhalte leugnet? Die Mehrheit der Pfarrer, die ihren Schäfchen die kirchliche Morallehre schlichtweg vorenthalten, um sie nicht zu verschrecken und die routinemäßig kirchliche Gesetze und ihr eigenes Weiheversprechen durch "Liturgie Marke: Eigenbau" brechen? Die Mehrheit der Katholiken, die sich nach Jahrzehnten des Bildungsmangels als erstaunlich ignorant gegenüber der kirchliche Lehre erwiesen haben? (Vgl. dazu hier.)
Und wer ist "gutmeinend"? Wer urteilt darüber? Sind die Piusbrüder gutmeinend? Sind die Verfechter der kirchlichen Lehre gutmeinend? Sind die Theologieprofessoren gutmeinend, die offen gegen die Lehre der Kirche wettern? Oder sind nur die gutmeinend, die sich als Gutmenschen gerieren? 
Die Frage ist letztlich: Wer hat die Macht, wer entscheidet? Auch wenn es um die Suche nach "Mehrheit" geht, erst recht, wenn man diese Mehrheit erst noch qualifiziert (z.B. als "vernünftig" und "gutmeinend"). Wer definiert, wer bestimmt?

Schließlich ist es doch wohl auch so, das muss man sich ehrlich eingestehen: Würde man hierzulande unter den Katholiken eine Umfrage machen nicht bezüglich moralischer Fragen (mit erwartetem Ergebnis), sondern bezüglich wesentlicher Glaubensinhalte (letztes Gericht, Realpräsenz in der Eucharistie etc.), würde man feststellen, dass die "Mehrheit" völlig inkompetent ist über irgendetwas dem Glauben oder der Moral Zugehöriges zu entscheiden, selbst wenn das überhaupt nur möglich wäre.


Nein, also sorry: Wer glaubt, per Mehrheit ließe sich Wahrheit feststellen, der nimmt weder die Bibel, noch die Geschichte, noch die conditio humana irgendwie ernst.
Ein solches Prinzip, das heute ironischerweise die theologische Mehrheitsmeinung (zumindest in Deutschland) ist, steht dem Glauben an eine Offenbarung Gottes und damit dem christlichen Glauben als ganzem, diametral entgegen: Als Jesus die Menschen lehrte und ermahnte, da hat er eben nicht gefragt: "wie hättet ihr's denn gern?, lasst uns mal darüber abstimmen", sondern er hat ihnen gesagt wie es ist. Ebenso die Apostel, ebenso die Kirche.
"Mehrheit" hat mit "Wahrheit" nichts zutun, meistens steht jene im Widerspruch zu dieser. Blumiger kann man das nicht sagen.

Die Formulierung des Kommentators "was in der kath. Kirche als richtig zu gelten hat" offenbart den zugrundeliegenden Irrtum sehr anschaulich: Einer "Mehrheit" geht es tatsächlich nur darum, was ihr "als richtig gilt"... aber das kann morgen schon von etwas anderem abgelöst werden, was dann der "Mehrheit" "als richtig gilt". Der Kirche aber geht es um die Wahrheit, und die kann sich per definitionem nicht ändern. Wahr ist etwas, weil es richtig ist, nicht bloß, weil es zufällig gerade für richtig gehalten wird.
Ich persönlich halte da zu Johannes:
»Für euch gilt: Was ihr von Anfang an gehört habt, soll in euch bleiben; wenn das, was ihr von Anfang an gehört habt, in euch bleibt, dann bleibt ihr im Sohn und im Vater. Und seine Verheißung an uns ist das ewige Leben. Dies habe ich euch über die geschrieben, die euch in die Irre führen.« (1Joh 2,24-26)

PS. "... und welche Lehrmeinung sich durchsetzt"... Es gibt nur eine Lehrmeinung, nämlich die des Lehramtes; alles andere sind bloß Meinungen.

Mittwoch, 2. September 2015

Jubiläum der Barmherzigkeit - Ablass

Das "Außerordentliche Jubiläum der Barmherzigkeit", das Papst Franziskus ausgerufen hat, stellt viele Katholiken sicher vor mittel- bis sehr große Schwierigkeiten. Denn worum es dabei geht ist nicht ein billiges "wir fühlen uns alle gut" und "Gott wirds schon richten", sondern es ist v.a. ein Ruf zu "echter Umkehr" und zur sakramentalen Versöhnung mit der Kirche und mit Gott. Der aktuelle päpstliche Brief an den Präsidenten des Päpstlichen Rats zur Förderung der Neuevangelisierung (hier) macht dies recht deutlich. Er behandelt den Jubiläumsablass und die v.a. logistisch (und für manche auch rechtlich) vereinfachten Bedingungen, diesen zu erlangen.

Und da fängt es schon an: Was ist überhaupt ein Ablass? "Ablass ist der Nachlass zeitlicher Strafe vor Gott, für Sünden, deren Schuld schon getilgt ist" (Handbuch der Ablässe, Ablass-Normen, 1). Es geht also um den Erlass zeitlicher Sündenstrafen, die hinsichtlich ihrer Schuld bereits durch das Sakrament der Beichte vergeben sind. Was sind "zeitliche Sündenstrafen"? Das sind, vereinfacht gesagt, die Leiden der "armen Seelen" (der Verstorbenen) im Purgatorium (vulgo "Fegefeuer"). Also jener Aspekt unseres katholischen Glaubens, der heute von den meisten Theologen offen bestritten/geleugnet, von den meisten Pfarrern ignoriert und von den meisten Gläubigen oft genug nicht einmal mehr (als Glaubensinhalt) gewusst und bestenfalls einschlussweise geglaubt wird.
Und dabei ist er so wertvoll! V.a. in der Sorge um die Verstorbenen, ist der Ablass von unschätzbarem Wert.

Wann haben Sie, lieber Leser, das letzte Mal einen Ablass erworben? Wissen Sie überhaupt, wie das geht? Der Kenner weiß: Einen Ablass gibt es nur in Verbindung mit dem Sakrament der Beichte (und anderen Bedingungen, die der Papst auch nennt). Ja, richtig gelesen, jenes Sakrament, das laut Statistik, viele (bis zu 9 von 10) hauptamtliche Mitarbeiter der kath. Kirche in Deutschland seltener empfangen, als dies das Kirchengebot vorschreibt. Jenes Sakrament, das mit Abstand am meisten mit "Konservativismus", "Rigorismus", "Rückständigkeit" etc. in Verbindung gebracht wird...

Die den Brief beschließenden Regelungen bzgl. Piusbruderschaft (meine Gedanken zu diesem bemerkenswerten Schritt: hier) und Abtreibung (zu den Verwirrungen diesbezüglich, ob der Papst nun Abtreibung erlaubt habe: hier) dienen einzig diesem Ziel: Dass alle hier Betroffenen, die zur Umkehr bereit sind, ungehindert den Jubiläumsablass erlangen können. [Dass mancher Zeitgenosse sich dazu hinreißen lässt, hier ein taktisches Manöver zur meinungspolitischen Einflussnahme zu sehen (siehe den letzten Link, der erste Leserkommentar), macht mich Schmunzeln, denn nichts liegt diesem Schreiben des Papstes ferner - das offenkundig nur, ich wiederhole mich, die Regelungen für den Erwerb des Ablasses und den in einigen Fällen erleichterten Zugang zur Beichte zum Erwerb dieses Ablasses zum Inhalt hat. Man beachte auch die Ausführungen des Papstes bezüglich der Strafgefangenen, die keine Möglichkeit haben, eine ordentliche Heilige Pforte zu durchschreiten.]

Es geht nicht um ein Wohlgefühl, sondern um Taten die dem eigenen Heil und dem der anderen dienen. Die auch zuweilen sehr unbequem und heute überhaupt nicht (kirchen-)politisch korrekt sind. Nochmal Franziskus:
»Es ist mein Wunsch, dass die Kirche in dieser Zeit des Jubiläums den in den leiblichen und geistlichen Werken der Barmherzigkeit enthaltenen Reichtum wiederentdecken möge.«

Zu den geistlichen Werken der Barmherzigkeit gehören auch diese: Für die Verstorbenen beten (der Ablass für einen Verstorbenen ist hier gewissermaßen das non-plus-ultra!), die Unwissenden lehren (was ich mit diesem Blog versuche) und die Sünder zurechtweisen (was heute allzugern mit der Berufung auf das Gewissen regelrecht als Diffamierung bekämpft wird, vgl. meine Ausfürungen dazu hier).

Alles in Allem kann man wohl konstatieren: Wären nicht diese zwei heiklen bzw. für Uninformierte sensationellen Passagen darin, würde niemand diesen Brief beachten... denn er regelt ja eigentlich nur einige rechtliche Formalitäten bezüglich des (wie mit jedem, so auch) mit diesem Jubiläum verbundenen Ablasses. Ein Thema, das, mal ehrlich, selbst unter den Katholiken hierzulande kaum jemanden interessiert. Man wird dieses Jubeljahr sicherlich mit vielen wohlfeilen Phrasen pflastern und am Ende doch nur "billige Barmherzigkeit" predigen... ich hege Zweifel, ob die Beichtzahlen merkbar ansteigen werden. Immerhin ein Gutes hat die ganze Aufregung um die Sache mit der Abtreibung und den Piussen (siehe die Links dazu weiter oben): Dieser Brief hat ungeahnt viel Aufmerksamkeit bekommen, und vielleicht lässt sich ja der eine oder andere Leser berühren, diese Aspekte des katholischen Glaubens - sakramentale Versöhnung, Ablass - wieder ernster zu nehmen.
Ich für meinen Teil danke dem heiligen Vater, dass er sich bemüht, an alle zu denken, so dass niemand, der auf den Weg der Gebote Gottes umkehren und den Jubiläumsablass gewinnen will, durch äußere Umstände daran gehindert ist. Und ich werde in diesem Jubeljahr auch einen solchen Ablass erlangen.