Samstag, 21. November 2015

Am deutschen Wesen...

... soll - nach dem Vernehmen gewisser deutscher Würdenträger in den letzten Monaten - die ganze Katholische Kirche genesen. Dass die deutsche Kirche aber wohl eher der Kranke Mann der Weltkirche ist, das hat wohl kaum jemand bisher so deutlich zum Ausdruck gebracht, wie ausgerechnet Papst Franziskus in seiner gestrigen Ansprache an die deutschen Bischöfe bei ihrem Ad-limina-Besuch: Verweltlichung, Überhang der Strukturen, Erosion des Glaubens; die Notwendigkeit der Treue zum Lehramt, von Mission, Beichte, Priestertum. Hier einige der für mich bedeutsamsten Passagen:

- Überall engagiert sich die Kirche professionell im sozial-caritativen Bereich und ist auch im Schulwesen überaus aktiv. Es ist darauf zu achten, dass in diesen Einrichtungen das katholische Profil gewahrt bleibt. 

- Wo in den Sechziger Jahren noch weiträumig fast jeder zweite Gläubige regelmäßig sonntags zu Heiligen Messe ging, sind es heute vielfach weniger als 10 Prozent. Die Sakramente werden immer weniger in Anspruch genommen. Die Beichte ist vielfach verschwunden. Immer weniger Katholiken lassen sich firmen oder gehen das Sakrament der Ehe ein. Die Zahl der Berufungen für den Dienst des Priesters und für das gottgeweihte Leben haben drastisch abgenommen. Angesichts dieser Tatsachen ist wirklich von einer Erosion des katholischen Glaubens in Deutschland zu sprechen.

- Denken wir nur an Priska und Aquila, die treuen Mitarbeiter des heiligen Paulus. Als Ehepaar verkündeten sie mit überzeugenden Worten (vgl. Apg 18,26), vor allem aber mit ihrem Leben, dass die Wahrheit, die auf der Liebe Christi zu seiner Kirche gründet, wirklich glaubwürdig ist. Sie öffneten ihr Haus für die Verkündigung und schöpften aus dem Wort Gottes Kraft für ihre Mission. Das Beispiel dieser „Ehrenamtlichen“ mag uns zu denken geben angesichts einer Tendenz zu fortschreitender Institutionalisierung der Kirche. Es werden immer neue Strukturen geschaffen, für die eigentlich die Gläubigen fehlen. Es handelt sich um eine Art neuer Pelagianismus, der dazu führt, unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat. Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert aber das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen (vgl. Evangelii gaudium, 32).

- Das Gebot der Stunde ist die pastorale Neuausrichtung, also „dafür zu sorgen, dass die Strukturen der Kirche alle missionarischer werden, dass die gewöhnliche Seelsorge in all ihren Bereichen expansiver und offener ist, dass sie die in der Seelsorge Tätigen in eine ständige Haltung des ‚Aufbruchs‘ versetzt und so die positive Antwort all derer begünstigt, denen Jesus seine Freundschaft anbietet“ (vgl. Evangelii gaudium, 27).

- Wir müssen bei den Menschen sein mit der Glut derer, die als erste das Evangelium in sich aufgenommen haben. Und „jedes Mal, wenn wir versuchen, zur Quelle zurückzukehren und die ursprüngliche Frische des Evangeliums wiederzugewinnen, tauchen neue Wege, kreative Methoden, andere Ausdrucksformen, aussagekräftigere Zeichen und Worte reich an neuer Bedeutung für die Welt von heute auf. In der Tat, jedes echte missionarische Handeln ist immer ‚neu‘“ (Evangelii gaudium, 11). Auf diese Weise können sich alternative Wege und Formen von Katechese ergeben, die den jungen Menschen und den Familien helfen, den allgemeinen Glauben der Kirche authentisch und froh wiederzuentdecken. 

- In diesem Zusammenhang der neuen Evangelisierung ist es unerlässlich, dass der Bischof seine Aufgabe als Lehrer des Glaubens, des in der lebendigen Gemeinschaft der universalen Kirche überlieferten und gelebten Glaubens, in den vielfältigen Bereichen seines Hirtendienstes gewissenhaft wahrnimmt. Wie ein treusorgender Vater wird der Bischof die theologischen Fakultäten begleiten und den Lehrenden helfen, die kirchliche Tragweite ihrer Sendung im Auge zu behalten. Die Treue zur Kirche und zum Lehramt widerspricht nicht der akademischen Freiheit, sie erfordert jedoch eine Haltung der Dienstbereitschaft gegenüber den Gaben Gottes. Das sentire cum Ecclesia muss besonders diejenigen auszeichnen, welche die jungen Generationen ausbilden und formen.

- Wenn wir ferner einen Blick auf die Pfarrgemeinden werfen, die Gemeinschaft, in der der Glaube am meisten erfahrbar und gelebt wird, so muss dem Bischof in besonderer Weise das sakramentale Leben am Herzen liegen. Hier seien nur zwei Punkte hervorgehoben: die Beichte und die Eucharistie. Das bevorstehende Außerordentliche Jubiläum der Barmherzigkeit bietet die Gelegenheit, das Sakrament der Buße und der Versöhnung wieder neu zu entdecken. Die Beichte ist der Ort, wo einem Gottes Vergebung und Barmherzigkeit geschenkt wird. In der Beichte beginnt die Umwandlung des einzelnen Gläubigen und die Reform der Kirche. Ich vertraue darauf, dass im kommenden Heiligen Jahr und darüber hinaus dieses für die geistliche Erneuerung so wichtige Sakrament in den Pastoralplänen der Diözesen und Pfarreien mehr Berücksichtigung findet.

- Desgleichen ist es notwendig, die innere Verbindung von Eucharistie und Priestertum stets klar sichtbar zu machen. Pastoralpläne, die den geweihten Priestern nicht die gebührende Bedeutung in ihrem Dienst des Leitens, Lehrens und Heiligens im Zusammenhang mit dem Aufbau der Kirche und dem sakramentalen Leben beimessen, sind der Erfahrung nach zum Scheitern verurteilt. Die wertvolle Mithilfe von Laienchristen im Leben der Gemeinden, vor allem dort, wo geistliche Berufungen schmerzlich fehlen, darf nicht zum Ersatz des priesterlichen Dienstes werden oder ihn sogar als optional erscheinen lassen. Ohne Priester gibt es keine Eucharistie. Die Berufungspastoral beginnt mit der Sehnsucht nach dem Priester im Herzen der Gläubigen.

- Ein nicht hoch genug zu einschätzender Auftrag des Bischofs ist schließlich der Eintritt für das Leben. Die Kirche darf nie müde werden, Anwältin des Lebens zu sein und darf keine Abstriche darin machen, dass das menschliche Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod uneingeschränkt zu schützen ist. Wir können hier keine Kompromisse eingehen, ohne nicht selbst mitschuldig zu werden an der leider weitverbreiteten Kultur des Wegwerfens. (von hier)

Dem Papst geht es ums Wesentliche. Er hält sich nicht auf mit politischen Statements, Floskeln oder wohlfeilen Lobhudeleien, sondern nennt das ganze Elend beim Namen und macht unmissverständlich klar, dass nur das katholische Proprium (Beichte, treue Bewahrung und Verkündigung des ganzen Glaubens der Kirche, missionarischer Eifer etc.) Abhilfe schaffen kann... genau das, was hierzulande weitestgehend brach liegt.
Natürlich wird nun wieder jeder sich das rauspicken, was ihm passt und gute Miene machen. Aber hier ist eigentlich kein Interpretationsspielraum. Mit Verlaub: Wenn etwa ein Bischof Bode über "andere priesterliche Formen" nachdenkt, was ziemlich sicher auf eine Einebung des Unterschieds zwischen Priestern und Laien hinausläuft; wenn die DBK die neue Gesetzeslage zur Sterbehilfe bejubelt, die für Christen eigentlich völlig unannehmbar ist; wenn verschiedentlich versucht wird, Eucharistie und Beichte zu entkoppeln (und Letztere faktisch zu desavouieren), wie etwa in der Freiburger Handreichung zu den wvG und zugleich über 50% der Priester und über 90% der Gemeindereferenten einmal oder seltener im Jahr zur Beichte gehen; wenn katholische Einrichtungen und besonders die theologischen Fakultäten sich in der Mehrzahl alle Mühe geben, nicht mehr als "katholisch" aufzufallen; wenn gewisse Kardinäle den Zentralismus in der Weltkirche anprangern, während sie selbst dafür sorgen, dass ein ekklesiologisch irrelevantes und alles in allem fiktives Organ namens "Bischofskonferenz" den Diözesanbischöfen (von denen jeder Einzelne einzig dem Papst untersteht) vorschreiben kann, wie der Hase zu laufen hat; wenn der Apparat an Strukturen, wie aktuell ausgerechnet im Erzbistum München, exorbitante Außmaße erreicht; wenn das Wort "Mission" aus dem Vokabular der Würdenträger restlos verschwunden ist... dann ist es an der Zeit, den Papst beim Wort zu nehmen und endlich mal den Ar*** hochzukriegen.  
Die Beispiele für Handlungen und Unterlassungen der deutschen "Amtskirche", die genau konträr zu dem laufen, was Franziskus ihnen gestern eingeschärft hat, ließen sich beliebig vermehren... Ich befürchte aber, dass man sich nun noch mehr auf die Fehlleistungen und Irrwege konzentrieren wird, die der Papst in seiner Ansprache nicht explizit angesprochen hat, mit dem ausgesprochenen oder unausgesprochenen Argument "dazu hat er ja nix gesagt".
Man wird sehen, wie die deutschen Bischöfe nun Handeln werden.

PS. Dass der Papst in seiner Ansprache ausgerechnet die KU Eichstätt so überdeutlich gelobt hat, lässt aufhorchen. Schon länger gibt es Überlegungen in der DBK, die dortige theologische Fakultät zu schließen, was gut dazu passt, die liberale (nicht selten ausgesprochen protestantisch-nationalkirchliche) Linie der katholischen Theologie in Deutschland weiter zu festigen. Wenn nun selbst der Papst ein Fan dieser Uni ist, dürften diese Überlegungen nun hoffentlich ein Ende haben. 

PPS. Papst Franziskus fordert eine "pastorale Neuausrichtung" in den deutschen Diözesen... Wenn Kardinal Marx ehrlich wäre und zu dem stünde, was er bisher immer wieder vollmundig verlauten ließ ("keine Filiale Roms"), müsste er in etwa so reagieren: Was fällt dem Papst eigentlich ein, sich derart in die Angelegenheiten hierzulande einzumischen? Wie war das noch mit Synodalität? Hieß das denn nicht, "Jeder kocht sein eigenes Süppchen"?
Nur son Gedanke... 

Samstag, 14. November 2015

"... notre combat sera impitoyable"

Mich hat es betroffen gemacht, dass der französische Präsident einen "erbarmungslosen Kampf" angekündigt hat (hier sagt er es). Der Mann will Blut sehen. Einen "kriegerischen Akt" nannte er es, was gestern geschehen ist... folglich zieht er nun in den Krieg... (in dem er schon seit vielen Monaten ohnehin knietief drinsteckt).Bravo. Das laizistische Frankreich ist nun endlich wieder in der guten alten Zeit angelangt, als Barmherzigkeit noch unbekannt war. Töten die 100 von uns, töten wir tausende von ihnen. Erbarmungslos. Soviel zum christlichen Abendland.

Die bislang bemerkenswerteste Äußerung kommt m.E. von Martin Schulz, dem Präsidenten des EU-Parlaments: "Das, was wir in Paris erlebt haben, ist in Homs, in Aleppo, in Damaskus Alltag" (hier). Was ich nun aber weniger im Blick auf die Beurteilung der Flüchtlinge verstehe, sondern v.a. im Hinblick auf die Scheinheiligkeit des "Westens"... denn den kümmerte es und kümmert es nach wie vor erstaunlich wenig, was dort abgeht... aber wenn sowas in Paris passiert, DANN erstrahlen überall in der westlichen Welt plötzlich die Wahrzeichen der Hauptstädte in Blau-Weiß-Rot...


Beten wir für die Opfer und für die, die verantwortlich sind.

Sonntag, 25. Oktober 2015

Lektionen

Aus der Lesehore dieses Sonntags:
»Auf zweifache Weise suche ich meine Auserwählten heim: in Anfechtung und in Trost. Ich halte ihnen Tag für Tag zwei Lesungen [Lektionen]: in der einen tadele ich ihre Sünden, in der andern mahne ich sie zum Wachstum in der Tugend.« (Thomas von Kempen, Nachfolge Christi III,3)

Freitag, 16. Oktober 2015

Billige Gnade

»Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf geht heute um die teure Gnade.
Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenkenlos und grenzenlos ausgeschüttet wird; Gnade ohne Preis, ohne Kosten. Das sei ja gerade das Wesen der Gnade, dass die Rechnung im voraus für alle Zeit beglichen ist. Auf die gezahlte Rechnung hin ist alles umsonst zu haben. Unendlich groß sind die aufgebrachten Kosten, unendlich groß daher auch die Möglichkeiten des Gebrauchs und der Verschwendung. Was wäre Gnade, die nicht billige Gnade ist?
Billige Gnade heißt Gnade als Lehre, als Prinzip, als System; heißt Sündenvergebung als allgemeine Wahrheit, heißt Liebe Gottes als christliche Gottesidee. Wer sie bejaht, der hat schon Vergebung seiner Sünden. Die Kirche dieser Gnadenlehre ist durch sie schon der Gnade teilhaftig. In dieser Kirche findet die Welt billige Bedeckung ihrer Sünden, die sie nicht bereut und von denen frei zu werden sie erst recht nicht wünscht. Billige Gnade ist darum Leugnung des lebendigen Wortes Gottes, Leugnung der Menschwerdung des Wortes Gottes.
Billige Gnade heißt Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders. Weil Gnade doch alles allein tut, darum kann alles beim alten bleiben. "Es ist doch unser Tun umsonst." Welt bleibt Welt, und wir bleiben Sünder "auch in dem besten Leben". Es lebe also auch der Christ wie die Welt, er stelle sich der Welt in allen Dingen gleich und unterfange sich ja nicht – bei der Ketzerei des Schwärmertums! – unter der Gnade ein anderes Leben zu führen als unter der Sünde! Er hüte sich gegen die Gnade zu wüten, die große, billige Gnade zu schänden und neuen Buchstabendienst aufzurichten durch den Versuch eines gehorsamen Lebens unter den Geboten Jesu Christi! Die Welt ist durch Gnade gerechtfertigt, darum – um des Ernstes dieser Gnade willen!, um dieser unersetzlichen Gnade nicht zu widerstreben! – lebe der Christ wie die übrige Welt! Gewiss, er würde gern ein Außerordentliches tun, es ist für ihn unzweifelhaft der schwerste Verzicht, dies nicht zu tun, sondern weltlich leben zu müssen. Aber er muss den Verzicht leisten, die Selbstverleugnung üben, sich von der Welt mit seinem Leben nicht zu unterscheiden. Soweit muss er die Gnade wirklich Gnade sein lassen, dass er der Welt den Glauben an diese billige Gnade nicht zerstört. Der Christ aber sei in seiner Weltlichkeit, in diesem notwendigen Verzicht, den er um der Welt – nein, um der Gnade willen! – leisten muss, getrost und sicher (securus) im Besitz dieser Gnade, die alles allein tut. Also, der Christ folge nicht nach, aber er tröste sich der Gnade! Das ist billige Gnade als Rechtfertigung der Sünde, aber nicht als Rechtfertigung des bußfertigen Sünders, der von seiner Sünde lässt und umkehrt; nicht Vergebung der Sünde, die von der Sünde trennt. Billige Gnade ist die Gnade, die wir mit uns selbst haben.
Billige Gnade ist Predigt der Vergebung ohne Buße, ist Taufe ohne Gemeindezucht, ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus.
Teure Gnade ist der verborgene Schatz im Acker, um dessentwillen der Mensch hingeht und mit Freuden alles verkauft, was er hatte; die köstliche Perle, für deren Preis der Kaufmann alle seine Güter hingibt; die Königsherrschaft Christi, um derentwillen sich der Mensch das Auge ausreißt, das ihn ärgert, der Ruf Jesu Christi, auf den hin der Jünger seine Netze verlässt und nachfolgt.
Teure Gnade ist das Evangelium, das immer wieder gesucht, die Gabe, um die gebeten, die Tür, an die angeklopft werden muss.
Teuer ist sie, weil sie in die Nachfolge ruft, Gnade ist sie, weil sie in die Nachfolge Jesu Christi ruft; teuer ist sie, weil sie dem Menschen das Leben kostet, Gnade ist sie, weil sie ihm so das Leben erst schenkt; teuer ist sie, weil sie die Sünde verdammt, Gnade, weil sie den Sünder rechtfertigt. Teuer ist die Gnade vor allem darum, weil sie Gott teuer gewesen ist, weil sie Gott das Leben seines Sohnes gekostet hat – "ihr seid teuer erkauft" -, und weil uns nicht billig sein kann, was Gott teuer ist. Gnade ist sie vor allem darum, weil Gott sein Sohn nicht zu teuer war für unser Leben, sondern ihn für uns hingab. Teure Gnade ist Menschwerdung Gottes.
Teure Gnade ist Gnade als das Heiligtum Gottes, das vor der Welt behütet werden muss, das nicht vor die Hunde geworfen werden darf, sie ist darum Gnade als lebendiges Wort, Wort Gottes, das er selbst spricht, wie es ihm gefällt. Es trifft uns als gnädiger Ruf in die Nachfolge Jesu, es kommt als vergebendes Wort zu dem geängsteten Geist und dem zerschlagenen Herzen. Teuer ist die Gnade, weil sie den Menschen unter das Joch der Nachfolge Jesu Christi zwingt, Gnade ist es, dass Jesus sagt: "Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht."«

(So der Anfang des ersten Kapitels über "Die teure Gnade" aus Dietrich Bonhoeffers "Nachfolge")

Samstag, 3. Oktober 2015

Soli Deo

von hier

Während der drei Wochen der Synode werde ich hier nichts posten, um der Versuchung zu wehren, sie zu kommentieren. Und weil ich in dieser Zeit einiges andere zutun habe, anstatt mich mit selbiger Synode zu beschäftigen.

Wie sagte noch Newman: Wer Kreuzfahrten liebt, sollte sich vom Maschinenraum fernhalten. Nun, jetzt werden erstmal drei Wochen lang Kohlen geschaufelt und allen Nichtbeteiligten bleibt das Gebet für die Hirten, der Sakramentenempfang und wahlweise auch das Fasten. Synoden und Konzilien waren schon immer auch ziemlich schmutzige Angelegenheiten, bei denen einiges an Geschirr flog. Das wird auch diesmal nicht anders sein. Und am Ende entscheidet eh der Papst. Der Geist wird die Kirche des Herrn führen, es ist jetzt seine Bühne.

Freitag, 2. Oktober 2015

Dürftige Theologie - 18 - Perspektive

von hier
Bitte die Einführung (hier) beachten!


»Nach populärer Vorstellung ist die Langlebigkeit einer Institution an sich schon ein Einwand gegen sie - weil und wie bisher Alter an sich schon als Empfehlung galt. Heute herrscht bereits die unbewußte, darum um so mächtigere Vorstellung, solches Überleben könnte nur auf verdächtigten Ursachen beruhen: wie Unwissenheit, Aberglauben, Geistesträgheit, Machtkampf und Sturheit. Daß etwa Vernunft und Bewährung im Bewahren auch mitspielen könnten, damit rechnet man nicht gerne. Diese Voraussetzung erschwert jedem, der für Tradition irgendwelcher Art eintritt, das Gespräch: denn wie einst der Neuerer, befindet sich nun der Verteidiger eines Überlieferten und vornherein im Unrecht und auf der Anklagebank.« (Ida Friederike Görres, Be-Denkliches)

Was Ida Görres vor 50 Jahren, mitten in den Wirren nach dem letzten Konzil konstatierte, ist heute allgegenwärtig. Das ist besonders traurig, weil die gesamte Kirchengeschichte (und schon die Überlieferung innerhalb der Schriften des Neun Testaments!) bezeugt, dass das Hergebrachte, das Überlieferte, das Tradierte die Priorität genießt und jedes "Neue" von dieser Tradition her im Sinne einer Unterscheidung der Geister geprüft werden muss. Heute ist es andersherum. Die Perspektive hat sich völlig verschoben.
Das ist übrgens das gleiche Phänomen, das wir besonders im liturgischen Leben der Kirche beobachten können: Das überall anzutreffende Missverständnis liegt darin, dass die Gemeinde sich selbst feiern will, "Gemeinschaft" und "Beisammensein" sucht, anstatt das uneingeschränkte und bedingungslose Lob Gottes, das ihm wohlgefällige Opfer, darzubringen (vgl. dazu hier).

Dieser Perspektivwechsel ist in der akademischen Theologie besonders krass zu beobachten, und ich meine nicht nur, was man gemeinhin "anthropologische Wende" nennt (die ja auch eine sehr wichtige, positive Seite hat, wie sie etwa in der Theologie des Leibes zum Vorschein kommt). Ich meine noch viel grundlegender die Infragestellung von jedweder Wahrheit und zwar in allen theologischen Disziplinen. Und das geht so:

Früher (also: bisher immer) galt die Offenbarung Gottes dem Menschen. Sie hatte normativen Charakter. Die Gebote Gottes galt es zu befolgen, ihre Nichtbefolgung galt als Sünde, gleichbedeutend mit einer Abwendung und Flucht vor Gott, die sich dann konsequent auch ins Ewige fortzusetzen drohte (= Verdammnis). Wer sagte: Ich habe ihn erkannt!, aber seine Gebote nicht hält, der war ein Lügner und die Wahrheit war nicht in ihm (vgl. 1Joh 2,4).
Heute ist ein Grundaxiom der meisten Theologie auf eine Formel gebracht, wie sie mir neulich in konziser Form im Kontext der Religionspädagigik begegnet ist: "Die göttliche Offenbarung hat nur dann Geltung für den Menschen, wenn sie von diesem angenommen und bejaht wird."

Der Satz klingt für den Laien (und die meisten Theologiestudenten) auf den ersten Blick insofern vernünftig, weil er syllogistisch anmutet: Nur wenn ich etwas annehme und bejahe, kann es in meinem Leben zur Geltung kommen. Klingt logisch, weil es eigentlich zweimal das gleiche sagt: annehmen - zur Geltung kommen lassen... Wenn etwas in meinem Leben zur Geltung kommt, heißt das, dass ich es angenommen habe. Aber hier schleicht sich beim aufmerksamen Leser bereits ein ungutes Gefühl ein... stimmt das denn? Der Kniff, der hier angewendet wird, ist die Nuancierung des Begriffs der Geltung: Geltung meint nicht nur, dass sich etwas manifestiert, dass es bemerkbar wird und Auswirkungen hat, sondern im engeren Sinne eben auch - und darin den eben genannten Bedeutungen semantisch wie existentiell vorgelagert -, dass etwas gilt! Und genau diese letzte Bedeutung ist es, die mit der oben gegebenen axiomatischen Formel einerseits kaschiert werden soll, obgleich sie andererseits durchaus primär intendiert ist. Zu Deutsch: Man erweckt den Eindruck, nur eine doppelt-gemoppelte Phrase über die sich im Leben auswirkende Offenbarung Gottes zu gebrauchen, weil man sich irgendwie doch noch subkutan bewusst ist - zumindest im öffentlichen theologischen Treiben und Schreiben -, dass hier etwas Steiles behauptet wird. Aber was man eigentlich tut, und was auch jedem irgendwann freudig (weil "entlastend") auffällt, kommt einer Abschaffung dieser Offenbarung gleich.
Wenn nämlich die Offenbarung Gottes - und darin besonders seine Gebote - nur dann für mich gelten, wenn ich sie auch annehme und bejahe, heißt das nämich im Umkehrschluss, dass sie für mich dann nicht gelten, wenn ich sie nicht annehme und bejahe. Die Wahrheit Gottes und seine Gebote haben keine Geltung, keine Gültigkeit, wenn ich sie nicht möchte - ich bin nicht an sie gebunden. Oder so: Gott verlangt von mir keine Erfüllung seiner Gebote, wenn ich das nicht auch selbst will und er sanktioniert auch keine Nichterfüllung.
Noch grundlegender gilt dies für die Wahrheit Gottes selbst: Was auch immer die Bibel und/oder die Kirche von der Wahrheit Gottes lehren, gilt nur dann für mich, wenn ich es möchte. Wenn ich es nicht möchte, ist es auch egal, und Gott findet sich damit ab. Das ist der Begriff von "Freiheit", den der Freiburger Fundamentaltheologe Herr Striet in seiner endlosen atheistischen Selbstreferenz meint, wenn er sagt, dass es "nichts [gibt], über das hinaus Größeres für den Menschen zu denken und zu ersehnen wäre als das Recht auf Freiheit" (vgl. meine Notiz dazu hier).

Solches Denken lässt sich dann noch auf vielerlei Weise ganz gut kaschieren, beispielsweise so, wie es mir erst diese Woche wieder einmal begegnete: Indem man sagt, man verstehe Christentum als ein "narratives" Geschehen - im betonten Gegensatz zu einem am überlieferten Erbe "starr festhaltenden" "dogmatischen" Christentum. Das klingt zunächstmal irgendwie gut, und man kann es auch im guten Sinne verstehen: Von Jesus muss immer neu erzählt werden, und jeder muss selbst mit Ihm seine Lebensgeschichte gestalten (erzählen). Was aber damit i.d.R. gemeint ist, ist nicht das neue Erzählen, sondern das Erzählen von etwas Neuem, das man sich selbst ausgedacht hat und das wie selbstverständlich ausdrücklich gegen die Überlieferung in Stellung gebracht wird. Also genau das, wovor besonders der Apostel Paulus immer und immer wieder warnt.
Interessant ist, dass die Unterhaltung, in der mir diese Aussage diesmal begenete, sich von einem konkreten Sachverhalt sehr schnell auf die Frage nach der theologischen Erkenntnis verschoben hat und dort dann auch konsequenterweise von meiner Gesprächspartnerin die Evangelien gegen Paulus in Stellung gebracht wurden, nachdem ich auf die vielfältigen Aussagen des Paulus über das Festhalten an der überlieferten Lehre hingewiesen habe. Darauf die Erwiderung: Paulus vertrete nämlich ein solches "dogmatisches" Christentum, aber in den Evangelien sei das nicht so. Dass die Evangelien später als die meisten Briefe des Paulus entstanden sind und zwar auch in Gemeinden, die von diesem Paulus sehr geprägt waren, schien sie genausowenig zu interessieren, wie die Tatsache, dass die Evangelien selbst Frucht eines "Festhaltens" und getreuen Überlieferns sind, das logischereweise stattgefunden haben muss, bevor sie geschrieben wurde. In der Apostelgeschichte können wir ebenfalls die Wichtigkeit getreuer Überlieferung in der frühen Kirche geradezu live, "narrativ", erleben: "Sie hielten an der Lehre der Apostel fest"; Apg 2,42. Von den vielen eindeutigen Aussagen Jesu gerade über die Gebote Gottes, das zu erwartende Gericht und seine Person - die eine Umdeutung zu etwas weniger als dem Fleichgewordenen einzigen Sohn Gottes, der wiederkommen wird als Weltenrichter, nicht erlauben - einmal abgesehen. (Das war besonders witzig [oder gruselig?], weil mir jene Gesprächspartnerin zuvor, als es noch um den konkreten Sachverhalt ging, einen Mangel an Kontextualität in meiner Bibelhermeneutik vorwarf...)

Es darf nichts mehr vorgegeben sein, sei es in Sachen Moral, sei es über die Realität Gottes. Alles, was uns überliefert ist von Gottes Taten und Gottes Weisung, hat im Grunde überhaupt keine Gültigkeit, Gott ist damit völlig machtlos. (Hier zeigt Karl Barth, wie diese Machtlosigkeit auch zur Abschaffung der Gnade führen muss.) Es ist alles irgendwie auf die Ebene von Meinungen herabgedrückt, die man am Stammtisch äußern kann. Wer sich auf etwas beruft, was er nicht einfach selbst meint, sondern was er als Empfangenes weitergeben will (vgl. 1Kor 11,13), der wird verlacht und ausgeschlossen.

»Ich beschwöre dich bei Gott und bei Christus Jesus, dem kommenden Richter der Lebenden und der Toten, bei seinem Erscheinen und bei seinem Reich: Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht; weise zurecht, tadle, ermahne, in unermüdlicher und geduldiger Belehrung.
Denn es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Wünschen immer neue Lehrer sucht, die den Ohren schmeicheln; und man wird der Wahrheit nicht mehr Gehör schenken, sondern sich Fabeleien zuwenden.
Du aber sei in allem nüchtern, ertrage das Leiden, verkünde das Evangelium, erfülle treu deinen Dienst!
«
(2Tim 4,1-5)

Dienstag, 29. September 2015

.


Heiliger Erzengel Gabriel,
du starker Held Gottes,
steh mir in meiner Bedrängnis bei,
wie du einst in den Kampf zogst
gegen die Bedränger Israels.

Wie du dem Propheten Daniel
den Willen Gottes offenbart hast,
und die Zeichen zu deuten halfst,
so hilf jetzt auch mir,
dass ich die Zeichen erkenne
und den Willen Gottes tue,
auf dass ich Ihm gefalle.

Wie du die Geburt des Vorläufers
dem Zacharias verkündet,
und der heiligsten Jungfrau Maria
die Menschwerdung unseres Herrn
Jesus Christus
kundgetan hast,
so erleuchte auch mich,
dass ich immer mehr
zu dem Menschen werde,
den Gott in mir erdacht hat
und den Er jetzt schon in mir liebt.

Amen.

bzgl. Frauenpriestertum

Papst Franziskus wurde auf seinem Rückflug aus den USA nach dem Weiheamt für Frauen gefragt und sagte mit Berufung auf Johannes Paul II. in aller Deutlichkeit "Nein". Oh Wunder. Man reibt sich in den Medien die Augen. Der Papst vertritt eine katholische Position. Dazu ein längeres Zitat - es sind die einleitenden zwei Seiten eines kleinen netten Buches zu diesem Thema:


»"Deinen Vorschriften neige mein Herz zu, doch nicht der Habgier!", so ruft der Beter von Ps. 119 (36). Es mag absurd erscheinen, mit seinen Worten eine Brücke schlagen zu wollen zu unserem Thema "Priestertum der Frau". Und doch gibt dieser Vers, wie mir scheint, erste Denkanstöße. Ja, er regt an zu einigen provokativen Fragen.
Deinen Vorschriften neige mein Herz zu. "Vorschriften?" Schon bei dem Wort sehen viele heute 'rot'. Vorschriften: das klingt nach Unterdrückung! Unser Schlachtruf in Welt und Kirche heißt "Befreiung!" Wer gar noch von "Vorschriften Gottes" zu reden wagt, der gehört ins vorige Jahrhundert. Der ist konservativ, traditionalistisch, vorkonziliar, von gestern, erledigt! Und wer hat heute noch den Mut, ein derart miserables Image auf sich sitzen zu lassen? Der Hinweis auf Vorschriften Gottes ist zudem (um gleich 'in medias res' zu springen) von fortschrittlichen Theologinnen und Theologen längst entlarvt worden als Feigenblatt einer patriarchalisch strukturierten Kirche, deren Priester zwar viel von gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Gleichberechtigung der Frau reden, sie aber weit von sich weisen, wenn es um die innerkirchliche berufliche Gleichberechtigung geht.
Abgesehen davon: Wo steht denn eigentlich geschrieben, daß Frauen nicht Priesterinnen werden dürfen? Und gibt es überhaupt "Vorschriften Gottes", also so etwas wie eine ewig gültige Ordnung? Besteht nicht alle Ordnung unter Menschen, also auch in der Kirche, aus soziologisch-kulturell bedingten Übereinkünften, die sich je nach den Verhältnissen wandeln? Was aber hat sich tiefgreifender gewandelt als Bild und Stellung der Frau? Das Gerede von der "Ewigen Frau" ist doch bloßer "Mythos", einer Dichterin wie G. V. Le Fort allenfalls zuzugestehen, für das konkrete Leben auf Erden, für die Realität jedoch unbrauchbar!
"Deinen Vorschriften neige mein Herz zu..." Wie denn das? Vorschriften akzeptiert man mit dem Verstand, allenfalls zähneknirchend. Aber eine Bejahung von Vorschriften, und seien es Vorschriften Gottes, mit dem Herzen - das dürfte doch wohl zu weit gehen! Das ist Romantik, unbrauchbar fürs Leben! 
"Deinen Vorschriften neige mein Herz zu, doch nicht der Habgier!" Gewiß zielt Habgier zuerst auf materiellen Besitz. Doch gibt es dieses Laster auch im Blick auf andere Güter, die man nicht hat, aber haben will: Ämter, berufliche Stellung, Macht, Ruhm u.a.m. 'Haben-wollen' um jeden Preis unter Verneinung jeder Grenze! Darum der Ruf nach Egalität, nach Gleichheit für alle. Wenn sie erreicht ist, dann, so meinten schon die Väter der französischen Revolution und die des Kommunismus erst recht, - gibt es das von Menschen gemachte Weltfriedensreich auf Erden.«

(Barbara Albrecht, Vom Dienst der Frau in der Kirche, 1980)


Wenn ich die Zeit finde, werde ich demnächst mal eine detailliertere Auseinandersetzung zu dem Thema schreiben. Obwohl im Grunde die Lage klar ist, denn biblisch, kirchen-, kirchenrechts- und dogmengeschichtlich können sich die Befürworter nur auf Fiktionen und Fälschungen berufen.

Sonntag, 27. September 2015

Wenn die Propheten einbrächen

Wenn die Propheten einbrächen
durch Türen der Nacht,
den Tierkreis der Dämonengötter
wie einen schauerlichen Blumenkranz
ums Haupt gewunden -
die Geheimnisse der stürzenden und sich hebenden
Himmel mit den Schultern wiegend -

für die längst vom Schauer Fortgezogenen -

Wenn die Propheten einbrächen
durch Türen der Nacht,
die Sternenstraßen gezogen in ihren Handflächen
golden aufleuchten lassend -

für die längst im Schlaf Versunkenen -

Wenn die Propheten einbrächen
durch Türen der Nacht
mit ihren Worten Wunden reißend
in die Felder der Gewohnheit,
ein weit Entlegenes hereinholend
für den Tagelöhner

der längst nicht mehr wartet am Abend -

Wenn die Propheten einbrächen
durch Türen der Nacht
und ein Ohr wie eine Heimat suchten -

Ohr der Menschheit
du nesselverwachsenes,
würdest du hören?
Wenn die Stimme der Propheten
auf dem Flötengebein der ermordeten Kinder
blasen würde,
die vom Märtyrerschrei verbrannten Lüfte
ausatmete -
wenn sie eine Brücke aus verendeten Greisenseufzern

baute -

Ohr der Menschheit
du mit dem kleinen Lauschen beschäftigtes,
würdest du hören?

Wenn die Propheten
mit den Sturmschwingen der Ewigkeit hineinführen
wenn sie aufbrächen deinen Gehörgang mit den Worten:
Wer von euch will Krieg führen gegen ein Geheimnis
wer will den Sterntod erfinden?

Wenn die Propheten aufständen
in der Nacht der Menschheit
wie Liebende, die das Herz des Geliebten suchen,
Nacht der Menschheit
würdest du ein Herz zu vergeben haben?


(Nelly Sachs)

Donnerstag, 24. September 2015

... apostolische Kirche

»Die Kirche, der [der geweihte Amtsträger] dient, ist in ihrer Gesamtheit wie in jedem ihrer Glieder vom Geist beseelt und bewegt, da jeder Getaufte „vom Geist belehrt“ ist (1 Thess 4,9; vgl. Hebr 8,11ff.; Jer 31,33ff.: 1 Joh 2,20; Joh 6,45). Der priesterliche Dienst kann ihm somit nur mit Autorität in Erinnerung rufen, was anfangshaft schon in seinem Taufglauben eingeschlossen war, dessen Fülle er aber hienieden niemals ausschöpfen kann. Entsprechend muss der Gläubige seinen eigenen Glauben und sein eigenes christliches Leben durch die sakramentale Vermittlung des göttlichen Lebens nähren. Die Norm des Glaubens – die wir in ihrem formalen Charakter als regula fidei bezeichnen – ist ihm durch das Wirken des Geistes immanent und bleibt ihm im Bezug zum Menschen dennoch transzendent, denn sie kann niemals rein individuell sein, sondern ist wesenhaft kirchlich und katholisch.
In der Glaubensregel ist die Unmittelbarkeit des göttlichen Pneuma zu jeder Person notwendig mit der gemeinschaftlichen Form dieses Glaubens verbunden. Die Aussage des Paulus: „Keiner kann sagen ‚Jesus ist der Herr‘, außer im Heiligen Geist“ (1 Kor 12,3), bleibt immer gültig; ohne die Bekehrung, die allein der Geist den Herzen gewährt, kann niemand Jesus in seiner Qualität als Sohn Gottes erkennen, und nur wer ihn als Sohn erkennt, wird wahrhaft den erkennen, den er „Vater“ nennt (Joh 14,7; 8,19 usw.). Weil uns also der Geist die Erkenntnis des Vaters durch Jesus mitteilt, ist der christliche Glaube trinitarisch: seine pneumatische Form schließt diesen Inhalt notwendig in sich, der sich in der trinitarischen Taufe sakramental ausdrückt und verwirklicht.
Die Glaubensregel, das heißt die Form der Taufkatechese, in der sich der trinitarische Inhalt entfaltet, bildet in ihrer Einheit von Form und Inhalt den bleibenden Angelpunkt der Apostolizität und der Katholizität der Kirche. Sie verwirklicht die Apostolizität, weil sie die ersten Boten des Glaubens an die christologisch-pneumatologische Regel bindet; sie sprechen nicht in ihrem eigenen Namen, sondern bezeugen, was sie gehört haben (Joh 7,18; 16,13 usf.).
Jesus Christus erweist sich als der Sohn, insofern er verkündet, was vom Vater kommt. Der Geist erweist sich als der Geist des Vaters und des Sohnes, weil er nicht aus dem Eigenen schöpft, sondern sie offenbart und in Erinnerung ruft, was vom Sohn kommt (Joh 16,13f.). Dies wird im Weiterwirken des Sohnes und seines Geistes zum unterscheidenden Merkmal der apostolischen Sukzession. Das kirchliche Lehramt unterscheidet sich sowohl von einem bloßen Lehramt von Doktoren wie von einer autoritären Macht. Wo das Lehramt des Glaubens an die Professoren überginge, wäre der Glaube an die intellektuelle Einsicht von Individuen gebunden und damit zu einem großen Teil dem Zeitgeist ausgeliefert. Und wo der Glaube von der despotischen Macht gewisser Einzel- oder Kollektivpersonen abhinge, die von sich her dekretierten, was normativ ist, wäre die Wahrheit durch eine Willkürmacht ersetzt. Das wahre apostolische Lehramt dagegen ist an das Wort des Herrn gebunden und führt dadurch alle, die es hören, in die Freiheit
Nichts in der Kirche entgeht der apostolischen Vermittlung: weder die Hirten noch ihre Herde, weder die Glaubensaussagen noch die Vorschriften christlichen Lebens. Das ordinierte Dienstamt ist sogar doppelt auf diese Vermittlung bezogen, da es selbst einerseits der Regel der christlichen Ursprünge unterworfen ist, und andererseits – nach einem Wort des Augustinus – gehalten ist, sich durch die Gemeinschaft der Gläubigen belehren zu lassen, die es selber zu belehren verpflichtet ist.«

(aus: Internationale Theologische Kommission, Der apostolische Charakter der Kirche und die Apostolische Sukzession, 1973; hier nachzulesen.)