Dienstag, 9. April 2019

"Erkenntnisse der Wissenschaften"

"Ihr werdet erkennen, dass ich nichts im eigenen Namen tue, sondern nur das sage, was mich der Vater gelehrt hat. Und er, der mich gesandt hat, ist bei mir; er hat mich nicht allein gelassen, weil ich immer das tue, was ihm gefällt. Als Jesus das sagte, kamen viele zum Glauben an ihn."
(Joh 8,28-29; aus demEvangelium vom Dienstag der 5. Fastenwoche)


"Die Sexualmoral der Kirche hat entscheidende Erkenntnisse aus Theologie und Humanwissenschaften noch nicht rezipiert." So lautet es im Pressebericht von Kardinal Marx zum Abschluss der FrühjahrsVollversammlung der DBK im März 2019 (hier als PDF).

Jeden gläubigen Katholiken kann ich an dieser Stelle beruhigen: Diese Aussage von Kardinal Marx dient einzig der Irreführung.
Es wird schon sehr lange von Theologen davon gesprochen, dass das Lehramt irgendwelche Erkentnisse nicht "wahrgenommen" oder nicht "berücksichtigt", oder nicht "bedacht" hätte. Damit soll gezielt der Eindruck erweckt werden, dass das Lehramt nicht kompetent oder mündig genug sei, hier zu urteilen.
Ich habe mich bereits damit befasst, was es damit auf sich hat, dass angeblich das Lehramt die Erkenntnisse der Theologie nicht zur Kenntnis nimmt: HIER.


Wann immer jemand mit einer Phrase kommt, vonwegen das Lehramt habe diese oder jene Erkenntnis "(noch) nicht rezipiert", muss man sich darüber im Klaren sein, was das eigentlich besagen soll, nämlich: "Das Lehramt sagt nicht das, was ich sage."
Die gemeinten angeblichen Erkenntnisse "der Wissenschaft(en)" sollen nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern in das Lehramt selber inkorporiert werden, sie sollen Teil dieses Lehramtes sein.

Die Wahrheit ist, dass das Lehramt sehr wohl ständig die Erkenntnisse von Theologie und Humanwissenschaften zur Kenntnis nimmt und sie erwägt; das Gegenteil zu behaupten ist daher eine glatte Lüge. Bestes Beispiel hierfür ist Humanae vitae, wo dies deutlicher zum Ausdruck gebracht wird, als in irgdneinem anderen lehramtlichen Dokument. Dort heißt es in der Einleitung:

»3. [...] Wäre es nicht angebracht, angesichts der gegenwärtigen Lebensverhältnisse und der Bedeutung, die der eheliche Verkehr für die Harmonie und gegenseitige Treue der Gatten hat, die heute geltenden sittlichen Normen zu überprüfen? Zumal, wenn man erwägt, daß diese unter Umständen nur unter heroischen Opfern befolgt werden können? Könnte nicht das sogenannte Ganzheitsprinzip auf diesen Bereich angewandt werden und damit die Planung einer weniger großen, aber vernünftig geregelten Fruchtbarkeit einen physisch unfruchtbar machenden Akt in eine erlaubte und vorausschauende Geburtenlenkung verwandeln? Kann man nicht die Meinung vertreten, daß das Ziel des Dienstes an der Fortpflanzung mehr dem Eheleben als Ganzen aufgegeben sei als jedem einzelnen Akt? Man stellt auch die Frage, ob bei dem gesteigerten Verantwortungsbewußtsein des heutigen Menschen nicht die Zeit gekommen sei, wo die Weitergabe des Lebens mehr von Vernunft und freier Entscheidung bestimmt werden sollte als von gewissen biologischen Regelmäßigkeiten.

4. Zweifellos forderten solche Fragen vom kirchlichen Lehramt eine neue und vertiefte Überlegung über die Prinzipien der Ehemoral [...].

5. Im Bewußtsein dieser gleichen Aufgabe haben Wir den von Unserm Vorgänger Johannes XXIII. im März 1963 eingesetzten Ausschuß bestätigt und erweitert. Ihm gehörten außer vielen Gelehrten aus den betreffenden Fachgebieten auch Ehepaare an. Dieser Ausschuß sollte Gutachten einholen über die Fragen, die das eheliche Leben und vor allem die sittlich geordnete Geburtenregelung aufwirft; er sollte darüber hinaus die Ergebnisse seiner Studien so vorlegen, daß das kirchliche Lehramt eine den Erwartungen nicht nur der Gläubigen, sondern auch der übrigen Welt entsprechende Antwort geben könnte (5). Das Forschungsergebnis der Sachkundigen und die Gutachten vieler Unserer Brüder im Bischofsamt, die sie teils aus eigenem Antrieb einsandten, die teils von Uns erbeten waren, erlaubten Uns, dieses vielseitige Problem von allen Seiten aus sorgfältiger zu bedenken. Deshalb sagen Wir allen von Herzen Dank.«

Die Anfragen an die Kirche und aus der Kirche werden also sehr klar gesehen, und es wurde intensiv geforscht und beraten, abgewogen und gebetet. Das Ergebnis ist bekannt: Es gab einen Mehrheits- und einen Minderheitsbeschluss. Papst Paul VI schloss sich, wohl wissend, dass er sich damit quer zum Zeitgeist stellt, dem Minderheitenbeschluss an. Ich habe mich bereits einmal anhand dieser Beschlüsse ausführlich damit befasst, warum Humanae vitae richtig und wichtig ist: HIER.


Das ist nun der springende Punkt: Die Ergebnisse der Wissenschaften zur Kenntnis nehmen ist etwas anderes, als sie zum Maßstab zu machen. Wie oben erwähnt, geht es ja den Forderern trotz ihrer meist vorsichtigen Wortwahl in Wahrheit nie darum, dass das Lehramt nur etwas zur Kenntnis nimmt, sondern was gefordert wird ist die Hörigkeit des Lehramtes!
Da Marx zumindest offiziell den Schein wahren muss, als habe das Lehramt eine gewisse Relevanz, muss er im Sprechen einen (für ihn gewiss lästigen) Umweg kontruieren: Die Erkenntnisse "der Wissenschaften" können nicht direkt unser Glauben und Handeln bestimmen, sie müssen erst vom "Lehramt" angenommen, sprich: übernommen werden. Was Marx und andere wollen, ist letztlich ein entmündigtes Lehramt, das im Grunde nur das sagt, was die Welt ihm einflüstert.

Das ist für mich die größte Ironie dabei: Man wirft dem Lehramt einen Mangel an Kompetenz oder Mündigkeit vor, mit dem Ziel, ihm jede Kompetenz zu nehmen und es letzlich zu entmündigen. Denn es braucht wahrlich keine Kompetenz irgendwelcher Art um das zu wiederholen, was einem ins Ohr gesagt wird.

Genau dies kann und darf es nicht geben. Das macht auch Paul VI in Humanae vitae überaus deutlich, wenn er schreibt:
»6. Die Folgerungen jedoch, zu denen der Ausschuß gelangt war, konnten für Uns kein sicheres und endgültiges Urteil darstellen, das Uns der Pflicht enthoben hätte, ein so bedeutsames Problem zum Gegenstand Unserer persönlichen Erwägung zu machen. Das war auch deshalb notwendig, weil es in der Vollversammlung des Ausschusses nicht zu einer vollen Übereinstimmung der Auffassungen über die vorzulegenden sittlichen Normen gekommen war; und vor allem, weil einige Lösungsvorschläge auftauchten, die von der Ehemoral, wie sie vom kirchlichen Lehramt bestimmt und beständig vorgelegt wurde, abwichen. Daher wollen Wir nun nach genauer Prüfung der Uns zugesandten Akten, nach reiflicher Überlegung, nach inständigem Gebet zu Gott, in kraft des von Christus Uns übertragenen Auftrags auf diese schwerwiegenden Fragen Unsere Antwort geben.«


Niemand lasse sich von derlei Äußerungen, wie sie Kardinal Marx getätigt hat, beunruhigen. Das Lehramt hat (die Ergebnisse der Theologie und der Humanwissenschaften) wahrgenommen, erwogen, die Geister unterschieden, geurteilt und verkündet. Darin hat es seine Kompetenz und Mündigkeit ja: seine Authentizität bewiesen. Ein Kardinal Marx möchte gerne vom Wahrnehmen (was "die Wissenschaften" sagen) sofort zur Verkündigung schreiten. Er versteht sich selbst offenbar nur als Megaphon des Zeitgeistes, was in mir die Frage nach seiner Mündigkeit als Christ ("gleicht euch nicht der Welt an") und seiner Kompetenz als Bischof (sieh die Frage in der Weiehliturgie für einen Bischof, ob er bereit ist, den Glauben der Kirche unverkürzt weiterzugeben) aufwirft.


Wenn man hier Papst Paul VI. und Kardinal Marx mal vergleicht, ergibt sich ein erstaunliches Bild:

- Der eine kennt alle Argumente und hat nach sorgfältiger Betrachtung der überlieferten Wahrheit und im Wissen um seine Verantwortung als Hirte ein vor der Welt unbeschreiblich unpopuläres Urteil gefällt.
- Der andere fordert, das Lehramt müsse stupide das wiederkäuen, was von der Welt geboten wird.

Wer von diesen beiden ist Kompetent? Wer von beiden hat Mut? Wem sollte man als Christ glauben?
Im Blick auf das anfängliche Jesuswort könnte man entsprechend fragen: Spricht Marx das, was Gott lehrt, oder was die Welt lehrt?  Tut er das, was Gott gefällt, oder was der Welt gefällt?



PS. Es ist auch zum Schreien, wenn an selber Stelle von Marx behauptet wird "Die personale Bedeutung der Sexualität
findet keine hinreichende Beachtung [in der Sexualmoral der Kirche]". Wer sich einmal auch nur oberflächlich mit der "Theologie des Leibes" befsst hat, wie sie der heilige Papst Johannes Paul II. grundgelegt hat, kann bei soetwas nur den Kopf auf die Tischplatte schlagen. Das ist besonders krass, weil diese selbe Theologie des Leibes von gewissen schismatischen Gruppen als Beweis hergenommen wird, die Moralverkündigung der Kirche sei vollends einem Personalismus erlegen. Ups.

Wie so oft ist man vor die Alternative gestellt: Entweder ist Kardinal Marx völlig inkompetent (weil er nicht weiß wovon er spricht), oder er lügt... Herr, vergib ihm, denn er weiß nicht, was er tut?

1 Kommentar:

  1. "Diese Aussage von Kardinal Marx dient einzig der Irreführung."
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    Ich halte eine solche Aussage für Irre-Führung!

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