Der Mittelpunkt dieses Lebens, seine Freude, sein tiefster Daseinsgrund, ohne den es uns nichtig erschiene, ist die Gabe unserer selbst an Gott, in Jesus Christus.
Ist, in dieser Welt zu sein, in sie hineingetaucht, als Parzelle der Menschheit, mit all seinen Fasern ausgeliefert, dargebracht, enteignet. Inseln göttlicher Anwesenheit sein. Gott einen Ort sichern. Vor allem der Anbetung überantwortet sein. Das Geheimnis des göttlichen Lebens auf uns lasten lassen, bis zum Erdrücktwerden. In den Finsternissen der allgemeinen Unwissenheit Leuchtpunkte der Bewusstwerdung Gottes sein. Erkennen, dass hier der eigentliche Akt der Erlösung geschieht; glauben im Namen der Welt, hoffen für die Welt, lieben im Namen der Welt. Wissen, dass eine Minute von glaubensbeladenem Leben, auch wenn sie sich ohne jede Aktion, ohne jeden äußeren Ausdruck vollzieht, einen Genius der Wertsteigerung und eine vitale Kraft in sich trägt, die unsere armseligen menschlichen Taten nie ersetzen können.
Alles Übrige es ist Beiwerk - das zwar notwendig ist, aber notwendig nur im Sinne einer Folge davon. Hier liegt der Kern, der Keim. Wenn der keim da ist, dann wird die Pflanze eines Lebens nach dem Evangelium unweigerlich daraus aufsprießen. Wenn wir dagegen versuchen, alle Blüten des Evangeliums auf der Erde auszubreiten: Hingabe, Armut, Demut und alles Übrige - wenn wir das versuchen, ohne zuvor das Korn gesät zu haben, dann legen wir bloß Gärten aus Schnittblumen an, die in zwei Tagen verwelken.
(Madeleine Delbrêl)
Sonntag, 10. Januar 2016
Schnittblumen
Montag, 28. Dezember 2015
Ihr Kinderlein kommet?
Zum heutigen Tag...
Im Hinblick v.a. auf die letzten beiden Strophen, nun noch Tagesgebet und Kommunionvers des heutigen Festes:
Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all'!
Zur Krippe her kommet in Bethlehems Stall.
Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht
der Vater im Himmel für Freude uns macht.
O seht in der Krippe im nächtlichen Stall,
seht hier bei des Lichtleins hellglänzendem Strahl
in reinlichen Windeln das himmlische Kind,
viel schöner und holder, als Englein es sind.
Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh;
Maria und Joseph betrachten es froh.
Die redlichen Hirten knien betend davor,
hoch oben schwebt jubelnd der himmlische Chor.
O beugt wie die Hirten anbetend die Knie,
erhebet die Händlein und danket wie sie.
Stimmt freudig, ihr Kinder - wer sollt' sich nicht freu'n?
stimmt freudig zum Jubel der Engel mit ein!
Was geben wir Kinder, was schenken wir dir,
du bestes und liebstes der Kinder, dafür?
Nichts willst du von Schätzen und Reichtum der Welt,
ein Herz nur voll Demut allein dir gefällt.
"So nimm uns’re Herzen zum Opfer denn hin;
wir geben sie gerne mit fröhlichem Sinn;
und mache sie heilig und selig wie deins,
und mach’ sie auf ewig mit deinem in eins."
Im Hinblick v.a. auf die letzten beiden Strophen, nun noch Tagesgebet und Kommunionvers des heutigen Festes:
Vater im Himmel,
nicht mit Worten
haben die Unschuldigen Kinder dich gepriesen,
sie haben dich verherrlicht durch ihr Sterben.
Gib uns die Gnade,
dass wir in Worten und Taten
unseren Glauben an dich bekennen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
Sie sind es, die aus den Menschen losgekauft wurden
als Weihegabe für Gott und das Lamm.
Sie folgen dem Lamm, wohin immer es geht.
Dienstag, 15. Dezember 2015
Der Protestant hat zu wenig Sakramente
(aus: Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit, Siebentes Buch)»Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht unterlassen, aus meiner früheren Jugend etwas nachzuholen, um anschaulich zu machen, wie die großen Angelegenheiten der kirchlichen Religion mit Folge und Zusammenhang behandelt werden müssen, wenn sie sich fruchtbar, wie man von ihr erwartet, beweisen soll. Der protestantische Gottesdienst hat zu wenig Fülle und Konsequenz, als daß er die Gemeine zusammenhalten könnte; daher geschieht es leicht, daß Glieder sich von ihr absondern und entweder kleine Gemeinen bilden oder, ohne kirchlichen Zusammenhang, neben einander geruhig ihr bürgerliches Wesen treiben. So klagte man schon vor geraumer Zeit, die Kirchgänger verminderten sich von Jahr zu Jahr und in eben dem Verhältnis die Personen, welche den Genuß des Nachtmahls verlangten. Was beides, besonders aber das letztere betrifft, liegt die Ursache sehr nah; doch wer wagt, sie auszusprechen? Wir wollen es versuchen.
In sittlichen und religiösen Dingen, eben so wohl als in physischen und bürgerlichen, mag der Mensch nicht gern etwas aus dem Stegreife tun: eine Folge, woraus Gewohnheit entspringt, ist ihm nötig; das, was er lieben und leisten soll, kann er sich nicht einzeln, nicht abgerissen denken, und um etwas gern zu wiederholen, muß es ihm nicht fremd geworden sein. Fehlt es dem protestantischen Kultus im Ganzen an Fülle, so untersuche man das Einzelne, und man wird finden: der Protestant hat zu wenig Sakramente, ja er hat nur eins, bei dem er sich tätig erweist, das Abendmahl; denn die Taufe sieht er nur an anderen vollbringen, und es wird ihm nicht wohl dabei. Die Sakramente sind das Höchste der Religion, das sinnliche Symbol einer außerordentlichen göttlichen Gunst und Gnade. In dem Abendmahle sollen die irdischen Lippen ein göttliches Wesen verkörpert empfangen und unter der Form irdischer Nahrung einer himmlischen teilhaftig werden. Dieser Sinn ist in allen christlichen Kirchen eben derselbe, es werde nun das Sakrament mit mehr oder weniger Ergebung in das Geheimnis, mit mehr oder weniger Akkommodation an das, was verständlich ist, genossen; immer bleibt es eine heilige, große Handlung, welche sich in der Wirklichkeit an die Stelle des Möglichen oder Unmöglichen, an die Stelle desjenigen setzt, was der Mensch weder erlangen noch entbehren kann. Ein solches Sakrament dürfte aber nicht allein stehen; kein Christ kann es mit wahrer Freude, wozu es gegeben ist, genießen, wenn nicht der symbolische oder sakramentliche Sinn in ihm genährt ist. Er muß gewohnt sein, die innere Religion des Herzens und die der äußeren Kirche als vollkommen eins anzusehen, als das große allgemeine Sakrament, das sich wieder in so viel andere zergliedert und diesen Teilen seine Heiligkeit, Unzerstörlichkeit und Ewigkeit mitteilt.
Hier reicht ein jugendliches Paar sich einander die Hände, nicht zum vorübergehenden Gruß oder zum Tanze; der Priester spricht seinen Segen darüber aus, und das Band ist unauflöslich. Es währt nicht lange, so bringen diese Gatten ein Ebenbild an die Schwelle des Altars; es wird mit heiligem Wasser gereinigt und der Kirche dergestalt einverleibt, daß es diese Wohltat nur durch den ungeheuersten Abfall verscherzen kann. Das Kind übt sich im Leben an den irdischen Dingen selbst heran, in himmlischen muß es unterrichtet werden. Zeigt sich bei der Prüfung, daß dies vollständig geschehen sei, so wird es nunmehr als wirklicher Bürger, als wahrhafter und freiwilliger Bekenner in den Schoß der Kirche aufgenommen, nicht ohne äußere Zeichen der Wichtigkeit dieser Handlung. Nun ist er erst entschieden ein Christ, nun kennt er erst die Vorteile, jedoch auch die Pflichten. Aber inzwischen ist ihm als Menschen manches Wunderliche begegnet, durch Lehren und Strafen ist ihm aufgegangen, wie bedenklich es mit seinem Innern aussehe, und immerfort wird noch von Lehren und von Übertretungen die Rede sein; aber die Strafe soll nicht mehr stattfinden. Hier ist ihm nun in der unendlichen Verworrenheit, in die er sich bei dem Widerstreit natürlicher und religiöser Forderungen verwickeln muß, ein herrliches Auskunftsmittel gegeben, seine Taten und Untaten, seine Gebrechen und seine Zweifel einem würdigen, eigens dazu bestellten Manne zu vertrauen, der ihn zu beruhigen, zu warnen, zu stärken, durch gleichfalls symbolische Strafen zu züchtigen und ihn zuletzt, durch ein völliges Auslöschen seiner Schuld, zu beseligen und ihm rein und abgewaschen die Tafel seiner Menschheit wieder zu übergeben weiß. So, durch mehrere sakramentliche Handlungen, welche sich wieder; bei genauerer Ansicht, in sakramentliche kleinere Züge verzweigen, vorbereitet und rein beruhigt, kniet er hin, die Hostie zu empfangen; und daß ja das Geheimnis dieses hohen Akts noch gesteigert werde, sieht er den Kelch nur in der Ferne: es ist kein gemeines Essen und Trinken, was befriedigt, es ist eine Himmelsspeise, die nach himmlischem Tranke durstig macht.
Jedoch glaube der Jüngling nicht, daß es damit abgetan sei; selbst der Mann glaube es nicht! Denn wohl in irdischen Verhältnissen gewöhnen wir uns zuletzt, auf uns selber zu stehen, und auch da wollen nicht immer Kenntnisse, Verstand und Charakter hinreichen; in himmlischen Dingen dagegen lernen wir nie aus. Das höhere Gefühl in uns, das sich oft selbst nicht einmal recht zu Hause findet, wird noch überdies von so viel Äußerem bedrängt, daß unser eignes Vermögen wohl schwerlich alles darreicht, was zu Rat, Trost und Hilfe nötig wäre. Dazu aber verordnet findet sich nun auch jenes Heilmittel für das ganze Leben, und stets harrt ein einsichtiger, frommer Mann, um Irrende zurecht zu weisen und Gequälte zu erledigen.
Und was nun durch das ganze Leben so erprobt worden, soll an der Pforte des Todes alle seine Heilkräfte zehnfach tätig erweisen. Nach einer von Jugend auf eingeleiteten, zutraulichen Gewohnheit nimmt der Hinfällige jene symbolischen, deutsamen Versicherungen mit Inbrunst an, und ihm wird da, wo jede irdische Garantie verschwindet, durch eine himmlische für alle Ewigkeit ein seliges Dasein zugesichert. Er fühlt sich entschieden überzeugt, daß weder ein feindseliges Element, noch ein mißwollender Geist ihn hindern könne, sich mit einem verklärten Leibe zu umgeben, um in unmittelbaren Verhältnissen zur Gottheit an den unermeßlichen Seligkeiten teilzunehmen, die von ihr ausfliegen.
Zum Schlusse werden sodann, damit der ganze Mensch geheiligt sei, auch die Füße gesalbt und gesegnet. Sie sollen, selbst bei möglicher Genesung, einen Widerwillen empfinden, diesen irdischen, harten, undurchdringlichen Boden zu berühren. Ihnen soll eine wundersame Schnellkraft mitgeteilt werden, wodurch sie den Erdschollen, der sie bisher anzog, unter sich abstoßen. Und so ist durch einen glänzenden Zirkel gleichwürdig heiliger Handlungen, deren Schönheit von uns nur kurz angedeutet worden, Wiege und Grab, sie mögen zufällig noch so weit aus einander gerückt liegen, in einem stetigen Kreise verbunden.
Aber alle diese geistigen Wunder entsprießen nicht, wie andere Früchte, dem natürlichen Boden, da können sie weder gesäet noch gepflanzt noch gepflegt werden. Aus einer anderen Region muß man sie herüberflehen, welches nicht jedem, noch zu jeder Zeit gelingen würde. Hier entgegnet uns nun das höchste dieser Symbole aus alter, frommer Überlieferung. Wir hören, daß ein Mensch vor dem andern von oben begünstigt, gesegnet und geheiligt werden könne. Damit aber dies ja nicht als Naturgabe erscheine, so muß diese große, mit einer schweren Pflicht verbundene Gunst von einem Berechtigten auf den anderen übergetragen und das größte Gut, was ein Mensch erlangen kann, ohne daß er jedoch dessen Besitz von sich selbst weder erringen noch ergreifen könne, durch geistige Erbschaft auf Erden erhalten und verewigt werden. Ja, in der Weihe des Priesters ist alles zusammengefaßt, was nötig ist, um diejenigen heiligen Handlungen wirksam zu begehen, wodurch die Menge begünstigt wird, ohne daß sie irgend eine andere Tätigkeit dabei nötig hätte als die des Glaubens und des unbedingten Zutrauens. Und so tritt der Priester in der Reihe seiner Vorfahren und Nachfolger, in dem Kreise seiner Mitgesalbten, den höchsten Segnenden darstellend, um so herrlicher auf, als es nicht er ist, den wir verehren, sondern sein Amt, nicht sein Wink, vor dem wir die Kniee beugen, sondern der Segen, den er erteilt, und der um desto heiliger, unmittelbarer vom Himmel zu kommen scheint, weil ihn das irdische Werkzeug nicht einmal durch sündhaftes, ja lasterhaftes Wesen schwächen oder gar entkräften könnte.
Wie ist nicht dieser wahrhaft geistige Zusammenhang im Protestantismus zersplittert, indem ein Teil gedachter Symbole für apokryphisch und nur wenige für kanonisch erklärt werden! und wie will man uns durch das Gleichgültige der einen zu der hohen Würde der anderen vorbereiten?«
Samstag, 21. November 2015
Am deutschen Wesen...
... soll - nach dem Vernehmen gewisser deutscher Würdenträger in den letzten Monaten - die ganze Katholische Kirche genesen. Dass die deutsche Kirche aber wohl eher der Kranke Mann der Weltkirche ist, das hat wohl kaum jemand bisher so deutlich zum Ausdruck gebracht, wie ausgerechnet Papst Franziskus in seiner gestrigen Ansprache an die deutschen Bischöfe bei ihrem Ad-limina-Besuch: Verweltlichung, Überhang der Strukturen, Erosion des Glaubens; die Notwendigkeit der Treue zum Lehramt, von Mission, Beichte, Priestertum. Hier einige der für mich bedeutsamsten Passagen:
Dem Papst geht es ums Wesentliche. Er hält sich nicht auf mit politischen Statements, Floskeln oder wohlfeilen Lobhudeleien, sondern nennt das ganze Elend beim Namen und macht unmissverständlich klar, dass nur das katholische Proprium (Beichte, treue Bewahrung und Verkündigung des ganzen Glaubens der Kirche, missionarischer Eifer etc.) Abhilfe schaffen kann... genau das, was hierzulande weitestgehend brach liegt.
Natürlich wird nun wieder jeder sich das rauspicken, was ihm passt und gute Miene machen. Aber hier ist eigentlich kein Interpretationsspielraum. Mit Verlaub: Wenn etwa ein Bischof Bode über "andere priesterliche Formen" nachdenkt, was ziemlich sicher auf eine Einebung des Unterschieds zwischen Priestern und Laien hinausläuft; wenn die DBK die neue Gesetzeslage zur Sterbehilfe bejubelt, die für Christen eigentlich völlig unannehmbar ist; wenn verschiedentlich versucht wird, Eucharistie und Beichte zu entkoppeln (und Letztere faktisch zu desavouieren), wie etwa in der Freiburger Handreichung zu den wvG und zugleich über 50% der Priester und über 90% der Gemeindereferenten einmal oder seltener im Jahr zur Beichte gehen; wenn katholische Einrichtungen und besonders die theologischen Fakultäten sich in der Mehrzahl alle Mühe geben, nicht mehr als "katholisch" aufzufallen; wenn gewisse Kardinäle den Zentralismus in der Weltkirche anprangern, während sie selbst dafür sorgen, dass ein ekklesiologisch irrelevantes und alles in allem fiktives Organ namens "Bischofskonferenz" den Diözesanbischöfen (von denen jeder Einzelne einzig dem Papst untersteht) vorschreiben kann, wie der Hase zu laufen hat; wenn der Apparat an Strukturen, wie aktuell ausgerechnet im Erzbistum München, exorbitante Außmaße erreicht; wenn das Wort "Mission" aus dem Vokabular der Würdenträger restlos verschwunden ist... dann ist es an der Zeit, den Papst beim Wort zu nehmen und endlich mal den Ar*** hochzukriegen.
Die Beispiele für Handlungen und Unterlassungen der deutschen "Amtskirche", die genau konträr zu dem laufen, was Franziskus ihnen gestern eingeschärft hat, ließen sich beliebig vermehren... Ich befürchte aber, dass man sich nun noch mehr auf die Fehlleistungen und Irrwege konzentrieren wird, die der Papst in seiner Ansprache nicht explizit angesprochen hat, mit dem ausgesprochenen oder unausgesprochenen Argument "dazu hat er ja nix gesagt".
Man wird sehen, wie die deutschen Bischöfe nun Handeln werden.
PS. Dass der Papst in seiner Ansprache ausgerechnet die KU Eichstätt so überdeutlich gelobt hat, lässt aufhorchen. Schon länger gibt es Überlegungen in der DBK, die dortige theologische Fakultät zu schließen, was gut dazu passt, die liberale (nicht selten ausgesprochen protestantisch-nationalkirchliche) Linie der katholischen Theologie in Deutschland weiter zu festigen. Wenn nun selbst der Papst ein Fan dieser Uni ist, dürften diese Überlegungen nun hoffentlich ein Ende haben.
PPS. Papst Franziskus fordert eine "pastorale Neuausrichtung" in den deutschen Diözesen... Wenn Kardinal Marx ehrlich wäre und zu dem stünde, was er bisher immer wieder vollmundig verlauten ließ ("keine Filiale Roms"), müsste er in etwa so reagieren: Was fällt dem Papst eigentlich ein, sich derart in die Angelegenheiten hierzulande einzumischen? Wie war das noch mit Synodalität? Hieß das denn nicht, "Jeder kocht sein eigenes Süppchen"?
Nur son Gedanke...
- Überall engagiert sich die Kirche professionell im sozial-caritativen Bereich und ist auch im Schulwesen überaus aktiv. Es ist darauf zu achten, dass in diesen Einrichtungen das katholische Profil gewahrt bleibt.
- Wo in den Sechziger Jahren noch weiträumig fast jeder zweite Gläubige regelmäßig sonntags zu Heiligen Messe ging, sind es heute vielfach weniger als 10 Prozent. Die Sakramente werden immer weniger in Anspruch genommen. Die Beichte ist vielfach verschwunden. Immer weniger Katholiken lassen sich firmen oder gehen das Sakrament der Ehe ein. Die Zahl der Berufungen für den Dienst des Priesters und für das gottgeweihte Leben haben drastisch abgenommen. Angesichts dieser Tatsachen ist wirklich von einer Erosion des katholischen Glaubens in Deutschland zu sprechen.
- Denken wir nur an Priska und Aquila, die treuen Mitarbeiter des heiligen Paulus. Als Ehepaar verkündeten sie mit überzeugenden Worten (vgl. Apg 18,26), vor allem aber mit ihrem Leben, dass die Wahrheit, die auf der Liebe Christi zu seiner Kirche gründet, wirklich glaubwürdig ist. Sie öffneten ihr Haus für die Verkündigung und schöpften aus dem Wort Gottes Kraft für ihre Mission. Das Beispiel dieser „Ehrenamtlichen“ mag uns zu denken geben angesichts einer Tendenz zu fortschreitender Institutionalisierung der Kirche. Es werden immer neue Strukturen geschaffen, für die eigentlich die Gläubigen fehlen. Es handelt sich um eine Art neuer Pelagianismus, der dazu führt, unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat. Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert aber das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen (vgl. Evangelii gaudium, 32).
- Das Gebot der Stunde ist die pastorale Neuausrichtung, also „dafür zu sorgen, dass die Strukturen der Kirche alle missionarischer werden, dass die gewöhnliche Seelsorge in all ihren Bereichen expansiver und offener ist, dass sie die in der Seelsorge Tätigen in eine ständige Haltung des ‚Aufbruchs‘ versetzt und so die positive Antwort all derer begünstigt, denen Jesus seine Freundschaft anbietet“ (vgl. Evangelii gaudium, 27).
- Wir müssen bei den Menschen sein mit der Glut derer, die als erste das Evangelium in sich aufgenommen haben. Und „jedes Mal, wenn wir versuchen, zur Quelle zurückzukehren und die ursprüngliche Frische des Evangeliums wiederzugewinnen, tauchen neue Wege, kreative Methoden, andere Ausdrucksformen, aussagekräftigere Zeichen und Worte reich an neuer Bedeutung für die Welt von heute auf. In der Tat, jedes echte missionarische Handeln ist immer ‚neu‘“ (Evangelii gaudium, 11). Auf diese Weise können sich alternative Wege und Formen von Katechese ergeben, die den jungen Menschen und den Familien helfen, den allgemeinen Glauben der Kirche authentisch und froh wiederzuentdecken.
- In diesem Zusammenhang der neuen Evangelisierung ist es unerlässlich, dass der Bischof seine Aufgabe als Lehrer des Glaubens, des in der lebendigen Gemeinschaft der universalen Kirche überlieferten und gelebten Glaubens, in den vielfältigen Bereichen seines Hirtendienstes gewissenhaft wahrnimmt. Wie ein treusorgender Vater wird der Bischof die theologischen Fakultäten begleiten und den Lehrenden helfen, die kirchliche Tragweite ihrer Sendung im Auge zu behalten. Die Treue zur Kirche und zum Lehramt widerspricht nicht der akademischen Freiheit, sie erfordert jedoch eine Haltung der Dienstbereitschaft gegenüber den Gaben Gottes. Das sentire cum Ecclesia muss besonders diejenigen auszeichnen, welche die jungen Generationen ausbilden und formen.
- Wenn wir ferner einen Blick auf die Pfarrgemeinden werfen, die Gemeinschaft, in der der Glaube am meisten erfahrbar und gelebt wird, so muss dem Bischof in besonderer Weise das sakramentale Leben am Herzen liegen. Hier seien nur zwei Punkte hervorgehoben: die Beichte und die Eucharistie. Das bevorstehende Außerordentliche Jubiläum der Barmherzigkeit bietet die Gelegenheit, das Sakrament der Buße und der Versöhnung wieder neu zu entdecken. Die Beichte ist der Ort, wo einem Gottes Vergebung und Barmherzigkeit geschenkt wird. In der Beichte beginnt die Umwandlung des einzelnen Gläubigen und die Reform der Kirche. Ich vertraue darauf, dass im kommenden Heiligen Jahr und darüber hinaus dieses für die geistliche Erneuerung so wichtige Sakrament in den Pastoralplänen der Diözesen und Pfarreien mehr Berücksichtigung findet.
- Desgleichen ist es notwendig, die innere Verbindung von Eucharistie und Priestertum stets klar sichtbar zu machen. Pastoralpläne, die den geweihten Priestern nicht die gebührende Bedeutung in ihrem Dienst des Leitens, Lehrens und Heiligens im Zusammenhang mit dem Aufbau der Kirche und dem sakramentalen Leben beimessen, sind der Erfahrung nach zum Scheitern verurteilt. Die wertvolle Mithilfe von Laienchristen im Leben der Gemeinden, vor allem dort, wo geistliche Berufungen schmerzlich fehlen, darf nicht zum Ersatz des priesterlichen Dienstes werden oder ihn sogar als optional erscheinen lassen. Ohne Priester gibt es keine Eucharistie. Die Berufungspastoral beginnt mit der Sehnsucht nach dem Priester im Herzen der Gläubigen.
- Ein nicht hoch genug zu einschätzender Auftrag des Bischofs ist schließlich der Eintritt für das Leben. Die Kirche darf nie müde werden, Anwältin des Lebens zu sein und darf keine Abstriche darin machen, dass das menschliche Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod uneingeschränkt zu schützen ist. Wir können hier keine Kompromisse eingehen, ohne nicht selbst mitschuldig zu werden an der leider weitverbreiteten Kultur des Wegwerfens. (von hier)
Dem Papst geht es ums Wesentliche. Er hält sich nicht auf mit politischen Statements, Floskeln oder wohlfeilen Lobhudeleien, sondern nennt das ganze Elend beim Namen und macht unmissverständlich klar, dass nur das katholische Proprium (Beichte, treue Bewahrung und Verkündigung des ganzen Glaubens der Kirche, missionarischer Eifer etc.) Abhilfe schaffen kann... genau das, was hierzulande weitestgehend brach liegt.
Natürlich wird nun wieder jeder sich das rauspicken, was ihm passt und gute Miene machen. Aber hier ist eigentlich kein Interpretationsspielraum. Mit Verlaub: Wenn etwa ein Bischof Bode über "andere priesterliche Formen" nachdenkt, was ziemlich sicher auf eine Einebung des Unterschieds zwischen Priestern und Laien hinausläuft; wenn die DBK die neue Gesetzeslage zur Sterbehilfe bejubelt, die für Christen eigentlich völlig unannehmbar ist; wenn verschiedentlich versucht wird, Eucharistie und Beichte zu entkoppeln (und Letztere faktisch zu desavouieren), wie etwa in der Freiburger Handreichung zu den wvG und zugleich über 50% der Priester und über 90% der Gemeindereferenten einmal oder seltener im Jahr zur Beichte gehen; wenn katholische Einrichtungen und besonders die theologischen Fakultäten sich in der Mehrzahl alle Mühe geben, nicht mehr als "katholisch" aufzufallen; wenn gewisse Kardinäle den Zentralismus in der Weltkirche anprangern, während sie selbst dafür sorgen, dass ein ekklesiologisch irrelevantes und alles in allem fiktives Organ namens "Bischofskonferenz" den Diözesanbischöfen (von denen jeder Einzelne einzig dem Papst untersteht) vorschreiben kann, wie der Hase zu laufen hat; wenn der Apparat an Strukturen, wie aktuell ausgerechnet im Erzbistum München, exorbitante Außmaße erreicht; wenn das Wort "Mission" aus dem Vokabular der Würdenträger restlos verschwunden ist... dann ist es an der Zeit, den Papst beim Wort zu nehmen und endlich mal den Ar*** hochzukriegen.
Die Beispiele für Handlungen und Unterlassungen der deutschen "Amtskirche", die genau konträr zu dem laufen, was Franziskus ihnen gestern eingeschärft hat, ließen sich beliebig vermehren... Ich befürchte aber, dass man sich nun noch mehr auf die Fehlleistungen und Irrwege konzentrieren wird, die der Papst in seiner Ansprache nicht explizit angesprochen hat, mit dem ausgesprochenen oder unausgesprochenen Argument "dazu hat er ja nix gesagt".
Man wird sehen, wie die deutschen Bischöfe nun Handeln werden.
PS. Dass der Papst in seiner Ansprache ausgerechnet die KU Eichstätt so überdeutlich gelobt hat, lässt aufhorchen. Schon länger gibt es Überlegungen in der DBK, die dortige theologische Fakultät zu schließen, was gut dazu passt, die liberale (nicht selten ausgesprochen protestantisch-nationalkirchliche) Linie der katholischen Theologie in Deutschland weiter zu festigen. Wenn nun selbst der Papst ein Fan dieser Uni ist, dürften diese Überlegungen nun hoffentlich ein Ende haben.
PPS. Papst Franziskus fordert eine "pastorale Neuausrichtung" in den deutschen Diözesen... Wenn Kardinal Marx ehrlich wäre und zu dem stünde, was er bisher immer wieder vollmundig verlauten ließ ("keine Filiale Roms"), müsste er in etwa so reagieren: Was fällt dem Papst eigentlich ein, sich derart in die Angelegenheiten hierzulande einzumischen? Wie war das noch mit Synodalität? Hieß das denn nicht, "Jeder kocht sein eigenes Süppchen"?
Nur son Gedanke...
Samstag, 14. November 2015
"... notre combat sera impitoyable"
Mich hat es betroffen gemacht, dass der französische Präsident einen "erbarmungslosen Kampf" angekündigt hat (hier sagt er es). Der Mann will Blut sehen. Einen "kriegerischen Akt" nannte er es, was gestern geschehen ist...
folglich zieht er nun in den Krieg... (in dem er schon seit vielen
Monaten ohnehin knietief drinsteckt).Bravo. Das laizistische Frankreich ist nun endlich wieder in der guten alten Zeit angelangt, als Barmherzigkeit noch unbekannt war. Töten die 100 von uns, töten wir tausende von ihnen. Erbarmungslos. Soviel zum christlichen Abendland.
Die bislang bemerkenswerteste Äußerung kommt m.E. von Martin Schulz, dem Präsidenten des EU-Parlaments: "Das, was wir in Paris erlebt haben, ist in Homs, in Aleppo, in Damaskus Alltag" (hier). Was ich nun aber weniger im Blick auf die Beurteilung der Flüchtlinge verstehe, sondern v.a. im Hinblick auf die Scheinheiligkeit des "Westens"... denn den kümmerte es und kümmert es nach wie vor erstaunlich wenig, was dort abgeht... aber wenn sowas in Paris passiert, DANN erstrahlen überall in der westlichen Welt plötzlich die Wahrzeichen der Hauptstädte in Blau-Weiß-Rot...
Beten wir für die Opfer und für die, die verantwortlich sind.
Die bislang bemerkenswerteste Äußerung kommt m.E. von Martin Schulz, dem Präsidenten des EU-Parlaments: "Das, was wir in Paris erlebt haben, ist in Homs, in Aleppo, in Damaskus Alltag" (hier). Was ich nun aber weniger im Blick auf die Beurteilung der Flüchtlinge verstehe, sondern v.a. im Hinblick auf die Scheinheiligkeit des "Westens"... denn den kümmerte es und kümmert es nach wie vor erstaunlich wenig, was dort abgeht... aber wenn sowas in Paris passiert, DANN erstrahlen überall in der westlichen Welt plötzlich die Wahrzeichen der Hauptstädte in Blau-Weiß-Rot...
Beten wir für die Opfer und für die, die verantwortlich sind.
Sonntag, 25. Oktober 2015
Lektionen
Aus der Lesehore dieses Sonntags:
»Auf zweifache Weise suche ich meine Auserwählten heim: in Anfechtung und in Trost. Ich halte ihnen Tag für Tag zwei Lesungen [Lektionen]: in der einen tadele ich ihre Sünden, in der andern mahne ich sie zum Wachstum in der Tugend.« (Thomas von Kempen, Nachfolge Christi III,3)
Freitag, 16. Oktober 2015
Billige Gnade
»Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf geht heute um die teure Gnade.
Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenkenlos und grenzenlos ausgeschüttet wird; Gnade ohne Preis, ohne Kosten. Das sei ja gerade das Wesen der Gnade, dass die Rechnung im voraus für alle Zeit beglichen ist. Auf die gezahlte Rechnung hin ist alles umsonst zu haben. Unendlich groß sind die aufgebrachten Kosten, unendlich groß daher auch die Möglichkeiten des Gebrauchs und der Verschwendung. Was wäre Gnade, die nicht billige Gnade ist?
Billige Gnade heißt Gnade als Lehre, als Prinzip, als System; heißt Sündenvergebung als allgemeine Wahrheit, heißt Liebe Gottes als christliche Gottesidee. Wer sie bejaht, der hat schon Vergebung seiner Sünden. Die Kirche dieser Gnadenlehre ist durch sie schon der Gnade teilhaftig. In dieser Kirche findet die Welt billige Bedeckung ihrer Sünden, die sie nicht bereut und von denen frei zu werden sie erst recht nicht wünscht. Billige Gnade ist darum Leugnung des lebendigen Wortes Gottes, Leugnung der Menschwerdung des Wortes Gottes.
Billige Gnade heißt Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders. Weil Gnade doch alles allein tut, darum kann alles beim alten bleiben. "Es ist doch unser Tun umsonst." Welt bleibt Welt, und wir bleiben Sünder "auch in dem besten Leben". Es lebe also auch der Christ wie die Welt, er stelle sich der Welt in allen Dingen gleich und unterfange sich ja nicht – bei der Ketzerei des Schwärmertums! – unter der Gnade ein anderes Leben zu führen als unter der Sünde! Er hüte sich gegen die Gnade zu wüten, die große, billige Gnade zu schänden und neuen Buchstabendienst aufzurichten durch den Versuch eines gehorsamen Lebens unter den Geboten Jesu Christi! Die Welt ist durch Gnade gerechtfertigt, darum – um des Ernstes dieser Gnade willen!, um dieser unersetzlichen Gnade nicht zu widerstreben! – lebe der Christ wie die übrige Welt! Gewiss, er würde gern ein Außerordentliches tun, es ist für ihn unzweifelhaft der schwerste Verzicht, dies nicht zu tun, sondern weltlich leben zu müssen. Aber er muss den Verzicht leisten, die Selbstverleugnung üben, sich von der Welt mit seinem Leben nicht zu unterscheiden. Soweit muss er die Gnade wirklich Gnade sein lassen, dass er der Welt den Glauben an diese billige Gnade nicht zerstört. Der Christ aber sei in seiner Weltlichkeit, in diesem notwendigen Verzicht, den er um der Welt – nein, um der Gnade willen! – leisten muss, getrost und sicher (securus) im Besitz dieser Gnade, die alles allein tut. Also, der Christ folge nicht nach, aber er tröste sich der Gnade! Das ist billige Gnade als Rechtfertigung der Sünde, aber nicht als Rechtfertigung des bußfertigen Sünders, der von seiner Sünde lässt und umkehrt; nicht Vergebung der Sünde, die von der Sünde trennt. Billige Gnade ist die Gnade, die wir mit uns selbst haben.
Billige Gnade ist Predigt der Vergebung ohne Buße, ist Taufe ohne Gemeindezucht, ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus.
Teure Gnade ist der verborgene Schatz im Acker, um dessentwillen der Mensch hingeht und mit Freuden alles verkauft, was er hatte; die köstliche Perle, für deren Preis der Kaufmann alle seine Güter hingibt; die Königsherrschaft Christi, um derentwillen sich der Mensch das Auge ausreißt, das ihn ärgert, der Ruf Jesu Christi, auf den hin der Jünger seine Netze verlässt und nachfolgt.
Teure Gnade ist das Evangelium, das immer wieder gesucht, die Gabe, um die gebeten, die Tür, an die angeklopft werden muss.
Teuer ist sie, weil sie in die Nachfolge ruft, Gnade ist sie, weil sie in die Nachfolge Jesu Christi ruft; teuer ist sie, weil sie dem Menschen das Leben kostet, Gnade ist sie, weil sie ihm so das Leben erst schenkt; teuer ist sie, weil sie die Sünde verdammt, Gnade, weil sie den Sünder rechtfertigt. Teuer ist die Gnade vor allem darum, weil sie Gott teuer gewesen ist, weil sie Gott das Leben seines Sohnes gekostet hat – "ihr seid teuer erkauft" -, und weil uns nicht billig sein kann, was Gott teuer ist. Gnade ist sie vor allem darum, weil Gott sein Sohn nicht zu teuer war für unser Leben, sondern ihn für uns hingab. Teure Gnade ist Menschwerdung Gottes.
Teure Gnade ist Gnade als das Heiligtum Gottes, das vor der Welt behütet werden muss, das nicht vor die Hunde geworfen werden darf, sie ist darum Gnade als lebendiges Wort, Wort Gottes, das er selbst spricht, wie es ihm gefällt. Es trifft uns als gnädiger Ruf in die Nachfolge Jesu, es kommt als vergebendes Wort zu dem geängsteten Geist und dem zerschlagenen Herzen. Teuer ist die Gnade, weil sie den Menschen unter das Joch der Nachfolge Jesu Christi zwingt, Gnade ist es, dass Jesus sagt: "Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht."«
(So der Anfang des ersten Kapitels über "Die teure Gnade" aus Dietrich Bonhoeffers "Nachfolge")
Samstag, 3. Oktober 2015
Soli Deo
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| von hier |
Während der drei Wochen der Synode werde ich hier nichts posten, um der Versuchung zu wehren, sie zu kommentieren. Und weil ich in dieser Zeit einiges andere zutun habe, anstatt mich mit selbiger Synode zu beschäftigen.
Wie sagte noch Newman: Wer Kreuzfahrten liebt, sollte sich vom Maschinenraum fernhalten. Nun, jetzt werden erstmal drei Wochen lang Kohlen geschaufelt und allen Nichtbeteiligten bleibt das Gebet für die Hirten, der Sakramentenempfang und wahlweise auch das Fasten. Synoden und Konzilien waren schon immer auch ziemlich schmutzige Angelegenheiten, bei denen einiges an Geschirr flog. Das wird auch diesmal nicht anders sein. Und am Ende entscheidet eh der Papst. Der Geist wird die Kirche des Herrn führen, es ist jetzt seine Bühne.
Freitag, 2. Oktober 2015
Dürftige Theologie - 18 - Perspektive
»Nach populärer Vorstellung ist die Langlebigkeit einer Institution an sich schon ein Einwand gegen sie - weil und wie bisher Alter an sich schon als Empfehlung galt. Heute herrscht bereits die unbewußte, darum um so mächtigere Vorstellung, solches Überleben könnte nur auf verdächtigten Ursachen beruhen: wie Unwissenheit, Aberglauben, Geistesträgheit, Machtkampf und Sturheit. Daß etwa Vernunft und Bewährung im Bewahren auch mitspielen könnten, damit rechnet man nicht gerne. Diese Voraussetzung erschwert jedem, der für Tradition irgendwelcher Art eintritt, das Gespräch: denn wie einst der Neuerer, befindet sich nun der Verteidiger eines Überlieferten und vornherein im Unrecht und auf der Anklagebank.« (Ida Friederike Görres, Be-Denkliches)
Was Ida Görres vor 50 Jahren, mitten in den Wirren nach dem letzten Konzil konstatierte, ist heute allgegenwärtig. Das ist besonders traurig, weil die gesamte Kirchengeschichte (und schon die Überlieferung innerhalb der Schriften des Neun Testaments!) bezeugt, dass das Hergebrachte, das Überlieferte, das Tradierte die Priorität genießt und jedes "Neue" von dieser Tradition her im Sinne einer Unterscheidung der Geister geprüft werden muss. Heute ist es andersherum. Die Perspektive hat sich völlig verschoben.
Das ist übrgens das gleiche Phänomen, das wir besonders im liturgischen Leben der Kirche beobachten können: Das überall anzutreffende Missverständnis liegt darin, dass die Gemeinde sich selbst feiern will, "Gemeinschaft" und "Beisammensein" sucht, anstatt das uneingeschränkte und bedingungslose Lob Gottes, das ihm wohlgefällige Opfer, darzubringen (vgl. dazu hier).
Dieser Perspektivwechsel ist in der akademischen Theologie besonders krass zu beobachten, und ich meine nicht nur, was man gemeinhin "anthropologische Wende" nennt (die ja auch eine sehr wichtige, positive Seite hat, wie sie etwa in der Theologie des Leibes zum Vorschein kommt). Ich meine noch viel grundlegender die Infragestellung von jedweder Wahrheit und zwar in allen theologischen Disziplinen. Und das geht so:
Früher (also: bisher immer) galt die Offenbarung Gottes dem Menschen. Sie hatte normativen Charakter. Die Gebote Gottes galt es zu befolgen, ihre Nichtbefolgung galt als Sünde, gleichbedeutend mit einer Abwendung und Flucht vor Gott, die sich dann konsequent auch ins Ewige fortzusetzen drohte (= Verdammnis). Wer sagte: Ich habe ihn erkannt!, aber seine Gebote nicht hält, der war ein Lügner und die Wahrheit war nicht in ihm (vgl. 1Joh 2,4).
Heute ist ein Grundaxiom der meisten Theologie auf eine Formel gebracht, wie sie mir neulich in konziser Form im Kontext der Religionspädagigik begegnet ist: "Die göttliche Offenbarung hat nur dann Geltung für den Menschen, wenn sie von diesem angenommen und bejaht wird."
Der Satz klingt für den Laien (und die meisten Theologiestudenten) auf den ersten Blick insofern vernünftig, weil er syllogistisch anmutet: Nur wenn ich etwas annehme und bejahe, kann es in meinem Leben zur Geltung kommen. Klingt logisch, weil es eigentlich zweimal das gleiche sagt: annehmen - zur Geltung kommen lassen... Wenn etwas in meinem Leben zur Geltung kommt, heißt das, dass ich es angenommen habe. Aber hier schleicht sich beim aufmerksamen Leser bereits ein ungutes Gefühl ein... stimmt das denn? Der Kniff, der hier angewendet wird, ist die Nuancierung des Begriffs der Geltung: Geltung meint nicht nur, dass sich etwas manifestiert, dass es bemerkbar wird und Auswirkungen hat, sondern im engeren Sinne eben auch - und darin den eben genannten Bedeutungen semantisch wie existentiell vorgelagert -, dass etwas gilt! Und genau diese letzte Bedeutung ist es, die mit der oben gegebenen axiomatischen Formel einerseits kaschiert werden soll, obgleich sie andererseits durchaus primär intendiert ist. Zu Deutsch: Man erweckt den Eindruck, nur eine doppelt-gemoppelte Phrase über die sich im Leben auswirkende Offenbarung Gottes zu gebrauchen, weil man sich irgendwie doch noch subkutan bewusst ist - zumindest im öffentlichen theologischen Treiben und Schreiben -, dass hier etwas Steiles behauptet wird. Aber was man eigentlich tut, und was auch jedem irgendwann freudig (weil "entlastend") auffällt, kommt einer Abschaffung dieser Offenbarung gleich.
Wenn nämlich die Offenbarung Gottes - und darin besonders seine Gebote - nur dann für mich gelten, wenn ich sie auch annehme und bejahe, heißt das nämich im Umkehrschluss, dass sie für mich dann nicht gelten, wenn ich sie nicht annehme und bejahe. Die Wahrheit Gottes und seine Gebote haben keine Geltung, keine Gültigkeit, wenn ich sie nicht möchte - ich bin nicht an sie gebunden. Oder so: Gott verlangt von mir keine Erfüllung seiner Gebote, wenn ich das nicht auch selbst will und er sanktioniert auch keine Nichterfüllung.
Noch grundlegender gilt dies für die Wahrheit Gottes selbst: Was auch immer die Bibel und/oder die Kirche von der Wahrheit Gottes lehren, gilt nur dann für mich, wenn ich es möchte. Wenn ich es nicht möchte, ist es auch egal, und Gott findet sich damit ab. Das ist der Begriff von "Freiheit", den der Freiburger Fundamentaltheologe Herr Striet in seiner endlosen atheistischen Selbstreferenz meint, wenn er sagt, dass es "nichts [gibt], über das hinaus Größeres für den Menschen zu denken und zu ersehnen wäre als das Recht auf Freiheit" (vgl. meine Notiz dazu hier).
Solches Denken lässt sich dann noch auf vielerlei Weise ganz gut kaschieren, beispielsweise so, wie es mir erst diese Woche wieder einmal begegnete: Indem man sagt, man verstehe Christentum als ein "narratives" Geschehen - im betonten Gegensatz zu einem am überlieferten Erbe "starr festhaltenden" "dogmatischen" Christentum. Das klingt zunächstmal irgendwie gut, und man kann es auch im guten Sinne verstehen: Von Jesus muss immer neu erzählt werden, und jeder muss selbst mit Ihm seine Lebensgeschichte gestalten (erzählen). Was aber damit i.d.R. gemeint ist, ist nicht das neue Erzählen, sondern das Erzählen von etwas Neuem, das man sich selbst ausgedacht hat und das wie selbstverständlich ausdrücklich gegen die Überlieferung in Stellung gebracht wird. Also genau das, wovor besonders der Apostel Paulus immer und immer wieder warnt.
Interessant ist, dass die Unterhaltung, in der mir diese Aussage diesmal begenete, sich von einem konkreten Sachverhalt sehr schnell auf die Frage nach der theologischen Erkenntnis verschoben hat und dort dann auch konsequenterweise von meiner Gesprächspartnerin die Evangelien gegen Paulus in Stellung gebracht wurden, nachdem ich auf die vielfältigen Aussagen des Paulus über das Festhalten an der überlieferten Lehre hingewiesen habe. Darauf die Erwiderung: Paulus vertrete nämlich ein solches "dogmatisches" Christentum, aber in den Evangelien sei das nicht so. Dass die Evangelien später als die meisten Briefe des Paulus entstanden sind und zwar auch in Gemeinden, die von diesem Paulus sehr geprägt waren, schien sie genausowenig zu interessieren, wie die Tatsache, dass die Evangelien selbst Frucht eines "Festhaltens" und getreuen Überlieferns sind, das logischereweise stattgefunden haben muss, bevor sie geschrieben wurde. In der Apostelgeschichte können wir ebenfalls die Wichtigkeit getreuer Überlieferung in der frühen Kirche geradezu live, "narrativ", erleben: "Sie hielten an der Lehre der Apostel fest"; Apg 2,42. Von den vielen eindeutigen Aussagen Jesu gerade über die Gebote Gottes, das zu erwartende Gericht und seine Person - die eine Umdeutung zu etwas weniger als dem Fleichgewordenen einzigen Sohn Gottes, der wiederkommen wird als Weltenrichter, nicht erlauben - einmal abgesehen. (Das war besonders witzig [oder gruselig?], weil mir jene Gesprächspartnerin zuvor, als es noch um den konkreten Sachverhalt ging, einen Mangel an Kontextualität in meiner Bibelhermeneutik vorwarf...)
Es darf nichts mehr vorgegeben sein, sei es in Sachen Moral, sei es über die Realität Gottes. Alles, was uns überliefert ist von Gottes Taten und Gottes Weisung, hat im Grunde überhaupt keine Gültigkeit, Gott ist damit völlig machtlos. (Hier zeigt Karl Barth, wie diese Machtlosigkeit auch zur Abschaffung der Gnade führen muss.) Es ist alles irgendwie auf die Ebene von Meinungen herabgedrückt, die man am Stammtisch äußern kann. Wer sich auf etwas beruft, was er nicht einfach selbst meint, sondern was er als Empfangenes weitergeben will (vgl. 1Kor 11,13), der wird verlacht und ausgeschlossen.
»Ich beschwöre dich bei Gott und bei Christus Jesus, dem kommenden Richter der Lebenden und der Toten, bei seinem Erscheinen und bei seinem Reich: Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht; weise zurecht, tadle, ermahne, in unermüdlicher und geduldiger Belehrung.
Denn es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Wünschen immer neue Lehrer sucht, die den Ohren schmeicheln; und man wird der Wahrheit nicht mehr Gehör schenken, sondern sich Fabeleien zuwenden.
Du aber sei in allem nüchtern, ertrage das Leiden, verkünde das Evangelium, erfülle treu deinen Dienst!«
(2Tim 4,1-5)
Dienstag, 29. September 2015
.
du
starker Held Gottes,
steh
mir in meiner Bedrängnis bei,
wie
du einst in den Kampf zogst
gegen
die Bedränger Israels.
Wie
du dem Propheten Daniel
den
Willen Gottes offenbart hast,
und
die Zeichen zu deuten halfst,
so
hilf jetzt auch mir,
dass
ich die Zeichen erkenne
und
den Willen Gottes tue,
auf
dass ich Ihm gefalle.
Wie
du die Geburt des Vorläufers
dem
Zacharias verkündet,
und
der heiligsten Jungfrau Maria
die
Menschwerdung unseres Herrn
Jesus
Christus
kundgetan
hast,
so
erleuchte auch mich,
dass
ich immer mehr
zu
dem Menschen werde,
den
Gott in mir erdacht hat
und
den Er jetzt schon in mir liebt.
Amen.
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