Dienstag, 11. Februar 2014

In Erwartung eines neuen Hirten

Vielleicht eine Fortsetzung von hier.

Akatair beschreibt hier (klick) ein wenig die deutsche katholische Situation in Fragen von Ehe, Familie und Sexualität aus seiner Sicht. Ungeschminkt und leider wahr. Besonders was die Nachlässigkeit der Hirten anbelangt (vgl. mein Beitrag dazu hier).

Von Anbeginn meines Katholischseins, fragte ich mich bereits, was man als Katholik eigentlich zu tun oder zu fühlen hat, wenn man einen schlechten Hirten hat... einen, der völlig unauffällig (ließ: nutzlos) oder sogar kontraproduktiv ist.

Was mich auf meinem Weg zum Katholizismus sehr bestärkt hat, waren gerade auch die Päpste des 20. Jahrhunderts. Nie zuvor, so scheint es, gab es eine solche Anhäufung eifriger und geradezu heiligmäßiger Hirten. Das Gebaren der Bischöfe meines Heimatlandes schreckte mich eher ab, sobald ich anfing, Lehre und Wesen der Kirche mit ihrer Verkündigung hierzulande, besonders in meinem Bistum, zu vergleichen. Ich merkte schon vor meinem Entschluss, katholisch zu werden, dass, will ich "ernst machen" mit dem Katholizismus, ich mich an das halten muss, was für die ganze Kirche gilt. 
Die Ortskirche ist dem nachgeordnet. Was der eigene Bischof tut, gilt unter Vorbehalt; die Fragen lauteten immer schon: Ist er kompetent? Und: Tut er, was er tun soll? Es ist schrecklich, wenn man seinem Bischof nicht vertraut. Immerzu, inzwischen ganz automatisch, wäge ich alles was von meinem Bischof oder seinen ausführenden Organen kommt. Muss das sein?
[Das Theologiestudium bringt es u.a. mit sich, dass man den Wert gesunder Einfalt zu schätzen (und diese selbst zu vermissen) lernt.]

Ich habe das Glück, meinem Pfarrer (und noch ein paar anderen Priestern die ich regelmäßig erlebe) vertrauen zu können. Ich lasse mich von seinen Predigten und sonstigen Ausführungen berühren, ermutigen, aufrütteln und auch zuweilen intellektuell fordern. Es geht also. Dass ich bei den Päpsten dieses Vertrauen hegen kann ist zwar schon per Definition so (Papst ist Papst), aber ich tue es auch tatsächlich aus Erfahrung.
Aber höre ich eine Predigt oder sonstige Äußerungen meines bisherigen Bischofs (oder einiger bestimmter anderer Bischöfe meines Landes), warte ich nur darauf und meistens geschieht es auch, dass die Alarmglocken losgehen, weil er entweder völlig belangloses/fruchtloses/hinterfragbares Zeug redet, oder weil er direkt in einen Widerspruch zur Kirche gerät (und es noch nichtmal merkt?). Dem hilft es auch nicht gerade, dass jede zweite Äußerung, Predigt oder nicht, kirchenpolitisch brisante Statements enthält.

Ich möchte gerne als neuen Bischof jemanden, dem ich vertrauen kann. 
Dem ich einfach zuhören kann wenn er den Mund aufmacht, ohne bei jedem Satz in Alarmbereitschaft sein zu müssen, für den Fall, dass das Gesagte mit der Lehre der Kirche oder überhaupt mit dem christlichen Gottes- und Menschenbild unvereinbar ist (und dümmlich sollten die Sätze möglichst auch nicht sein).

Das wäre nett.  

Gebet um gute Bischöfe.

Sonntag, 9. Februar 2014

Salz und Licht

Würziges Salz sollten sie sein, aber sie sind lieber das Öl im Getriebe oder der Honig im Kuchen. Statt die christliche Alternative sichtbar zu machen, lieben sie den Kompromiss. Durch Nivellierung möchten sie unauffällig erscheinen und (ausgerechnet) um Gottes willen keinen Anstoß erregen. Mit Gewalt möchten sie heraus aus dem Getto ‑ und begreifen doch nicht, dass sie notwendig und oft in sehr konkretem Sinn ihre Heimat nur im Getto haben dürften. Sie erkennen nicht, dass man Menschen nicht durch Nachgeben, sondern durch Forderungen gewinnt. Der Verlust an Gewicht, den die Kirchen in der Geschichte erleiden müssen, hat darin ihren Ursprung, dass man zu wenig von der einschneidenden Härte der christlichen Botschaft gesprochen hat. Und zu wenig begeistert von der Verheißung. Christentum ist eben nicht Verbrüderung um jeden Preis. Soren Kierkegaard: »Salz, Salz her! Denn die Christenheit ist eine Fäulnis des Christentums! Eine christliche Welt ist der Abfall vom Christentum.« Salz der Erde sein bedeutet Widerstand leisten aus Hoffnung. Der Münzstempel, der weicher ist als das Metall, das er prägen soll, taugt nichts. Salz ist nicht für Salz da, Christen nicht zu innenchristlicher Selbstbefriedigung. Salz an und für sich ist kein Nahrungsmittel; es hat nur Sinn und Bedeutung in Beziehung zu anderen Speisen, deren Essenz durch Salz hervorgelockt wird. Als Salz der Welt sind die Christen für die anderen da; ihr Job ist Dienstleistung pur.

Im Wort vom Licht geht es noch klarer um den Auftrag der Christen. Man höre und Staune: Nicht aufgrund Gottes eigener Werke, etwa in der Schöpfung, sollen die Menschen sich bekehren, sondern aufgrund der guten Werke der Christen. Wir tragen die Verantwortung dafür, dass die anderen den Weg zu Christus finden. Wir sind verloren, wenn wir ihnen diesen Weg nicht zeigen, sondern ihn verdunkeln oder versperren. Und es geht um Werke, nicht um Rhetorik. Christen sollen Überzeugungen nicht vortragen, sondern die Überzeugung sein.

(Klaus Berger, Jesus)

!!!

Freitag, 7. Februar 2014

Der Glaubenssinn des Gottesvolkes

Bild von Nick Thompson (hier)
Genau wie der Begriff "Gewissen" (siehe dazu hier), so wird auch der Begriff "Glaubenssinn" (sensus fidei) heute nicht nur von Theologäähn, sondern verstärkt auch von Bischöfen allzugern als eine mit neuem Inhalt gefüllte Worthülse missbraucht, um damit einen theologischen wie moralischen Irrweg zu pflastern, der meilenweit von der unbequemen Wahrheit entfernt liegt. Ja, man gewinnt den Eindruck, die Worte werden mehr und mehr synonym gebraucht... was freilich unter Vergegenwärtigung ihrer tatsächlichen Bedeutung schlicht und ergreifend bescheuert ist (vgl. meine früheren Anmerkungen zum Thema, z.B. hier).


»Der sensus fidei ist das Kriterium, an dem gemessen wird, ob eine Wahrheit dem lebendigen Glaubensgut der apostolischen Tradition angehört oder nicht. Er verkörpert auch eine konstruktive Funktion, insofern der Heilige Geist weiterhin zur Kirche spricht und sie in die ganze Wahrheit einführt. Gleichwohl ist es heutzutage ganz besonders wichtig, die Kriterien genau zu bestimmen, die es gestatten, den authentischen sensus fidelium von Verfälschungen desselben zu unterscheiden. In Wirklichkeit ist dieser keineswegs eine Art öffentlicher Meinung der Kirche, und es ist unvorstellbar, daß dieser angeführt werden könnte, um die Lehren des Lehramtes zu bestreiten, da der sensus fidei sich im Gläubigen nur in dem Maß authentisch entfalten kann, in dem dieser voll am Leben der Kirche teilnimmt, und das setzt ein verantwortliches Festhalten an deren Lehramt, am Glaubensgut, voraus.«
(Papst Benedikt XVI. in seiner Ansprache an die Internationale Theologische Kommission am 7. Dezember 2012)

»Wenn Gott uns nicht innerlich erleuchtet, ist unser Christsein oberflächlich. Die Überlieferung der Kirche sagt, dass der Geist der Wahrheit in unserem Herzen wirkt und jenen "Glaubenssinn" ("sensus fidei") hervorbringt, durch den das Gottesvolk, wie das Zweite Vatikanische Konzil bekräftigt, unter der Leitung des Lehramts den übergebenen Glauben unverlierbar festhält, mit rechtem Urteil immer tiefer darin eindringt und ihn im Leben voller anwendet (vgl. GS 12). Versuchen wir, uns zu fragen: Bin ich offen für das Wirken des Heiligen Geistes, bete ich zu ihm, auf dass er mir Licht schenke, mich empfänglicher mache für die Dinge Gottes? Dieses Gebet müssen wir jeden Tag sprechen: "Heiliger Geist, lass mein Herz offen sein für das Wort Gottes, lass mein Herz offen sein für das Gute, lass mein Herz jeden Tag offen sein für die Schönheit Gottes."« 
(Papst Franziskus in der Generalaudienz am 15. Mai 2013)

David, der Große

Hier (klick) habe ich vor ein paar Tagen die Tugendhaftigkeit Davids im Unterschied zur Torheit Sauls behandelt, weil David sich in seiner Sünde zu Gott wendete, während Saul trotzig wurde und Gott ob seiner Sündhaftigkeit zu fliehen suchte. Weshalb David von Gott schließlich zum Prototyp des Königs erhöht wurde und wir ihn (eigentlich) noch heute in der Kirche als Heiligen verehren, während Saul ins vergessen fiel.

Heute ließt die Kirche, genau am Übergang der Davidserzählung zum Bericht über dessen Sohn Salomo und dafür extra (und wie ich finde sehr passend) die Bahnlesung unterbrechend, das Lob auf David, das uns in den "Preisungen der Väter" im Buch Jesus Sirach (in den Kapiteln 44 bis 50; hier: 47, 2-11) überliefert ist. Direkt davor wurden die Richter und der Prophet Samuel gelobt, anschließend wird Salomo in seiner Weisheit, aber auch in seiner Torheit besungen werden. Saul taucht nicht auf. Er wird überhaupt nur in den Geschichtsbüchern behandelt und in einigen wenigen Psalmen beiläufig erwähnt - soviel zu seiner Wirkunsgeschichte. Ich zitiere mal aus der Übersetzung von Paul Rießler (Die heilige Schrift des Alten Bundes Bd. II, 1928), weil sie mir um längen lyrischer dünkt, als die Einheitsübersetzung.



Ein Nierenstück, getrennt vom Feueropfer,
ist David bei den Söhnen Israels.
Er spielte mit den Löwen, wie mit Ziegenböcken,
mit Bären, wie mit Lämmern aus der Herde.

Erlegte er nicht in der Jugend schon den Riesen
und nahm die Schmach vom Volke weg?
Er schwang mit aufgehobner hand die Schleuder
und warf den Hochmut Goliaths darnieder.

Er rief zum höchsten Herrn
und Er verlieh ihm Seiner Rechten Kraft,
den Mann zu töten, der im Kriege mächtig,
und zu erhöhen seines Volkes Macht.

So gab er ihm den Ruhm von zehnmal Tausenden
und ließ mit Herrngesang ihn preisen,
nachdem er ihm die Siegeskrone zugewandt.
Denn ringsumher rieb er die Feinde auf,
vernichtete die Widersacher, die Philister,
zerbrach bis auf den heutigen Tag ihr Horn.

Er brachte Lobpreis dar für jene seiner Taten
dem Heiligen, dem Höchsten, in gar schönen Worten;
aus ganzem Herzen sang er ihm
und war mit Liebe seinem Schöpfer zugetan.
Er stellte vor den Altar Sänger
und ihr Gesang floß hin zu süßen Liedern.

Er gab den Festen das Gepräge
und stattete die Festgezeiten bis zum Ende prächtig aus,
indem sie seinen heiligen Namen priesen
mit Liedern, die von morgens früh im Heiligtum erschallten.

Der Herr nahm seine Sünden weg,
erhob für alle Zeiten seine Macht,
gab ihm des Königtums Vermächtnis
und den erhabnen Thron in Israel.

Donnerstag, 6. Februar 2014

Nochmal kurz zum Gewissen

»Sie [d.i. die Kirche] muss deutlich machen, dass sie die Lebenserfahrung und die Gewissenskompetenz ihrer Gläubigen respektiert, hochschätzt und sie als Quelle ihrer eigenen ethischen Urteilsbildung betrachtet.«

So der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff in seiner Äußerung zu den "Ergebnissen" der Katholikenbefragung in Deutschland (hier).

Ich hatte vor etwas über einer Woche hier (klick) einen recht langen Beitrag veröffentlicht, der, v.a. anhand der Enzyklika Veritatis Splendor von 1993, mit vielenvielen Zitaten darlegen wollte, was das Lehramt der Kirche (und mithin die Väter des letzten Konzils!) unter "Gewissen" versteht. Weil der Beitrag wohl doch etwas Überlänge bekommen hat (in Word etwa 16 Seiten...) und vllt. darum nur wenig gelesen wurde, will ich das, auch als kleine Replik auf jenes Schockenhoff-Zitat, hier nochmal in kurz zusammenfassen... ein Versuch wenigstens.

Was in jener Enzyklika noch als im Widerspruch zur kirchlichen Lehre stehende "Tendenzen" der Moraltheologie bezeichnet werden konnte, ist heute soetwas wie das Grundgesetz der Moraltheologen. Es ist der Kanon, an dem sich eigentlich alles auszurichten hat. Dies gilt besonders für den heute gängigen und so dermaßen falschen Begriff von "Gewissen", weshalb es unglaublich schwer ist, das jemandem klar zu machen.

Heute wird das Gewissen des Einzelnen im Wesentlichen autonom gedacht, sodass dem Individuum aufgrund seines Individuumseins bereits eine "Gewissenskompetenz" zugesprochen wird die als oberste und letzte Instanz des Handelns angesehen wird. So sehr, dass, wie im obigen Zitat gut ersichtlich, sich sogar die kirchliche Lehre dem zu beugen habe.

Das beständige Lehramt der Kirche aber, und darin auch das Zweite Vatikanische Konzil, das an verschiedenen Stellen (v.a. GS 16) auf das Gewissen zu sprechen kam, versteht unter "Gewissen" etwas ganz anderes: Das Gewissen ist etwas, das gebildet (auch im Sinne von belehrt!) werden muss und ein Leben lang lernen muss. Das Gewissen treibt den Menschen zum Tun dessen, was gut ist, aber es ist dabei nicht auf sich gestellt, sondern muss an dem ausgerichtet und orientiert sein, was die Kirche Jesu Christi mit ihrer von Christus verliehenen Autorität verkündet. 
»Das Gewissen muß geformt und das sittliche Urteil erhellt werden. Ein gut gebildetes Gewissen urteilt richtig und wahrhaftig. Es folgt bei seinen Urteilen der Vernunft und richtet sich nach dem wahren Gut, das durch die Weisheit des Schöpfers gewollt ist. Für uns Menschen, die schlechten Einflüssen unterworfen und stets versucht sind, dem eigenen Urteil den Vorzug zu geben und die Lehren der kirchlichen Autorität zurückzuweisen, ist die Gewissenserziehung unerläßlich.« (KKK 1783)
»Bei der Gewissensbildung ist das Wort Gottes Licht auf unserem Weg. Wir müssen es uns im Glauben und Gebet zu eigen machen und in die Tat umsetzen. Auch sollen wir unser Gewissen im Blick auf das Kreuz des Herrn prüfen. Wir werden dabei durch die Gaben des Heiligen Geistes und das Zeugnis und die Ratschläge anderer unterstützt und durch die Lehre der kirchlichen Autorität geleitet.« (KKK 1785)

Wenn das Gewissen nicht dem folgt, was das Lehramt der Kirche in Moralfragen zu halten vorlegt, dann irrt es. Das ist auch ganz logisch, denn wenn die Kirche die authentische Bewahrerin und Verkünderin der göttlichen Gesetze ist (und das ist Glaubenssatz, dass das so ist!), dann ist eine Abweichung von diesen von der Kirche bewahrten und verkündeten Gesetzen ein von Gott wegzielender Irrtum. Dies ist das "irrende Gewissen", das auch das Zweite Vaticanum nicht unerwähnt lässt, das heute aber scheinbar nicht mehr existiert. Es ist heute de facto eigentlich nicht mehr möglich, dass sich das Gewissen irrt, weshalb es ja auch als oberster Gesetzgeber fungieren können soll.
»Unkenntnis über Christus und sein Evangelium, schlechte Beispiele  anderer Leute, Verstrickung in Leidenschaften, Anspruch auf eine falsch verstandene Gewissensautonomie, Zurückweisung der Autorität der Kirche und ihrer Lehre, Mangel an Umkehrwillen und christlicher Liebe können der Grund für Fehlurteile im sittlichen Verhalten sein. « (KKK 1792)

Die Gewissensfreiheit des Menschen besteht in der Freiheit zum Guten. Das Gute ist daran zu erkennen, dass die Kirche es kraft ihrer Autorität als solches zu tun und zu halten vorlegt. Der Mensch hat die Pflicht seinem Gewissen zu folgen.
Wenn Zweifel ob der korrekten Handlungsweise bestehen, dann ist der Katholik verpflichtet, auch wider vermeintlich besseres Wissen der Lehre der Kirche zu folgen. Ist jedoch der Irrtum des Gewissens so groß, dass er unüberwindbar ist (die unüberwindliche Überzeugung, dass dies oder jenes richtig ist, obwohl es der Lehre der Kirche widerspricht), dann ist der Mensch verpflichtet, auch diesem irrenden Gewissen zu folgen. Das ist der (auch vom letzten Konzil formulierte) Fall, in dem eine vom natürlichen (und von der Kirche verkündeten) Moralgesetz abweichende Handlungsweise zulässig ist. Aber es handelt sich hierbei eben um einen Irrtum, weshalb diese Handlungsweise niemals zum neuen Gesetz erhoben werden kann.

Glaube und Moral sind nicht zu trennen. So wie es den Glaubensirrtum gibt, gibt es auch den Irrtum in Fragen der Moral. In beiden Fällen nennt man eine willentliche Abweichung "Häresie". So ist denn nun auch das, was Herr Schockenhoff sagt, völlig abwegig: Sowenig wie die "Ideen" des Einzelnen die von der Kirche bewahrten Glaubenswahrheiten ändern können, sowenig kann das "Gewissen" des Einzelnen die Morallehre der Kirche ändern. Beides hat seine einzige Quelle in der göttlichen Offenbarung, also in der Heiligen Schrift und in der Tradition.


PS. Bei drängenden Regungen zu Kritik oder bei eventuellen Unklarheiten empfehle ich die Lektüre des verlinkten ausführlicheren Beitrags, dies hier ist wirklich nur ein Versuch einer extrem knappen Zusammenfassung.

Reporter vom Fach

»Bisher war der Papst ja für den Kurs der Kirche zuständig, für die Glaubenssätze, und er genoss sogar das Privileg der Unfehlbarkeit. Damit hat Papst Franziskus ja Schluss gemacht.«

So die Hinführung des Reporters zu seiner ersten Frage in einem Interview des Deutschlandfunks mit dem Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke (hier). Qualitätsjournalismus pur.

Von Haus aus Dogmatiker, habe ich so laut gelacht wie schon lange nicht mehr. Herrlich. Made my day!

Ich habe mir das Interview dann nicht mehr zugemutet (Lachmuskeln schonen!). Dass es im Einleitungstext heißt, "Die Menschen sollten nicht mit Verboten belastet werden" reicht mir schon... Die zehn Gebote, die mehrheitlich mit "Du sollst nicht..." beginnen, werden dann wohl auch zeitnah abgeschafft.

Mittwoch, 5. Februar 2014

Die UNO und die kath. Kirche

Es geistert ja derzeit herum, dass die UNO den Heiligen Stuhl (das ist die völkerrechtliche Körperschaft, mit der der Vatikan - und damit die Katholische Kirche, als einzige Religionsgemeinschaft - bei den Vereinten Nationen vertreten ist) mit Blick auf die UN-Kinderschutzkonvention auffordert, an einigen kritischen Stellen Änderungen, etwa im Kirchenrecht, einzuführen, die dann aber in Widerspruch zur katholischen Lehre und somit zur Religionsfreiheit gerieten. Konkret geht es um die kirchliche Position zu Homosexualität und Abtreibung. Ich bin nicht immer ein Freund der UNO und ihrer Organe, besonders wenn es um manche Fragen der AIDS-Prävention oder Korruption geht, aber ich möchte trotzdem ein paar Beobachtungen teilen.

Das Dokument mit dem wohlklingenden Titel "Concluding observations on the second periodic report of the Holy See" findet sich hier (klick). Dass es diesen Bericht der Kommission für die Rechte der Kinder gibt ist gut. Sowas gehört auch dazu, seit der Vatikan die "Kinderschutz-" oder "Kinderrechtskonvention" (Convention on the Rights of the Child, CRC) unterzeichnet hat. Damit gehört die Kirche zu den Institutionen (oder Staaten), die sich dann auch einer regelmäßigen Überprüfung hinsichtlich der Umsetzung bzw. Einhaltung der UNCRC unterziehen müssen. Jeder Stolz nach dem Motto "die Kirche muss sich nix sagen lassen" wäre also schonmal verfehlt. Der Heilige Stuhl - und damit die Katholische Kirche - hat sich zur Zusammenarbeit bereit erklärt, als er die Konvention unterzeichnet hat. Und sehr vieles in diesem Bericht ist auch richtig und wichtig.

Im Hinblick auf Homosexualität geht es eigentlich noch umfangreicher um das Thema Diskriminierung bei Kindern. So wird etwa noch vor der Erwähnung unterschiedlicher sexueller Orientierungen die Frage nach der Unterscheidung zwischen legitimen und illegitimen Kindern gestellt. Der betreffende Absatz:
»The Committee recommends that the Holy See bring all its laws and regulations, as well as its policies and practices, in conformity with article 2 of the Convention and promptly abolish the discriminatory classification of children born out of wedlock as illegitimate children. The Committee also urges the Holy See to make full use of its moral authority to condemn all forms of harassment, discrimination or violence against children based on their sexual orientation or the sexual orientation of their parents and to support efforts at international level for the decriminalisation of homosexuality.« (26)

Ich finde es auch befremdlich, dass im CIC von in einer Ehe geborenen Kindern als "legitimiert" (lat. legitimati) gesprochen wird (z.B. c. 1139 CIC). Das mutet tatsächlich wie ein Stigma an. Dass diese Unterscheidung kanonisch irgendwie sinnhaft ist, mag ja sein, aber ließe sich das nicht anders ausdrücken? Welchen Sinn hat es, mit dieser Sprachregelung implizit außereheliche Kinder als "illegitim" zu deklarieren?

Was die Homosexualität angeht: Die Kommission drängt den Heiligen Stuhl, "alle Formen von Belästigung, Diskriminierung und Gewalt gegen Kinder aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder der ihrer Eltern" zu verurteilen. Soweit sehe ich da nichts Schlimmes.

Im vorhergehenden Absatz heißt es:
»While also noting as positive the progressive statement delivered in July 2013 by Pope Francis, the Committee is concerned about the Holy See’s past statements and declarations on homosexuality which contribute to the social stigmatization of and violence against lesbian, gay, bisexual, and transgender adolescents and children raised by same sex couples.« (25)

Hier wird einerseits natürlich auf das allbekannte abgedroschene päpstliche "Wer bin ich, dass ich urteile" verwiesen, andererseits auf "frühere Aussagen" rekurriert. Wichtig finde ich, dass die Sorge hier konkret dadurch begründet wird, dass diese früheren Aussagen und Verkündungen (es werden keine Beispiele genannt) zu einer sozialen Stigmatisierung und zu Gewalt beigetragen haben. Nun wissen wir alle, dass es mehr als ausreichend Idioten und Fundamentalisten in der Kirche gibt, um das nicht so einfach vom Tisch zu wischen. Viele der in dem Bericht angesprochenen Probleme sind natürlich kein Regelfall, aber sie sind Realitäten, die es zu berücksichtigen gilt, etwa elterliche Gewalt gegen Kinder. 
Und so glaube ich auch hier, dass zuweilen die kirchlichen Verkündigung zu Stigmatisierung und Gewalt führen konnte, gerade auch, und darum geht es ja, wenn es sich um Kinder handelt.
Dass natürlich laut kirchlicher Lehre auch homosexuell empfindenden Menschen "mit Achtung, Mitgefühl und Takt zu begegnen" ist und es untersagt ist "sie in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen", steht zwar so im Katechismus (Nr. 2358), wird aber de facto nicht von jedem Katholiken praktiziert (wie so vieles im KKK).

Ich sehe hier nichts, was die Katholische Kirche veranlassen sollte, ihre Lehre über die Sündhaftigkeit homosexueller Akte zu ändern. Es geht wohl eher um die Vermittlung einer achtungsvollen Haltung und die immer sehr wichtige Unterscheidung zwischen der Sünde und dem Sünder: Die Kirche soll sich mehr dafür einsetzen, ihren eigenen Prinzipien folgend, den Sünder zu lieben. Mehr sehe ich darin nicht. Und wir sollten uns davor hüten, den gleichen Fehler wie die Anti-Katholiken zu machen, Sünder und Sünde zu vermengen.


Bezüglich der Frage nach Abtreibung, heißt es im Bericht der Kommission für die Recht der Kinder:
»The Committee urges the Holy See to review its position on abortion which places obvious risks on the life and health of pregnant girls and to amend Canon 1398 relating to abortion with a view to identifying circumstances under which access to abortion services can be permitted.« (55)  

Wenn wir den ersten Teil mal zurückstellen, geht es hier um eine Änderung von c. 1398 CIC, worin es heißt, dass, wer eine Abtreibung durchführt, sich die Exkommunikation als Tatstrafe zuzieht. Ich gebe der Kommission mal einen Vertrauensvorschuss und sage, dass es um Folgendes geht: Der Kanon 1398 ist unzureichend (formuliert), denn er lässt einen bestimmten legitimen Fall von Abtreibung unberücksichtigt, nämlich die "indirekte" Abtreibung: Wenn ein nicht auf nach der Schwangerschaft verschiebbarer Eingriff zur Rettung des Lebens der Mutter quasi als Kollateralschaden eine Abtreibung zur Folge hat (siehe dazu hier die "Klarstellung zur vorsätzlichen Abtreibung" der Konkregation für die Glaubenslehre von 2009). Es geht also um den Fall, dass die Tötung des Ungeborenen erforderlich ist, um das Leben der Mutter zu retten. Das ist auch sinnvoll, denn niemand, auch keine Mutter, kann dazu gezwungen werden, sein oder ihr Leben für jemand anderen hinzugeben. Nicht jeder hat den heroischen Mut einer Gianna Beretta Molla, die genau so einen Eingriff nicht durchführen ließ, ihr Kind gebar und kurze Zeit später starb (es ist kompliziert, denn sie starb nicht direkt an der Kondition, die zuvor eine Entfernung ihrer Gebrmutter erfordert hätte, aber das führt jetzt zu weit).

Der erste Teil wird klarar aus dem vorhergehenden Absatz:
»The Committee expresses its deepest concern that in the case of a nine-year old girl in Brazil who underwent an emergency life-saving abortion in 2009 after having been raped by her stepfather, an Archbishop of Pernambuco sanctioned the mother of the girl as well as the doctor who performed the abortion, a sanction which was later approved by the head of the Roman Catholic Church’s Congregation of Bishops.« (54)

Hier wird jener fürchterliche Fall von 2009 erwähnt, als bei einem Neunjährigen Vergewaltigungsopfer eine lebensrettende Abtreibung durchgeführt werden musste und der zuständige Erzbischof daraufhin alle beteiligten exkommunizierte.
Mir scheint die Kritik der Kommission insofern wenig berechtigt, da genau diesem Fall mit der bereits erwähnten Klarstellung der Kongregation für die Glaubenslehre Rechnung getragen wurde.
Darum gehts: Kurienerzbischof Rino Fisichella, damals Präsident der päpstlichen Akademie für das Leben, schrieb damals einen Artikel im L'Osservatore Romano (hier nachzulesen), der ob seines versöhnlichen und explizit solidarischen Tons bei vielen die Frage aufkommen ließt, ob die Kirche ihre Lehre geändert habe. Hat sie nicht, siehe jene Klarstellung. [U.a. kritisierte der Erzbischof, dass der zuständige Bischof überhaupt solch öffentliches Aufheben um die Exkommunikation gemacht und damit unnötige Aufmerksamkeit und Druck über die Betroffenen gebracht hat; zumal das völlig sinnfrei geschah, denn wenn eine Exkommunikation aufgrund einer Abtreibung erfolgt, dann tut sie das latae sententiae, d.h. sie tritt automatisch, ipso facto ein und muss nicht öffentlich ausgesprochen werden. Letzteres wäre eine "Spruchstrafe", die ferendae sententiae erfolgt.]
Dass die Kongregation für die Bischöfe das Vorgehen des Erzbischofs bestätigt haben soll, kommt mir sowieso sehr komisch vor, da diese Kongregation m.E. bestenfalls feststellen kann, ob der Bischof generell in so einem Fall Sanktionen auferlegen kann, nicht aber, ob diese Sanktionen in diesem speziellen Fall rechtens sind. Aber, wie gesagt, die Kongregation für die Glaubenslehre (die für soetwas zuständig ist!) hat das ja klargestellt. Und Erzbischof Fisichella kann ich eigentlich nur zustimmen.
Es scheint mir hier tatsächlich v.a. um die Formulierung von Kanon 1398 zu gehen und weniger um die kirchliche Lehre, die ja bereits eine Abtreibung im Falle der Gefahr für das Leben der Mutter erlaubt.

Dass nun in dem Bericht der Kommission im Plural von "Umständen" gesprochen wird, unter denen Abtreibungen erlaubt sind, und dass diese zu identifizieren seien, macht auch mich stutzig. Es gibt nämlich nur einen einzigen Fall: Wenn das Leben der Mutter zu retten ist.


Generell rate ich aber wegen dieser UNO-Sache zum Abregen. Der Heilige Stuhl hat sich, wie gesagt, zur Zusammenarbeit bereiterklärt, und vieles in dem bericht ist durchaus von Bedeutung. Ich sehe nur sehr wenige "Indizien", dass eine Änderung der kirchlichen Lehre in der Intention der UNO liegt. Und selbst wenn: Die Kirche wird ihre Lehre nicht ändern, weil sie sie gar nicht ändern kann! 
Die Schlagzeilen bei SPON und anderswo, denenzufolge die UNO von der Kirche Änderunen an der Lehre fordert, beruhen v.a. auf der üblichen Unkenntnis der kirchlichen Lehre und einer ideologisch bebrillten Lektüre des Kommissionberichts und dienen nur, wie üblich, der Meinungsmache.

Montag, 3. Februar 2014

Fragebogen - Pflichtvernachlässigung

Nun da die deutschen Bischöfe ihre "Ergebnisse" des Fragebogens nach Rom gesandt haben, ist es doch abermals erfrischend zu sehen, wie alle Dummen und Nochdümmeren wiedermal das Wort ergreifen. Von einem "schlechten Ergebnis" ist die Rede, als ginge es um einen Wettbewerb, von dem armen Papst, der nun "in Bedrängnis" und "unter Druck" kommt ist die Rede.

Ich bestaune die Ergebnisse, denn hier lassen die Deutschen Bischöfe endlich mal so richtig die Hosen runter. Und vermutlich hoffen sie, dass das in Rom niemandem auffällt. 
Ich hege keinen Zweifel daran, dass man im Vatikan bemerkt, dass v.a. die grobe Unkenntnis der Deutschen über die kirchliche Lehre nicht an der Fehlerhaftigkeit der Lehre liegt, sondern an der sträflichen Unterlassung in Sachen Verkündigung.

Dass die deutschen Bischöfe trotz ausdrücklicher Anfrage keinerlei tatsächliche Anregungen (jenseits von Floskeln) zu geben in der Lage sind, wie die kirchliche Lehre effektiver verkündet werden kann, ist überaus vielsagend: Man will sie nicht verkündigen, sowenig wie man das seit Humanae Vitae überhaupt getan hat. Dazu passt, dass man dem Tenor nach eher "Rom" in der Pflicht sieht, nicht sich selbst und erst recht nicht die Gläubigen.

Wenn es z.B. heißt (7c):
»Die Deutsche Bischofskonferenz unterhält eine eigene Fachstelle für die NFP-Arbeit[...]. Viele Diözesen bieten zudem Kurse zur Natürlichen Familienplanung (NFP) an. Die Nachfrage verharrt auf niedrigem Niveau. Auch seitens vieler Hauptamtlicher in Pastoral und Caritas besteht eine starke Skepsis und eine geringe Bereitschaft, sich über diese Methode zu informieren und für sie zu werben.«

... dann ziehe ich daraus folgende Erkenntnis: Wenn Leute, die dafür bezahlt werden, die kirchliche Position zu kennen und zu vermitteln, keine Bereitschaft zeigen, sich überhaupt über die kirchliche Lehre zu informieren, dann liegt hier eine grobe Nachlässigkeit von Seiten des Arbeitgebers vor, der seinen Angestellten offenbar ziemlich viel durchgehen lässt. Ob das was mit der (gerade auch theologischen) Ausbildung dieser Angestellten zu tun hat (vgl. hier)?

Noch deutlicher an anderer Stelle (gleiches Thema, 7a):
»Die Enzyklika „Humanae vitae“ (1968) über die verantwortete Elternschaft ist nur noch in der älteren Generation bekannt. Ihre Rezeption wurde von Anfang an auf das Verbot sogenannter „künstlicher“ Methoden zur Geburtenregelung reduziert. In der jüngeren Generation ist die Enzyklika unbekannt, wie sich aus den entsprechenden Rückmeldungen einhellig ergibt.«

Nun, lass mal überlegen: Wenn ein päpstliches Lehrschreiben, das als Adressaten natürlich zu allererst "die Patriarchen, die Erzbischöfe, Bischöfe und die übrigen Ortsordinarien" nennt, bei den einfachen Gläubigen nicht oder nur bis zur Unkenntlichkeit entstellt bekannt ist... könnte es dann nicht sein, dass jene primären Adressaten ihre Pflicht vernachlässigt haben (zumal die meiste Zeit, seit dem Lehrschreiben, es kein Internet gab, wo sich jeder alles jederzeit hätte besorgen können)? Nur son spontaner Gedanke... wirklich, nicht der Rede wert...


So findet sich das jedenfalls in dem ganzen Dokument... meist nur zwischen den Zeilen.
Verstörend finde ich das v.a. im Blick auf die immer wiederkehrenden Rufe nach "Selbstständigkeit" und mehr "Unabhängigkeit von Rom"... ja, man sieht ja, was die deutschen Bischöfe "selbstständig" fertig bringen... Unsere Hirten haben in der Mehrheit den Karren mit viel Geschepper vor die Wand gesetzt und sie wollen jetzt, dass ihnen der Papst ein neues Auto nach Wunsch gibt und vorsorglich sämtliche Wände, Pfosten und Bäume wegräumt... oder feierlich verkündet, dass Wände, Pfosten und Bäume nicht existieren... Und wovon träumen Sie nachts? 

 Verantwortung übernehmen? Bloß nicht! Die Päpste sind schuld!

Samstag, 1. Februar 2014

David, der Gerechte

»Darauf sagte David zu Natan: Ich habe gegen den Herrn gesündigt. Natan antwortete David: Der Herr hat dir deine Sünde vergeben; du wirst nicht sterben.« (2Sam 12,13)

In diesen Tagen ließt die Kirche die Königserzählungen der Samuelbücher, diese Woche natürlich die Geschichte des Königs David.

Saul wurde Israels erster König, aber er fiel in Ungehorsam vor Gott. Mehr noch: In seiner Sünde wandte sich Saul von Gott ab. Er wurd zunehmend ungeduldig (1Sam 13,13), jähzornig (1Sam 18,11), gehässig (1Sam 22,18) und fasst unüberlegte, fast wahnhaft Entschlüsse, die beinahe seine Freunde das Leben kosteten (1Sam 14,19.24). Er war schließlich geradezu trotzig gegen Gott, weswegen Samuel ihn auch aburteilt: »Denn Trotz ist ebenso eine Sünde wie die Zauberei, Widerspenstigkeit ist ebenso schlimm wie Frevel und Götzendienst. Weil du das Wort des Herrn verworfen hast, verwirft er dich als König.« (1Sam 15,23) Am Ende seines Lebens sucht er nicht Gott um Rat und Beistand (oder gar Vergebung) auf, sondern geht zur Totenbeschwörerin von En Dor (1Sam 28), eine Tat, die so weit vom Gesetz Gottes weg ist, wie das nur irgendwie geht.

David, Sauls Nachfolger, ist nicht weniger ein Sünder als Saul. Gestern und Heute hörten wir die Geschichte, wie er Betseba begehrte.  Hier liegen gleich drei schwere Sünden vor: 1. Begeht er Ehebruch, 2. ermordet er den Mann der Batseba, den Feldherren Urija und 3. begeht er noch eine nicht zu vernachlässigende Sünde gegen Gott: In der Vorstellung des alten Israel war Krieg ein heiliger Dienst (weil Gott mitkämpfte!), weshalb die Kämpfenden (und ihre Frauen) sexuell enthaltsam sein sollten. Indem David mit der Frau des Urija verkehrt, während ihr Mann in der Schlacht kämpft, bricht er dieses Reinheitsgebot und er zeigt auch seine eigene Abgehobenheit: Er, der König!, kämpft ja selber nicht mit, und meint sich daher auch an diese Vorschrift nicht halten zu müssen.

Saul und David, beide waren schlimme Sünder, beide haben so schändliches Getan, dass der Ottonormal-Katholik im Beichtstuhl im Vergleich dazu wohl nur Lappalien vorzubrigen weiß. Wir bemerken aber einen gewaltigen Unterschied zwischen diesen beiden Königen in der Art, wie sie die Nachwelt erinnert: 
Der eine ist immer weiter in seine Sündhaftigkeit versunken und wurde am Ende vernichtet. 
Der andere ist der Archetyp eines großen, guten und edlen Königs. Er ist der, aus dessen Samen der Messias erstehen soll (aus der Erblinie, die aus der Vereinigung Davids mit Batseba, also durch den Ehebruch entstand!), ja der Messias ist selbst "die Wurzel und der Stamm Davids" (Offb 22,16); aus der "Stadt Davids" wird der Retter kommen (Lk 2,11); er ist der Typos der ewigen Königsherrschaft Christi (Lk 1,32). Dichter der meisten Psalmen ist David, dessen Lieder jeder Israelit, jeder gläubige Jude bis heute auswendig können soll und die auch die Kirche Christi unablässig betet. David wird als heiliger verehrt (sein Gedenktag ist der 29. Oktober).
Oder ganz einfach: David betet nachdem er gesündigt hat (s.u.), Saul tut dies nicht.

Der Unterschied besteht darin, dass David Gott nicht aus seiner Sünde herausgehalten hat. David wurde nicht trotzig, er verharrte nicht in der Sünde, er drehte sich nicht ständig um sie und verkrümmte sich nicht in sie hinein. Sie war für ihn nicht unauslöschlich, nicht gleichbedeutend mit Verdammnis (auch wenn diese verdient wäre). Stattdessen bekannte er seine Schuld vor Gott und vertraute ganz auf die rettende Macht, auf die Barmherzigkeit und Liebe Gottes.
David ist darum ein großer König und ein wirklich heiliger Mann, nicht, weil er so toll und ohne Sünde war. Nicht, weil er nie Böses, ja Abgründiges getan hätte. Er ist und bleibt groß, weil er bei all dem Bösen nicht stehen blieb. Er wandte sich zu Gott, bekannte und vertraute darauf, dass Gott ihn retten wird, und dass er trotz aller Sünde geliebt und gewollt ist. David fand Vergebung, er fand Heilung!

Der Pslam, den die Kirche gestern und heute in der Messe gesungen hat, der Psalm 51, ist der Tradition zufolge von David genau in dieser Situation der Hinwendung zu Gott gebetet worden (ein sehr gutes Beispiel, warum man den Psalm im Proprium der Messe niemals durch irgendein blödes Lied ersetzen sollte!). Der Sünder, der König, der Vertrauende betet:


Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld,
tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen!
Wasch meine Schuld von mir ab,
und mach mich rein von meiner Sünde!

Denn ich erkenne meine bösen Taten,
meine Sünde steht mir immer vor Augen.
Gegen dich allein habe ich gesündigt,
ich habe getan, was dir mißfällt.

So behältst du recht mit deinem Urteil,
rein stehst du da als Richter.
Denn ich bin in Schuld geboren;
in Sünde hat mich meine Mutter empfangen.

Sättige mich mit Entzücken und Freude!
Jubeln sollen die Glieder, die du zerschlagen hast.
Verbirg dein Gesicht vor meinen Sünden,
tilge all meine Frevel!
  
Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz,
und gib mir einen neuen, beständigen Geist!
Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,
und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir!

Mach mich wieder froh mit deinem Heil;
mit einem willigen Geist rüste mich aus!
Dann lehre ich Abtrünnige deine Wege,
und die Sünder kehren um zu dir.

Befrei mich von Blutschuld, Herr, du Gott meines Heiles,
dann wird meine Zunge jubeln über deine Gerechtigkeit.
Herr, öffne mir die Lippen,
und mein Mund wird deinen Ruhm verkünden.