Samstag, 16. April 2016

Gut und Böse

Tugend will, man soll sie holen,
Ungern ist sie gegenwärtig;
Laster ist auch unbefohlen
Dienstbereit und fix und fertig.

Gute Tiere, spricht der Weise,
Mußt du züchten, mußt du kaufen;
Doch die Ratten und die Mäuse
Kommen ganz von selbst gelaufen.


(Wilhelm Busch)

Samstag, 9. April 2016

Mein Senf zu Amoris Laetitia

Habe z.Z. nicht die nötige Muße, eine umfassende Besprechung zu liefern. Ich empfehle jedem selbst die Leküre, es lohnt sich wirklich, v.a. in den Passagen, die nicht Zvg betreffen (also eigentlich das ganze Dokument). Ein paar unsystematische und unvollständige Gedanken zu dem Thema, was so viele Gemüter erhizt.

Ich persönlich bin im Großen und Ganzen sehr zufrieden mit Amoris Laetitia (AL). Und zwar v.a. aus dem sehr persönlichen Grund, dass es betreffs jenes Themas der Zivilwiederverheiratetgeschiedenen (Zvg) im Grunde genau das enthält, was ich selbst (etwa hier vor bald 4 Jahren, vgl. auch hier) schrieb, was ich aber schon viel länger auch praktisch erlebt habe (nicht in einem Zvg-Fall, aber in ähnlich gelagerten Angelegenheiten). Darum gehts:

Was von der Glaubens- und Morallehre her gilt, bleibt natürlich unangetastet. Keine Überraschung hier. Auch die einschlägigen rechtlichen Bestimmungen, bleiben bestehen. Auch keine Überraschung.
Nichts desto trotz gestaltet sich das Leben in der Kirche natürlich nicht in der Vollkommenheit des in sich so kohärenten Regelwerks, denn die Glieder dieser Kirche sind bekanntlich Menschen.

Papst Franziskus hat in AL die einzige mögliche, von mir (s. Links) beschriebene Handlungsweise in der größtmöglichen Deutlichkeit dargelegt. Dass das Ergebnis dennoch vage erscheint, liegt in der Natur der Sache, denn es kann bei diesem einzig möglichen Weg eben gerade nicht um ein in sich abgeschlossenes Regelwerk gehen. Das Wesen der Barmherzigkeit verlangt es.

Ich schrieb damals:
Wenn ein Priester Eheleuten die in einer zweiten zivilrechtlichen Ehe zusammenleben die Kommunion reicht, weil er diese Leute kennt, weiß, dass sie treu und fromm zusammenleben und auch die Umstände des wohmöglich unglaublich schrecklichen Scheiterns der Ehe kennt (und auch die vllt. haarsträubenden Gründe, warum eine Anullierung nicht zustande kam), kann das m.E. im je einzelnen Fall legitim sein. Wichtig ist hier, dass es nicht öffentlich geschieht, dass es um ein Vertrauensverhältnis geht... weil es immer Einzelschicksale sind.
Es kann und darf aber keine "offizielle" oder "generelle" Richtlinie geben weil das letztlich zu einem "Es ist egal wie ihr lebt, ihr dürft..." führt. Das wäre eine Preisgabe der Sakramente.

Und weiter: 
Auch entsteht gerne der Vorwurf, es handle sich doch hier um eine Doppelmoral, wenn man von offizieller Seite einerseits den vortgesetzten Ehebruch mit Sanktionen behängt und andererseits aber das "heimliche" Getue (von dem jeder weiß, worüber man aber nicht redet, weil es nichts zu reden gibt!) zulässt.
Und ein Stück weit stimmt das auch. Ein Stück weit gibt es in jeder Gruppe von Menschen Doppelmoral. Und der Grund ist schnell gefunden: Wir sind keine Maschinen. So gut und richtig die Regeln auch sind die wir uns gesetzt haben oder die uns (ius divinum) von Gott gegeben wurden, so sind wir Menschen doch keine Automaten die immer alle Regeln beachten wollen (oder auch nur können!). Wir sind alle kleine Häretiker und manchmal auch Kryptoschismatiker, weil wir bestimmte Dinge nicht so machen, wie es das Ideal (KKK + CIC) vorsieht... aber genau das macht uns menschlich. Auch Eltern geben ab und an ihren Kindern nach, auch wenn sie wissen, dass es nicht zu ihrem "Besten" ist. Das stellt nicht die Regel infrage, hat aber zuweilen etwas mit gewissen Tugenden zutun.
Was aber landauf, landab alle Aufbrüchler und Memorandisten fordern, ist eine offzielle, allgemeine und rechtlich abgesicherte Regelung dieser "Ausnahmen", "Schwächen", "Nachgiebig- und -lässigkeiten".
Und das, liebe Leute, ist nicht möglich. Und es schadet obendrein den Betroffenen, dass ihr es überhaupt versucht...: Barmherzigkeit kann nicht reglementiert, systematisiert, geplant, verrechnet und subventioniert werden... Es wird nie einen Canon geben der da lautet "Du sollst barmherzig sein und darum auch den hartnäckigen Ehebrechern die Kommunion spenden." Was es gibt, sind Canones und offizielle Verlautbarungen, die von mildernden Umständen sprechen, von den Werken der Barmherzeigkeit, Brüderlichkeit und Nächstenliebe, von der Würde des Menschen, vom hohen Rang des Gewissens, von Weisheit und Hirtensorge, von Tugend und Klugheit, von Frömmigkeit und Seeleneifer und, ja, auch vom Heil der Seelen. *wink*


Genau aus diesem Grund findet sich der einzige und zugleich allerleiseste Hinweis in einer Fußnote, während zugleich unerschrocken die Irregularität der in Frage stehenden Situation benannt, und ein Bewusstsein dieser Irregularität eingefordert wird. Es gibt keine Regel dafür, weil es keine Regel geben kann. Aber es gibt den Aufruf zur Barmherzigkeit.

Entgegen vieler Verschwörungstheorien, nimmt der Papst ausführlich die Ergebnisse der Synode auf, und zitiert sie ausgiebig.
Der Text ist vom Stil her ganz klar das Produkt mehrerer Autoren. Viele Passagen zeigen geradezu benediktinische Schärfe, während andere eine typisch franziskanische Lockerheit zeigen. Es gibt auch ein, zwei Stellen in AL, bei denen ich mir eine präzisere theologische Sprache gewünscht hätte. Etwa, wenn der Papst schreibt, niemand dürfe »auf ewig verurteilt werden, denn das ist nicht die Logik des Evangeliums« (Nr. 297)... das ist es durchaus (nämlich die Gefahr des Verlorengehens, der breite Weg und das weite Tor!), aber was der Papst meint, und was man aus dem Kontext ersehen kann, ist das irdische, durch Menschen geschehende Verurteilen: Denn wir sollen ja vergeben und verzeihen! Das hätte man aber theologisch präziser fassen können.
Etwas kurios, und für den Nichttheologen vllt. verwirrend ist es auch, wenn der Papst schreibt, dass »es nicht mehr möglich [ist] zu behaupten, dass alle, die in irgendeiner sogenannten "irregulären" Situation leben, sich in einem Zustand der Todsünde befinden und die heiligmachende Gnade verloren haben.« (Nr. 301) Das hat m.W. nie jemand behauptet, dass dies bei allen der Fall sei. Die Irregularität ist eine rechtliche Kategorie, das Recht kann nun aber - und das ist keine neue Erkenntnis - die Gesinnung oder den Gnadenstand nicht feststellen... die zitierte Aussage ist in etwa so neu wie die Erkenntnis, dass auch Urteile von Kirchengerichten falsch sein können. Aber gut, nun wissen es auch die, denen das vorher nicht klar war.
Von solchen Patzern (auch der etwas steinbruchartige Umgang mit Thomas... und Erich Fromm hätte er ruhig noch mehr zitieren dürfen, statt nur auf ihn anzuspielen [etwa mit der "Lehrzeit"]!) mal abgesehen, gefällt mir der Text. Ich sehe sogar sehr stark das Erbe Benedikts durchscheinen (etwa, wenn der Fokus sehr breit, nämlich auf das ganze Leben in der Kirche gelegt wird, nicht bloß auf die teilnahme an den Sakramenten; vgl. die letzten öffentlich gewordenen gedanken von Joseph Ratzinger dazu hier), und das freut mich nochmal extra.

Von besonderer Klarheit (so weit, wie das in dem oben beschriebenen Kontext möglich ist), scheint mir beispielsweise folgender Passus in NR. 300:
»Es handelt sich um einen Weg der Begleitung und der Unterscheidung, der "diese Gläubigen darauf aus[richtet], sich ihrer Situation vor Gott bewusst zu werden. Das Gespräch mit dem Priester im Forum internum trägt zur Bildung einer rechten Beurteilung dessen bei, was die Möglichkeit einer volleren Teilnahme am Leben der Kirche behindert, und kann helfen, Wege zu finden, diese zu begünstigen und wachsen zu lassen. Da es im Gesetz selbst keine Gradualität gibt{!}, wird diese Unterscheidung niemals von den Erfordernissen der Wahrheit und der Liebe des Evangeliums, die die Kirche vorlegt, absehen können. Damit dies geschieht, müssen bei der aufrichtigen Suche nach dem Willen Gottes und in dem Verlangen, diesem auf vollkommenere Weise zu entsprechen, die notwendigen Voraussetzungen der Demut, der Diskretion, der Liebe zur Kirche und ihrer Lehre verbürgt sein." Diese Haltungen sind grundlegend, um die schwerwiegende Gefahr falscher Auskunft zu vermeiden wie die Vorstellung, dass jeder Priester schnell 'Ausnahmen' gewähren kann oder dass es Personen gibt, die gegen Gefälligkeiten sakramentale Privilegien erhalten können.«

Das Schöne an dem Dokument ist, dass es die genau richtige Verhältnisbestimmung vornimmt, was die wirklichen Herausforderungen betrifft, vor denen die Familie heute steht. Dass jenes von vielen als heißestes Eisen betrachtete Thema in eine vage Fußnote verdammt ist, entspricht m.E. der Wirklichkeit und stellt somit einen gehörigen Rüffel, eine schallende Ohrfeige an die Forderer und ihre Claqueure dar.
Was von den Aufbrüchlern gewollt wurde, haben sie nicht erreicht. Überhaupt nicht. Aber gewiss werden sie es sich noch irgendwie schönreden, werden sie sich wie die Geier ihr Filetstück herauspicken, und vielleicht sind manche Bischöfe in deutschen Landen sogar, pardon, dämlich genug, aus Fußnote 351 eine Rechtsnorm herauszuphantasieren, gleichwohl der Papst immer wieder klar macht, dass es soetwas schlicht nicht geben kann. Das sollte aber niemanden verunsichern, sondern eher zu Mitleid und Gebet für sie anregen (vgl. Jer 23,1). Ich meine, stellt euch mal das Szenario vor: Das einzige, woran sich Kasperianer in dieser Enzyklika festklammern können ist eine Fußnote. Sie könne noch nichtmal einen ordentlichen Satz oder Abschnitt herauspicken und den Rest ignorieren, sie müssen den gesamten Textkorpus ignorieren und sich an eine Fußnote klammern. Ich finds witzig, und warte schon gespannt auf den sicher bald kommenden Aufsatz oder das nächste Buch von Herrn Schockenhoff auf der Grundlage dieser Fußnote...

Montag, 4. April 2016

Vaterunser eines Ungläubigen

Vater, wenn es dich gibt, wage ich es, mich an dich zu wenden. 
Wenn es dich gibt, ist dein Name heilig: er werde geheiligt.
Wenn es dich gibt, ist dein Reich die Ordnung und auch deren Glanz: dein Reich komme.
Wenn es dich gibt, ist dein Wille das Gesetz der Welten und das Gesetz der Seelen: dein Wille geschehe in uns allen und in allen Dingen, wie im Himmel, so auf Erden.
Gib uns, wenn es dich gibt, unser tägliches Brot, das Brot der Wahrheit, das Brot der Weisheit, das Brot der Freude, das Brot über allem Brot, das man dem verspricht, der dafür danken kann.

Wenn es dich gibt, habe ich dir gegenüber große Schuld: vergib mir meine Schuld, wie ich selbst gern denen vergebe, die mir etwas schulden.
Verlass mich in Zukunft nicht in der Versuchung, sondern erlöse mich von allem Bösen

(Jean-François Six)

Mittwoch, 30. März 2016

Laienheiligkeit

Die Ankündigung der Heiligsprechung von Mutter Theresa im Sommer und ein kurzer Kommentar eines geschätzten Theologen auf Facebook brachte mir einen alten Gedanken wieder ins Bewusstsein, nämlich die Besorgnis darüber, wie die Kirche in Sachen Heiligsprechungen vorgeht. Was mir Sorge bereitet ist die Tatsache, dass ca. 99% aller kanonisierten Heiligen Priester oder Ordensleute sind. Und von den paar Laien (1%) sind wiederum ca. 99% darum kanonisiert worden, weil sie Märtyrer waren. Zugleich sind aber 99%  der Katholiken weder Kleriker/Ordensleute noch Märtyrer. Das lässt für die Weltmenschen, v.a. die Väter und Mütter (und Singles), wenig übrig an Vorbildern. (Ob wohl jemand Notiz von Louis und Zélie Martin genommen hätte, wenn deren Tochter nicht schon bald als Heilige verehrt worden wäre?) Der normale Katholik, ich zähle mich mal dazu, ist also, wenn man das abrundet, faktisch nicht im Heiligenkalender repräsentiert (0,00...%?).
Mir ist natürlich klar, dass es noch das Fest aller (auch nicht namentlich bekannten) Heiligen gibt. Und mir ist auch klar, dass jene Tatsache zunächstmal einfach daraus resultiert, dass sowohl die "Hierarchie" (gemeint ist die Instanz, die die heiligsprechungen vollzieht) wie größere Teile des Kirchenvolks logischerweise leichter Notiz nehmen von heiligmäßigen Klerikern/Ordensleuten, das liegt in der (eher exponierten) Natur der Sache. Aber das reicht m.E. nicht als Erklärung. (Und man komme mir jetzt nicht zuckersüß mit Maria und Joseph als potentiell "größte" Vorbilder, die alle anderen Heiligen ja achso überragen würden: deren Ehe war nun wirklich alles andere als "typisch" und überdies wissen wir so gut wie nichts darüber, weswegen sie als Vorbild für ein Ehe- und Familienleben in der heutigen Welt, von ein paar seeehr allgemeingültigen Grundkonstanten abgesehen, überhaupt nicht taugt.)

Ich glaube, das Problem liegt v.a. in der Mentalität: Es gibt, scheint mir, so eine Art "Instinkt", der bewusst oder unbewusst annimmt, Priester und Ordensleute seien per se in einer privilegierten Stellung um "heilig" zu werden, ja als hätten sie es "leichter", als sei ihr Stand per se näher an "Heiligkeit" (was immer das ist), weil das Klosterleben ja bereits so ein großes Opfer sei. Und das halte ich für einen katastrophalen Irrtum. Für manchen mag das Klosterdasein seiner Natur durchaus mehr entsprechen, so dass für ihn eigentlich ein Dasein in der Welt das sehr viel größere Opfer darstellen würde (ich weiß, wovon ich spreche).

Im Detail wurmt mich da so manches: Immer wieder ließt man beispielsweise in Heiligenbiographien (nicht nur in den verkünstelt-schmalzig-idealisierenden, sondern auch in durchaus realistischen-nüchternen) das Lob auf jene Nonne, die Nachts um 2 Uhr aufsteht um zu beten. Oder die Preisung jenes Priesters, der sich so hingebungsvoll um seine Schäfchen kümmert. Aber, ganz ehrlich, diese Dinge unterscheiden sich m.E. nicht wesentlich von der Mutter, die für ihr Baby mehrmals Nachts raus muss und kaum Schlaf bekommt, oder von dem Vater, der für seine Kinder immer da ist. Von den Pflichten und der Hingabe der Eheleute gegenüber einander ganz zu schweigen. "Die Eheleute/Eltern tun doch nur ihre Pflicht", spöttelt es (ich habe ähnliche Phrasen tatsächlich schon mehrfach von gewissen "Verstrahlten" vernommen!)... Aber dieser Spieß ließe sich auch auf die Priester und Ordensleute hin umdrehen! Es ist letztlich genau diese Pflichterfüllung, um die es geht. Und das können beide gleich gut.

Wenn ich mir die Landschaft der Heiligen anschaue, dann finde ich für das Leben der Hingabe - als Ehemann/-frau und als Eltern - nahezu keine Vorbilder. Ich habe mir vor einigen Jahren mal ein Buch "Heilige Eheleute" zugelegt, in der Hoffnung, darin solche Vorbilder zu finden. Man kann sich das Ergebnis schon denken: Bei den allermeisten spielte das Familienleben nur eine marginale Rolle. Biographisch wird da meist auf den Klostereintritt oder gar die Ordensgründung nach dem Tod des Gatten/der Gattin abgehoben. "Sie war eine fürsorgliche Mutter" ist i.d.R. alles, was dazu gesagt wird... so richtig "heiligmäßig", so wirklich hingabevoll, so hat man jedenfalls bei der Lektüre den Einruck, wurde sie erst ab dem Klostereintritt.
Und obwohl nun schon die letzten Päpste sich so viel um die Familie und die Berufung der Eheleute gekümmert haben, gab es kaum je Heiligsprechungen aus diesem Stand... Laien haben keine gute Lobby, wie es scheint. Aber ich glaube es ist die Gesinnung, die hier hauptverantwortlich ist.

Ida Friederike Görres schreibt in einem Brief, dass sich das Leben einer Ordensfrau von Heute oftmals nur dadurch von dem einer Ehefrau unterscheide, dass Erstere neben ihrer Arbeit viel im Gebet lebt und Gott liebt, während Letztere neben ihrer Arbeit in einer Familie lebt und ihren Mann und ihre Kinder liebt. Was der Ersteren, wenn sie "nach Hause" in den Konvent kommt, das Gebet ist, ist der Letzteren das Zuhause selbst, die Familie, der Gatte. Und irgendwie bekommt man das latente Empfinden nicht los, dass das Gebet von diesen beiden Beschäftigungen die "Heiligere" ist... Ich grüble nun seit einer ganzen Weile darüber und immernoch ertappe ich mich dabei, wie ich "Gebet" viel leichter mit Heiligkeit assoziiere.
Wenn ich die Krisen und Herausforderungen ansehe (besonders die innerhalb der Ehe), die die Eheleute um mich herum zu bestehen haben, kommt mir das Grausen... Aber umso mehr erlebe ich immer wieder im Kleinen und Ganzkleinen, wie diese Menschen das bewältigen und trotzdem nicht (ver)zweifeln, auch nicht an Gott. Es kann doch nicht sein, dass ich diese ganz alltägliche Heiligkeit, deren pneumatischer Anteil regelrecht von jedem Beteiligten jeden Tag neu erstritten werden muss, so oft erlebe, bei den wenigen Beispielen die mir vor Augen sind, dass aber zugleich kaum jemals solche Leute im Heiligenkalender auftauchen. Immer, scheint es, braucht es ein geradezu heroisches Gebetsleben noch "obendrauf", um als "heilig" zu gelten. Aber genau das geht halt meistens nicht, wenn da ein Ehepartner und eine Familie ist. Jedenfalls nicht so, wie man sich ein "heiligmäßiges Gebetsleben" gerne vorstellt. Und ich weigere mich, ein Weniger an Heiligkeit auch nur anzunehmen, bloß weil jemand seine Zeit, die andere im Gebet für Gott geben, für seinen Partner, für seine Kinder gibt. Das ist der exakt gleiche Irrtum, unter dem unser Sozialstaat leidet, wenn er Kindererziehung und Haushaltsführung nicht als "Arbeit" wertet, und den sich Katholiken immer befleißigen, anzuprangern...

Tatsächlich halte ich, das ist meine persönliche Meinung, Ehe und Familie für die größere Herausforderung, weil in der Ehe beide Beteiligten fehlbare schwache Menschen sind, während in der geistlichen Verlobung mit Christus nur ein fehlbarer Mensch beteiligt ist. Die "Fehlerquellen" sind bei Letzterer quasi um die Hälfte reduziert. Dann kommt freilich noch die "Familie" (geistlich oder physisch) dazu, die dann wieder viele "Reibungspunkte" birgt.
Während der Priester ontologisch auf Christus hin gewandelt ist, sind es die Eheleute auf einander hin. (Darum ist eine erneute Eheschließung auch nur nach dem Tod eines Partners möglich. Auch der Priester ist nach seinem Hinscheiden kein Priester mehr, denn das Himmlische Jerusalem hat bekanntlich keinen Tempel.) Und noch etwas: Sowohl aus dem Kloster wie aus dem Priesterstand kann man letztlich immer raus oder man wechselt in eine andere "Familie" oder gründet gleich einen neuen Orden... man kann einen Orden sogar in allen Einzelheiten vorher ausprobieren, ohne jede Verbindlichkeit. Aus einer Ehe kommt man nicht mehr raus, und man kann sie auch nicht in allein Einzelheiten unverbindlich ausprobieren. Was davon ist also das größere "Risiko", das größere Opfer, der größere "Sprung des Glaubens und der Hoffnung"? Gibt es vielleicht darum so viele Kleriker- und Ordensheilige, weil es schlicht und ergreifend "leichter" und ein weniger gewagter (besser zu kalkulierender) Sprung ist? Na toll.

Mich wurmt das. Mich macht das traurig und wütend. Ich weiß auch nicht, wie man diesen Mangel beheben kann... Mir scheint v.a. unsere (der Katholiken) Vorstellung von Heiligkeit dringend revisionsbedürftig.

Sonntag, 10. Januar 2016

Schnittblumen

Der Mittelpunkt dieses Lebens, seine Freude, sein tiefster Daseinsgrund, ohne den es uns nichtig erschiene, ist die Gabe unserer selbst an Gott, in Jesus Christus.
Ist, in dieser Welt zu sein, in sie hineingetaucht, als Parzelle der Menschheit, mit all seinen Fasern ausgeliefert, dargebracht, enteignet. Inseln göttlicher Anwesenheit sein. Gott einen Ort sichern. Vor allem der Anbetung überantwortet sein. Das Geheimnis des göttlichen Lebens auf uns lasten lassen, bis zum Erdrücktwerden. In den Finsternissen der allgemeinen Unwissenheit Leuchtpunkte der Bewusstwerdung Gottes sein. Erkennen, dass hier der eigentliche Akt der Erlösung geschieht; glauben im Namen der Welt, hoffen für die Welt, lieben im Namen der Welt. Wissen, dass eine Minute von glaubensbeladenem Leben, auch wenn sie sich ohne jede Aktion, ohne jeden äußeren Ausdruck vollzieht, einen Genius der Wertsteigerung und eine vitale Kraft in sich trägt, die unsere armseligen menschlichen Taten nie ersetzen können.
Alles Übrige es ist Beiwerk - das zwar notwendig ist, aber notwendig nur im Sinne einer Folge davon. Hier liegt der Kern, der Keim. Wenn der keim da ist, dann wird die Pflanze eines Lebens nach dem Evangelium unweigerlich daraus aufsprießen. Wenn wir dagegen versuchen, alle Blüten des Evangeliums auf der Erde auszubreiten: Hingabe, Armut, Demut und alles Übrige - wenn wir das versuchen, ohne zuvor das Korn gesät zu haben, dann legen wir bloß Gärten aus Schnittblumen an, die in zwei Tagen verwelken.
 

(Madeleine Delbrêl)

Montag, 28. Dezember 2015

Ihr Kinderlein kommet?

Zum heutigen Tag...
Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all'!
Zur Krippe her kommet in Bethlehems Stall.
Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht
der Vater im Himmel für Freude uns macht.

O seht in der Krippe im nächtlichen Stall,
seht hier bei des Lichtleins hellglänzendem Strahl
in reinlichen Windeln das himmlische Kind,
viel schöner und holder, als Englein es sind.

Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh;
Maria und Joseph betrachten es froh.
Die redlichen Hirten knien betend davor,
hoch oben schwebt jubelnd der himmlische Chor.

O beugt wie die Hirten anbetend die Knie,
erhebet die Händlein und danket wie sie.
Stimmt freudig, ihr Kinder - wer sollt' sich nicht freu'n?
stimmt freudig zum Jubel der Engel mit ein!

Was geben wir Kinder, was schenken wir dir,
du bestes und liebstes der Kinder, dafür?
Nichts willst du von Schätzen und Reichtum der Welt,
ein Herz nur voll Demut allein dir gefällt.

"So nimm uns’re Herzen zum Opfer denn hin;
wir geben sie gerne mit fröhlichem Sinn;
und mache sie heilig und selig wie deins,
und mach’ sie auf ewig mit deinem in eins."


Im Hinblick v.a. auf die letzten beiden Strophen, nun noch Tagesgebet und Kommunionvers des heutigen Festes:
Vater im Himmel,
nicht mit Worten
haben die Unschuldigen Kinder dich gepriesen,
sie haben dich verherrlicht durch ihr Sterben.
Gib uns die Gnade,
dass wir in Worten und Taten
unseren Glauben an dich bekennen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.

Sie sind es, die aus den Menschen losgekauft wurden
als Weihegabe für Gott und das Lamm.
Sie folgen dem Lamm, wohin immer es geht.

Dienstag, 15. Dezember 2015

Der Protestant hat zu wenig Sakramente


»Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht unterlassen, aus meiner früheren Jugend etwas nachzuholen, um anschaulich zu machen, wie die großen Angelegenheiten der kirchlichen Religion mit Folge und Zusammenhang behandelt werden müssen, wenn sie sich fruchtbar, wie man von ihr erwartet, beweisen soll. Der protestantische Gottesdienst hat zu wenig Fülle und Konsequenz, als daß er die Gemeine zusammenhalten könnte; daher geschieht es leicht, daß Glieder sich von ihr absondern und entweder kleine Gemeinen bilden oder, ohne kirchlichen Zusammenhang, neben einander geruhig ihr bürgerliches Wesen treiben. So klagte man schon vor geraumer Zeit, die Kirchgänger verminderten sich von Jahr zu Jahr und in eben dem Verhältnis die Personen, welche den Genuß des Nachtmahls verlangten. Was beides, besonders aber das letztere betrifft, liegt die Ursache sehr nah; doch wer wagt, sie auszusprechen? Wir wollen es versuchen.

In sittlichen und religiösen Dingen, eben so wohl als in physischen und bürgerlichen, mag der Mensch nicht gern etwas aus dem Stegreife tun: eine Folge, woraus Gewohnheit entspringt, ist ihm nötig; das, was er lieben und leisten soll, kann er sich nicht einzeln, nicht abgerissen denken, und um etwas gern zu wiederholen, muß es ihm nicht fremd geworden sein. Fehlt es dem protestantischen Kultus im Ganzen an Fülle, so untersuche man das Einzelne, und man wird finden: der Protestant hat zu wenig Sakramente, ja er hat nur eins, bei dem er sich tätig erweist, das Abendmahl; denn die Taufe sieht er nur an anderen vollbringen, und es wird ihm nicht wohl dabei. Die Sakramente sind das Höchste der Religion, das sinnliche Symbol einer außerordentlichen göttlichen Gunst und Gnade. In dem Abendmahle sollen die irdischen Lippen ein göttliches Wesen verkörpert empfangen und unter der Form irdischer Nahrung einer himmlischen teilhaftig werden. Dieser Sinn ist in allen christlichen Kirchen eben derselbe, es werde nun das Sakrament mit mehr oder weniger Ergebung in das Geheimnis, mit mehr oder weniger Akkommodation an das, was verständlich ist, genossen; immer bleibt es eine heilige, große Handlung, welche sich in der Wirklichkeit an die Stelle des Möglichen oder Unmöglichen, an die Stelle desjenigen setzt, was der Mensch weder erlangen noch entbehren kann. Ein solches Sakrament dürfte aber nicht allein stehen; kein Christ kann es mit wahrer Freude, wozu es gegeben ist, genießen, wenn nicht der symbolische oder sakramentliche Sinn in ihm genährt ist. Er muß gewohnt sein, die innere Religion des Herzens und die der äußeren Kirche als vollkommen eins anzusehen, als das große allgemeine Sakrament, das sich wieder in so viel andere zergliedert und diesen Teilen seine Heiligkeit, Unzerstörlichkeit und Ewigkeit mitteilt.

Hier reicht ein jugendliches Paar sich einander die Hände, nicht zum vorübergehenden Gruß oder zum Tanze; der Priester spricht seinen Segen darüber aus, und das Band ist unauflöslich. Es währt nicht lange, so bringen diese Gatten ein Ebenbild an die Schwelle des Altars; es wird mit heiligem Wasser gereinigt und der Kirche dergestalt einverleibt, daß es diese Wohltat nur durch den ungeheuersten Abfall verscherzen kann. Das Kind übt sich im Leben an den irdischen Dingen selbst heran, in himmlischen muß es unterrichtet werden. Zeigt sich bei der Prüfung, daß dies vollständig geschehen sei, so wird es nunmehr als wirklicher Bürger, als wahrhafter und freiwilliger Bekenner in den Schoß der Kirche aufgenommen, nicht ohne äußere Zeichen der Wichtigkeit dieser Handlung. Nun ist er erst entschieden ein Christ, nun kennt er erst die Vorteile, jedoch auch die Pflichten. Aber inzwischen ist ihm als Menschen manches Wunderliche begegnet, durch Lehren und Strafen ist ihm aufgegangen, wie bedenklich es mit seinem Innern aussehe, und immerfort wird noch von Lehren und von Übertretungen die Rede sein; aber die Strafe soll nicht mehr stattfinden. Hier ist ihm nun in der unendlichen Verworrenheit, in die er sich bei dem Widerstreit natürlicher und religiöser Forderungen verwickeln muß, ein herrliches Auskunftsmittel gegeben, seine Taten und Untaten, seine Gebrechen und seine Zweifel einem würdigen, eigens dazu bestellten Manne zu vertrauen, der ihn zu beruhigen, zu warnen, zu stärken, durch gleichfalls symbolische Strafen zu züchtigen und ihn zuletzt, durch ein völliges Auslöschen seiner Schuld, zu beseligen und ihm rein und abgewaschen die Tafel seiner Menschheit wieder zu übergeben weiß. So, durch mehrere sakramentliche Handlungen, welche sich wieder; bei genauerer Ansicht, in sakramentliche kleinere Züge verzweigen, vorbereitet und rein beruhigt, kniet er hin, die Hostie zu empfangen; und daß ja das Geheimnis dieses hohen Akts noch gesteigert werde, sieht er den Kelch nur in der Ferne: es ist kein gemeines Essen und Trinken, was befriedigt, es ist eine Himmelsspeise, die nach himmlischem Tranke durstig macht.

Jedoch glaube der Jüngling nicht, daß es damit abgetan sei; selbst der Mann glaube es nicht! Denn wohl in irdischen Verhältnissen gewöhnen wir uns zuletzt, auf uns selber zu stehen, und auch da wollen nicht immer Kenntnisse, Verstand und Charakter hinreichen; in himmlischen Dingen dagegen lernen wir nie aus. Das höhere Gefühl in uns, das sich oft selbst nicht einmal recht zu Hause findet, wird noch überdies von so viel Äußerem bedrängt, daß unser eignes Vermögen wohl schwerlich alles darreicht, was zu Rat, Trost und Hilfe nötig wäre. Dazu aber verordnet findet sich nun auch jenes Heilmittel für das ganze Leben, und stets harrt ein einsichtiger, frommer Mann, um Irrende zurecht zu weisen und Gequälte zu erledigen.

Und was nun durch das ganze Leben so erprobt worden, soll an der Pforte des Todes alle seine Heilkräfte zehnfach tätig erweisen. Nach einer von Jugend auf eingeleiteten, zutraulichen Gewohnheit nimmt der Hinfällige jene symbolischen, deutsamen Versicherungen mit Inbrunst an, und ihm wird da, wo jede irdische Garantie verschwindet, durch eine himmlische für alle Ewigkeit ein seliges Dasein zugesichert. Er fühlt sich entschieden überzeugt, daß weder ein feindseliges Element, noch ein mißwollender Geist ihn hindern könne, sich mit einem verklärten Leibe zu umgeben, um in unmittelbaren Verhältnissen zur Gottheit an den unermeßlichen Seligkeiten teilzunehmen, die von ihr ausfliegen.

Zum Schlusse werden sodann, damit der ganze Mensch geheiligt sei, auch die Füße gesalbt und gesegnet. Sie sollen, selbst bei möglicher Genesung, einen Widerwillen empfinden, diesen irdischen, harten, undurchdringlichen Boden zu berühren. Ihnen soll eine wundersame Schnellkraft mitgeteilt werden, wodurch sie den Erdschollen, der sie bisher anzog, unter sich abstoßen. Und so ist durch einen glänzenden Zirkel gleichwürdig heiliger Handlungen, deren Schönheit von uns nur kurz angedeutet worden, Wiege und Grab, sie mögen zufällig noch so weit aus einander gerückt liegen, in einem stetigen Kreise verbunden.

Aber alle diese geistigen Wunder entsprießen nicht, wie andere Früchte, dem natürlichen Boden, da können sie weder gesäet noch gepflanzt noch gepflegt werden. Aus einer anderen Region muß man sie herüberflehen, welches nicht jedem, noch zu jeder Zeit gelingen würde. Hier entgegnet uns nun das höchste dieser Symbole aus alter, frommer Überlieferung. Wir hören, daß ein Mensch vor dem andern von oben begünstigt, gesegnet und geheiligt werden könne. Damit aber dies ja nicht als Naturgabe erscheine, so muß diese große, mit einer schweren Pflicht verbundene Gunst von einem Berechtigten auf den anderen übergetragen und das größte Gut, was ein Mensch erlangen kann, ohne daß er jedoch dessen Besitz von sich selbst weder erringen noch ergreifen könne, durch geistige Erbschaft auf Erden erhalten und verewigt werden. Ja, in der Weihe des Priesters ist alles zusammengefaßt, was nötig ist, um diejenigen heiligen Handlungen wirksam zu begehen, wodurch die Menge begünstigt wird, ohne daß sie irgend eine andere Tätigkeit dabei nötig hätte als die des Glaubens und des unbedingten Zutrauens. Und so tritt der Priester in der Reihe seiner Vorfahren und Nachfolger, in dem Kreise seiner Mitgesalbten, den höchsten Segnenden darstellend, um so herrlicher auf, als es nicht er ist, den wir verehren, sondern sein Amt, nicht sein Wink, vor dem wir die Kniee beugen, sondern der Segen, den er erteilt, und der um desto heiliger, unmittelbarer vom Himmel zu kommen scheint, weil ihn das irdische Werkzeug nicht einmal durch sündhaftes, ja lasterhaftes Wesen schwächen oder gar entkräften könnte.

Wie ist nicht dieser wahrhaft geistige Zusammenhang im Protestantismus zersplittert, indem ein Teil gedachter Symbole für apokryphisch und nur wenige für kanonisch erklärt werden! und wie will man uns durch das Gleichgültige der einen zu der hohen Würde der anderen vorbereiten?«
(aus: Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit, Siebentes Buch)

Samstag, 21. November 2015

Am deutschen Wesen...

... soll - nach dem Vernehmen gewisser deutscher Würdenträger in den letzten Monaten - die ganze Katholische Kirche genesen. Dass die deutsche Kirche aber wohl eher der Kranke Mann der Weltkirche ist, das hat wohl kaum jemand bisher so deutlich zum Ausdruck gebracht, wie ausgerechnet Papst Franziskus in seiner gestrigen Ansprache an die deutschen Bischöfe bei ihrem Ad-limina-Besuch: Verweltlichung, Überhang der Strukturen, Erosion des Glaubens; die Notwendigkeit der Treue zum Lehramt, von Mission, Beichte, Priestertum. Hier einige der für mich bedeutsamsten Passagen:

- Überall engagiert sich die Kirche professionell im sozial-caritativen Bereich und ist auch im Schulwesen überaus aktiv. Es ist darauf zu achten, dass in diesen Einrichtungen das katholische Profil gewahrt bleibt

- Wo in den Sechziger Jahren noch weiträumig fast jeder zweite Gläubige regelmäßig sonntags zu Heiligen Messe ging, sind es heute vielfach weniger als 10 Prozent. Die Sakramente werden immer weniger in Anspruch genommen. Die Beichte ist vielfach verschwunden. Immer weniger Katholiken lassen sich firmen oder gehen das Sakrament der Ehe ein. Die Zahl der Berufungen für den Dienst des Priesters und für das gottgeweihte Leben haben drastisch abgenommen. Angesichts dieser Tatsachen ist wirklich von einer Erosion des katholischen Glaubens in Deutschland zu sprechen.

- Denken wir nur an Priska und Aquila, die treuen Mitarbeiter des heiligen Paulus. Als Ehepaar verkündeten sie mit überzeugenden Worten (vgl. Apg 18,26), vor allem aber mit ihrem Leben, dass die Wahrheit, die auf der Liebe Christi zu seiner Kirche gründet, wirklich glaubwürdig ist. Sie öffneten ihr Haus für die Verkündigung und schöpften aus dem Wort Gottes Kraft für ihre Mission. Das Beispiel dieser „Ehrenamtlichen“ mag uns zu denken geben angesichts einer Tendenz zu fortschreitender Institutionalisierung der Kirche. Es werden immer neue Strukturen geschaffen, für die eigentlich die Gläubigen fehlen. Es handelt sich um eine Art neuer Pelagianismus, der dazu führt, unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat. Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert aber das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen (vgl. Evangelii gaudium, 32).

- Das Gebot der Stunde ist die pastorale Neuausrichtung, also „dafür zu sorgen, dass die Strukturen der Kirche alle missionarischer werden, dass die gewöhnliche Seelsorge in all ihren Bereichen expansiver und offener ist, dass sie die in der Seelsorge Tätigen in eine ständige Haltung des ‚Aufbruchs‘ versetzt und so die positive Antwort all derer begünstigt, denen Jesus seine Freundschaft anbietet“ (vgl. Evangelii gaudium, 27).

- Wir müssen bei den Menschen sein mit der Glut derer, die als erste das Evangelium in sich aufgenommen haben. Und „jedes Mal, wenn wir versuchen, zur Quelle zurückzukehren und die ursprüngliche Frische des Evangeliums wiederzugewinnen, tauchen neue Wege, kreative Methoden, andere Ausdrucksformen, aussagekräftigere Zeichen und Worte reich an neuer Bedeutung für die Welt von heute auf. In der Tat, jedes echte missionarische Handeln ist immer ‚neu‘“ (Evangelii gaudium, 11). Auf diese Weise können sich alternative Wege und Formen von Katechese ergeben, die den jungen Menschen und den Familien helfen, den allgemeinen Glauben der Kirche authentisch und froh wiederzuentdecken. 

- In diesem Zusammenhang der neuen Evangelisierung ist es unerlässlich, dass der Bischof seine Aufgabe als Lehrer des Glaubens, des in der lebendigen Gemeinschaft der universalen Kirche überlieferten und gelebten Glaubens, in den vielfältigen Bereichen seines Hirtendienstes gewissenhaft wahrnimmt. Wie ein treusorgender Vater wird der Bischof die theologischen Fakultäten begleiten und den Lehrenden helfen, die kirchliche Tragweite ihrer Sendung im Auge zu behalten. Die Treue zur Kirche und zum Lehramt widerspricht nicht der akademischen Freiheit, sie erfordert jedoch eine Haltung der Dienstbereitschaft gegenüber den Gaben Gottes. Das sentire cum Ecclesia muss besonders diejenigen auszeichnen, welche die jungen Generationen ausbilden und formen.

- Wenn wir ferner einen Blick auf die Pfarrgemeinden werfen, die Gemeinschaft, in der der Glaube am meisten erfahrbar und gelebt wird, so muss dem Bischof in besonderer Weise das sakramentale Leben am Herzen liegen. Hier seien nur zwei Punkte hervorgehoben: die Beichte und die Eucharistie. Das bevorstehende Außerordentliche Jubiläum der Barmherzigkeit bietet die Gelegenheit, das Sakrament der Buße und der Versöhnung wieder neu zu entdecken. Die Beichte ist der Ort, wo einem Gottes Vergebung und Barmherzigkeit geschenkt wird. In der Beichte beginnt die Umwandlung des einzelnen Gläubigen und die Reform der Kirche. Ich vertraue darauf, dass im kommenden Heiligen Jahr und darüber hinaus dieses für die geistliche Erneuerung so wichtige Sakrament in den Pastoralplänen der Diözesen und Pfarreien mehr Berücksichtigung findet.

- Desgleichen ist es notwendig, die innere Verbindung von Eucharistie und Priestertum stets klar sichtbar zu machen. Pastoralpläne, die den geweihten Priestern nicht die gebührende Bedeutung in ihrem Dienst des Leitens, Lehrens und Heiligens im Zusammenhang mit dem Aufbau der Kirche und dem sakramentalen Leben beimessen, sind der Erfahrung nach zum Scheitern verurteilt. Die wertvolle Mithilfe von Laienchristen im Leben der Gemeinden, vor allem dort, wo geistliche Berufungen schmerzlich fehlen, darf nicht zum Ersatz des priesterlichen Dienstes werden oder ihn sogar als optional erscheinen lassen. Ohne Priester gibt es keine Eucharistie. Die Berufungspastoral beginnt mit der Sehnsucht nach dem Priester im Herzen der Gläubigen.

- Ein nicht hoch genug zu einschätzender Auftrag des Bischofs ist schließlich der Eintritt für das Leben. Die Kirche darf nie müde werden, Anwältin des Lebens zu sein und darf keine Abstriche darin machen, dass das menschliche Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod uneingeschränkt zu schützen ist. Wir können hier keine Kompromisse eingehen, ohne nicht selbst mitschuldig zu werden an der leider weitverbreiteten Kultur des Wegwerfens. (von hier)

Dem Papst geht es ums Wesentliche. Er hält sich nicht auf mit politischen Statements, Floskeln oder wohlfeilen Lobhudeleien, sondern nennt das ganze Elend beim Namen und macht unmissverständlich klar, dass nur das katholische Proprium (Beichte, treue Bewahrung und Verkündigung des ganzen Glaubens der Kirche, missionarischer Eifer etc.) Abhilfe schaffen kann... genau das, was hierzulande weitestgehend brach liegt.
Natürlich wird nun wieder jeder sich das rauspicken, was ihm passt und gute Miene machen. Aber hier ist eigentlich kein Interpretationsspielraum. Mit Verlaub: Wenn etwa ein Bischof Bode über "andere priesterliche Formen" nachdenkt, was ziemlich sicher auf eine Einebung des Unterschieds zwischen Priestern und Laien hinausläuft; wenn die DBK die neue Gesetzeslage zur Sterbehilfe bejubelt, die für Christen eigentlich völlig unannehmbar ist; wenn verschiedentlich versucht wird, Eucharistie und Beichte zu entkoppeln (und Letztere faktisch zu desavouieren), wie etwa in der Freiburger Handreichung zu den wvG und zugleich über 50% der Priester und über 90% der Gemeindereferenten einmal oder seltener im Jahr zur Beichte gehen; wenn katholische Einrichtungen und besonders die theologischen Fakultäten sich in der Mehrzahl alle Mühe geben, nicht mehr als "katholisch" aufzufallen; wenn gewisse Kardinäle den Zentralismus in der Weltkirche anprangern, während sie selbst dafür sorgen, dass ein ekklesiologisch irrelevantes und alles in allem fiktives Organ namens "Bischofskonferenz" den Diözesanbischöfen (von denen jeder Einzelne einzig dem Papst untersteht) vorschreiben kann, wie der Hase zu laufen hat; wenn der Apparat an Strukturen, wie aktuell ausgerechnet im Erzbistum München, exorbitante Außmaße erreicht; wenn das Wort "Mission" aus dem Vokabular der Würdenträger restlos verschwunden ist... dann ist es an der Zeit, den Papst beim Wort zu nehmen und endlich mal den Ar*** hochzukriegen.  
Die Beispiele für Handlungen und Unterlassungen der deutschen "Amtskirche", die genau konträr zu dem laufen, was Franziskus ihnen gestern eingeschärft hat, ließen sich beliebig vermehren... Ich befürchte aber, dass man sich nun noch mehr auf die Fehlleistungen und Irrwege konzentrieren wird, die der Papst in seiner Ansprache nicht explizit angesprochen hat, mit dem ausgesprochenen oder unausgesprochenen Argument "dazu hat er ja nix gesagt".
Man wird sehen, wie die deutschen Bischöfe nun Handeln werden.

PS. Dass der Papst in seiner Ansprache ausgerechnet die KU Eichstätt so überdeutlich gelobt hat, lässt aufhorchen. Schon länger gibt es Überlegungen in der DBK, die dortige theologische Fakultät zu schließen, was gut dazu passt, die liberale (nicht selten ausgesprochen protestantisch-nationalkirchliche) Linie der katholischen Theologie in Deutschland weiter zu festigen. Wenn nun selbst der Papst ein Fan dieser Uni ist, dürften diese Überlegungen nun hoffentlich ein Ende haben. 

PPS. Papst Franziskus fordert eine "pastorale Neuausrichtung" in den deutschen Diözesen... Wenn Kardinal Marx ehrlich wäre und zu dem stünde, was er bisher immer wieder vollmundig verlauten ließ ("keine Filiale Roms"), müsste er in etwa so reagieren: Was fällt dem Papst eigentlich ein, sich derart in die Angelegenheiten hierzulande einzumischen? Wie war das noch mit Synodalität? Hieß das denn nicht, "Jeder kocht sein eigenes Süppchen"?
Nur son Gedanke... 

Samstag, 14. November 2015

"... notre combat sera impitoyable"

Mich hat es betroffen gemacht, dass der französische Präsident einen "erbarmungslosen Kampf" angekündigt hat (hier sagt er es). Der Mann will Blut sehen. Einen "kriegerischen Akt" nannte er es, was gestern geschehen ist... folglich zieht er nun in den Krieg... (in dem er schon seit vielen Monaten ohnehin knietief drinsteckt).Bravo. Das laizistische Frankreich ist nun endlich wieder in der guten alten Zeit angelangt, als Barmherzigkeit noch unbekannt war. Töten die 100 von uns, töten wir tausende von ihnen. Erbarmungslos. Soviel zum christlichen Abendland.

Die bislang bemerkenswerteste Äußerung kommt m.E. von Martin Schulz, dem Präsidenten des EU-Parlaments: "Das, was wir in Paris erlebt haben, ist in Homs, in Aleppo, in Damaskus Alltag" (hier). Was ich nun aber weniger im Blick auf die Beurteilung der Flüchtlinge verstehe, sondern v.a. im Hinblick auf die Scheinheiligkeit des "Westens"... denn den kümmerte es und kümmert es nach wie vor erstaunlich wenig, was dort abgeht... aber wenn sowas in Paris passiert, DANN erstrahlen überall in der westlichen Welt plötzlich die Wahrzeichen der Hauptstädte in Blau-Weiß-Rot...


Beten wir für die Opfer und für die, die verantwortlich sind.