Sonntag, 7. März 2021

Aszese

Paul VI. in seiner Entrittsenzyklika Ecclesiam suam von 1964 (Nr. 53): 

»Die Erneuerung und Verjüngung der Kirche ist nicht so sehr durch Änderung ihrer äußeren Gesetze bedingt, als vielmehr durch die innere Haltung des Gehorsams gegenüber Christus, durch Beobachtung jener Gesetze, die die Kirche sich selbst gibt, um Christi Weg zu folgen. Hier liegt das Geheimnis ihrer Erneuerung, hier ihre "Metanoia" (Umkehr), hier ihre Übung der Vollkommenheit. Die Beobachtung der kirchlichen Gesetze mag durch Vereinfachung mancher Vorschrift und durch das in die Freiheit des Christen von heute gesetzte Vertrauen erleichtert werden, — da er besser über seine Pflichten belehrt ist und reifer und verständiger über die Art sie zu erfüllen sich zu entscheiden vermag. Trotzdem bleibt doch das Gesetz in seiner wesentlichen Forderung bestehen, das christliche Leben, wie die Kirche es deutet und in weisen Vorschriften umschreibt, wird immer durch den "schmalen Weg", von dem Unser Herr sprach, gezeichnet sein, es wird von uns modernen Christen keine geringeren, ja vielleicht größere sittliche Energien verlangen als von den Christen von gestern, eine Bereitschaft zum Gehorsam, die heute nicht weniger als in der Vergangenheit geschuldet und vielleicht sogar schwieriger, sicher aber verdienstlicher ist, weil mehr von übernatürlichen als natürlichen Beweggründen geleitet. Nicht die Gleichförmigkeit mit dem Geist der Welt, nicht das Freisein von der Zucht einer vernünftigen Aszese, nicht die Gleichgültigkeit gegenüber den freien Sitten unserer Zeit, nicht die Befreiung von der Autorität kluger und rechtmäßiger Vorgesetzter, nicht die Gleichgültigkeit gegenüber den Widersprüchen im modernen Denken können der Kirche Kraft geben, oder sie befähigen, die Wirkungen der Gaben des Heiligen Geistes zu erfahren; können ihr die Glaubwürdigkeit ihrer Gefolgschaft für Christus den Herrn gewähren oder ihr die große Unruhe der Liebe zu den Brüdern und die Fähigkeit verleihen, ihre Heilsbotschaft ihnen mitzuteilen; nein, das alles vermag nur ihre Bereitschaft, nach Gottes Gnade zu leben, ihre Treue gegenüber dem Evangelium des Herrn, ihr hierarchischer und gemeinschaftlicher Zusammenschluss. Nicht verweichlicht und feig ist der Christ, sondern stark und treu.«

Dienstag, 2. März 2021

Bekenntnis zur Liebe

Das Bewegendste und Schönste, was ich seit sehr langer zeit gehört/gelesen habe. 



»[…] Rechtgläubigkeit wird mit Einengung und Bevormundung assoziiert, Liebe mit Befreiung davon. Auf der einen Seite haben wir demnach den engstirnigen Fundamentalisten, auf der anderen Seite den menschenfreundlichen Seelsorger, hier den lieblosen Pharisäer, dem der wahre Glaube wichtig ist, dort den modernen Barmherzigkeitsprediger, dem die Menschen wichtiger sind. Er nimmt es deshalb mit den Dogmen nicht so genau. Das ist ein Ausweis seiner Menschenliebe. Liebe als Gegeninstanz zum Glauben, Wahrheit als Einschränkung der Freiheit: Diese Konstruktion hat sich in den Köpfen vieler Zeitgenossen festgesetzt.

[…]

“Missionarische Liebe” und “ungetrübte Reinheit der Lehre”: Beides gehört zusammen. Beides bedingt einander. Wir sehen es beim heiligen Paulus. Auf der einen Seite schreibt er: “Die Liebe Christi drängt uns!” (2 Kor 5,14). Und auf der anderen Seite besteht er kompromisslos auf der Reinheit der Lehre: “Doch wenn selbst wir oder ein Engel vom Himmel euch ein anderes Evangelium verkündeten, als wir euch verkündet haben, so sei er verflucht!” (Gal 1,8).

Dabei will ich gar nicht leugnen, dass es Pharisäertum und engstirnige Rechthaberei gibt - übrigens nicht nur bei den sog. Konservativen, sondern in allen Lagern. Und ja, man kann auch mit der Rechtgläubigkeit Schindluder und geistlichen Missbrauch treiben, so dass das Beharren auf ihr nicht aus Liebe kommt, sondern dem eigenen Ego dient. […]

Warum bin ich Priester geworden und warum verkünde ich das Evangelium? Weil ich Christus liebe. Und warum liebe ich ihn? Weil er mir so viel verziehen hat. Wenn ich den Menschen den Glauben verkünde, dann nicht, weil ich mich für etwas Besseres halte oder weil ich sie bevormunden will, sondern weil ich ihnen dasselbe Glück gönne. Es besteht darin, die Liebe Christi kennenzulernen. Nur in dieser Liebe ist das Heil zu finden. Ich selber bin jemand, der ganz und gar auf diese Liebe angewiesen ist. Ich bin der verlorene Sohn, der gesündigt hat und wieder reuevoll zurückkehrt. Ich will so viele Menschen wie möglich mitnehmen auf diese Rückreise zum Vaterherzen Gottes. Ich predige, was ich lebe. Wenn Christus sagt: “Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder” (Mt 9, 13), geht mir das Herz auf. Jetzt verstehe ich, warum er mich gerufen hat! Dieses Glück will ich mit möglichst vielen Menschen teilen. Ich will ihnen zurufen: “Habt keine Angst, euch dem Herrn zuzuwenden! Ihr könnt die Güte seines Herzens nicht überschätzen. Glaubt an Seine Güte! Glaubt an Seine Liebe!” Wer Ihn sieht, sieht den Vater. Das Vaterherz Gottes wird in Seiner Liebe sichtbar.

Und warum ist die Reinheit der Lehre so wichtig? Weil alles darauf ankommt, das Ziel der Reise zu kennen. Es ist die Liebe des Herrn. […] Ich habe es erlebt, wie man mir “in missione canonica”, also in kirchlichem Namen, weismachen wollte, dass es diese Liebe gar nicht gibt. Christus sei ein Mensch wie du und ich gewesen: Er kannte mich nicht, er starb nicht für mich, er liebte mich nicht. Natürlich sei er von einer allgemeinen Menschenliebe erfüllt gewesen, er war ein großes Vorbild, ein Wohltäter: Aber mich hat er nicht geliebt, weil er mich gar nicht kannte. Jesus war nicht der menschgewordene Gott, sondern ein jüdischer Wanderprediger. Er wusste nicht, dass er uns durch seinen Tod erlösen sollte. Das seien alles nachösterliche Konstruktionen. Und deshalb lag es außerhalb seines Horizonts, eine Kirche zu gründen, deshalb gibt es kein von ihm gestiftetes Priestertum, deshalb haben die Sakramente keine göttliche Kraft, deshalb gibt es in der Beichte keine sakramentale Sündenvergebung und in der Eucharistie keinen wahren Leib des Herrn. Deshalb können Priester heiraten, Frauen Priester werden, Kirchenstrukturen geändert, Bastionen geschleift und Dogmen aufgegeben werden. Das alles lernte ich im katholischen Religionsunterricht vor über vierzig Jahren, und das alles begegnet mir bis heute auf Schritt und Tritt. Durch die Irrlehren werden die Menschen von der realen Liebe Christi abgeschnitten. Man reicht den Gläubigen Steine statt Brot. Das ist kein Zeichen von Liebe, sondern ein Verbrechen an den Seelen. Deshalb hat Paulus, wie oben zitiert, das Anathema über die Irrlehrer ausgerufen (Gal 1,8). Deshalb gehören Liebe und Glaube, missionarische Liebe zu den Seelen und Reinheit der Lehre untrennbar zusammen. Eine gute Mutter achtet darauf, dass sie ihren Kindern keine vergifteten Speisen reicht. Dasselbe tut die Kirche, wenn sie auf die Reinheit der Lehre achtet. Je weniger die Mutter darauf achtet, um so mehr ist dies ein Zeichen von Gleichgültigkeit gegenüber ihren Kindern, von erschreckendem Liebesmangel.

“Credidimus Caritati”- Was für ein schöner Wahlspruch aus 1 Joh 4,16! Wir glauben nicht an uns selbst und nicht an unsere eigene Unfehlbarkeit, sondern an die Liebe Christi. Wir gehören nicht zu den Theologen, die immer alles besser wissen als die Kirche. Wir glauben daran, dass Christi Liebe selber Vorsorge getroffen hat, die Seelen durch alle Generationen hindurch zu erreichen, nämlich dadurch, dass Er seine Kirche gründete und mit der nötigen Vollmacht ausstattete, damit sie ihre Mission erfüllen kann: die Kunde von Seiner Liebe unverfälscht durch die Zeiten zu tragen. Das Lehramt ist eine Erfindung seiner Liebe.

“Wir haben an die Liebe geglaubt.” Diese Wahrheit macht das Herz weit und erfüllt es mit Dankbarkeit, Freude und Begeisterung. Im Laufe meines Lebens bin ich vielen Menschen begegnet, die die Wahrheit der Liebe Gottes entdecken durften und denen es genau so ergeht. Darunter sind viele Konvertiten. Sie entwickeln ein besonderes Bewusstsein für unsere Dankesschuld gegenüber der Kirche. Der Kirche verdanken wir die immer neue Gegenwart der göttlichen Liebe in den Sakramenten, ihrem Lehramt die unverfälschte Kunde davon. Doch während wir uns von der Kirche beschenken lassen, wollen die Reformer umgekehrt die Kirche mit ihren Verbesserungsvorschlägen beglücken und sind dann beleidigt, wenn die Kirche sie nicht annimmt. Empfangene Liebe erzeugt Dankbarkeit, verhinderter Eigenwille Frustration. Seit 60 Jahren folgt Aufbruch auf Aufbruch: dem Aufbruch des Konzils der Aufbrauch der Würzburger Synode, der Aufbruch des Mannheimer Dialogprozesses, der Aufbruch des Synodalen Wegs... Die bemühte Aufbruchsrhetorik verkleistert nur die wachsende Frustration über den Ungehorsam der Kirche gegenüber den eigenen Reformwünschen. Vor 2000 Jahren ist Gott aufgebrochen, um uns in seinem Sohn seine Liebe zu schenken und jene Reform einzuleiten, auf die allein es ankommt: unsere Bekehrung, Heiligung und Rettung. Ich danke meinem Erlöser, dass er mir verzeiht, dass ich bin, wie ich bin. Der Modernist verzeiht der Kirche nicht, dass sie ist, wie sie ist. Ich bin übervoll von Freude, dass Jesus mich gerettet hat; der Modernist ist frustriert, dass die Kirche sich nicht von ihm retten lässt. Der Synodale Weg sei jetzt die letzte Chance für die Kirche, heißt es schon. Keine Sorge: Die Kirche wird auch diesen letzten Rettungsversuch überleben.

Frustration ist das Gegenteil von Begeisterung. Sie macht blind für die Wahrnehmung der wahren Sachverhalte: Aus der Treue des Lehramts, z.B. gegenüber der tradierten Wahrheit der Unmöglichkeit des Frauenpriestertums, wird in ihren Augen die uneinsichtige Sturheit einiger alter Männer in Rom. Die Modernisten wollen sich nicht belehren lassen und beschweren sich über die Unbelehrbarkeit des Lehramts. Sie erkennen nicht mehr die Liebe darin.

Ja, ich lege Wert auf die “Reinheit der Lehre”, ich bin “lehramtstreu”. Der Dienst des Lehramts ist ein Dienst der Liebe: göttliche Wahrheit statt menschlicher Meinung, Brot statt Steinen - auch wenn es anscheinend Menschen gibt, denen die Steine besser schmecken als das Brot. Schon Paulus warnte Timotheus vor Lehren, die den Ohren schmeicheln. Mein Gehorsam gegenüber dem Lehramt ist die Bedingung dafür, dass auch meine Verkündigung ein Dienst der Liebe ist. Dabei bleibe ich, daran halte ich fest, egal, was für ein schlechtes Beispiel mir von Theologen und kirchlichen Hirten gegeben wird. Ich bin es leid, mir solche Vorwürfe anhören zu müssen wie: der Glaube sei mir wichtiger als die Liebe, die Wahrheit wichtiger als die Freiheit, der Buchstabe wichtiger als der Geist. Das Gegenteil ist der Fall: Um der Liebe willen ist mir die Wahrheit so wichtig. Ich möchte die Menschen mit der göttlichen Liebe anstecken, nicht mit menschlichen Reformvorstellungen. Die Menschen haben ein striktes Recht darauf, aus meinem Mund den befreienden, frohmachenden Glauben der Kirche zu erfahren und nicht meine Privatmeinungen. Dieses Recht achte ich: weil ich die Menschen liebe.«


(P. Engelbert Recktenwald, im Vatican-Magazin Januar 2020, hier zum nachhören)

Dienstag, 9. Februar 2021

Die suizidale Lüge

Der ganze suizidale Weg ist ein Antizeugnis für die Kirche. Wie jede schlechte Häresie, beruht das ganze Vorgehen auf einer Lüge (im Unterschied zu einer "guten", etwa der Luthers, die stets auf einer berechtigten, wenn auch in die Irre gegangenen Sehnsucht beruht).

Diese Lüge, nämlich eine bewusste, absichtlich ins Werk gesetzte Irrefühung, ist die MHG-Studie, wie Manfred Lütz schon 2018 sehr treffend ins Wort brachte (hier):

»Im Jahre 2011 entschloss sich die Deutsche Bischofskonferenz zur wissenschaftlichen Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Die führenden deutschen forensischen Psychiater Leygraf, Kröber und Pfäfflin wurden beauftragt, alle Tätergutachten aus den Jahren 2000-2010 auf die Frage hin zu untersuchen, ob sich daraus Konsequenzen für den Umgang der Kirche mit dem Missbrauchsthema ergäben. Diese Studie, die alle Tätergutachten aus fast allen deutschen Diözesen berücksichtigen konnte, also nahe an Repräsentativität heranreichte, erschien bereits 2012 und gab gute handlungsrelevante Hinweise. Allerdings gab sie sich streng wissenschaftlich, verzichtete auf Spekulationen, referierte nur den Stand der Forschung und gab die erhobenen Daten und ihre wissenschaftliche Diskussion wider. Das erregte damals allerdings kaum öffentliche Aufmerksamkeit.

Dagegen hatte sich Professor Christian Pfeiffer selbst der Bischofskonferenz als jemand empfohlen, der eine hohe Medienpräsenz habe. Er wolle alle Akten aller Diözesen erforschen und sei sich jetzt schon gewiss, dass dabei herauskommen werde, dass der Zölibat bei Missbrauch ein protektiver Faktor sei. Obwohl führende Wissenschaftler dringend von der Bestellung Pfeiffers abrieten, der in Fachkreisen als unseriös galt, ging die Bischofskonferenz wohl in der Hoffnung auf gute mediale Effekte auf das Angebot Pfeiffers ein. Erst nach zwei Jahren merkte man dann, auf was man sich eingelassen hatte und beendete die Zusammenarbeit. Bei dieser Gelegenheit bewies Pfeiffer seine Behauptung, über eine starke mediale Wirkung zu verfügen, indem er es tatsächlich erreichte, die eigentlich unspektakuläre Beendigung einer Zusammenarbeit zu einem erstrangigen Medienereignis zu machen.

Die Bischofskonferenz war jetzt in einer Zwickmühle. Die Bedenken bezüglich des Pfeiffer-Projekts aus Wissenschaftskreisen lagen ja nicht nur an den Bedenken bezüglich der wissenschaftlichen Seriosität von Pfeiffer, sondern auch an der Fragwürdigkeit seines Projekts. Man wusste bereits, dass die Datenbasis äußerst fragmentarisch sein musste, da sich herausgestellt hatte, dass viele Akten routinemäßig oder mit Vertuschungsabsicht vernichtet worden waren. Außerdem gab es Datenschutzprobleme und schließlich fragte man sich, was man für heute und morgen aus Einsichten lernen könnte, die die 50-er Jahre betrafen. Doch man brauchte einen so langen Zeitraum, um überhaupt an ein gewisses Quantum an Daten zu kommen. Für heute und morgen war die Leygraf-Studie eigentlich entscheidend, da sie auf stundenlangen gründlichen fachärztlichen Untersuchungen jetziger Täter beruhte und nicht auf unsicher interpretierbaren Aktennotizen. Doch die Bischofskonferenz war jetzt im Zugzwang, denn Professor Pfeiffer behauptete mit großer öffentlicher Anteilnahme, die Kirche wolle vertuschen und habe deswegen sein verdienstvolles Projekt sabotiert. Deswegen hielt man an dem Projekt fest, veranstaltete eine Ausschreibung, zog dafür einen wissenschaftlichen Beirat heran, und den Zuschlag erhielt ein Konsortium aus Mannheim, Heidelberg und Gießen, das nur teilweise einschlägig kompetent war.«

 

Egal, wie man über den suizidalen Weg denkt: Sein Fundament ist eine Lüge. Oder biblisch: Der suizidale Weg ist die faule Frucht eines schlechten Baumes. Das sollte man bei all dem nie vergessen.

Samstag, 6. Februar 2021

Walter Kasper über die Zölibatsdiskussion

»Die Zölibatsfrage ist, wie die Historiker besser wissen als ich, geschichtlich gesehen heute nicht zum ersten Mal ein heißes Eisen. Bekanntlich habe ich mich zusammen mit an deren Theologen vor etwa vierzig Jahren dafür eingesetzt, dass diese Frage überprüft wird. Was offensichtlich aber weniger bekannt ist, ist die Tatsache, dass diese Überprüfung in der Tat stattgefunden hat. Die Frage ist international exegetisch wie historisch mit Ergebnissen diskutiert worden, die es seriöser Weise wissenschaftlich nicht mehr erlauben, die alten Argumente einfach zu wiederholen. Nicht weniger als drei "Weltbischofssynoden“ haben sich mit der Frage befasst und darüber mit überwältigenden Mehrheiten abgestimmt. Wenn man, wie es zu Recht geschieht, eine Rechtskultur verlangt, dann gehört dazu auch, dass man, wie es im weltlichen Bereich selbstverständlich ist oder zumindest sein sollte, keine lähmende Dauerdiskussion führt, sondern Entscheidungen auch dann anerkennt, wenn man selbst vielleicht eine andere Lösung bevorzugt hätte.«

(Walter Kasper, Theologen-Memorandum - Kommen wir zur Sache!, in: Das Memorandum. Die Positionen im Für und Wider, Freiburg 2011, 148-152, 150)

Mittwoch, 3. Februar 2021

Seht, der Mensch, der eine Bohne ist

Ecce homo qui est faba. 

Ecce homo qui est faba.

Vale homo qui est faba, qui est faba, qui est faba.

Vale homo qui est faba.

Vale homo qui est faba, qui est faba.

 

Zum nachhören.

Dienstag, 2. Februar 2021

Ignatianisches am suizidalen Weg?

Eine nicht geringe Zahl von Mitgliedern des suizidalen Weges hat sich kürzlich dagegen gewendet, dass bei selbigem Weg mehr gebetet wird. Diese Opposition gegen das Beten wird zugleich verwurstet mit einem Hohelied der Demokratie. Satiriker haben es echt schwer...

Drei großartige Einsichten hat man dabei Vorgebracht (vgl. hier): "alles Denken und alle Auseinandersetzung um der Menschen willen [ist] geistliche Haltung", "Dialogprozesse, Diskussionen und Abstimmungen sind geistliche
Prozesse" und "Vielfalt in Einheit zu leben ist geistlicher Weg." Also: Gebet brauchen wir nicht, denn praktizierte Demokratie ist quasi schon die Höchstform des Gebets. Diese Logik ernstgenommen, sind die hohen Geistlichen in unserem Land also... die Politiker?

Man kennt das natürlich aus anderen Bereichen, z.B. aus diözesanen Entwicklungsprozessen: Man tut, was immer man will (z.B. Strukturmaßnahmen), und behauptet dann, dies als "geistlichen Prozess" gestalten zu wollen. In der Realität ist dann häufig der einzige Hinweis darauf, dass es sich um einen "geistlichen Prozess" handelt, die Behauptung, dass dies so sei (z.B. in Hamburg). Aber wahr ist: Man kann solche Prozesse als "geistliche Prozesse" gestalten, z.B. mit regelmäßigem Gebet. Am suizidalen Weg ist man aber schon einen Schritt weiter (hin zur Säkularisierung des Christentums): Man behauptet gar nicht mehr, den Prozess "geistlich" gestalten zu wollen, sondern man erklärt, der Prozess sei aus sich heraus schon "geistlich": "Diskussionen, Abstimmungen und Wahlen sind geistliche Prozesse".

Dass die Autoren sich mit ihrer "geistlichen Haltung", ihrem "geistlichen Prozess" und ihrem "geistlichen Weg" letztlich fernab des Christentums stellen (bzw. dieses in weltlichen Strukturen auflösen) erhellt auch daraus, dass sie behaupten, mit der Forderung nach mehr Gebet (gegen die sie sich wenden) sei zugleich eine gewisse Ablehnung von Demokratie verbunden. Und damit haben sie tatsächlich recht: Wirkliches Gebet ist mit Demokratie eher unvereinbar, weil die Wahrheit Gottes nicht per demokratischer Abstimmung gefunden, sondern nur von Gott selbst eingegeben werden kann. Kennen diese Leute etwa nicht das bedeutendste Beispiel für "Demokratie" (Herrschaft des Volkes) in der Bibel? Hier ist es:

»Als das Volk sah, dass Mose noch immer nicht vom Berg herabkam, versammelte es sich um Aaron und sagte zu ihm: Komm, mach uns Götter, die vor uns herziehen. Denn dieser Mose, der Mann, der uns aus dem Land Ägypten heraufgeführt hat - wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist. Aaron antwortete: Nehmt euren Frauen, Söhnen und Töchtern die goldenen Ringe ab, die sie an den Ohren tragen, und bringt sie her! Da nahm das ganze Volk die goldenen Ohrringe ab und brachte sie zu Aaron. Er nahm sie aus ihrer Hand. Und er bearbeitete sie mit einem Werkzeug und machte daraus ein gegossenes Kalb. Da sagten sie: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt haben.« (Ex 32,1-4)


Aber zum Thema.

Diese Menschen scheuen sich auch nicht, Ignatius von Loyola dafür zu missbrauchen, dass man prinzipiell alles an der Kirche per Demokratie ändern könne, weil nichts von vornherein feststeht: 

»Ignatianisch gesprochen braucht es die 'Indifferenz', also die Unvoreingenommenheit von persönlichen Vorlieben, Vorurteilen und Vorfestlegungen.«

Zugegeben: Die ignatianische Gleichmütigkeit (so übersetzt man das richtiger, nicht mit "Unvoreingenommenheit") wird in ca. 99% aller Fälle, in denen auf sie Bezug genommen wird, missbräuchlich verdreht oder zumindest grob falsch verstanden, wenn man sie z.B. als "Ausgeglichenheit" oder als Inbegriff von "Meditation" auffasst. In diesem Fall handelt es sich aber um eine ideologisch motivierte missbräuchliche Verwendung auf höchster Ebene - nämlich zur Infragestellung der Identität der Kirche.

Also, Ignatius: Die ignatianische Gleichmütigkeit gehört zu "Prinzip und Fundament" der Exerzitien. Dort wird sie wie folgt beschrieben (aus der Übersetzung von H.U.v.B.): 

»Der Mensch ist geschaffen dazu hin, Gott Unseren Herrn zu loben, Ihn zu verehren und Ihm zu dienen, und so seine Seele zu retten.

Die andern Dinge auf Erden sind zum Menschen hin geschaffen, und um ihm bei der Verfolgung seines Zieles zu helfen, zu dem hin er geschaffen ist. Hieraus folgt, dass der Mensch sie soweit zu gebrauchen hat, als sie ihm zu seinem Ziele hin helfen, und soweit zu lassen, als sie ihn daran hindern.

Darum ist es notwendig, uns allen geschaffenen Dingen gegenüber gleichmütig (indiferentes) zu machen, überall dort, wo dies der Freiheit unseres Wahlvermögens eingeräumt und nicht verboten ist, dergestalt, dass wir von unserer Seite Gesundheit nicht mehr als Krankheit begehren, Reichtum nicht mehr als Armut, Ehre nicht mehr als Ehrlosigkeit, langes Leben nicht mehr als kurzes, und dementsprechend in allen übrigen Dingen, einzig das ersehnend und erwählend, was uns jeweils mehr zu dem Ziele hin fördert, zu dem wir geschaffen sind.«
Was bei der Bezugnahme auf diese Gleichmütigkeit fast immer unerwähnt bleibt, ist zum einen der Sinn und das Ziel der Exerzitien insgesamt, nämlich eine Hilfe zu sein zu Sinn und Ziel des Menschen: "Gott Unseren Herrn zu loben, Ihn zu verehren und Ihm zu dienen, und so seine Seele zu retten"; zum anderen bleibt der Nebensatz meist unerwähnt, der genau diese Zielausrichtung konkretisiert: Jene Gleichmütigkeit gilt nämlich nur da, "wo dies der Freiheit unseres Wahlvermögens eingeräumt und nicht verboten ist". 
 
Für Ignatius ist unzweifelhaft, dass es eben doch "Vorfestlegungen" gibt, nämlich alles, was Gott in seiner Schöpfung festgelegt hat (Naturordnung) und alles, was er durch seine Offenbarung in die Herzen seines Volkes und in die Kirche gelegt hat (Gnadenordnung: Gebote, Sakramente, die Verfassung der Kirche etc.). Was Gott in der Natur- oder Gnadenordnung verboten hat, das brauchen wir nicht "indifferent" zu beurteilen, denn es ist bereits klar, dass wir es abzulehnen, uns davon fernzuhalten haben - beispielsweise praktizierte Homosexualität (vgl. HIER und hier).

In gewisser Weise meint Ignatius das genaue Gegenteil von dem, was ihm hier gerne unterstellt wird: Es geht gerade darum, dass der Wille des Menschen gefestigt ist, und zwar auf sein Ziel hin (Gottesverehrung und Seelenrettung). Die "Indifferenz" ist kein Absehen vom Willen, sondern sie meint das rechte "Gleichgewicht", die rechte Beurteilung der Naturdinge im Lichte dessen, was uns von Gott als unser Ziel geoffenbart ist. Es geht nicht darum, nicht zu wollen oder zu lieben, sondern darum, das Richtige (zum richtigen Zeitpunkt) zu wollen oder zu lieben, damit wir zu unserem Ziel gelangen. Um dieses "Richtige" zu beurteilen, gibt es einen objektiv gültigen Maßstab "wo dies der Freiheit unseres Wahlvermögens eingeräumt" oder wo es "verboten ist": Das Wort Gottes, von dem das Zweite Vatikanische Konzil sagt: "Die Aufgabe aber, das geschriebene oder überlieferte Wort Gottes verbindlich zu erklären, ist nur dem lebendigen Lehramt der Kirche anvertraut, dessen Vollmacht im Namen Jesu Christi ausgeübt wird." (DV 10)
Damit lehrte Ignatius natürlich nichts Neues, sondern das zählt zum Grundbestand christlichen Weltverständnisses; Ignatius bringt es nur sehr prägnant auf den Punkt.


Sodann berufen sich die Suizidalen auch noch auf den sensus fidei fidelium, den man auch als sensus ecclesiae - ein Fühlen mit der Kirche (oder schlicht: kirchliche Gesinnung) - bezeichnet, und der den "geistlichen" Charakter dieser Demokratie sicherstellen soll. Über diesen sensus schreibt Ignatius u.a.:
»Um das wahre Fühlen zu erlangen, das wir in der diensttuenden Kirche haben sollen, werden die folgenden Regeln beachtet

Die erste. In Absehung jeglichen [privaten] Urteils müssen wir den Geist gerüstet und bereit halten, dazu hin, in allem zu gehorchen der wahren Braut Christi Unseres Herrn, die da ist Unsere Heilige Mutter, die Hierarchische Kirche.

Die zweite. Loben [im Sinne von: Wir versprechen zu tun] die Beichte beim Priester und den Empfang des Heiligsten Sakramentes einmal im Jahr, und viel mehr noch jeden Monat, und viel besser noch alle acht Tage, unter den erforderten und geschuldeten Bedingungen.
 
[...] 

Die neunte. Loben endlich alle Vorschriften der Kirche, stets bereiten Geistes, um Gründe zu ihrer Verteidigung zu finden und in keiner Weise zum Widerstand gegen sie.

[...]«

 
Tja... (vgl. meinen sehr kurzer Senf dazu hier). Wieder zeigt sich, dass der Versuch, diese falsche Reformagenda irgendwie an die Glaubens- und Denktradition der Kirche anzubinden, nicht funktioniert... Und wiederum gilt: Entweder wissen sie nicht, was sie da faseln, oder sie wissen es und führen die Menschen ganz bewusst in die Irre.
Ich finde es immer ganz erstaunlich, wenn die falschen Reformer irgendwelche Heiligen instrumentalisieren, um damit gegen die heilige Ordnung der Kirche zu kämpfen (z.B. Katharina von Siena)... die Tatsache, dass es sich um Heilige der Kirche handelt, müsste jedem schon ein genügender Hinweis sein, dass hier etwas faul ist. Im Zweifel genügt ein flüchtiger Blick in das, was jener Heilige tatsächlich gesagt/geschrieben hat, um den Irrtum der Instrumentalisierer zu beweisen.

Die ultimative Ironie dieses beschämenden Dokuments scheint mir darin zu liegen, dass diese Menschen mit dem irreführenden Rückgriff auf eine der größten religiösen Gestalten "Unvoreingenommenheit" predigen, während das Dokument zugleich dazu dient, ihre eigene Voreingenommenheit gegen DEN allgemeinmenschlichen religiösen Grundvollzug schlechthin zu verbreiten. Die Autoren und ihre Unterstützer sind wahrhaftig "unvereingenommen": sie sind völlig gleichgültig gegenüber der Offenbarung, haben keine Ahnung vom christlichen Glauben und wissen nicht, was Gebet ist - was wohl leider auf die große Mehrzahl der Suizidalen zutrifft (anderes Beispiel: hier).
 
Der Blick auf den Gekreuzigten muss für diese Menschen ganz unerträglich sein... darum ersetzen sie ihn durch "Diskussionen, Abstimmungen und Wahlen"...


Zu dokumentationszwecken. Die sich so dummdreist Äußernden, und das christliche Beten faktisch durch Politik Ersetzenden sind (laut dem Dokument): der "Berufsverband der Pastoralreferent*innen Deutschlands e.V." und der "Bundesverband der Gemeindereferent/-innen Deutschlands e.V."; des Weiteren: fr. Simon Hacker OP, Jan Hilkenbach (Diözesankomitee Paderborn), Ulrich Hoffmann (Präsident des Familienbundes der Katholiken), Lucia Lagoda (Bundesvorstand der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands [kfd]), Viola Kohlberger (Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg [DPSG], Diözesanverband Augsburg), Wolfgang Klose (Vizepräsident des ZdK und Diözesanrat in Berlin), Nadine Mersch (Sozialdienst Katholischer Frauen), Lukas Nusser (KjG Diözesanleiter in Freiburg), Gregor Podschun (Bundesvorsitzender des BDKJ), Sr. Nicola Maria Schmitt, Brigitte Vielhaus (Bundesgeschäftsführerin der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands), Prof. Dr. Agnes Wuckelt (stellv. Bundesvorsitzende Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands).

Donnerstag, 28. Januar 2021

Thomas von Aquin über die Kirche

»Viertens ist sie fest (apostolisch). – Ein Haus heisst fest:

1. Wenn es auf gutem Fundamente ruht. – Das eigentliche Fundament der Kirche aber ist Christus, denn: "ein anderes Fundament kann niemand legen, als das gelegt ist, und das ist Christus Jesus" (1Kor 3,2). Das fernere Fundament sind dann die Apostel und ihre Lehre. Deshalb ist dieses Haus fest und heißt es in der Apokalypse (Apk 21,14), dass die Mauer der Stadt zwölf Grundsteine hatte, worauf die Namen der zwölf Apostel geschrieben waren; und darum auch wird die Kirche "apostolische" genannt und Petrus zur Andeutung ihrer Stärke Felsenmann.
2. Es erhellt die Festigkeit eines Hauses ferner daraus, wenn es trotz Erschütterung nicht eingestürzt werden kann. – Die Kirche aber konnte nie zerstört werden, und zwar nicht: von den Verfolgern, vielmehr erstarkte sie nur während den Verfolgungen, und ihre Verfolger und die, gegen welche sie selbst auftrat, erlagen. Denn: "wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschmettert werden, und auf wen er fällt, den wird er zermalmen" (Mt 21,44). Nicht auch von den Häresien, vielmehr, je mehr Irrtümer auftraten, um so mehr wurde die Wahrheit allseitig beleuchtet, denn es gilt von den Irrlehrern das Wort: "Sie sind Menschen verdorbenen Sinnes, verworfen in Glaubenssachen, aber sie werden es nicht weit bringen" (2Tim 3,8). – Aber auch von den Versuchungen des Satans konnte sie nicht überwunden werden; denn die Kirche ist wie ein Turm, in welchem jeder Schutz sucht, der wider den Teufel kämpft: "Ein fester Turm ist der Name des Herrn" (Spr 18,10). Und deshalb strengt sich der Teufel besonders an, sie zu zerstören, aber er wird nicht Meister, denn der Herr hat gesagt: "Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen" (Mt 16,18), d. h. sie werden gegen dich Krieg führen, aber nicht die Oberhand gewinnen. Daher kommt es auch, dass nur die Kirche Petri (dem bei der Aussendung der Jünger Italien zufiel) immer im Glauben fest blieb. Und während anderswo entweder der Glaube gar nicht ist, oder vermischt mit vielen Irrtümern, so ist doch die Kirche Petri im Glauben stark und von allen Irrtümern rein, was nicht zum Verwundern ist, da der Herr zu Petrus gesagt: "Ich habe für dich gebetet, Petrus, damit dein Glaube nicht wanke" (Lk 22,32).« (aus seinem "Katechismus")

Mittwoch, 27. Januar 2021

Kirche ja, Gott nein

Selten: Schlaglichter auf Gott.
Nicht wenige Menschen außerhalb der Kirche scheinen nach der Maxime zu leben: "Gott ja, Kirche nein". Sprich: Man sucht Gott, aber meint, ihn in der Kirche sicher nicht finden zu können.

Nicht wenige Menschen innerhalb der Kirche - besonders in ihren Institutionen, ihren (stets wachsenden) Verwaltungsapparaten und ihren Gremien - scheinen nach der Maxime zu Leben: "Kirche ja, Gott nein". Sprich: Man will und braucht die Kirche als Dienstleister, als Arbeitgeber oder als "Ort der Mitbestimmung" und redet auch gerne viel über diese Strukturen (vgl. hier); aber das mit Gott (Glaubensinhalte, Moral) wird als Privatsache angesehen, über die man nicht spricht, und bezüglich der sich niemand (auch kein Papst!) bei jemand anderem einmischen darf: man glaubt (oder glaubt nicht) und lebt nach eigenem Gusto.

 

... Vielleicht ist die Einstellung der zweiten Gruppe ein nicht unwesentlicher Grund dafür, warum die erste Gruppe nicht fündig wird...?

Dienstag, 26. Januar 2021

Die Methode von "Gemeinsam am Tisch des Herrn" - Teil 2

Ich setze hierfür die Lektüre von Teil 1 (hier klicken) voraus, wo ich anhand zweier Beispiele das intellektuell bankrotte Vorgehen im ÖAK-Papier dargelegt habe.

Da nun öffentlich ist, dass der ökumenische Arbeitskreis Rom theologische Inkompetenz attestiert (hier), sei noch ein Wort nachgeschoben. Drei Punkte:

1) Das für die katholische Amtstheologie wichtige Faktum, dass Jesus bei der Einsetzung der Eucharistie ganz bewusst nur die Apostel dabei haben wollte und keine anderen Jünger (auch keine Frauen), - "Mit großer Sehnsucht habe ich danach verlangt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen" (Lk 22,15) - umgeht man in GaTH dadurch, dass man sich auf den sekundären Bericht(!) des Paulus im ersten Korintherbrief konzentriert, der sich natürlich mit seinem Brief an alle Gemeindeglieder richtet: "Bei der Weisung steten Gedächtnisses handelt es sich nicht um einen Befehl zur Wiederholung der Worte Jesu, der sich gar nur an seine Jünger bzw. die Zwölf (vgl. Mk 14,17) als Vorbilder späterer Amtsträger richtet. Die in der 2. Person Plural formulierten Weisungen bei Paulus haben alle an der gegenwärtig vollzogenen Mahlfeier Beteiligten im Blick." (3.5.3.)

Zugleich erweckt man hier auch den Eindruck, als gäbe es eine weit verbreitete Irrmeinung, derzufolge der Wiederholungsbefehl sich bloß auf die "Worte Jesu" beziehe, was dann mit dem Fokus auf die Apostel als Adressaten vermengt und somit gleichfalls als Irrtum untergeschoben wird. Faktisch wird so diese fiktive Irrmeinung der katholischen Amtstheologie unterstellt, womit sie hier indirekt (zwischen den Zeilen, ohne dies explizit so zu sagen, aber im Kopf des Lesers sehr deutlich mitschwingend) gleich doppelt als Irrtum hingestellt wird. Das muss man den Autoren lassen: Sie sind sehr geschickt im Manipulieren.


2) Das peinliche Detail, dass nach Jesu eigenen Worten der Kelch das "Blut zur Vergebung der Sünden" wahrhaft enthält, wird dadurch verwischt, dass man einen gedanklichen Keil zwischen den Kelchinhalt und das "Trinken aus dem Kelch" treibt (3.5.2.): Alle sollen aus dem Kelch trinken, weil alle der Vergebung der Sünden bedürfen. Punkt. Nächster Satz: Diese Vergebung der Sünden "wird ihnen geschenkt kraft Jesu Tod, dessen 'Blut für viele vergossen wird'". Abgesehen von der unsauberen Formulierung (das "Blut von Jesu Tod", nicht das "Blut Jesu"?) wird hiermit dem Leser suggeriert, dass Jesu Tod eine deutlich vom Herrenmahl zu unterscheidende Angelegenheit ist, jeder Zusammenhang zwischen diesen beiden ist bloß eine "Deutung", und nicht in der Sache (oder Handlung) selbst gegeben.


3) Der wesentliche Punkt liegt wohl darin, dass man ja nun irgendwie vermeiden muss, die Realität der Vergegenwärtigung von Jesu Kreuzesopfer in der Eucharistie anzuerkennen. Das tut man dadurch, dass man stattdessen von einer "Vergegenwärtigung des letzten Mahls Jesu mit seinen Jüngern" (3.5.) spricht. Das ist natürlich eine recht geschickte Formulierung, der man als Nicht-Theologe leicht aufsitzen kann. Formulierungen wie z.B. "Vergegenwärtigung des letzten Abendmahls" haben sich schon spürbar im Theologensprech etabliert und sind auch immer häufiger z.B. in der Erstkommunionvorbereitung anzutreffen. Faktisch ist es aber die Entsorgung der katholischen Lehre: Nicht mehr Jesu Kreuzesopfer wird gegenwärtig, sondern nur noch sein Abschiedsmahl. Der Befehl Jesu "Tut dies zu meinem Gedächtnis" bezieht sich dann folglich nur noch auf eine "Wein-Gabe" und eine "Brot-Handlung" (3.5.1.), hat aber mit Jesu Tod nur noch im Sinne einer nachträglichen, intellektuellen "Deutung" zu tun (siehe Punkt 2).

Nur scheinbar besser ist dieser Passus in GaTH.: "Die Weisung: 'Dies tut zu meinem Gedächtnis!' (1 Kor 11,24f.; Lk 22,19) schreibt der Feier die Erinnerung an Jesus ein. Erinnerung ist – biblisch betrachtet – immer Vergegenwärtigung des Erinnerten, hier des Heilstodes Jesu. [...] Die Erinnerung an Jesus besitzt identitätsstiftende Kraft." (3.10.4)

Hier findet unmittelbar nach der Wiedergabe von Jesu Befehl ein (auch für viele Theologen kaum bemerkbarer) gedanklicher Sprung statt, der an den verwendeten Begriffen deutlich wird, wenn man weiß, worauf zu achten ist. Nämlich Folgendes: Das Gedächtnis, wie es die Evangelien und Paulus berichten, ist ein aktives Tun, nicht jener kognitive Vorgang, den wir als "Erinnerung" bezeichnen: Jesu Befehl lautet "tut dies zu meinem Gedächtnis!", nicht "erinnert euch an mich". Wenn hier unvermittelt von "Erinnerung" gesprochen wird, dann ist das gerade nicht tätig (kultisch) gemeint, sondern bezeichnet einen rein gedanklichen Vorgang.

Mit dem hier gebrauchte Begriff der "Vergegenwärtigung" wird der Leser wiederum geschickt manipuliert, denn es wird der Einruck erweckt, als meine man - gut katholisch (biblisch) - die objektive Vergegenwärtigung von Jesu Tod und Auferstehung. Tatsächlich wird hier aber ein umgangssprachlicher Begriff "Vergegenwärtigung" verwendet. Dass "Erinnerung ... – biblisch betrachtet – immer Vergegenwärtigung des Erinnerten" meint, stimmt nur, wenn wir von einem umgangssprachlichen Begriff der Erinnerung und Vergegenwärtigung ausgehen: Man selbst kann sich etwas "vergegenwärtigen", indem man eine Erinnerung wachruft, oder jemand anders kann uns durch eine Erinnerung etwas "vergegenwärtigen". Diese umgangssprachliche Verwendung findet sich auch in der Bibel öfter (z.B. 2Tim 1,4-6; Tit 3,1; 2Petr 1,13; 3,1). Jesu Befehl "tut dies zu meinem Gedächtnis" muss von dieser Umgangssprache deutlich unterschieden werden. Ihr biblisches Fundament ist die Pessachfeier, bei der durch den Verzehr der Speisen und die Erzählung des Exodus dieser selbe Exodus "gegenwärtig" wird. In Jesu Umprägung dieses den Exodus vergegenwärtigenden Mahles wird er selbst, Gottes Sohn, real gegenwärtig mit Fleisch und Blut, der unser Exodus aus der Sünde (Weg, Wahrheit Leben) ist. Weil nun eine göttliche-menschliche Person gegenwärtig wird und nicht ein "Ereignis", ist diese Gegenwart  weitaus "realer" und "erfahrbarer", als es das Pessach je war: Es handelt sich um ein wahrhaftiges personales Gegenüber, das mich anschaut.

Jedenfalls: Durch die unvermittelt in GaTH eingeführte umgangssprachliche "Erinnerung" und "Vergegenwärtigung" kann dann auch genauso umgangssprachlich "die Erinnerung an Jesus identitätsstiftende Kraft besitzen". Dass es der real gegenwärtige Jesus selbst ist, der in der Eucharistie die Identität und die Einheit der Feiernden und IHN empfangenden Gemeinde bewirkt und garantiert, wird damit aber gerade nicht gesagt. Sondern es bleibt bei einer je einzelnen oder wechselseitigen "Erinnerung an Jesus". Man kann es auch als das Finden eines gemeinsamen Interesses an diesem Jesus beschreiben, das dann "identitätsstiftende Kraft" hat. Das ist zwar auch schon etwas durchaus Wertvolles und Schönes, aber es ist etwas, das auf jedes zufällige Zusammentreffen zweier Christen zutreffen kann - es ist nicht der Inhalt des katholischen Eucharistieglaubens.


Das Dokument "Gemeinsam am Tisch des Herrn" hat (in Anlehnung an die Rede vom "Papiertiger") letztlich nur eine Papierökumene zum Ziel, der es nicht um das "bleiben in der Wahrheit" (2Joh 1,2) oder gar um eine echte gemeinsame Gottesbeziehung geht, sondern deren Zweck darin besteht, eine vertraglich (auf Papier) abgesicherte Scheinbeziehung herzustellen. Mehr nicht. Es geht um Begriffe und Formulierungen für einen Kompromiss, es geht um semantische Feinheiten und gefühlte (und entsprechend manipulierbare) Inhalte. Es geht nicht um so etwas wie Wahrheit oder Wirklichkeit. Es geht um ein Papier "für die Akten".

Statt einer wahrhaftigen Ökumene des Bekenntnisses und der Liebe zu Jesus Christus, statt einer Ökumene des Zeugnisses (martyria) vor der Welt, der Diakonie an den Menschen und des Gebets vor und zu Gott, möchte man (mittels bewusster Irreführung und Manipulation ungebildeter Massen?) einen falschen (weil von der Wahrheit losgelösten) kurzweiligen und lokal eng umgrenzten (Deutschland!!) Anschein von Einheit herstellen, notfalls auch um den Preis einer Ablösung von der Weltkirche und eines tiefen Bruches der Beziehungen zu den Kirchen der orthodoxen und östlichen Traditionen.


Rom hat die Manipulation in "Gemeinsam am Tisch des Herrn" durchschaut. Da diese Manipulation aber sehr geschickt versteckt ist, musste Rom in seinen Ausführungen, wie es die neuerliche Entgegnung des ÖAK formuliert, mit "vielen Vermutungen ('eigentlich') und schillernden Komparative[n] ('eher')" arbeiten, die ihm nun der ÖAK wiederum zum Vorwurf macht. Auch sehr gewitzt! Die neuerliche Stellungnahme des ÖAK ist nur ein weiterer Versuch der Manipulation, aufbauend auf der vorherigen. Man ist sich seiner Sache übrigens absolut und unumstößlich sicher: Die eigenen exegetischen Befunde etwa, werden einfach als "unbestreitbar" bezeichnet, auch wenn es sich dabei v.a. um Behauptungen und Phantasiegebilde handelt. Genau so funktioniert eine Ideologie. Das Resultat kann entsprechend nur eine auf sandiger Ideologie erbaute Scheinstruktur sein...

Montag, 25. Januar 2021

Bedenkliche Impfstoffe

Auf kath.net (hier) war vor einigen Tagen eine Stellungnahme von vier Bischöfen zu lesen, die gegen anderslautende vatikanische Verlautbarungen die Meinung vertraten, dass auf keinen Fall die aktuellen Impfstoffe gegen Covid-19 verwendet werden dürften. Dort heißt es:

»Im Fall von Impfstoffen, die aus den Zelllinien abgetriebener menschlicher Föten hergestellt wurden, sehen wir einen klaren Widerspruch zwischen der katholischen Lehre, die Abtreibung kategorisch und ohne den Schatten einer Zweideutigkeit in allen Fällen als schwerwiegendes moralisches Übel, das nach Rache zum Himmel schreit (siehe Katechismus der katholischen Kirche Nr. 2268, Nr. 2270) ablehnt, und der Praxis, Impfstoffe aus Zelllinien abgetriebener Föten in Ausnahmefällen eines „Notfalls“ als moralisch akzeptabel anzusehen, und zwar aufgrund einer entfernten, passiven, materiellen Mitwirkung. Die Argumentation, dass solche Impfstoffe moralisch zulässig sein können, wenn es keine Alternative gibt, ist in sich widersprüchlich und für Katholiken nicht akzeptabel.«

Diese Aussage ist falsch. Wer sich diesen Standpunkt zu eigen macht, sollte wissen, dass er sich damit gegen die Päpstliche Akademie für das Leben und die Kongregation für die Glaubenslehre stellt, und zwar unter den Päpsten Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus.

Auf zwei wesentliche vatikanische Texte dazu weisen jene Bischöfe auch selbst hin: Der erste Text mit dem Titel "Moralische Überlegungen zu Impfstoffen, für deren Produktion Zellen von abgetriebenen Föten verwendet werden" stammt von der Päpstlichen Akademie für das Leben vom 9. Juni 2005 (hier zu finden). Dieser Text bildet die Antwort auf eine konkrete Anfrage, die 2003 (also noch unter Johannes Paul II.) an den damaligen Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, Joseph Ratzinger, gerichtet wurde, inwiefern eben solche Impfungen legitim sind. Ratzinger hat die Experten der Päpstlichen Akademie dazu lange und ausgiebig forschen lassen (der verfügbare Text ist eine Zusammenfassung einer längeren Arbeit derselben Akademie, die in einem wissenschaftlichen Journal erschien). Der Text ist darum durchaus maßgeblich, weil er von der Kongregation für die Glaubenslehre (und damit von Ratzinger) approbiert ist und weil in ihm diese spezielle Problematik überhaupt zum ersten mal explizit vom kirchlichen Lehramt aufgegriffen wurde. Der zweite Text ist die Instruktion Dignitas Personae der Kongregation für die Glaubenslehre "über einige Fragen der Bioethik" vom 8. September 2008 (hier), damals unter dem Präfekten Kardinal Levada, von Papst Benedikt XVI. gutgeheißen.

Die relevante Passage aus der Zusammenfassung am Ende jenes ersten Dokuments von 2005:

»... im Hinblick auf die Impfstoffe, für die es keine Alternativen gibt, die Notwendigkeit betont werden muss, dafür zu kämpfen, dass andere hergestellt werden; genauso wie es in der Zwischenzeit zulässig ist, die ersteren in dem Maße zu nutzen, wie es nötig ist, um ernste Risiken nicht nur für die eigenen Kinder sondern auch und vielleicht noch mehr für den Gesundheitszustand der Bevölkerung als ganzes – besonders der schwangeren Frauen zu vermeiden«

Wichtig ist: Katholiken müssen gegen Impfstoffe, zu deren Herstellung Zellen verwendet wurden, die durch eine Abtreibung gewonnen wurden, Widerstand leisten. ABER: Solange es keine Alternative gibt und mit der Impfung eine ernste Gefahr abgewendet wird, ist sie zulässig. Genau dieser nicht ganz einfache Sachverhalt wurde bis heute im Grunde nur stets wiederholt, seit er hier (noch unter Johannes Paul II.) erstmals erarbeitet wurde.

Hier ein Katalog dieser Äußerungen und danach noch meine Gedanken dazu:

Die Instruktion Dignitas Personae von 2008 (Nr. 35) sagt im Grunde das gleiche:

»Natürlich gibt es innerhalb dieses allgemeinen Rahmens [des Verbots der Verwendung solcher Impfstoffe] differenzierte Verantwortlichkeiten. Aus gewichtigen Gründen könnte die Verwendung des genannten „biologischen Materials“ sittlich angemessen und gerechtfertigt sein. So dürfen zum Beispiel Eltern wegen der Gefahr für die Gesundheit der Kinder die Verwendung von Impfstoffen gestatten, bei deren Vorbereitung Zelllinien unerlaubten Ursprungs verwenden wurden, wobei jedoch alle verpflichtet sind, dagegen Einspruch zu erheben und zu fordern, dass die Gesundheitssysteme andere Arten von Impfstoffen zur Verfügung stellen.«

 

Am 7. September 2013 hat der damalige Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Gerhard Ludwig Müller, "Theologische Grundlagen zur Bewertung
bioethischer Fragen" formuliert (hier), in denen er die Bewertung von Dignitas Personae wiederholt und ein Stück weit verallgemeinert:

»Die Verwendung von Embryonen und Föten als Forschungsobjekt, von denen schon in „Donum vitae“ die Rede war und bei denen die Embryonen getötet werden, stellt ein Verbrechen gegen deren Würde dar. Die Verwendung von biologischem Material unerlaubten Ursprungs (zum Beispiel aus Abtreibungen) ist auch bei Beachtung des Unabhängigkeitskriteriums (= Trennung von Gewinnung und Verwendung, dass also, um eine Interessenkollision aus­zuschließen, Forscher, die das Material gewinnen, nicht identisch sind mit jenen, die es verwenden) nicht erlaubt. Aus gewichtigen Gründen kann jedoch die Verwendung von biologischem Material unerlaubten Ursprungs sittlich angemessen und gerechtfertigt sein, zum Beispiel bei der Verwendung von Impfstoffen, die auf diesem Weg erzeugt worden sind. Allerdings sollen die Hersteller zu alternativen Methoden bewegt werden. Vom Forscher wird verlangt, dass er sich bei der Ausübung seiner Forschertätigkeit von einem schwer ungerechten Gesetz abgrenzt und den Wert des menschlichen Lebens klar bezeugt.«

 

In einer gemeinsamen Note der Päpstlichen Akademie für das Leben, der italienischen Bischofskonferenz und der Vereinigung Katholischer Ärzte Italiens aus dem Jahr 2017 (also vor der fragwürdigen Umgestaltung der Akademie durch Papst Franziskus) wird in etwa das gleiche gesagt (hier), allerdings geht man hier erstaunlicherweise einen Schritt weiter, indem man offenbar jede (auch indirekte?) Mitwirkung verneint. Der Ruf nach Alternativen bleibt natürlich bestehen:

»As for the question of the vaccines that used or may have used cells coming from voluntarily aborted fetuses in their preparation, it must be specified that the "wrong" in the moral sense lies in the actions, not in the vaccines or the material itself.

The technical characteristics of the production of the vaccines most commonly used  in childhood lead us to exclude that there is a morally relevant cooperation between those who use these vaccines today and the practice of voluntary abortion. Hence, we believe that all clinically recommended vaccinations can be used with a clear conscience and that the use of such vaccines does not signify some sort of cooperation with voluntary abortion. While the commitment to ensuring that every vaccine has no connection in its preparation to any material of originating from an abortion, the moral responsibility to vaccinate is reiterated in order to avoid serious health risks for children and the general population.«

 

Die Note der Kongregation für die Glaubenslehre vom 21. Dezember 2020 über die Anwendung von Covid-19 Impfstoffen (hier) sagt exakt das Gleiche, was schon vorher gessagt wurde und was seit 2008 stets fast wortgleich wiederholt wurde:

»The fundamental reason for considering the use of these vaccines morally licit is that the kind of cooperation in evil (passive material cooperation) in the procured abortion from which these cell lines originate is, on the part of those making use of the resulting vaccines, remote. The moral duty to avoid such passive material cooperation is not obligatory if there is a grave danger, such as the otherwise uncontainable spread of a serious pathological agent -- in this case, the pandemic spread of the SARS-CoV-2 virus that causes Covid-19. It must therefore be considered that, in such a case, all vaccinations recognized as clinically safe and effective can be used in good conscience with the certain knowledge that the use of such vaccines does not constitute formal cooperation with the abortion from which the cells used in production of the vaccines derive. It should be emphasized, however, that the morally licit use of these types of vaccines, in the particular conditions that make it so, does not in itself constitute a legitimation, even indirect, of the practice of abortion, and necessarily assumes the opposition to this practice by those who make use of these vaccines.«


Schließlich wurde genau dieser Punkt von der vatikanischen Codiv-19 Kommission zusammen mit der Päpstlichen Akademie für das Leben in ihren "20 Punkten für eine fairere und gesündere Welt" vom 29. Dezember 2020 (hier) wiederholt:

»On the moral responsibility of undergoing vaccination (also on the basis of what has been said in n. 3), it is necessary to reiterate how this issue also involves the relationship between personal health and public health, showing their close interdependence. In the light of this connection, we consider it important that a responsible decision be taken in this regard, since refusal of the vaccine may also constitute a risk to others. This also applies if, in the absence of an alternative, the motivation is to avoid benefiting from the results of a voluntary abortion. In fact, in these cases, as the Congregation for the Doctrine of Faith states, it can be considered "morally acceptable", under precise conditions, "to receive Covid-19 vaccines that have used cell lines from aborted fetuses in their research and production process." This is a matter of material passive cooperation (as opposed to formal cooperation), since it is indirect and remote, particularly given the intention underlying the decision, the contingency with respect to the accused immoral event, and the current circumstances in which we find ourselves. Therefore, the criteria that would make ethically illicit the decision to vaccinate are non binding. For this reason, such refusal could seriously increase the risks for public health.«

 

Offenbar halten einige maßgebliche Persönlichkeiten die Verwendung solcher Impfstoffe doch für akzeptabel... Es gibt echte moralische Bedenken, aber es gibt auch eine echte Gefahr, der es durch Impfungen zu wehren gilt.

Es ist jedenfalls nicht so, wie das zuweilen kolportiert wird, dass sich in der aktuellen Bewertung der Impfproblematik bloß die unausgegorene Privatmeinungen etwa von Papst Franziskus äußern würde: Seit diese Frage unter Johannes Paul II. zum ersten Mal von Organen des päpstlichen Lehramtes aufgegriffen, bearbeitet und beantwortet wurde, blieb die Anwort im Wesentlichen gleich. Nur dass es damals in einem Einzelfall um eine ganz bestimmte Impfung angesichts ganz bestimmer staatlicher Vorgaben ging - heute haben wir es mit einer Pandemie zu tun, was die Frage umso drängender macht. Und, nein, das hat auch nichts mit dem "unfehlbaren päpstlichen Lehramt" zu tun, weswegen man diese Weisungen aus Rom angeblich ignorieren könnte. Das außerordentliche Lehramt hat sich überhaupt noch nie zu bioethischen Fragen geäußert; mit diesem Argument ließe sich also im Gegenteil gerade auch Abtreibung legitimieren, denn diese wurde ja nicht "ex cathedra" für moralisch verwerflich erklärt. Im Übrigen finde ich es schon bemerkenswert dreist, dass jene vier Bischöfe sich ausgerechnet jetzt derart zu Wort melden... wenn sie sich so sehr an dieser Einschätzung des Lehramts stören, warum haben sie nicht schon 2005, 2008, 2013 oder 2017 etwas dagegen gesagt?

Dass diese Impfungen unter den gegebenen Bedingungen (Mangel an Alternativen, große Gefahr gerade für schwächere Gleider der Gesellschaft) trotz stets wach zu haltender moralischer Bedenken legitim sind, ist die Weisung des ordentlichen Lehramts, an das die Katholiken durchaus gebunden sind, und sie werden des weiteren eindringlich gehalten (so sinngemäß der Papst beim Urbi et Orbi an Weihnachten 2020, hier), diese Impfungen im Interesse des Allgmeinewohls (Nächstenliebe) auch anzunehmen.


Nachtrag: Nicht mit Hilfe embryonaler Stammzellen hergestellt und insofern moralisch unbedenklich sind die Impfstoffe von Moderna und Biontech-Pfizer, das kann man etwa in den diesbezüglichen Stellungnahmen der polnischen und US-amerikanischen Bischöfe nachlesen. Die deutschen Bischöfe interessieren sich für dieses Thema offenbar nicht (Hauptsache, der Kaffee in den Ordinariaten ist fair gehandelt). Wo diese verfügbar sind, sind die anderen Impfstoffe (AstraZeneca, Johnson&Johnson) also abzulehnen.