Dienstag, 25. Januar 2022

Ist die katholische Sexualmoral schuld?

Die Argumentation, warum die katholische Sexualmoral, und näherhin die kritische Haltung der katholischen Kirche zur Homosexualität, für die Missbrauchs- und Vertuschungskrise (mit)verantwortlich ist, geht so:

Weil die Kirche gegenüber Homosexualität eine ablehnende („rigide“) Haltung einnimmt, können sich homosexuell empfindende Menschen nicht frei dazu bekennen. Zugleich knüpfen diese Menschen aber engmaschige Netzwerke, da sie „unterdrückt“ werden und sich also mit Ihresgleichen zusammentun wollen. Wenn nun aber jemand von der homosexuellen Orientierung etwa eines Priesters weiß, dann wird er somit in die Lage versetzt, den Betroffenen zu erpressen. Diese Netzwerke, sowie die Tatsache, dass selbst ausgelebte Homosexualität von Klerikern seitens der Autoritäten hingenommen wird, sind Gründe für die Vertuschung von Missbrauch. Das Problem sind also nicht die homosexuellen Priester, die allein dadurch schon gegen die Regeln der Kirche verstoßen haben, dass sie sich haben weihen lassen, das Problem ist, dass die Kirche Homosexualität kritisch sieht. Die Kirche muss folglich Homosexualität und homosexuelle Handlungen anerkennen, dann entstehen keine Netzwerke, es gibt keine Erpressungsmöglichkeiten und folglich keine Vertuschung (über den Missbrauch selbst ist damit nichts ausgesagt).



So neuerdings auch nachzulesen im WSW-Gutachten S. 424-425, was auch immer solche antikirchliche Propaganda dort zu suchen hat.

Spielt man das einmal mit einer anderen sexuellen Orientierung durch, z.B. Pädophilie (die – so ein Zufall aber auch – genau zu der Zeit, als die Missbräuche in den 60er und 70er Jahren ihren Höchststand erlebten, von einigen gesellschaftlichen Gruppen und politischen Parteien als eine durchaus legitime Spielart der Sexualität erachtet wurde), dann wird die Unsinnigkeit dieser Argumentation deutlich:

Weil die Kirche gegenüber Pädophilie eine ablehnende („rigide“) Haltung einnimmt, können sich pädophil empfindende Menschen nicht frei dazu bekennen. Zugleich knüpfen diese Menschen aber engmaschige Netzwerke, da sie „unterdrückt“ werden und sich also mit Ihresgleichen zusammentun wollen. Wenn nun aber jemand von der pädophilen Orientierung etwa eines Priesters weiß, dann wird er somit in die Lage versetzt, den Betroffenen zu erpressen. Diese Netzwerke, sowie die Tatsache, dass selbst ausgelebte Pädophilie von Klerikern seitens der Autoritäten hingenommen wird, sind Gründe für die Vertuschung von Missbrauch. Das Problem sind also nicht die pädophilen Priester, die allein dadurch schon gegen die Regeln der Kirche verstoßen haben, dass sie sich haben weihen lassen, das Problem ist, dass die Kirche Pädophilie kritisch sieht. Die Kirche muss folglich Pädophilie und pädophile Handlungen anerkennen, dann entstehen keine Netzwerke, es gibt keine Erpressungsmöglichkeiten und folglich keine Vertuschung (über den Missbrauch selbst ist damit nichts ausgesagt).

Ist das etwa die Lösung des Problems?


Ein Priesteramtskandidat mit tiefsitzenden homosexuellen Neigungen darf nicht geweiht werden.

Man wirft der Kirche vor, sie verhindere durch ihre Haltung die Offenheit und Ehrlichkeit im Umgang mit Homosexualität. Das verdreht aber die Tatsachen: Würden alle beteiligten Personen (Kandidaten und Verantwortliche) offen, ehrlich und liebevoll mit sich selbst und mit einander umgehen, hätten wir das Problem nicht. Ein ehrlicher Umgang hätte zur Folge, dass bestimmte Leute einfach nicht um die Weihe bitten bzw. nicht geweiht werden würden, einfach weil sie die Bedingungen nicht erfüllen, und dass sie zugleich mit aller gebotenen Hirtenliebe auf ihrem Lebensweg begleitet werden können.

Ein Problem ist sicher, dass die, die sich outen, tatsächlich oft ungerecht und lieblos behandelt werden. Solche Behandlung ist aber nicht die „rigide Haltung der Kirche“, sondern eine moralische Verfehlung derer, die so handeln! Das wird oft übersehen: Auch solch ungerechte und lieblose Behandlung ist ein Verstoß gegen die kirchliche Morallehre und darf nicht sein. Es muss vielmehr klar sein, dass die ungerechte und lieblose Behandlung homosexuell empfindende Menschen bei diesen zu Angst führt, was wiederum zur Verheimlichung führt und so wiederum zu Misstrauen durch die Verantwortlichen, was wieder ungerechte Behandlung befeuert. Diese Spirale kann nur durchbrochen werden, wenn tatsächlich ehrlich mit der Sachlage umgegangen wird, und zwar von Seiten der Kandidaten, wie von Seiten der Verantwortlichen.

Durch Verheimlichung etwa von Homosexualität wird die Spirale von wechselseitigem Misstrauen und seelischer Gewalt vorangetrieben, aber es kann keine Verständigung, keine seelische Heilung, keine Versöhnung mit Gott und keine fruchtbare Nachfolge Jesu geschehen. Nur durch Offenheit und Ehrlichkeit seitens der Betroffenen, und nur durch echte Hirtensorge und Liebe seitens der Seelsorger können diese Menschen dem Evangelium gemäß leben und dabei von der Kirche alle Unterstützung erhalten (vgl. das lesenswerte Buch "A War of Loves" von David Bennett). Würden sich die Kandidaten und die kirchlichen Autoritäten an die kirchliche Moral halten – dazu zählt auch der respekt- und liebevolle Umgang! –, dann gäbe es keine diesbezüglichen Netzwerke oder Erpressungen, folglich keine darin begründete Vertuschung. (Dass jeder bekommen soll, was er will [z.B. eine Weihe], ist übrigens weder respektvoll noch gerecht und auch keine Liebe, es ist ein Kindergarten der Gleichgültigkeit. Der Kirche kommt es nunmal zu, in Verantwortung vor Gott die Zugangsbedingungen für das Weiheamt festzulegen; sich daran zu halten ist auch wieder ein moralische Frage [--> Gehorsam].)

[Und es gäbe auch viel weniger Missbrauch durch Kleriker, da erwiesenermaßen die große Mehrheit dieser Fälle homosexueller bzw. ephebophiler Natur sind (war es 80%?). Aber das darf man ja nicht laut sagen.]



Im WSW-Gutachten ist dann noch zu lesen: „Homosexuelle Handlungen sind eine schwere Sünde. Homosexuelle Menschen sind daher zur Keuschheit aufgerufen (Nr. 2359 des Katechismus der Katholischen Kirche).“
Das ist natürlich wieder die bekannte Stammtisch-Irreführung. Richtig ist: Jede außerhalb der Ehe von einem Mann und einer Frau ausgelebte Sexualität ist eine schwere Sünde. Alle Menschen sind zur Keuschheit aufgerufen! Dass das die meisten Katholiken nicht wissen (weil die Hirten es ihnen auch nicht sagen) und nicht wissen wollen, ist das Problem. Jeder sexuelle Missbrauch, jede Vertuschung (und auch jede ungerechte oder respektlose Behandlung homosexuell empfindender Menschen) ist ein eklatanter Verstoß gegen die katholische Moral. Wie kann eine Aufweichung dieser Moral die Lösung sein? Wann war das Loslassen der moralischen Zügel in der Geschichte jemals zielführend für die Bekämpfung sittlicher Verfehlungen?

Das Gegenteil ist wahr. Dies kann man etwa in dem schon fast 1000 Jahre alten „Buch Gomorrah“ des heiligen Kirchenlehrers Petrus Damiani nachlesen, der sich seinerzeit (11. Jhd.) schon mit weitreichender kirchlicher Korruption und einem moralisch (sexuell!) verkommenen Klerus herumschlagen musste – erschütternd, wie ähnlich die Zustände heute wieder sind –: nur eine Rückbesinnung auf eine klare Moral und ihre Durchsetzung kann dem Ungemach Einhalt gebieten. Wenn das bedeutet, dass ein Gutteil unseres Klerus entlassen werden muss, dann ist das nur gerecht. Die Duldung etwa von Konkubinaten und anderer Praktiken ist Teil des Problems, sie führt zu jenen Netzwerken und ist eine logische Vorstufe der Vertuschung.

Ich bin 100% für die rückhaltlose Aufklärung und bin ohnehin schon länger der Meinung, dass sicherheitshalber der gesamte Episkopat in einem Aufwasch ersetzt werden müsste. Dann entsprechende Gutachten für alle Bistümer erstellen und erst dann nach und nach die Stühle wieder besetzen mit Leuten, die möglichst weit weg sind von dem hiesigen System von Unglaube/Unmoral, Missbrauch und Vertuschung (in Afrika und Asien gibt es bestimmt viele fleißige Priester!). Die neuen Bischöfe können dann in ihren Ordinariaten in gleicher Manier ein Großreinemachen veranstalten und bei der Gelegenheit die ausufernde Bürokratie (immer mehr Verwaltung für immer weniger Gläubige) proaktiv verschlanken – auch das dämmt Vertuschungsmöglichkeiten ein. Dann kann man langsam wieder aufbauen, insbesondere mit solider Glaubensbildung und der darauf fußenden offenen und ehrlichen Moralverkündigung. (Auch im Erzbistum Paderborn wird es bald, pünktlich zum altersbedingten Amtsverzicht des gegenwärtigen Bischofs [so ein Zufall!], ein Gutachten geben... man ist gespannt.)

Auch wenn beispielsweise ein Joseph Ratzinger, der wohl wichtigste und gescheiteste Theologe des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, sich in der Vergangenheit etwas hat zu Schulden kommen lassen, muss das raus, sichtbar sein, bekannt werden und Umkehr geschehen! Die Berufung auf den Buchstaben des Gesetzes, der ihn entlastet, reicht nicht, denn Schuld kann auch der haben, der das Gesetz penibel befolgt, da Gesetz und Moral bekanntlich zwei sehr verschiedene Paar Schuhe sind.

Sonntag, 23. Januar 2022

Tradition und Fortschritt

Der heilige und kluge Mann erkannte nämlich, dass die Frömmigkeit nichts anderes gestatte, als dass alles mit derselben Treue den Kindern übermittelt werde, mit der wir es von den Vätern empfangen haben; dass ferner wir die Religion nicht dahin führen, wohin wir wollen, sondern ihr vielmehr zu folgen haben, wohin sie uns führt; dass es endlich das Eigentümliche der christlichen Bescheidenheit und Bedachtsamkeit ist, nicht das Eigene den Nachkommen zu überliefern, sondern das von den Vorfahren Empfangene zu bewahren.

[...]

Aber vielleicht sagt jemand: Wird es also in der Kirche Christi keinen Fortschritt der Religion geben? Gewiss soll es einen geben, sogar einen recht großen. Denn wer wäre gegen die Menschen so neidisch und gegen Gott so feindselig, dass er das zu verhindern suchte? Allein es muss in Wahrheit ein Fortschritt im Glauben sein, keine Veränderung. Zum Fortschritt gehört nämlich, dass etwas in sich selbst zunehme, zur Veränderung aber, dass etwas aus dem einen sich in ein anderes verwandle. Wachsen also und kräftig zunehmen soll sowohl bei den einzelnen als bei allen, sowohl bei dem einen Menschen als in der ganzen Kirche, nach den Stufen des Alters und der Zeiten, die Einsicht, das Wissen und die Weisheit, aber lediglich in der eigenen Art, nämlich in derselben Lehre, in demselben Sinne und in derselben Bedeutung.

[...]

Denn es gehört sich, dass jene alten Lehrsätze einer himmlischen Philosophie im Verlaufe der Zeit weiter ausgebildet, gefeilt und geglättet werden; aber es ist unzulässig, dass sie verändert, unzulässig, dass sie entstellt, unzulässig, dass sie verstümmelt werden; sie mögen an Deutlichkeit, Licht und Klarheit gewinnen, aber sie müssen ihre Vollständigkeit, Reinheit und Eigentümlichkeit behalten.

Denn wenn einmal eine solche Willkür gottlosen Betruges zugelassen würde, so würde, ich sage es mit Schrecken, die größte Gefahr der Zerstörung und Vernichtung der Religion die Folge sein. Denn wird einmal auch nur ein kleiner Teil der katholischen Glaubenslehre aufgegeben, so wird auch ein anderer und dann wieder ein anderer und zuletzt einer nach dem anderen wie gewohnheits- und rechtmäßig aufgegeben werden. Wenn aber die einzelnen Teile verworfen werden, was anders wird dann die letzte Folge sein, als dass das Ganze zugleich verworfen wird?

 

Vinzenz von Lérins, Commonitorium 9.28.30-31

Sonntag, 26. Dezember 2021

Das Opfer von Weihnachten

Das Gabengebet der Messe vom Tag am 25. Dezember hat es mir angetan (die deutsche Übersetzung hat mit dem lateinischen Text nicht viel gemein, aber worum es mir geht findet sich auch im Original):

Gott, unser Vater,
in diesen Gaben
willst du uns Versöhnung schenken
und uns wieder mit dir verbinden.
Nimm sie an
und gib durch sie unserem heiligen Dienst
die höchste Vollendung.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Oberflächlich betrachtet, scheint das so gar nicht zu Weihnachten zu passen. Warum (Opfer)Gaben? Warum Versöhnung? Warum der heilige Dienst? Der Sinn erhellt aus der neutestamentlichen Lesung vom 4. Advent (C), Hebr 10,5-10:

Darum spricht er bei seinem Eintritt in die Welt: Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, / doch einen Leib hast du mir bereitet; /
an Brand- und Sündopfern hast du kein Gefallen.
Da sagte ich: Siehe, ich komme - / so steht es über mich in der Schriftrolle -, / um deinen Willen, Gott, zu tun.
Zunächst sagt er: Schlacht- und Speiseopfer, Brand- und Sündopfer forderst du nicht, du hast daran kein Gefallen, obgleich sie doch nach dem Gesetz dargebracht werden;
dann aber hat er gesagt: Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun. Er hebt das Erste auf, um das Zweite in Kraft zu setzen.
Aufgrund dieses Willens sind wir durch die Hingabe des Leibes Jesu Christi geheiligt - ein für alle Mal.

Jesu "Eintritt in die Welt" ist also in höchstem Maße relevant für unsere Versöhnung mit Gott (Heiligung) und wie wir dies Feiern ist nicht Nebensache, sondern zentral: Die Feier der Eucharistie ist höchste Vollendung allen Gottesdienstes, weil in ihr Jesu Opfer am Kreuz gegenwärtig wird. Etwas mehr Klarheit bringt dieses Gabengebet vom 23. Dezember (dem kurioser Weise der gleiche lateinische Text zugrunde liegt):

Heiliger Gott,
du hast uns diese Opferfeier geschenkt
als höchsten Lobpreis,
den wir dir darbringen können.
Sie versöhne uns mit dir
und reinige uns von unseren Sünden,
damit wir mit lauterem Herzen
das Geburtsfest unseres Erlösers begehen,
der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
Die Reihenfolge der Sätze ist gegenüber der ersten zitierten Oration vertauscht, somit ist die Versöhnung hier Folge des höchsten Lobpreises. Dass beide Reihenfolgen einen Sinn ergeben, finde ich durchaus lehrreich.

Christi Leiden, Sterben und Auferstehen ist somit überdeutlich herausgestellt als Zentrum des Mysteriums der Menschwerdung. Weihnachten ist nicht "schöner" oder "familienfreundlicher" als Karfreitag und Ostern. Beides hängt innigst zusammen: Bei seinem Eintritt in die Welt spricht er "Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun", und dieser Wille besteht darin, dass er für uns stirbt um für uns und mit uns zu leben: "er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich." (Phil 2,7) Weihnachten gibt es, weil Christus uns durch sein Kreuz erlösen wollte - die Liturgie erinnert uns eindringlich daran.

Donnerstag, 2. Dezember 2021

Michel Aupetit

Dass der Papst geradezu in Rekordzeit das Rücktrittsangebot des Pariser Erzbischofs Aupetit angenommen hat, lässt vermuten, dass da tatsächlich einiges im Argen liegt... Äußerst schade, er war ein echter Hoffnungsträger (Kardinal? Papabile?). Bleibt zu hoffen, dass damit nicht auch seine Glaubwürdigkeit als Bioethiker hinüber ist; vielleicht nutzt er die freie Zeit, mehr zu schreiben?

Dazu fällt mir das Buch der Sprichwörter ein, in Kapitel 5 heißt es:

1 Mein Sohn, merke auf meine Weisheit, / neige meiner Einsicht dein Ohr zu, 2 damit du Besonnenheit bewahrst / und deine Lippen auf Klugheit achten! 3 Denn die Lippen der fremden Frau triefen von Honig, / glatter als Öl ist ihr Gaumen. 4 Doch zuletzt ist sie bitter wie Wermut, / scharf wie ein zweischneidiges Schwert. 5 Ihre Füße steigen zum Tod hinab, / ihre Schritte gehen der Unterwelt zu. 6 Den Pfad zum Leben verfehlt sie, / ihre Wege schwanken und sie merkt es nicht. 7 Nun denn, ihr Söhne, hört auf mich, / weicht nicht ab von den Worten, die mein Mund spricht! 8 Halte deinen Weg von ihr fern, / komm ihrer Haustür nicht nahe! 9 Sonst schenkst du anderen deinen Glanz, / deine Jahre einem Rücksichtslosen; 10 sonst sättigen sich Fremde an deinem Vermögen, / die Frucht deiner Arbeit kommt in das Haus eines andern 11 und am Ende wirst du stöhnen, / wenn dein Leib und dein Fleisch dahinsiechen. 12 Dann wirst du sagen: Ach, ich habe die Erziehung gehasst, / mein Herz hat die Zurechtweisung verschmäht; 13 ich habe nicht auf die Stimme meiner Erzieher gehört, / mein Ohr nicht meinen Lehrern zugeneigt. 14 Fast hätte mich alles Unheil getroffen / in der Versammlung und in der Gemeinde. 15 Trink Wasser aus deiner eigenen Zisterne, / Wasser, das aus deinem Brunnen quillt! 16 Sollen deine Quellen auf die Straße fließen, / auf die freien Plätze deine Bäche? 17 Dir allein sollen sie gehören, / keine Fremden sollen teilen mit dir. 18 Dein Brunnen sei gesegnet;...

Montag, 29. November 2021

suizidale Exegese

Die Alttestamentlerin und geschäftsführende Direktorin des Katholischen Bibelwerks e.V., die auch am Forum IV des Synodalen Wegs mitarbeitet ("Leben in gelingenden Beziehungen"), Katrin Brockmöller, hat einen Beitrag für "Bibel und Kirche" (eine vierteljährliche theologische Fachzeitschrift) geschrieben, in dem sie den Grundlagentext des Forums IV des suizidalen Weges bespricht. Dieser Text ist natürlich auch auf katholisch.de erschienen (hier), denn er ist eine nützliche Irreführung über Motive und Vorgehen des suizidalen Weges.

Es lassen sich daraus manche Tricks der heutigen Theologie ersehen, die dabei helfen, alles Gewünschte "theologisch" zu untermauern. Ein paar Beispiele dazu.

 

Brockmöller schreibt: 

»Sowohl das Ideal der heterosexuellen Ehe, ihre Ausschließlichkeit, die Kontrolle der Fruchtbarkeit und vieles andere wird oft mit einem Verweis Gen 1,27 begründet: "Gott schuf den Menschen als Mann und Frau." Schon ein genauer Blick in den Text zeigt aber, dass hier Adjektive stehen ("männlich" und "weiblich"), die eher einen Raum öffnen als eine singuläre Idee von Mannsein und Frausein zu setzen

Hier findet ein klassischer verschleierter gedanklicher Sprung statt. Frausein und Mannsein bzw. Weiblichsein und Männlichsein stehen für den biblischen Text fest. Dies wird aufzulösen versucht, indem urplötzlich von "Ideen" bezüglich Frausein und Mannsein gesprochen wird. Das ist zunächst zwar nicht falsch, denn nicht alle Männer und nicht alle Frauen sind gleich. Damit aber die Polarität der Geschlechter zu untergraben ist schlicht unehrlich. Die (etwa geschichtlich) unterschiedlichen Ideen oder Ideale von Frausein und Mannsein fußen ja gerade darauf, dass es Frauen und Männer in ihrer Unterschiedlichkeit gibt.

Im Übrigen wird hier die Wahrheit der von Gender-Mainstreaming betriebenen Auflösung der Geschlechter (unter dem Deckmäntelchen von "Vielfalt") verschleiert, denn es wird der Eindruck erweckt, als ginge es dabei nur um unterschiedliche Ideen von Mann- und Frausein.


Sie schreibt weiter: 

»Zudem handelt es sich bei Gen 1,27 nicht um philosophische oder normative Aussagen, sondern um Poesie. Daraus lassen sich beim besten Willen keine Normen ableiten.«

Grober Unfug. Es wird völlig aus dem Nichts eine wechselseitige Ausschließlichkeit von Poesie und Normen/Philosophie behauptet: Weil es ein poetischer Text ist, kann er keine normativen Aussagen enthalten. Vielleicht noch offensichtlicher absurd ist die Unterstellung, ein poetischer Text könne nicht philosophisch sein. Hat die Frau noch nie etwas von Ovid oder Seneca, von Thomas von Aquin, Goethe oder Herder gehört (um nur einige wenige Namen zu nennen, die mir spontan in den Sinn kommen)?

Gerade die Bibel ist aber doch übervoll mit belehrender, und dadurch immer wieder auch Normen aufstellender Poesie! Nur mal die ersten Beiden Verse des Psalmes 1 zur Illustration: "Selig der Mann, der nicht nach dem Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern sein Gefallen hat an der Weisung des HERRN, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt." Wird hier nicht die Norm aufgestellt, dass man nicht auf Frevler und Spötter, sondern auf Gott hören soll? Man spricht hier auch von "Lehrgedichten", die sich überall in unterschiedlichen Formen in der ganzen Bibel finden. Eine ähnliche Schöpfungsdichtung, die durchaus normativ und auch philosophisch randvoll ist, ist z.B. Joh 1: "Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott..."


Weiter:

»Gen 1 beschreibt, wie etwas Neues sich entwickelt, wie ein Lebenshaus entsteht, in dem Unterschiede sichtbar werden und Raum für dazwischen entsteht: Die Gegensatzpaare "Licht und Finsternis", "Himmel und Erde", "Trockenes Land und Meer", "männlich und weiblich" werden benannt. Dazwischen gibt es auch Dämmerung, Feuchtgebiete, geschlechtliche Vielfalt, ...«

Bezeichnend, dass ihr zu "Himmel und Erde" kein Zwischending eingefallen ist, schade. Natürlich ist das billige Begriffsklopperei, denn nur weil es Wörter für Dinge gibt, sind diese noch nicht real oder gar normativ. Die "Vielfalt der Geschlechter" wird hier behauptet, aber nicht belegt.

Im übrigen dürfte die Frau nicht unerwähnt lassen, dass den Autoren dieses Textes Feuchtgebiete und Dämmerung bekannt waren, dass ihnen aber ebenso klar bewusst war, dass es nur zwei Geschlechter gibt. Neben dem Offenbarungscharakter dieses Textes ("Normen", man könnte auch sagen: Wahrheiten) widerspricht ihrer These also auch die Intention der Schreiber der heiligen Texte.

Interessant finde ich, wie routiniert hier im ersten Satz Gottes Wirk-lichkeit entsorgt wird: Neues "entwickelt sich", "entsteht" oder "wird sichtbar"... Alles scheinbar von sich aus. Keine Absicht, kein Wille, kein Handelnder, in einem Wort: Kein Schöpfer. Natürlich, sie darf diese Dinge nicht erwähnen, denn was Gottes Absicht und Wille ist, ist ja explizit nicht das, was sie will und beabsichtigt. Die Frau schafft es, in ihrer Zusammenfassung einer Erzählung, deren entscheidender Sinn darin besteht, eben jenen Gott als souverän Handelnden und Wollenden über allen Naturerscheinungen zu präsentieren (z.B. gegen die Verehrung der Gestirne als Götter: sie sind nur "Lampen", die Gott an den Himmel gesteckt hat), diesen handelnden Gott restlos zu eliminieren. Respekt. Gen 1 will vielmehr sagen: Ob Gestirne oder Menschen, sie sind nicht aus sich selbst, sie machen sich nicht selbst und sie haben keine Macht; alles kommt von Gott und ist nach seinem Willen und Entschluss ("lasst uns Menschen machen") geordnet.


Und nochmal weiter: 

»So ist aktuell im Text zwar sehr deutlich bereits benannt, dass die Institution Ehe in der Antike eine klare Schutzfunktion für Kinder hat und daher sozial und theologisch so nachdrücklich gestützt wurde. Heute ist dieser Schutz über andere Systeme möglich, so dass Kinder gut ins Leben begleitet werden können, sollte eine Ehe zerbrechen (vgl. A.3.2.).«

Es wird so dargestellt, als sei jene soziale Schutzfunktion von Kindern (und Frauen) der objektiv feststehende, klare, unzweifelhafte und auch der einzige Grund, warum es in der Bibel die Ehe gibt. Das ist für die Autorin so völlig klar, dass es nur benannt zu werden braucht, es muss nicht nachweisen werden. Und hier liegt der Fehler, denn tatsächlich hat das noch niemand nachgewiesen. Damit ist dies aber keine objektive Tatsache, sondern es ist eine Behauptung. Mehr nicht.

Verwandt, in diesem speziellen Text aber nicht erwähnt, ist die ebenso beliebte Behauptung, das Verbot gleichgeschlechtlicher Partnerschaften diene dem demographischen Wachstum des Volkes: Möglichst viele Kinder sollen geboren werden, damit man ein "großes Volk" wird; da aus gleichgeschlechtlichen Partnerschaften aber keine Kinder hervorgehen können, sind die verboten.

In beiden Fällen wird ein modernes soziologisches Denken verabsolutiert und den biblischen Texten ganz einfach untergeschoben. Zugleich wird Gott dabei ganz herausgenommen: Dass es die Ehe gibt, hat nichts mehr mit Gott zu tun, kommt v.a. nicht von ihm, ist nicht sein Wille, sondern ist rein soziologisch zu erklären. Das ist alttestamentlich schon eine äußerst steile Behauptung, die spätestens mit dem Neuen Testament geradezu absurd geworden ist, denn die Ehe ist DAS Abbild der Liebe Gottes zu den Menschen in Jesus Christus: "Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche." (Eph 5,31-32)


Frau Brockmöller verweist mit dem suizidalen Text selbst auch auf den guten, ja "sehr guten" Anfang und die durch den "Sündenfall" (dort in Anführungszeichen gesetzt) eingetretene Zerrüttung zwischen den Menschen. Ich bekomme aber den starken Eindruck dass sie hierbei etwas verdreht: Für sie scheint die heutzutage propagierte "Vielfalt der Geschlechter" zu jenem paradiesischen Urzustand zu gehören, während die abgelehnte "singuläre Idee" der Zweigeschlechtlichkeit als eine Folge jener Zerrüttung dargestellt wird. Das sagt sie so explizit natürlich nicht, die Blöße gibt sie sich nicht, aber sie spricht ausdrücklich davon, dass es ursprünglich (nach Gen 1) "Freiraum" für "Vielfalt" gegeben habe und dann "Abwertungen" (z.B. von homosexuellen Beziehungen) in die Welt kamen.

Dadurch wird das biblische Zeugnis richtiggehend verdreht. Dagegen sei, etwas plakativ, gesagt: Wäre die zweigeschlechtliche Ehe als Norm eine Folge des Sündenfalls, dann wäre ihre Dekretierung ("als Mann und Frau schuf er sie" bzw. die Erschaffung der Frau aus dem Mann) NACH dem Sündenfall erzählt worden, denn vorher bedurfte es keiner "Schutzmaßnahmen" etwa für die Kinder und die Frauen (oder für das Wachstum des Volkes). Für die biblischen Erzählungen und die dahinter liegende Intention gehören offenbar die Zweigeschlechtlichkeit und die Ehe zum anfänglich geschaffenen Paradieseszustand, d.h. auch zum "natürlichen" Zustand des Menschen (darum ist gleichgeschlechtlicher Verkehr auch "widernatürlich": Röm 1,26). Alles dem Widersprechende ist Folge des Sündenfalls. Das ist im Alten Testament schon sehr deutlich: Gott hat die Menschen als Frau und Mann für einander geschaffen; es ist die Sünde, das Abwenden von Gott und seinem Willen, was zur Zerrüttung führt. Auch Jesus verweist schließlich auf den schöpfungsgemäßen "Anfang" für seine Ehemoral. (Vgl. hier meine Gedanken zum Thema Keuschheit)

Letztlich zeigt sich, dass dieser Umgang mit den Texten immer gleich funktioniert: Man beginnt mit einer Überzeugung und stülpt sie dem Text über. Dabei ist es ganz egal, was der Text selber hergibt: Wenn möglich, werden Textfetzen wunschgemäß umgedeutet, wo das nicht geht, wird er durch ein modernes Konzept schlicht ersetzt. Hier also: Den einen oder anderen Vers der biblischen Schöpfungserzählungen glaubt man, der eigenen Überzeugung dienstbar machen zu können ("männlich und weiblich schuf er sie"), und alles was nicht dienstbar gemacht werden kann (z.B. dass Gott Mann und Frau für- und aufeinander hin geschaffen hat), das ersetzt man durch die Behauptung, dass Ehe nur ein (natürlich rein menschliches) soziales Konstrukt zum Schutz von Kindern und Frauen ist. Wenn man Textfetzen (oder auch bloß Anspielungen auf solche) dienstbar machen zu können glaubt, ist es wichtig, den Kontext zu verschleiern: Wenn man z.B. mit Rückgriff auf die zweite Schöpfungserzählung von "Ergänzung, Hilfe" spricht, ist es wichtig, es bei diesen allgemeinen Begriffen zu belassen und nicht zu erwähnen, dass die Frau als "Hilfe und Ergänzung" des Mannes von Gott geschaffen wurde (und andersherum). So bleiben "Hilfe und Ergänzung", erweitert um "Vielfalt" und "wechselseitiger Freude aneinander", als abstrakte "Ideen" frei verfügbar für alles, was man damit stützen möchte. Und fertig ist die Auseinandersetzung mit dem Bibeltext (als Stück antiker Literatur, nicht als Offenbarung), woraufhin man stolz behaupten zu können meint, "das Hören auf die Schrift als Grundlage aller Pastoral" zu betrachten (so der suizidale Text). Was für eine Farce.

"... welche Wahrheit kann von der Lüge kommen?" (Sir 34,4)

Freitag, 26. November 2021

Bonhoeffer: Von der Dummheit

Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch – und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich.

Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind. Diese Entdeckung machen wir zu unserer Überraschung anläßlich bestimmter Situationen. Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als daß unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen. Wir beobachten weiterhin, daß abgeschlossen und einsam lebende Menschen diesen Defekt seltener zeigen als zur Gesellung neigende oder verurteilte Menschen und Menschengruppen. So scheint die Dummheit vielleicht weniger ein psychologisches als ein soziologisches Problem zu sein. Sie ist eine besondere Form der Einwirkung geschichtlicher Umstände auf den Menschen, eine psychologische Begleiterscheinung bestimmter äußerer Verhältnisse. Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. Ja, es hat den Anschein, als sei das geradezu ein soziologisch-psychologisches Gesetz. Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Der Vorgang ist dabei nicht der, daß bestimmte – also etwa intellektuelle – Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern daß unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und daß dieser nun – mehr oder weniger unbewußt – darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden. Daß der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen. Hier liegt die Gefahr eines diabolischen Mißbrauchs. Dadurch werden Menschen für immer zugrunde gerichtet werden können.

Aber es ist gerade hier auch ganz deutlich, daß nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte. Dabei wird man sich damit abfinden müssen, daß eine echte innere Befreiung in den allermeisten Fällen erst möglich wird, nachdem die äußere Befreiung vorangegangen ist; bis dahin werden wir auf alle Versuche, den Dummen zu überzeugen, verzichten müssen. In dieser Sachlage wird es übrigens auch begründet sein, daß wir uns unter solchen Umständen vergeblich darum bemühen zu wissen, was „das Volk“ eigentlich denkt, und warum diese Frage für den verantwortlich Denkenden und Handelnden zugleich so überflüssig ist – immer nur unter den gegebenen Umständen. Das Wort der Bibel, daß die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei, sagt, daß die innere Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist.

Übrigens haben diese Gedanken über die Dummheit doch dies tröstliche für sich, daß sie ganz und gar nicht zulassen, die Mehrzahl der Menschen unter allen Umständen für dumm zu halten. Es wird wirklich darauf ankommen, ob Machthaber sich mehr von der Dummheit oder von der inneren Selbständigkeit und Klugheit der Menschen versprechen.

 

(Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, 17-20) 


"Zerstampfst du den Toren auch mit dem Stößel, im Mörser zwischen den Körnern, seine Torheit weicht nicht von ihm." (Spr 27,22)

 

Mittwoch, 3. November 2021

Lessings Warnung zur Kirchenreform

Eine alte Kirche, welche den Sperlingen unzählige Nester gab, ward ausgebessert. Als sie nun in ihrem neuen Glanze dastand, kamen die Sperlinge wieder, ihre alten Wohnungen zu suchen. Allein sie fanden sie alle vermauert. Zu was, schrien sie, taugt denn nun das große Gebäude? Kommt, verlasst den unbrauchba­ren Steinhaufen!

 

Gotthold Ephraim Lessing

Donnerstag, 28. Oktober 2021

Ulrich Wilckens als Exeget

Der evangelische Bischof und Theologe Ulrich Wilckens ist am Montag verstorben. Ein mutiger Kämpfer für das Christentum und ein herausragender biblischer Theologe (auch wenn man ihm natürlich nicht in allem zustimmen muss). 2011 hat er sich in einer Antwort auf den Bochumer Alttestamentler Jürgen Ebach über das Thema Homosexualität geäußert, die gut verständlich die biblische Sicht darlegt. Schon die einleitenden Bemerkungen machen deutlich, dass Wilckens etwas tun konnte, wozu die meisten (deutschsprachigen) Theologen nicht in der Lage sind: Er hat dazugelernt, sich auch als vermeintlicher "Profi" noch einmal neu am Wort Gottes ausgerichtet und seine Position entsprechend geändert. Es ist ein Lehrstück in Sachen gläubige Theologie.

R.I.P.

Von evangelisch.de.

 

Bibel und Homosexualität: Die Antwort von Altbischof Wilckens

Ebachs Beitrag vom 2. Februar 2011 zur Debatte über den offenen Brief der acht Altbischöfe bedarf einer Antwort und einer Entgegnung.

Zunächst die Anwort.

Sie betrifft das Zitat aus meinem Kommentar zum Römerbrief, das Ebach mir am Schluss als Selbstwiderspruch vorhält. In der Tat habe ich mich in der Erstauflage von 1978 dagegen ausgesprochen, die scharf verurteilenden Sätze des Apostels Paulus in Röm 1,26f. "heute noch in dem Sinne zu übernehmen, daß Homosexualität ein sittlich verwerfbares Vergehen sei". Es ist Ebach jedoch entgangen, dass ich diesen Satz in der 3. durchgesehenen Auflage von 1997 getilgt habe. Erst im Zusammenhang meines Bischofsdienstes 1981-1991 nämlich bin ich genötigt worden, nicht nur über die jüdische Herkunft dieses Urteils des Apostels, sondern vor allem zugleich über die theologische Begründetheit seines großen Gewichts im Zusammenhang biblischer Theologie im ganzen neu verantwortlich nachzudenken. Überhaupt hat mein verantwortlicher Dienst in der kirchlichen Praxis meine wissenschaftliche Exegese theologisch vertieft, wie es meine "Theologie des Neuen Testaments", die ich danach in meinem Ruhestand erarbeitet habe, erweist. Ich wünschte Herrn Ebach in seinem Ruhestand eine entsprechend intensive Neubegegnung mit der Bibel als der Heiligen Schrift der Kirche - so würde ihm seine Art, über ernste Dinge so herablassend "spöttisch" zu denken und zu reden, ganz von selbst vergehen.

Nun aber die notwendige Entgegnung.

Gewiss haben zur Zeit des Alten und Neuen Testaments "auf Dauer angelegte Liebesbeziehungen zu Menschen gleichen Geschlechts", wie es sie heute gibt, noch nicht im Blick gestanden. Aber auch in solchen Partnerschaften heute wird doch in der sexuellen Praxis jedenfalls genau das getan, was im alttestamentlichen 3. Mosebuch (18,22; 20,13) und im neutestamentlichen Römerbrief (1,26f.) konkret benannt wird: Beischlaf von Männern mit Männern. Diese Sexualakte sind es, die als "Greuel" beziehungsweise als "Schande" verurteilt werden. Der Bibelwissenschaftler Ebach fragt aber nicht historisch-kritisch, was in dieser langen Zeit vom Alten bis ins Neue Testament die theologischen Gründe für diese Verurteilung waren, sondern er begnügt sich als moderner Zeitgenosse mit der polemischen Vermutung, wer in heutiger Auslegung dieser Verurteilung noch Gewicht beimesse, der wolle "ein ohnehin feststehendes (eigenes) Urteil unterfüttern". So nimmt man weder die biblischen Texte ernst noch auch seine Meinungsgegner der Gegenwart als deren Exegeten.

Immerhin steht am Schluss der Verbotsreihe in 3 Mose 18,30 der heilige Name Gottes selbst, mit dem alle diese Verbote nachdrücklich autorisiert werden: "Ich bin Jahwe, euer Gott!" Wer solches gegen den Willen des heiligen Gottes tut, versetzt sich selbst in einen Zustand der Unreinheit (20,24,26). (1) Entsprechend spricht Paulus in der Überschrift Röm 1,18 von Gottes "Zorngericht gegen alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit von Menschen", die der Gerechtigkeit Gottes als der Wahrheit seines Wesens zuwiderhandeln. Gott überlässt sie der sittlichen Verkommenheit - sagt Paulus - und der Herrschaft des Todes mitten in ihrem Leben, der sie sich selbst preisgegeben haben (1,24ff.) - im Gegensatz zu ihrer Selbsteinschätzung als "Weise" (1,22). Die gleichgeschlechtlichen Akte in 1,26f. sind nur herausragende Beispiele aus der langen Liste anderer Verstöße gegen die Zehn Gebote (1,28-32). Bei genauerem Hinsehen entdeckt man in 1,23 auch einen Hinweis auf die Herrlichkeit der Ebenbildlichkeit des von Gott geschaffenen Menschen, die mit solchem Tun ebenso preisgegeben wird wie mit der Anbetung (selbstgemachter) Götzen in Tiergestalten.

 

Jeder außereheliche Sex ist Verkehrung der Natur

Ist doch der Mensch nach dem Schöpfungsbericht in 1 Mose 1,27 als Mann und Frau geschaffen. Keiner gehört zuerst sich selbst und dann auch seinem Geschlechtspartner, sondern sie gehören zueinander. Und so ist auch für ihr sexuelles Zusammenleben allein die Ehe der angemessene Ort - nur so können und sollen sie Vater und Mutter von Kindern werden, wie Gott der Vater all seiner Menschen ist. In diesem Sinn ist jeglicher Sex außerhalb der Ehe Verkehrung der Natur - nämlich als der guten Ordnung der Schöpfung. Das lehrt der Zusammenhang und Hintergrund des Textes - ein flüchtiger Blick in das Lexikon unter "Natur" führt dagegen nur in lächerliche Irre.

Mit spöttischer Ironie spielt Ebach dann das Thema durch, dass viele Gebote des alttestamentlichen Ritualgesetzes im Neuen Testament ihre Geltung verloren haben: nicht etwa weil sich vom Alten zum Neuen Testament die Zeiten eben verändert hätten und damit natürlich auch das Denken und Verhalten der Menschen. Der Grund ist vielmehr das Heilshandeln Gottes in der Hingabe seines eigenen Sohnes in den Tod, um die Sünder der ganzen Welt aus der Herrschaft des Todes über ihr Leben zu erretten. Wo Gott in Christus sein Heil schaffendes Handeln über sein Volk Israel hinaus auf alle Völker ausgeweitet hat, müssen Heiden nicht mehr gesetzestreue Juden werden, um daran teilzuhaben (vgl. Gal 3,26-28). Der Beschluss der führenden Repräsentanten der werdenden Kirche in Apg 15,20, den Ebach anführt, diente in kirchenleitender Weisheit nur für Gemeinden (wie der im syrischen Antiochien), in denen Juden mit Heiden zusammenlebten. Dort sollten Judenchristen nicht gezwungen sein, um der Gemeinschaft mit den Heidenchristen willen, selbst der Tora untreu werden zu müssen. In den heidenchristlichen Gemeinden des Paulus galt dieser Beschluss verständlicherweise nicht (Gal 2,5ff.). Das ist also kein Beweis für die vielerlei Widersprüche innerhalb der Bibel, die zu kritischer Auswahl für uns heute geradezu nötigten, wie Ebach und zahlreiche andere liberale Theologen meinen. Bei gründlicher Auslegung im Gesamtzusammenhang der Bibel werden nicht wenige solcher Widersprüche als durchaus sinnvoll erkennbar. Die "bis zur Widersprüchlichkeit reichende Vielfalt" des biblischen Zeugnisses gibt uns keineswegs das Recht, das für uns Sinnvolle und Passende auszuwählen und das andere der Vergangenheit zu überlassen, sondern sie erzieht uns zu umso sorgsamerer Exegese der "Tiefenschicht" biblischer Theologie.

 

Falsch verstandene Nächstenliebe

Hier rückt Ebach nun mit dem eigentlichen Grund heraus, warum für ihn ein Bruch mit dem biblischen Verbot gleichgeschlechtlicher Praxis durch die Bibel selbst nicht nur gerechtfertigt, sondern geradezu geboten erscheint. Als das einzige Gebot, das heute noch wirklich vollauf Geltung hat, sei das der "Nächsten- und Fremdenliebe", das es ausschließe, "meine Mitmenschen und auch die, deren Lebensweise mir fremd ist, zu diskriminieren". Gewiss ist es Christen verboten, dem Gewissen anderer Gewalt anzutun (1 Kor 8,12) (2) und überhaupt irgendeinen Menschen persönlich zu "diskriminieren". Wo jedoch würde im Sinne der Heiligen Schrift ein Mensch seiner Ehre beraubt ("diskriminiert"), wenn ihm bezeugt wird, dass er in seinem Handeln und in seiner Lebensweise Gottes heiligem Willen widerstreitet? Wie könnte die von Gott gebotene Nächstenliebe auf solche seelsorgerische Hilfe verzichten sollen, durch die ein Bruder oder eine Schwester - selbstverständlich in sehr sorgsamer, persönlich-naher Zuwendung - von seinem Unrecht gegen Gottes Willen überzeugt und zum Empfang seiner Vergebung bereit wird?

Wo wäre es im Sinne der Schrift, das göttliche Gebot der Nächstenliebe bloß auf die Pflicht zu reduzieren, andere Menschen in ihrer autonomen Freiheit zu tolerieren, die ihr Leben so gestalten wollen, wie es ihnen angemessen oder wünschenswert erscheint? So denken in unserer heutigen Umwelt zwar viele - auch viele Kirchenmitglieder, die dies so selbstverständlich als wichtigstes Gebot in einer freien Gesellschaft empfinden, daß sie gar nicht mehr merken, wie das Gebot der Nächstenliebe seines christlichen Sinnes entleert wird, wenn es der unbedingten Anerkennung der Lebensweise jedes Mitmenschen nach seinem ureigenen Willen dient. Die Liebe zum Nächsten hat aber im Willen der Liebe Gottes ihren Grund und ihre Quelle. Und so muss ein Christ auch sein sexuelles Verhalten ganz nach dem Willen Gottes ausrichten und daher wissen, dass gleichgeschlechtliches Zusammenleben - wie alle außereheliche Sexualität - dem Gotteswillen widerspricht. Will er dagegen so leben oder meint er, er könne nicht anders als so zu leben, dann ist es ihm jedenfalls nicht erlaubt, dies durch die Schrift als gerechtfertigt zu erklären und für seine Lebensweise von seiner christlichen Kirche Anerkennung zu erwarten oder gar zu fordern.

 

Christliches Leben in einer säkularen Gesellschaft

Wer die Bibel als Dokument des heiligen Heilswillens Gottes ernst nimmt, wird gar nicht anders können, als in ruhiger Klarheit diesen Heilswillen in einer nicht mehr christlichen Gesellschaft persönlich zu bezeugen und die christliche Lebensweise als Alternative zu denen seiner säkularen Umwelt zu vertreten, die ihre Norm ganz im eigenen Lebenswillen eines jeden einzelnen Menschen weiß und wissen will. Nach dieser Norm besteht Freiheit in autonomer Willkür und deren Schutz in ausnahmsloser Toleranz für alle Mitmenschen. Wie weit dieser moderne "kategorische Imperativ" unserer gesellschaftlichen Lebenswelt wirklich hilft und wie es in einer solchen Gesellschaft auf Dauer überhaupt möglich sein wird, allgemeingültige Menschenrechte als Norm zu begründen, nach der zu leben und sich für sie einzusetzen, jedermanns absolute Pflicht ist, das möge im öffentlichen Diskurs zu klären oder irgendwann als nicht mehr zu klären oder gar durchzusetzen zu erfahren sein. Christen müssen es jedenfalls wagen, in diesen Diskurs die Stimme des Willens Gottes einzubringen, ohne den als transzendente oberste Norm und als allein wirklichen Schutz für jeden Menschen Menschenwürde und Menschenrechte nicht wirklich Bestand haben können.


Anmerkungen:

(1) Rituelle Unreinheit bemißt sich nach alttestamentlichem Verständnis an der Heiligkeit Gottes.

(2) Wenn ihr aber so sündigt an den Brüdern, und schlagt auf ihr schwaches Gewissen ein, so versündigt ihr euch an Christus.

Dienstag, 26. Oktober 2021

Hierarchie der Wahrheiten


Im Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über den Ökumenismus, Unitatis redintegratio (UR), taucht der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ auf (UR 11). Dieser Begriff hat seit dem eine erstaunliche Karriere hingelegt, denn er ist in die Alltagssprache vieler Kirchenleute und Theologen übergangen, auch weit jenseits des Themas Ökumene.

Leider wird der Begriff meistens falsch bzw. missbräuchlich verwendet. Und zwar auf die Weise, dass damit ausgesagt werden soll, dass es „wichtige“ und „weniger wichtige“, und sogar „unwichtige“ Glaubensinhalte gäbe, wobei man sich insbesondere bei der Verkündigung (Katechese, Predigt, mediale Auftritte) auf die wichtigen konzentrieren solle. Welcher hierarchische Rang einer einzelnen Glaubenswahrheit zukommt, liegt derweil meist im Ermessen des Einzelnen, aber recht beliebt ist es, nur das als „wichtig“ zu deklarieren, was im Glaubensbekenntnis steht, wobei aber diese Regel sogleich wieder gebrochen wird, denn die Jungfrauengeburt gehört diesen Verkündern zufolge sicherlich nicht zur „wichtigen“ Kategorie, und auch die Dreifaltigkeit Gottes wird zuweilen nicht in den oberen hierarchischen Rängen positioniert, da sie unverständlich sei. Mein Eindruck ist, dass meist nach dem religionsphilosophischen Modell verfahren wird: Was die meisten Menschen glauben, das ist in dieser Hierarchie ganz oben und darauf müssen wir uns in Verkündigung konzentrieren; je spezifischer es wird, desto niedriger ist der „Rang“ und desto eher kann man es, platt gesagt, weglassen. Daraus ließen sich grob fünf Ränge ableiten:

1. Was allen Menschen gemein ist

2. Was allen Religionen gemein ist

3. Was den monotheistischen Religionen gemein ist

4. Was den christlichen Konfessionen gemein ist

5. Was spezifisch katholisch [und orthodox] ist

Was wir hier haben ist eine Hierarchie, genauer: Was man in der Fachsprache „Schachtelungshierarchie“ (engl. nesting hierarchy) nennt. Hierbei sind die jeweiligen Kategorien ähnlich einer Matrjoschka ineinander verschachtelt: die „katholische Schachtel“ befindet sich zusammen mit anderen in der „christlichen Schachtel“, diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „monotheistischen Schachtel“, diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „religiösen Schachtel“ und diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „meschlichen Schachtel“. In dieser Hierarchie ist folglich das Wichtigste alles, worüber sich alle Menschen einigen können usw.; am unwichtigsten ist das, was die eigene Kirche ausmacht.


Ursprünglich im Kontext des Themas Ökumene eingeführt, hat der Begriff der „Hierarchie der Wahrheiten“ doch überragende Bedeutung. Aber sein falscher Gebrauch hat gerade für die Ökumene verheerende Folgen.

Sinn jener religionsphilosophischen Unterteilung in wichtig und unwichtig ist es, im ökumenischen und interreligiösen Austausch eine möglichst große Nähe herzustellen und nicht mit „Eigenem“ den anderen auf Distanz zu halten. Das klingt zunächst gut, führt aber auch dazu, dass man etwa als katholischer Gesprächspartner von seinem Gegenüber am Ende des Tages nicht ernst genommen wird, denn man gibt dadurch seine eigene Identität preis.

Mal ehrlich: Was glauben die so Vorgehenden eigentlich, wie vertrauenerweckend der andere auf einen wirkt und wie ernstgenommen man sich fühlt, wenn man feststellen muss, dass der Gesprächspartner nicht mal sich selbst, seinen eigenen Glauben, ernst nimmt? Oder andersherum: Wenn ich meinen eigenen Glauben nicht ernst nehme, d.h. ihn nicht unverkürzt annehme, bejahe und bekenne, dann kann ich nicht erwarten, dass mein Gegenüber mir abnimmt, dass ich ihn und seinen Glauben ernst nehme.

Durch so einen Mangel an Ernsthaftigkeit der geglaubten Wahrheit gegenüber kann auch kein Vertrauen entstehen, denn jeder ernsthafte Dialog löst sich in Luft auf, er wird ersetzt durch eine (politische/ideologische) Verhandlung. Das ist genau das, was den Großteil unserer gegenwärtigen „offiziellen“ ökumenischen Gespräche auszeichnet: Es sind Verhandlungen um Begriffe, nicht Gespräche über den Glauben. Die Ergebnisse sind dann dementsprechend auch Verträge und Vereinbarungen, aber keine Nähe, keine Gemeinschaft. Ein gutes Beispiel ist jenes schreckliche (weil unehrliche, und damit unchristliche, außerdem häretische und in hohem Maße manipulative) Dokument „Gemeinsam am Tisch des Herrn, mit dem ich mich HIER und HIER näher befasst habe. Ich sprach damals von einer Papierökumene, Karl-Heinz Menke nennt es Tintenfischökumenik, bei der alles Anstößige hinter einem Tintenschleier verschwindet.


Mit derHierarchie der Wahrheiten“, wie sie das letzte Konzil benannte hat, hat dieses Einteilen in „wichtig“ und „unwichtig“ nichts, aber auch gar nichts zu tun. Wie fern ein Zurückstellen von Glaubenswahrheiten um des ökumenischen Friedens oder scheinbarer (begrifflich ausgefeilter und vertraglich festgehaltener) Übereinkünfte willen jenem Begriff des Zweiten Vatikanischen Konzils ist, kann dieser Satz aus dem selben Abschnitt (drei Sätze vorher) gut veranschaulichen:

Die gesamte Lehre muss klar vorgelegt werden. Nichts ist dem ökumenischen Geist so fern wie jener falsche Irenismus, durch den die Reinheit der katholischen Lehre Schaden leidet und ihr ursprünglicher und sicherer Sinn verdunkelt wird.“ (UR 11)

Was es mit dem Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ tatsächlich auf sich hat, erklärt das Konzil eigentlich unmissverständlich, aber es gibt einen Grund, warum stets nur dieser Begriff zitiert wird und nicht der Satz, in dem er steht, oder gar dessen Kontext. Dort heißt es (satzweise):

[1)] Zugleich muss aber der katholische Glaube tiefer und richtiger ausgedrückt werden auf eine Weise und in einer Sprache, die auch von den getrennten Brüdern wirklich verstanden werden kann.

[2)] Darüber hinaus müssen beim ökumenischen Dialog die katholischen Theologen, wenn sie in Treue zur Lehre der Kirche in gemeinsamer Forschungsarbeit mit den getrennten Brüdern die göttlichen Geheimnisse zu ergründen suchen, mit Wahrheitsliebe, mit Liebe und Demut vorgehen.

[3)] Beim Vergleich der Lehren miteinander soll man nicht vergessen, dass es eine Rangordnung oder ‚Hierarchieder Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre gibt, je nach der verschiedenen Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens.

[4)] So wird der Weg bereitet werden, auf dem alle in diesem brüderlichen Wettbewerb zur tieferen Erkenntnis und deutlicheren Darstellung der unerforschlichen Reichtümer Christi angeregt werden.“ (UR 11)

1) Es fällt auf, dass es hier überhaupt nicht um Glaubensinhalte (oder Glaubenswahrheiten) geht, sondern um die Sprache und das Sprechen: Wie drücken wir uns aus? Drücken wir uns so aus, dass man uns versteht? Drücken wir uns bzw. den Glauben „tief“ und „richtig“, ja sogar „tiefer“ und „richtiger“ aus? Der lateinische Text klingt hier noch schärfer als die übliche deutsche Übersetzung: „fides catholica et profundius et rectius explicanda est“ – „der katholische Glaube ist sowohl tiefer als auch richtiger darzulegen“ [und zwar] auf eine Weise und in einer Sprache, die von den getrennten Brüdern wirklich verstanden werden kann.

2) Hier geht es noch immer nicht um einzelne Glaubensinhalte, sondern um Haltungen: Als erstes um die „Treue zur Lehre der Kirche“ und sodann um Wahrheitsliebe, Liebe, Demut. Zu gemeinsamer Forschungsarbeit“, d.h. konfessionsübergreifend, wird ermutigt, Gegenstand sind die „göttlichen Geheimnisse“, die aber nicht nach „wichtig“ oder „unwichtig“ sortiert werden, sondern einfach gegeben sind.

3) Hier haben wir endlich den Begriff der „Hierarchie der Wahrheiten“. Es fällt auf, dass die genannten Wahrheiten „innerhalb der katholischen Lehre“ verortet werden, es geht also gewissermaßen um alles „was katholisch ist“. Vor allem von Bedeutung ist jedoch, die nähere Bestimmung, was mit diesem Begriff ausgesagt ist: Auch hier ist nirgends die Rede von „wichtigen“ und „weniger wichtigen“ oder „unwichtigen“ Wahrheiten. Vielmehr ergibt sich die Verschiedenheit der Wahrheiten, die als Rangfolge oder Hierarchie bezeichnet wird, aus der „Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens“. Dies ist durchaus konkret aufzufassen: Es ist keine generelle Rangordnung gegeben, sondern jede Glaubenswahrheit hat ihren spezifischen Zusammenhang mit dem Fundament. (Welches offenkundig Christus ist.)

4) „Wettbewerb“ ist hier eine missverständliche Übersetzung. Es ist hier wohl nicht gemeint, wer wen besser überzeugen kann oder wer am Ende als „Sieger“ hervorgeht, sondern es ist eher ein geistlicher Wettkampf gegen die eigene Schwäche gemeint, der „Sieg“ ist jenes tiefere, richtigere Verstehen, die Mittel in diesem Kampf sind jene Treue, Wahrheitsliebe und Demut.


Doch der Schaden geht weit über ökumenische Gespräche hinaus.

Der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ wurde, weil er so „neu“ klingt dankbar angenommen, nachdem er seines Textzusammenhangs entledigt wurde, umgedeutet und für die Demontage des Glaubens gebraucht. Man meinte, hier endlich einen Anpack zu haben, um das Wichtige vom Unwichtigen zu scheiden und unnötigen Ballast abzuwerfen (ein breiter Konsens unter Theologen unmittelbar nach dem letzten Konzil war es z.B., dass man die Existenz von Engeln entsorgen müsse, die in dieser Hierarchie ganz weit unten stünde). Das war natürlich von Anfang an nur ideologisch motiviertes Wunschdenken, schon allein weil, wie bereits dargelegt, der selbe Passus des Konzilstextes klar macht, dass „die gesamte Lehre klar vorgelegt werden“ muss.

Auch wenn der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ als solcher „neu“ ist, so ist doch das, was er bezeichnet, so neu nicht. Das Erste(!) Vatikanische Konzil sprach in ähnlicher Weise in der Konstitution Dei filius vom „nexus mysteriorum inter se“ (vgl. DH 3016), also von der „Vernetzung“ der Geheimnisse des Glaubens untereinander, die sich so gegenseitig erhellen und erschließen. Auch der Begriff der Analogie des Glaubens“ (lat. analogia fidei) ist hier gefallen und meint im Grunde das Gleiche (vgl. KKK 114). Die Rede von der „Hierarchie“ oder „Rangordnung“ scheint mir indes für die gemeinte Sache durchaus passend, denn es besteht in diesem Nexus faktisch eine Hierarchie (wörtlich: heilige Ordnung), da gewisse Glaubenswahrheiten auf dem Fundament anderer Glaubenswahrheiten ruhen oder, andersherum, durch diese gewissermaßen „von oben“ erhellt, erschlossen werden. Das Bild vom Netz(werk) ist hier eng verwandt mit dem des lebendigen Körpers: Nach Thomas von Aquin (STh II-II, q. 1, a. 6) heißen die einzelnen Glaubenswahrheiten „[Glaubens]Artikel“ (lat. articulus: Glied), weil sie Teil eines organischen, als „Leib“ gedachten Ganzen sind und entsprechend zusammen gehören.

Ein Beispiel: Die Glaubenswahrheit der Aufnahme Mariens in den Himmel ist nicht verständlich, ohne die Glaubenswahrheit ihrer besonderen Begnadung, und diese wiederum ist ohne die Glaubenswahrheit der Erlösung in und durch Christus nicht einsichtig. Marias Begnadung steht so gesehen in der Hierarchie an höherer Stelle als ihre Aufnahme in den Himmel, und die Erlösung durch Christus an höchster Stelle; aber alle drei sind und bleiben wahr und verpflichtend zu glauben, keine ist unwichtig“ oder kann entfallen. Das ist es, was Hierarchie der Wahrheiten meint, nichts anderes.
Auf klug könnte man sagen: „Hierarchie der Wahrheiten“ ist ein hermeneutischer oder didaktischer Begriff, kein dogmatischer. Die „Hierarchie“ dient dem „richtigeren und tieferen“ Verständnis (vgl. UR 11) der einzelnen Wahrheiten des Glaubens im Gesamt des Glaubens, sie rührt nicht an deren Wahrheitsgehalt.

Dass die Wahrheiten des Glaubens in einer Rangordnung stehen, war immer schon im Bewusstsein der Kirche präsent, was etwa daran klar wird, dass in den wichtigsten historischen Glaubensbekenntnissen nicht alle Feinheiten des katholischen Glaubens eingeflossen sind, sondern nur seine zentralsten oder grundlegendsten Elemente. Dadurch wurde aber nie die Wahrheit und Verbindlichkeit von all dem abgelehnt, was nicht in diese aufgenommen wurde (z.B. taucht in diesen die bischöfliche Amtsstruktur der Kirche nicht auf, obwohl sie für die Bischöfe, die diese Bekenntnisse verfassten und approbierten, gewiss wichtig und verbindlich war).

Leider hat schon sehr bald, noch während des Konzils, jenes falsche Verständnis des Begriffs oftmals die Oberhand gewonnen, weswegen bereits das „Allgemeine Katechetische Direktorium“ von 1971 (das nie offiziell ins Deutsche übersetzt wurde, weil man meinte, Katechese eigentlich nicht mehr nötig zu haben) betonte:

„Diese Hierarchie bedeutet nicht, dass einige Wahrheiten weniger als andere zum Glauben gehören, sondern dass manche Wahrheiten auf anderen grundlegenderen aufbauen und von ihnen her Licht erhalten.“ (Nr. 43)

 

Die missbräuchliche Verwendung des Begriffs funktioniert indes nur, solange die so Sprechenden nicht darüber nachdenken, was sie da eigentlich sagen. Denn der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ kann gar keine Wertung über die Verbindlichkeit oder Relevanz des zu Verkündigenden bezeichnen, weil eine Wahrheit nunmal eine Wahrheit bleibt, auch wenn sie zusammen mit anderen in einer „Hierarchie“ angeordnet wird. So, wie er faktisch verwendet wird, müsste der Begriff eigentlich „Hierarchie der Wahrheitsgrade“ oder „Hierarchie der Verbindlichkeiten“ heißen, dann würden der Begriff und seine Deutung zusammenpassen. (Eine Ironie dieses falschen Denkens ist, dass man damit die so genannten „Gewissheitsgrade“, die sich früher in der neuscholastischen Dogmatik großer Beliebtheit erfreuten, und die man heute nur zu gerne als unsinnig verlacht, in einer verdummten Variante wieder aufleben lässt, ohne es zu merken.) Nun heißt der Begriff aber „Hierarchie der Wahrheiten“: Die Wahrheiten bleiben Wahrheiten, sie büßen ihre wesentliche Eigenschaft des Wahrseins durch die wie auch immer vorgenommene Anordnung in der Hierarchie nicht ein; sie müssen folglich in ihrer Gesamtheit anerkannt, bejaht und bekannt werden, denn die bzw. eine Wahrheit (wir könnten auch sagen: Realität) zu leugnen ist immer ein Fehler, das wissen auch die so Sprechenden.

Die falsche Verwendung des Begriffs findet dann z.B. in dem (immer schon von unzähligen Theologen geäußerten) Vorwurf gegen den Katechismus der katholischen Kirche Ausdruck, dieser würde jene Hierarchie nicht gebührend berücksichtigen, weil dort alles einfach als „wahr“ hingestellt, und nicht nach „Wahrheitsgraden“ unterschieden würde (siehe HIER ganz unten). Diese Kritik ist Unsinn, weil „Hierarchie der Wahrheiten“ eben nichts am Wahrsein der Wahrheiten ändert. In Wirklichkeit ist der Katechismus, wie jedes gute Glaubensbuch, konsequent nach dem Prinzip der Hierarchie der Wahrheiten strukturiert, da er die Zusammenhänge der einzelnen Wahrheiten mit dem Fundament des Glaubens darlegt und verdeutlicht. Die einzelnen Wahrheiten werden dabei jeweils als wahr dargestellt, weil es eben Wahrheiten sind und bleiben. Daher heißt es auch in jenem „Allgemeinen Katechetischen Direktorium“ von 1971: „In der Heilsbotschaft besteht eine gewisse Hierarchie der Wahrheiten, die die Kirche immer anerkannt hat, wenn sie Glaubensbekenntnisse und -kompendien verfaßte.“ (Nr. 43)


Ich spare mir hier eine Auflistung aller Stellen, an denen die Päpste und ihre Dikasterien die korrekte Bedeutung des Begriffs der „Hierarchie der Wahrheiten“ immer wieder aufs neue eingeschärft haben, und beschränke mich nur auf die vermutlich aktuellste von diesen. Papst Franziskus schreibt in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium:

„Alle offenbarten Wahrheiten entspringen aus derselben göttlichen Quelle und werden mit ein und demselben Glauben geglaubt, doch einige von ihnen sind wichtiger, um unmittelbarer das Eigentliche des Evangeliums auszudrücken. […] Man darf die Vollständigkeit der Botschaft des Evangeliums nicht verstümmeln. Außerdem versteht man jede Wahrheit besser, wenn man sie in Beziehung zu der harmonischen Ganzheit der christlichen Botschaft setzt, und in diesem Zusammenhang haben alle Wahrheiten ihre Bedeutung und erhellen sich gegenseitig.“ (Nr. 36-39)
Weiter heißt es dort:
„Das Evangelium lädt vor allem dazu ein, dem Gott zu antworten, der uns liebt und uns rettet – ihm zu antworten, indem man ihn in den anderen erkennt und aus sich selbst herausgeht, um das Wohl aller zu suchen. Diese Einladung darf unter keinen Umständen verdunkelt werden! Alle Tugenden stehen im Dienst dieser Antwort der Liebe. Wenn diese Einladung nicht stark und anziehend leuchtet, riskiert das moralische Gebäude der Kirche, ein Kartenhaus zu werden, und das ist unsere schlimmste Gefahr. Denn dann wird es nicht eigentlich das Evangelium sein, was verkündet wird, sondern einige lehrmäßige oder moralische Schwerpunkte, die aus bestimmten theologischen Optionen hervorgehen. Die Botschaft läuft Gefahr, ihre Frische zu verlieren und nicht mehr ‚den Duft des Evangeliums‘ zu haben.“ (Nr. 39)

Genau das ist seit Jahrzehnten leider in großem Umfang zu beobachten, nicht nur im ökumenischen Dialog, sondern in allen Bereichen des kirchlichen Lebens ähnelt das Ganze mehr und mehr einem Kartenhaus. Wen wunderts, dass nun mittels suizidalem Weg dasselbe zum Einsturz gebracht werden soll...es wurde ja jahrzehntelang sturmreif geschossen...