Donnerstag, 19. März 2020

Beichte per Telefon? Sakramente im Internet?

In Zeiten von COVID-19 blühen nicht nur allerlei Verschwörungstheorien, für die auch Katholiken offenbar recht empfänglich sind, sondern auch falsche theologische Behauptungen sprießen nur so aus dem Boden. (Vgl. hier die Absage seitens einiger Theologen an Messen ohne Volk und geistige Kommunion.) Aktuell verlautbart ein Regensburger Theologe auf katholisch.de (hier), dass es Sakramente auch per Internet geben könne und dass die Beichte per Telefon möglich sei (Letzteres behauptete gestern auch ein italienischer Theologe, hier).

Mit aller Deutlichkeit muss gesagt werden: Beide Behauptungen sind falsch!
Jener Theologe behauptet sogar, die Glaubenskongregation habe 1989 die Beichte per Telefon für "stets gültig und in extremen Ausnahmefällen auch erlaubt" erklärt. So eine Erklärung der Glaubenskongregation hat es nie gegeben. Was es gegeben hat, ist Folgendes: Als am 1. Juli 1884(!) die Pönitentiarie in Rom angefragt wurde, ob eine Absolution per Telefon möglich sei, antwortete diese, dass auf diese Anfrage nichts zu antworten wäre. Grund: Es ist stets die Lehre der Kirche gewesen, dass die Spendung eines Sakraments die, wie man es klassisch nennt, "moralische Anwesenheit" beider Beteiligter erfordert. Was das heißt, wird in folgendem Text anhand von Beispielen deutlich:
„Der zu absolvierende Pönitent muss moralisch dem Priester gegenwärtig sein. Wenn es in einzelnen Falle gegeben werden kann, dass jemand schriftlich beichte, so wäre doch durchaus unerlaubt und ungültig, wenn man einen Abwesenden mündlich oder schriftlich absolvieren wollte. Die entgegengesetzte Behauptung ist von Clemens VIII. 1602 verdammt worden [vgl. im Denzinger, Nr. 1994]. […] Eine moralische Anwesenheit ist aber eine solche, innerhalb deren Bereich die Menschen mit der gewöhnlichen, wenngleich erhobenen Stimme reden und verstanden werden können. [...] Daraus folgt, dass der Priester den Pönitenten, der, ohne die Lossprechung erhalten zu haben, aus dem Beichtstuhl geht - was nicht selten, besonders von Kindern geschieht -, wenn er ihn noch sieht, oder mit Sicherheit ihn noch in dem Bereich der Kirche vermutet, in größerer oder geringerer Nähe oder Ferne absolvieren kann. Ist jemand in einen Fluss, ins Meer oder in eine Tiefe gefallen, so kann der Priester ihm die Absolution erteilen. Dasselbe gilt, wenn jemand unter Trümmern begraben läge und um Hilfe riefe. Kann der Priester wegen einer ansteckenden Krankheit oder aus einer andern Ursache nicht ins Krankenzimmer kommen, so darf er den Kranken von der Tür oder dem Fenster aus absolvieren.“ (aus: Tappehorn, Anleitung zur Verwaltung des hl. Busssakramentes, 1908, 76)

Die Absolution per Telefon (oder übers Internet) ist daher nicht möglich. Das ergibt sich aber auch schon unmittelbar aus der Offenbarung: Gott ist nicht Mensch geworden, um uns virtuell oder irgendwie ätherisch zu erlösen, sondern um uns menschlich, persönlich, ja sogar physisch nahe zu sein. Dazu gehört die physische Nähe, dazu gehört die menschliche Stimme (am Telefon hören wir nicht die Stimme eines Menschen, sondern wir hören die künstlich erzeugte Wiedergabe elektrischer Signale).

Ein weit verbreiteter Irrtum heutiger Theologie ist, dass man Sakramente (fast) ausschließlich als ein mehr oder weniger abstraktes Kommunikationsgeschehen verstanden wissen möchte. In Wahrheit handelt es sich bei ihnen aber um ein sehr konkretes Begegnungsgeschehen - nämlich mit Jesus Christus! -, worin Kommunikation nur ein Teilaspekt ist. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Kommunikation und Anwesenheit: Man kann heutzutage in früher ungeahntem Ausmaß Kommunikation betreiben, aber damit ist noch lange keine Anwesenheit gegeben, die die Voraussetzung für eine echte Begegnung darstellt.
Gott hat auch schon im Alten Bund mit den Menschen kommuniziert und er tut es bis heute. Und doch ist er Mensch geworden! Seine physische Anwesenheit in der Welt in seinem Mensch gewordenen Sohn Jesus Christus ist unüberbietbar und unhintergehbar. Jesus ist den Menschen physisch begegnet. Die Sakramente sind die Fortwirkung und Vergegenwärtigung der Menschwerdung in Zeit und Raum, und darum verlangen sie die möglichst strenge Übereinstimmung von Zeit und Raum zwischen Spender und Empfänger bei ihrem Zustandekommen bzw. bei ihrer Spendung. In kurz: Sie erfordern menschliche Begegnung und bewirken gerade darin gott-menschliche Begegnung. Sakramente haben zudem stets auch schlicht etwas mit Materie zu tun, das gehört wesensnotwendig zu jedem Sakrament (in der Beichte ist das gewissermaßen der Beichtende selbst, denn er empfindet Reue, bekennt seine Sünden und tut Buße). Das Internat kann das nicht bieten.

Am Telefon ist all dies nicht gegeben. Die Benutzung eines Telefons oder Funkgeräts wäre nur zu rechtfertigen, wenn ein relative räumliche Nähe zwar gegeben ist, aber etwa aufgrund des Beichtgeheimnisses das Erheben der Stimme oder die Nutzung eines Megaphons nicht ratsam ist, z.B. aus einem Fenster im dritten Stock eines Gebäudes hinunter zur Straße. Oder man denke an eine Trennung durch Glasscheiben auf einer Quarantänestation. Da in so einem Fall die räumliche Nähe und damit die "moralische Gegenwart" gegeben ist, kann hier ein technisches Hilfsmittel nützlich sein, wie dies auch bei Hörgeschädigten normale Praxis ist. Aber ohne die physische Nähe geht es nicht. Generell ist bei technischen Kommunikationsmitteln jedoch Vorsicht geboten. Man vergleiche dazu das Dekret der Kongregation für die Glaubenslehre vom 23. September 1988, wonach sich jeder die Tatstrafe der Exkommunikation zuzieht, "der mittels irgendeines technischen Gerätes selbst aufnimmt oder durch andere Aufnahmen lässt, was bei einer (echten oder simulierten) Beichte vom Beichtvater oder vom Pönitenten gesagt wird. Ebenfalls zieht sich jeder die Exkommunikation als Tatstrafe zu, der solche Aufnahmen durch die sozialen Kommunikationsmittel verbreitet." Faktisch können wir nie wissen, wer bei Telefonaten oder über social media mithört oder aufnimmt.

Der Päpstliche Rat für die sozialen Kommunikationsmittel hat 2002 in einer Erklärung über Kirche und Internet festgestellt (hier nachzulesen):
"[Die virtuelle Realität kann] die Realität der Sakramente und der Liturgie oder die unmittelbare und direkte Verkündigung des Evangeliums nicht ersetzen [...]. [...] Virtuelle Realität ist kein Ersatz für die wirkliche Gegenwart Christi in der Eucharistie, die sakramentale Realität der anderen Sakramente und den gemeinsamen Gottesdienst in einer menschlichen Gemeinschaft aus Fleisch und Blut. Es gibt keine Sakramente im Internet; und auch die religiöse Erfahrung, die hier dank der Gnade Gottes möglich ist, ist ungenügend, es fehlt die Beziehung zu anderen Gläubigen in der wirklichen Welt."

Die Digitalisierung führt bekanntlich nicht zur fruchtbareren Interaktion zwischen den Menschen, wie man es einmal gehofft hatte, sondern sie führt zunehmend zu ihrer Entfremdung von einander. Die Sakramente, die Gott seiner Kirche geschenkt hat, sind besonders in dieser Situation von unschätzbarem Wert, denn sie bewirken und nähren nicht nur die Gemeinschaft des Menschen mit Gott, sondern auch der Menschen untereinander. In der Aktuellen Krise ist dies erschwert, aber nicht unmöglich. Die z.Z. gern geforderte Kreativität darf nicht zu einfachen und falschen Lösungen führen, dadurch werden die Menschen betrogen und das Heilige profaniert.
Man muss das Problem übrigens nicht größer machen, als es ist: Einer Beichte mit ein, zwei Metern Abstand zwischen Beichtendem und Priester (etwa in der Kirche, notfalls auch bei einem Spaziergang) steht absolut nichts im Wege, solange sonst niemand in Hörweite ist.


PS. Nur um etwaige Unklarheiten zu vermeiden: Geistige Kommunion, Begierdetaufe oder ein Akt vollkommener Reue haben nichts mit dem hier behandelten Thema zu tun. Diese inneren Akte, deren Praxis seit ältester Zeit bezeugt ist, können jederzeit und an jedem Ort gesetzt werden; sie sind nicht abhängig von technischen Mitteln, beispielsweise vom Verfolgen einer Live-Übertragung einer hl. Messe. Im Übrigen sind sie alle auf den technisch nicht vermittelbaren tatsächlichen Empfang des jeweiligen Sakraments hingeordnet.


Nachtrag vom 30.03.2020: Und noch ein Theologe behauptet sehr offensiv (hier), dass Beichte per Telefon möglich sei.  Er begründet das damit, dass doch auch "Beratungsgespräche, die normalerweise face to face stattfinden [...] heute online oder telefonisch durchgeführt" würden. Und weiter: "Analog wäre auch denkbar, dass Beichte in anderen Formen, etwa per Videokonferenz, online oder telefonisch, durchgeführt würde. Da sehe ich grundsätzlich keine Schwierigkeiten." Da hat jener Theologe irgendwie auch Recht: Das Beichten der Sünden kann so durchgeführt werden, wie ich auch jedem x-beliebigem Menschen am Telefon meine Sünden "beichten" kann. Problematisch wird es allerdings bei der sakramentalen Absolution, doch diesen entscheidenden Aspekt schmettert der Theologe ganz locker ab und es wird auch nicht mehr nachgefragt: "Die Frage, ob die Vollmacht zur Lossprechung telefonisch wirken kann, halte ich für sehr abwegig."
So abwegig ist die Frage nicht, denn genau hier liegt der Hase im Pfeffer: Die Absolution ohne "moralische Anwesenheit" (s.o.) ist nicht möglich!
Hier wird die Beichte mit einem Beratungsgespräch gleichgesetzt und die Frage der Absolution (also die Spendung des Sakraments!) als "abwegig" abgetan. Solche Irreführung ist gefährlich, faktisch animiert jener Theologe zu Sakramentensimulationen.

Nochmal: Auch in Corona-Zeiten ist Beichte weiterhin problemlos möglich, denn nichts steht dem im Wege, wenn Beichtvater und Pönitent etwa in einer Kapelle oder einem Beichtzimmer zwei Meter auseinander sitzen (solange sonst niemand mithört). Auch gibt es die Form der in den USA schon praktizierten Drive-in's (s. Bild). Auch viele Beichtstühle, in denen die beiden durch eine feste Wand getrennt sind und das Gitter zwischen ihnen zusätzlich mit einer luftundurchlässigen Folie versehen ist, sind geeignet.

Mittwoch, 18. März 2020

„Privatmessen“ und geistige Kommunion in Zeiten von COVID-19

Überaus erstaunlich, was dieser Tage so alles von Bischöfen zu hören ist. Töne, die man seit Jahrzehnten vermisst hat.

Zur Frage der „Privatmesse

Seit Jahrzehnten führen Theologen und Verantwortungsträger in der Pastoral einen regelrechten Kampf gegen das Schreckgespenst der so genannte „Privatmesse“. Ein Messe ohne „aktive Beteiligung“ der Gläubigen dürfe es nicht geben, das sei ein Widerspruch in sich und im Übrigen vorkonziliar. Das sei Egoismus des Priesters (Klerikalismus) und im Grunde schon gar keine gültige Messe mehr im Sinne Jesu. Da findet keine Kommunikation (gemeint ist: zwischen priesterlichem Animateur und „Volk“) statt, da „haben“ die Gläubigen nichts von, sie werden regelrecht missachtet, ignoriert, ausgebootet, das sei im Grunde ein Akt gegen die kirchliche Gemeinschaft, ein Missachtung des Volkes Gottes. So ähnlich ließt sich das  heute auch auf katholisch.de, HIER.
Letztlich ist es wohl v.a. eine unerwünschte Erinnerung daran, dass eine Millionen Getaufte keine Messe feiern können, auch wenn sie es noch so sehr wollen, ein einziger Priester aber schon. Gnade und Erlösung kommen eben nicht aus uns selbst, sondern werden uns „von oben“ geschenkt. Darin sehe ich den tieferen Grund für diese Aversion: Es ist für den modernen Menschen, der sich als Christ verstehen will, eine schreckliche Kränkung (im freudschen Sinne), dass das Taufpriestertum nicht ausreicht für die Fülle der Verheißung. (Jesus sagte nicht nur: Tauft; er sagte auch: Tut dies zu meinem Gedächtnis.)


Ein Wort zur Begrifflichkeit:
Es ist erstaunlich, wie viele „studierte Theologen“ nicht einmal wissen, dass „Privatmesse“ eigentlich ein völlig falscher Ausdruck ist. Im Lateinischen gibt es den Ausdruck „missa privata“, aber dieser war schon zur Zeit des Trienter Konzils durchaus unbeliebt und wurde kirchenamtlich eher vermieden. Als Schreckgespenst wird er aber noch immer regelmäßig von Theologen entmottet, wann immer man einen Strohmann braucht um gegen ihn zu polemisieren. „Privatmessen“ werden meiner Erfahrung nach v.a. von ihren Kritikern so bezeichnet (siehe der oben verlinkte Artikel auf katholisch.de). Dieser Ausdruck kann nun aber, anders als oft behauptet, gerade nicht mit „private Messe“ übersetzt werden, denn das deutsche Wort „privat“ hat eine andere Bedeutung als das hier gebrauchte lateinische Verb „privare“. Dieses bedeutet hier „berauben“, oder „befreien von etwas“. Eine „missa privata“ meint nicht eine Messe, die keine amtliche Messe ist, die sozusagen (Privat)Eigentum des Priesters ist. Jede Messe ist „amtlich“: von der ganzen Kirche für die ganze Kirche gefeiert. Gemeint ist damit vielmehr eine Messe, die von einigen Elementen befreit, oder besser: die bestimmter Elemente beraubt (lat. privatus) ist. Damit ist nicht das Volk gemeint, sondern Elemente der Feierlichkeit: etwa Prozessionen, Weihrauch, Leuchter, Gesang, Leviten (Diakone), oder eben die für die Feierlichkeit wichtige physische Anwesenheit vieler Gläubiger. „Missa privata“ müsste man korrekt übersetzen mit „Messe befreit (von Feierlichkeit)“. Mehr nicht. [Darum ist es auch falsch zu behaupten, früher sei die stille Messe des Priesters ohne Volk die Grundform der Messe gewesen: Sie war vielmehr die der Feierlichkeit beraubte Form! (In den Lehrbüchern wurde immer zuerst die Stillmesse besprochen, weil sich an ihr gut zeigen ließ, was sozusagen das unveränderliche Grundgerüst jeder Messe ist. „Grundform“, also Maßstab, war aber die feierliche Papstmesse - samt Volk.)]
Aus dem selben Grund ist auch der gebräuchliche Ausdruck „missa sine populo“ (Messe ohne Volk) leider missverständlich, denn selbst wenn kein „Volk“ leiblich anwesend ist, so geschieht jede Messe doch in Gemeinschaft mit dem ganzen Volk und für das ganze Volk („In Gemeinschaft mit der ganzen Kirche gedenken wir...“). Ganz zu schweigen davon, dass das Volk Gottes immer mehr meint als nur eine irdisch-physisch Anwesende Größe im Hier und Jetzt: Die Kirche besteht über die Zeiten hinweg (Vergangenheit und Zukunft) und über das Irdische hinaus (Fegfeuer, Himmel). Auch wenn nur ein einsamer Priester die Messe zelebriert, ist er nie allein, was spätestens am Ende der Präfation überdeutlich wird: „Darum preisen wir dich mit allen Engeln und Heiligen und singen vereint mit ihnen das Lob deiner Herrlichkeit:...“


Seit Jahrzehnten wird nun also gegen diese Form der Messfeier polemisiert, einige Beispiele habe ich oben gegeben. Und jetzt, in Zeiten von COVID-19, empfehlen es viele Bischöfe doch wieder. Auf einmal können und sollen Priester „stellvertretend“ Messen feiern! Noch vor wenigen Wochen wäre es von vielen als beleidigend und klerikalistisch aufgefasst worden, zu sagen, ein Priester könne oder solle „stellvertretend“ eine Messe ohne anwesende Gläubige feiern.
Wie weit die Abscheu gegen die „missa sine populo“ schon zur Zeit der Liturgiereform in Deutschland ging, sieht man etwa auch daran, dass es im Deutschen Messbuch kein Formular für die „Messe ohne Volk“ gibt. Im lateinischen Messbuch von 1970 ist es drin. Das ist nicht nur ausgesprochen hinderlich für alle Priester, die etwa auf Reisen sind (und sich z.B. keine Gemeindemesse findet, bei der sie konzelebrieren könnten), es erweist sich gerade jetzt als nachteilig.

Zugleich dürfte so eine „Messe ohne Volk“ nicht wenigen Priestern schwer fallen, da ihnen doch stets eingebläut wurde, dass sie doch „aus dem Volk heraus“ nur Diener der Gemeinde seien, sie nichts Besonders, sondern Gleiche unter Gleichen seien. Feiern sie nicht die Messe mit dem Volk und für die Anwesenden? Und noch viel grundsätzlicher: Müssen sie nicht bei der Feier der Messe stets den Gläubigen etwas „mitgeben“ oder „bieten“? Ist nicht die Messe ein „kirchliches Angebot“ auf dem religiösen Markt der Möglichkeiten? Dann geht das natürlich nicht ohne „Kundschaft“!
Auf einmal verlangt man von den Priestern, dass sie Priester sein sollen und ihre ureigenste priesterliche Aufgabe erfüllen sollen – ohne „aktive Beteiligung“ der Gläubigen! Da gibt es sicher bei nicht wenigen Priestern einiges an Hemmungen zu überwinden und sicher gibt es auch etliche, die mindestens an den Werktagen schlicht auf die Feier der Messe verzichten in der irrigen Meinung, das sei nun eben ohne „Volk“ gar keine richtige/gültige Messe. (Ich habe es schon erlebt, dass Priester angesichts eine Messfeier in Ermangelung einer anwesenden Gemeinde fragten, was das denn „bringen“ solle…)

Schon allein die Zelebrationsrichtung kann hier für viele Priester problematisch werden: Vor einer leeren Kirche zelebrieren? Das Offensichtliche, nämlich am in vielen Kirchen noch vorhandenen Hochaltar zu zelebrieren, oder sich einfach vor den Volksaltar mit Blick auf den oftmals dahinter befindlichen Tabernakel oder das Kreuz zu stellen, kommt vielen gar nicht in den Sinn. Zu stark ist die im Studium erfahrene Prägung, dass soetwas ganz und gar nicht geht.
Man darf darüber schmunzeln, dass mancher Priester Selfies seiner Gemeindemitglieder an die Bänke klebt (z.B. hier). Positiv ist daran sicher das Zeugnis der Gläubigen, die damit ihrer Sehnsucht Ausdruck geben, mit dem Priester vor Gott zu stehen und es drückt sicherlich auch die Nähe zwischen Priester und Gemeinde aus. Aber es kann je nach Gesinnung auch ein Armutszeugnis für den Priester sein, denn der erste Adressat der Messe ist ja nicht das (nun nicht physisch anwesende) Volk, sondern Gott! Gerade wenn wir schon anerkennen, dass der Priester „stellvertretend“ Messe feiert, dann sollte er dies nicht in verschroben-imitierender Weise im Hinschauen auf Fotos seiner Gemeindemitglieder tun, sondern mit dem Blick auf Gott, vor dem er stellvertretend für viele steht. Der Priester sollte sich ganz Gott zuwenden und sich umso mehr die leidende Kirche im Fegfeuer und triumphierende Kirche im Himmel gegenwärtig halten – und so wahrhaft stellvertretend für das ganze Volk Gottes die Eucharistie feiern.
Vielleicht wäre das eine Gelegenheit, den Hochaltar für seinen eigentlichen Zweck zu gebrauchen, nachdem er jahrzehntelang primär als Hintergrundschmuck und Stellplatz für Blumenarrangements diente. Somit könnte sich der Priester, wenn er sich schon Bildern zuwenden will, auch gleich den Heiligen zuwenden (s. Bild).
Die Zelebration „zum Altar hin“ (im Unterschied zu „zum Volk hin“) ist übrigens auch im aktuellen deutschen Messbuch die gewöhnliche Form des Zelebrierens, was schon die vielen Rubriken beweisen, die ausdrücklich eine Wendung „zum Volk“ vorschreiben, wenn dieses tatsächlich angesprochen wird, die aber eine Wendung „zum Altar“ verlangen, wenn Gott im Gebet angesprochen wird. Vgl. meine Ausführungen HIER.


Noch ein Wort zur Stellvertretung: Der die Eucharistie feiernde Priester tut dies in gewisser Weise immer in der Weise der Stellvertretung für die Kirche bzw. sein Gemeinde. Es ist ein grobes Missverständnis, wenn der Priester als „Stellvertreter Gottes“ oder „Stellvertreter Christi“ angesehen wird. Er handelt zwar in bestimmten Augenblicken in persona Christi, also an dessen Stelle, aber v.a. und die meiste Zeit sowieso, ist er der Vor-Steher, der stellvertretend für seine Gemeinde, an ihrer Spitze, vor Gott steht!
Dieser wesentliche Dienst, der den Priester auszeichnet, ist leider mit der Verkehrung der Zelebrationsrichtung weitestgehend aus dem Bewusstsein der Gläubigen wie auch der Priester verlorengegangen. Leider hat gerade die Frontalstellung des Priesters genau zu jenem Missverständnis beigetragen: Der Adressat des Gebets ist Gott, er ist also das Gegenüber der betenden Gemeinde. Da nun aber der Priester ständig sichtbar der Gemeinde gegenübersteht, erzeugt dies den theologisch falschen aber intuitiv scheinbar richtigen Fehlschluss, er sei Stellvertreter Gottes, deswegen steht der da vorne, uns gegenüber. Was man also der (durchaus sehr demokratischen) gemeinsamen Gebetsrichtung von Priester und Volk vorwirft, dass sie den Priester in eine herausgehobene Machtposition bringt, ist eigentlich erst bei der dem Volk zugewandten Zelebration ein wirkliches Problem.

Steht der Priester dem Volk gegenüber, erscheint er nicht als Stellvertreter, sondern als Autorität, etwa wie der Lehrer im Frontalunterricht, oder wie der Redner auf der Tribüne, der den Menschenmassen erklärt, was Sache ist. Der Priester ist dann eben Animateur der Gemeinde (vgl. hier). Bei der gemeinsamen Gebetsrichtung wird hingegen deutlich, dass der Priester Teil des Volkes ist und dass er für dieses Volk eintritt, wie etwa Aaron aus dem Volk heraustrat und dem Herrn stellvertretend für das ganze Volk opferte (vgl. 3. Mose 9,7-8). Im Gegenüber, im gegenseitigen Anblicken ist wenig spürbar vom stellvertretenden Handeln des Priesters, dabei ist dieses nicht nur in der gegenwärtigen Krise, sondern immer von größter Bedeutung.


Kommen wir zur Frage der geistigen Kommunion

Insbesondere tut der Priester diesen stellvertretenden Dienst auch für diejenigen, die selbst nicht leiblich an der hl. Kommunion Anteil haben können. Dass dieser Tage auch vermehrt die geistliche Kommunion Erwähnung findet, ist, wie die Frage nach der Messe ohne Volk, durchaus bemerkenswert. Die Herren Liturgiewissenschaftler des ganz oben verlinkten Artikels meinen denn auch dazu kategorisch: "Das alles ist heute nicht mehr akzeptabel und beschädigt die Liturgie."

Seit Jahrzehnten hört man nichts davon, auch in der Theologie ist das bestenfalls ein Nischenthema, das eigentlich nur in konservativen Kreisen zuweilen auftaucht. Selbst bei wichtigen ethischen oder ökumenischen Fragen findet es keine Erwähnung. Stets redet man von der Bedeutung der eucharistischen Kommunion und meint damit ausschließlich die physische, die dann auch denen gespendet werden soll, die den katholischen Glauben nicht bekennen oder die in objektiv sündhaften Verhältnissen leben. Die bloße Erwähnung der Möglichkeit der geistigen Kommunion wurde bei diesen Diskussion schon als reaktionär und gehässig abgestempelt, als Hohn und Beleidigung gegen Menschen, die angeblich eine so starke Sehnsucht nach der Eucharistie verspüren, denen man es aber nicht zumuten möchte, sich zur Glaubens- und Morallehre der Kirche zu bekennen und sich entsprechend zu verhalten.
Es ist durchaus ein Ausdruck einer Konsummentalität, gepaart mit einer guten Portion Gönnerhaftigkeit, diesen Menschen unbedingt etwas „geben“ zu wollen, über das man in Wahrheit nach eigenem Gutdünken zu verfügen kein Recht hat (vgl. dazu hier). Es wird im Gegenteil behauptet, die Menschen hätten ein Recht auf den Kommunionempfang und ihnen dies zu verwehren bedeute, sie aus der Gemeinschaft auszuschließen.

Was noch vor kurzem als „antiökumenisch“ oder „unsensibel“ oder gar der Intention Jesu zuwider (Jesus sagte ja „nehmt und esst!“) bekämpft wurde, was theologisch totgeschwiegen oder sogar als unchristlich verschrien war, das empfehlen nun die Bischöfe.
Wohl gemerkt, in Fragen des Glaubens und der Moral steht dabei das ewige Heil der Seelen auf dem Spiel: „Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn. Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken. Denn wer davon isst und trinkt, ohne den Leib zu unterscheiden, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt.“ (1. Kor 11,27-29)
Im Fall von COVID-19 geht es um eine leibliche Krankheit, von der die allermeisten Menschen wieder genesen werden. Nichts desto trotz haben nicht wenige Priester und auch Hirten der Kirche keine Skrupel, denen die Kommunion zu reichen, die sich dadurch offenkundig in große Gefahr für ihr ewiges Heil begeben, ohne der Möglichkeit der geistigen Kommunion auch nur eine Silbe zu widmen. Aber kaum besteht die leibliche Gefahr einer ansteckenden Krankheit, ist die geistige Kommunion – Achtung: Wortwitz – in aller Munde.


Das letzte Abendmahl Jesu muss deutlich unterschieden werden von Jesu Sündermählern, man beachte auch die bei Johannes überlieferte Waschung. Die ganze christliche Tradition bezeugt indes, dass die volle Teilnahme an der Eucharistie denen im Stand der Gnade (getauft, versöhnt) vorbehalten war. Das primäre Sakrament der Sündenvergebung ist denn auch die Beichte, nicht die Eucharistie. Aus der Existenz des Beichtsakramentes ergibt sich schon der notwendige Zusammenhang, wonach die Beichte die Voraussetzung für die volle Teilnahme an der Eucharistie ist. Hier kann besonders die Praxis der Ostkirche lehrreich sein, wo der Kommunionempfang alles andere als selbstverständlich oder gar alltäglich ist. Die geistige Kommunion mit der ihr wesentlichen Sehnsucht nach dem leiblichen Empfang ist hier immer schon als eine große Hilfe gesehen worden, insbesondere auch bei der Vorbereitung auf die Beichte. Und sie ist ein Trost für die, denen der Gang zur Beichte schwer fällt oder die in scheinbar unlösbarer Not sind.


Wie auch bei der stellvertretenden Messzelebration für die Priester, so ergibt sich aus der Anweisung seitens der Bischöfe zur geistigen Kommunion nun ein Problem für die Gläubigen: Nur die wenigsten wissen mit dem Begriff der geistigen Kommunion überhaupt etwas anzufangen und noch weniger haben eine Vorstellung davon, was das konkret für die Praxis bedeutet. Zu fleißig und auch zu erfolgreich war das theologische und pastorale Establishment, diese seit Jahrhunderten geübte und von vielen Heiligen empfohlene Praxis zu verschweigen oder in Misskredit zu bringen.
Eine große Zahl von Gläubigen (inklusive der haupt- und ehrenamtlich in den Gemeinden Tätigen) erlebt und praktiziert die Kommunion nicht als Ausdruck einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus, sondern als einen Akt der Teilnahme an einem Ritual. Punkt. Daraus resultiert die Aggression gegen die Erwähnung der geistigen Kommunion, denn diese wird als Ausschluss von der Teilnahme am Ritual aufgefasst. Wir sollen aber, so sagt man uns, inklusiv sein und niemanden ausschließen.

Diese falsche Botschaft, dass die Versagung des leiblichen Kommunionempfangs mit einem Ausschluss aus der Gemeinschaft, gar mit einer Abkopplung von der Gemeinschaft mit Christus gleichbedeutend ist, rächt sich nun. Und zwar rächt sie sich bei denen, die eine echte Sehnsucht nach der Eucharistie haben und auch bei denen, die dies nicht haben.
Wer Sehnsucht nach der Beziehung zu Jesus Christus in der Eucharistie hat und wem erzählt wurde, dass eigentlich nur der leibliche Empfang „zählt“, bei dem herrscht nun Ratlosigkeit und vielleicht sogar Verzweiflung. Das kann zu großem Leid führen.
Wer bisher nur ein oberflächliches Verhältnis zur Eucharistie hatte, dem wird es nicht schwer fallen, alternative „Rituale“ zu (er)finden, um „Teilnahme“ zu praktizieren, was ihn nur noch weiter von der Wahrheit wegführt (man kann solche Surrogate in Wort-Gottes-Feiern zuweilen erleben).


Die jahrzehntelange Vernachlässigung der Verkündigung und Lehre nicht nur in moralischen Fragen die Eucharistie betreffend, kann nun aber v.a. dazu führen, dass sich bei vielen eine Gleichgültigkeit gegenüber der Eucharistie und damit eine Distanzierung von der Kirche ereignet: Vielen Katholiken ist nicht bewusst, dass es Umstände gibt, unter denen ein Verzicht auf den leiblichen Empfang der Eucharistie ratsam ist, gerade weil sie etwas so Heiliges und alles Begreifen Überragendes ist. Wenn ich in einer Weise Lebe und Handle, die im Widerspruch zur Liebe Jesu steht, dann wird der leibliche Empfang dieser Liebe, die Jesus selber ist, zur Lüge.
Wenn nun auf längere Zeit hin dieser Empfang aufgrund äußerer Umstände unmöglich ist, könnten diese Menschen zu der irrigen Meinung gelangen, dass das Leben allem Anschein nach auch ohne diesen Empfang funktioniert. Anders ausgedrückt: Wenn ich in der Vergangenheit zwischen meinem Handeln und meiner Teilhabe an Jesus in der Eucharistie keine echte Wirksamkeit und keine wechselseitigen(!) Konsequenzen gesehen habe (also: wie ich lebe beeinflusst meine Beziehung zu Jesus!), dann werde ich solche Konsequenzen jetzt auch nicht sehen.

Ganz davon abgesehen, fehlt es schlicht und ergreifend an Übung. Die allermeisten Gläubigen, ob ihnen nun die Eucharistie wenig oder viel bedeutet, wissen nicht, dass und v.a. wie man an ihr Anteil haben kann, ohne sie leiblich zu empfangen, wie man die Beziehung zum eucharistischen Herrn pflegen kann, ohne ihn zu berühren. (Siehe dazu meine Überlegungen zur gefährlichen eucharistischen Anbetung HIER.) Der bloße Hinweis von Seiten kirchlicher Autoritäten zum geistigen Empfang kann nur weitreichende Ratlosigkeit oder Gleichgültigkeit aufgrund von Nichtverstehen zur Folge haben. Bleibt zu hoffen, dass die, die ihrem Priester Selfies geschickt haben, um sie auf die Kirchenbänke kleben zu lassen, in der Lage sind, sich geistig mit dem eucharistischen Christus zu vereinigen.


Aus meiner eigenen Erfahrung, kenne ich den Reichtum, den die geistige Kommunion darstellt, sehr gut. In der Zeit zwischen meiner Bekehrung und meiner Taufe (etwa eineinhalb Jahre), konnte ich – das war mit instinktiv klar, das musste mir niemand erklären – die Kommunion nicht leiblich empfangen: Ich war nicht getauft, erst recht nicht katholisch, also kann ich hier nicht im Vollmaß teilnehmen. Das hat mich aber nicht daran gehindert, sie unzählige Male geistiger Weise zu empfangen, sei es während der Messe oder, was vermutlich häufiger war, in der Anbetung. Auch das musste mir übrigens niemand erklären – vom Konzept einer „geistigen Kommunion“ erfuhr ich erst lange nach meiner Taufe, ich wusste aber, dass es bei der Eucharistie um eine liebende Vereinigung geht –, ich tat es einfach: Ich ersehnte innerlich, geistig die Vereinigung mit dem, der vor mir gegenwärtig war.
Aber ich erfuhr bald, dass die allermeisten Katholiken nicht wussten, wovon ich sprach, wenn ich davon erzählte. Sogar manche Priester schauten schief. Jetzt empfehlen die Bischöfe die geistige Kommunion, aber mir ist bisher noch keine öffentliche Stellungnahme begegnet, die erklärt, worum es dabei geht. (Nur in Nischen finden sich Hinweise, so etwa von Weihbischof Schwaderlapp, HIER.)


Ich hoffe sehr, dass möglichst viele Priester möglichst häufig die hl. Messe feiern, und dass möglichst viele Gläubige häufig geistig kommunizieren, aber ich weiß, dass nicht wenige davon überfordert sind... es besteht die Gefahr des Abdriftens. Man wird sehen, was die Konsequenzen sein werden, die der jahrzehntelange Verkündigungsmangel bringt.

Sonntag, 15. März 2020

Sonntagspflicht in Zeiten von COVID-19

Verschiedentlich ist derzeit zu lesen, dass Bischöfe oder Generalvikare die Gläubigen ihrer Bistümer von der Sonntagspflicht befreien, oder von der Pflicht, eine Messe zu besuchen dispensieren würden. Es ist schwer zu sagen, ob wirklich das die Worte der Verantwortlichen sind, oder Versuche einer sinngetreuen Pressemeldung (vgl. z.B. in Essen, Hamburg, München, Würzburg, Köln; anders Osnabrück). Bei der DBK ist (hier) zu lesen: "Alle 27 (Erz-)Bistümer haben umfangreiche Maßnahmen erlassen, dazu zählen in fast allen Bistümern auch die Entbindung von der Sonntagspflicht und der Ausfall von Gottesdiensten."

Derlei Verlautbarungen sind m.E. fragwürdig. Das Kirchenrecht sieht bereits vor, dass, bei Fehlen eines Amtsträgers oder aus einem anderen schwerwiegenden Grund, Alternativen zur sonntäglichen Eucharistiefeier bereitstehen, deren sich die Gläubigen bedienen sollen; wenn nichts anderes geht, ist dies das persönliche Gebet bzw. das Gebet in der Familie (c. 1248 §2). Übrigens zählen zu den schwerwiegenden Gründen auch ganz alltägliche Sachen wie berufsmäßige Unverfügbarkeit einer Messe (z.B. Seefahrer) oder schlicht Krankheit oder Bettlägerigkeit.
Kurz gesagt: Eine Dispens von der Pflicht zum Besuch der Sonntagsmesse gibt es im strengen Sinne nicht (auch wenn c. 1245 CIC soetwas für Einzelfälle erwähnt), da eigentlich kein Fall denkbar ist, wo eine solche Dispens erforderlich sein könnte. Das Kirchenrecht sieht ja schon Umstände vor, die es entschuldigen, wenn diesem Gebot nicht nachgekommen werden kann, wobei dann sofort Alternativen geboten werden, wie man dennoch den Sonntag heiligen kann.

Es wäre klüger, geistlich sinnvoller und v.a. fruchtbarer, wenn die Verantwortlichen die Gläubigen darüber aufklären, dass sie unter den gegebenen Umständen entschuldigt und angehalten sind, auf andere, private Weise, den Tag des Herrn zu heiligen. Zu sagen, sie seien davon befreit oder dispensiert, relativiert m.E. die Gebote, da es den Eindruck erweckt, davon könne man nun einfach per Anordnung befreit werden.

Montag, 9. März 2020

Kommunion in Zeiten von COVID-19

Erneut veröffentlicht mit Ergänzungen.

"Der Leib Christi kann nur heilen, nie krank machen."

Solche und ähnliche Sprüche kursieren z.Z. in den sozialen Medien und sie sind gegen die Vorsichtsmaßnahme angesichts von COVID-19 gerichtet, zeitweilig auf die Mundkommunion zu verzichten.

Zunächstmal: Diese Vorsichtsmaßnahme geschieht nicht primär aus Angst, die Eucharistie selber könnte das Virus übertragen - sonst müsste man auf die Kommunion generell verzichten -, sondern es geht um die Gefahr des Körperkontakts, speziell der Übertragung von Speichel, was leider bei unerfahrenen/unachtsamen Spendern wie auch bei unerfahrenen/unachtsamen Empfängern der Mundkommunion tatsächlich vorkommen kann (und auch beim "Amen!" sagen oder durch bloßes Anhauchen). Im übrigen besteht auch bei der Handkommunion eine gewisse (wenn auch geringere) Gefahr, wenn einer z.B. vorher in die Hand hustet und der Priester beim Ablegen der Hostie in die Hand diese berührt. Dennoch halte ich die Vorsichtsmaßnahme für sinnvoll, denn bloß weil sich z.B. ein bestimmter Spender nicht dran hält bzw. nicht vorsichtig ist, muss ich es ihm ja nicht gleichtun.

Aber kommen wir zur Eucharistie, denn auch auf die Kelchkommunion durch Gläubige soll ja verzichtet werden. Auch das halte ich für sinnvoll.
Es stimmt: Der Leib Christi macht nicht krank. Aber: Die äußeren Gestalten, unter denen dieser Leib und das Blut Christi sakramental gegenwärtig werden, die können krank machen! Stichworte: Glutenunverträglichkeit, Alkoholiker. Die eucharistischen Gestalten haben alle physikalischen und chemischen Eigenschaften dessen, wonach sie aussehen. Sie können bekanntlich verderben, schlecht werden, schimmeln. Sie können allergische Reaktionen hervorrufen und die Gestalt des Weines hat die Effekte von Wein. (Ich selbst reagiere sehr empfindlich auf Alkohol und habe den Effekt bei der Sumption von überschüssig konsekriertem Blut bereits erlebt.) Wenn die eucharistischen Gestalten diese Wirkungen haben und auch etwa gegen Schimmelpilze nicht immun sind, dann können sie offenkundig auch Transportmittel für Bakterien, Viren und Sonstiges sein, sie haben keine magische, antibakteriell und antiviral wirkende Aura um sich.

Diese Tatsache sollte einen Christen nicht verwundern, war doch Jesus Christus, als er "in allem uns gleich, außer der Sünde" auf Erden wandelte, ebenfalls mit allen physikalischen und chemischen Eigenschaften ausgestattet, die man als Mensch nunmal hat... er hatte Hunger und Durst, hatte einen Stoffwechsel samt aller zu entsorgenden Stoffwechselendprodukte, konnte leiden, krank werden und sterben... Ja, es ist wahr: Die hochheilige Gottesmutter musste ab und an auch mal dem Jesuskind die Windeln wechseln!
Der Eucharistie eine magische Immunität zuzusprechen ist nichts weiter als die altbekannte Häresie des Doketismus (heißt: Jesus habe nur einen Scheinleib gehabt, keinen echten, den physikalischen Gegebenheiten unterworfenen): Die eucharistischen Gestalten seien keine echten Gestalten von Brot und Wein, sie sind es nur scheinbar.
So eine Ansicht ist nicht besonders fromm und sie ist auch kein Ausdruck der Treue zur Überlieferung. Schaut man einmal in die Praxis der Vergangenheit, stellt man fest, dass man schon damals vorsichtig und realistisch war. So gab es etwa die Praxis, bei Ansteckungsgefahr die Krankenkommunion mit einer Art Löffel zu reichen, an dessen Ende sich eine Lunula (wie in einer Monstranz) befand, siehe Bild. Heute wissen wir mehr über ansteckende Krankheiten, und dass es ratsam wäre, sich erst gar nicht im selben Raum aufzuhalten wie ein Pestkranker. Aber wir sehen: Auch in der Vergangenheit ging man nicht von einer magischen Aura der Eucharistie aus, die eine Ansteckung verhindert, sondern man ergriff dem aktuellen Verständnis der Krankheiten entsprechende Vorsichtsmaßnahmen.

Wer nun die Erkenntnisse der modernen Medizin verschmäht und meint, die Eucharistie würde ihn vor Ansteckung bewahren, der offenbart m.E. ein falsches Eucharistieverständnis. Wunder gibt es, seien sie eucharistisch oder Heilungswunder an besonderen Gnadenorten. Aber Wunder kann man nicht verallgemeinern und schon gar nicht voraussetzen oder garantieren, das wäre schon fast gotteslästerlich und erinnert an die Versuchungen Jesu in der Wüste, von denen wir dieser Tage erst wieder in der Messe gehört haben. Auch Weihwasser oder Lourdeswasser ist kein Zaubermittel: Auch dieses ist den physikalischen und chemischen Gesetzlichkeiten unterworfen. Diesem vergänglichen Wasser wundersamere Eigenschaften zuzusprechen als den vergänglichen Gestalten der hl. Eucharistie grenzt m.E. schon an Götzendienst.
Nochmal: früher ergriff man auch adäquate Vorsichtsmaßnahmen. Im Übrigen geht es nicht nur um einen selbst, sondern auch um die Gesundheit aller anderen!

Ich halte nichts von Panikmache. Klugheit und Achtsamkeit sollte man deshalb trotzdem nicht vernachlässigen. Es geht nicht nur um den eigenen Schutz, sondern auch den der anderen. Wenn z.B. ein Infizierter auf dem Empfang durch Mundkommunion besteht, er selbst oder der Priester aber nicht in der Lage ist, sie so zu spenden bzw. zu empfangen, dass ein Kontakt zwischen Zunge und Fingern ausgeschlossen ist, dann ist das ein echtes Übertragungsrisiko.
Es ist nicht so schwer: Hände oft waschen und desinfizieren, in die Innenseite der Ellenbogen husten statt in die Hand, möglichst wenig mit den Händen berühren, bei Mund- wie auch bei der Handkommunion Kontakt vermeiden, was oft bei der Handkommunion einfacher ist: Wenn man den Priester nicht kennt ist nicht klar, ob er richtig Mundkommunion reichen kann, gleichfalls sind aus Sicht des Priesters oft Gläubige nicht recht in der Lage, sie zu empfangen, wenn sie etwa "zuschnappen" oder sich unerwartet nach vorne bewegen.

Der Empfang der hl. Kommunion in ein auf der rechten Hand liegendes Tuch scheint mir übrigens keine sinnvolle Lösung zu sein. Die Praxis geht auf die Zeit zwischen dem 4. und 9. Jahrhundert zurück und betraf nur Frauen. Sie kam aus der Mode, als die Handkommunion aus der Mode kam. In der alten Praxis wurde der Leib des Herrn nicht auf die linke Hand gelegt und mit der Rechten Hand aufgenommen und zum Mund geführt, wie es heute Usus ist, sondern er wurde auf der Rechten Handfläche empfangen und dann direkt sumiert, indem der Kommunikant den Kopf zur Hand neigte und mit dem Mund den Leib des Herrn aufnahm. Diese Praxis war sinnvoll, solange es sich bei der eucharistischen Gestalt des Leibes Christi noch um "richtige" (gesäuerte) Brotstücke etwa in Würfelform handelte, die auf die beschriebene Weise leicht aufzunehmen waren. Mit unseren heutigen flachen (ungesäuerten) Hostien würde sich diese Praxis m.E. als ziemlich problematisch in der Durchführung erweisen. Von der Problematik der Reinigung dessen, was dann faktisch ein Corporale (oder: Dominicale) ist, ganz zu schweigen.


Zu guter Letzt bleibt immer noch die geistige bzw. geistliche Kommunion (vgl. meine Ausführungen dazu HIER). Für alle, die keine Handkommunion machen wollen, kann ich diese Form wärmstens empfehlen.
Die Eucharistie ist v.a. Nahrung für das ewige Leben, insofern bleibt neben hygienischen Fragen die wichtigste zu beachtende Sache immer noch die rechte Disposition zum Empfang des Sakraments. Eine Beichte mag zwar auch nicht vor einer viralen Ansteckung schützen, aber sie sorgt dafür, dass die Eucharistie fruchtbar werden kann, ob nun Mund-, Hand- oder geistige Kommunion. Es ist durchaus befremdlich, dass man dieser Tage von unseren Bischöfen und Priestern so viel über hygienische Fragen zum Kommunionempfang hört, aber ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal etwas zur noch viel schwerwiegenderen moralischen Disposition und zum würdigen Empfang gehört habe... Das betrifft dann v.a. das ewige Heil, aber auch schon das irdische Wohl: »Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn. Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken. Denn wer davon isst und trinkt, ohne den Leib zu unterscheiden, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt. Deswegen sind unter euch viele schwach und krank und nicht wenige sind schon entschlafen.« (1Kor 11,27-30)

Das Bild stammt aus: A. Schmid, Cæremoniale für Priester, Leviten, Ministranten und Sänger, Kempten/München 1906.

Mittwoch, 4. März 2020

Das Tal der Ahnungslosen

In der DDR bezeichnete man die Gebiete, in denen kein Westfernsehen empfangen werden konnte, als "Tal der Ahnungslosen". Stellt sich raus, der suizidale Weg von DBK und ZdK ist auch solch ein Tal.

Auf katholisch.de darf (hier) eine Ordensschwester, die auch bei jenem Weg ihre Gedanken vortragen durfte, ihrem Unmut über die kirchliche Sexualmoral Ausdruck geben. Dazu bietet sie diese Perle der Weisheit: "Bei der Position der gültigen Kirchenlehre ist immer von Fruchtbarkeit die Rede und dass bestimmte Lebens- und Partnerschaftsformen in der Kirche nicht gehen, weil die Menschen in ihnen nicht fruchtbar sein können – zum Beispiel homosexuelle Paare."

Sie beklagt an der kirchlichen Sexualmoral eine Verengung der Rede von der Fruchtbarkeit auf das rein Biologische und hat offenbar dann noch die suizidale Versammlung mit der (für ihre Zuhörer offenbar ganz neuen) Erkenntnis "überrascht", dass man auch fruchtbar sein könne, ohne Sex zu haben.
Wow! Hätte uns doch bloß vorher schon einmal jemand darüber aufgeklärt, dass man auch Frucht bringen kann, ohne Sex zu haben... das verändert alles!!!

Natürlich ist "Fruchtbarkeit" spätestens seit dem öffentlichen Auftreten Jesu von Nazareths für die Christen ganz selbstverständlich eine das Biologische bei weitem überschreitende Kategorie und war es auch in der ganzen Tradition der Kirche (ein paar biblische Beispiele: Mt 3,8; Mk 4,13-20; Joh 15,4-5.8.16; Röm 7,4; Gal 5,22; Phil 1,22; Kol 1,10). Ich frage mich, ob diese Ordensfrau glaubt, als erste so etwas wie "geistliche Mutterschaft" entdeckt zu haben? Nicht wenige Mitglieder des suizidalen Weges scheinen jedenfalls dort zum ersten Mal etwas davon gehört zu haben... und die Redaktion von katholisch.de scheint auch ganz aus dem Häuschen zu sein ob dieser Erkenntnis.

Der Katechismus der katholischen Kirche redet übrigens von Fruchtbarkeit vielfach im geistlichen Sinn: Die Fruchtbarkeit der Kirche, die von Christus kommt, die Fruchtbarkeit des apostolischen Wirkens. Im Kapitel über die eheliche Fruchtbarkeit geht es nur im ersten Punkt um die leibliche Fruchtbarkeit, unmittelbar darauf wird erklärt: "Fruchtbarkeit der ehelichen Liebe besteht auch in den Früchten des sittlichen, geistigen und übernatürlichen Lebens" (1653). Und für den Fall biologischer Unfruchtbarkeit wird erklärt, dass die Eheleute "dennoch ein menschlich und christlich sinnvolles Eheleben führen. Ihre Ehe kann fruchtbar sein an Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Opfergeist und diese ausstrahlen." (1654) Johannes Paul II. spricht in auch Familiaris consortio ausführlich von der übernatürlichen Fruchtbarkeit der Kirche, die gerade durch die Familien sichtbar und wirksam wird.

Und was ist mit nicht-eheliche Beziehungen, etwa homosexuellen Verbindungen? Nun: Nirgendwo steht etwas davon, dass diese grundsätzlich, auch im geistlichen Sinne, unfruchtbar seien und darum "nicht gehen". Weder im Katechismus, noch in der Erklärung der Glaubenskongregation zu Fragen der Sexualethik von 1975, noch im Schreiben Joseph Ratzingers an die Bischöfe über die Seelsorge für homosexuelle Personen von 1986, noch im Schreiben der Glaubenskongregation über die rechtliche Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften von 2003. [Ausführlich zur Frage der Sündhaftigkeit praktizierter Homosexualität habe ich HIER geschrieben.]
An keiner Stelle wird behauptet, dass homosexuelle Partnerschaften über das Biologische hinaus "nicht fruchtbar" seien. Es wird erklärt, dass beim homosexuellen Verkehr keine Nachkommen gezeugt werden können (biologische Unfruchtbarkeit) und dass dieser Verkehr darum unsittlich ist - das gleiche trifft übrigens auch auf absichtlich unfruchtbar gemachten heterosexuellen Verkehr zu (künstliche Empfängnisverhütung!). Hinzu kommt dann noch, dass Sex nur in der Ehe seinen Platz hat und eine Ehe nur zwischen einem Mann und einer Frau bestehen kann.

Die Kirche hat nie, nirgends und an keiner Stelle behauptet, dass biologische Unfruchtbarkeit auch zwischenmenschliche oder gar geistliche Unfruchtbarkeit bedeutet. Sie weist allerdings darauf hin, wie Jesus dies auch unentwegt tat, dass die Sünde einer solchen Fruchtbarkeit im Wege steht. Die Kirche spricht aber keinem Menschen die Möglichkeit zur geistlichen Fruchtbarkeit ab. Über homosexuell empfindende Menschen sagt sie: "Auch diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen und, wenn sie Christen sind, die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer Verfaßtheit erwachsen können, mit dem Kreuzesopfer des Herrn zu vereinen." (2358) Wie alle Menschen, so können auch sie sich "durch das Gebet und die sakramentale Gnade Schritt um Schritt, aber entschieden der christlichen Vollkommenheit annähern." (2359)

Jene Schwester, der die kirchliche Sexualmoral "gegen den Strich geht", weiß offenkundig nicht, worüber sie spricht. Dieser Verdacht wird noch von zweierlei genährt: Die Frau redet viel von geistlicher Fruchtbarkeit und vom "dem Leben dienen", erwähnt aber, anders als der Katechismus, die Quelle geistlicher Fruchtbarkeit nicht, und dass Sünde diese beeinträchtigen kann... komisch. Und auch dies: Sie nennt das Ordensleben eine Lebensform, aber das Priestertum bezeichnet sie nur als "Beruf", worauf sie dann ihre Kritik am Zölibat gründet. Hä?

Dass man die Delegierten des suizidalen Weges damit "überraschen" kann, dass man ihnen erklärt, Fruchtbarkeit sei gar nicht nur eine rein biologische Sache, nährt in mir ein deutliches Gefühl des Fremdschämens. Wissen diese Leute so wenig von der christlichen Tradition, sind sie so ahnungslos?
"... sie wissen nicht, was sie tun"...



Nachtrag: Laut einem aktuellen Bericht von kath.net (hier) leidet wohl der Theologe Ansgar Wucherpfennig unter der gleichen Ignoranz, was die Morallehre der Kirche zum Thema "Fruchtbarkeit" betrifft. Tja.
Übrigens ist es keine Sensation, dass hier auf bistumsebene über die Segnung homosexueller Paare nachgedacht wird. In vielen Bistümern wird das bereits mit ausdrücklicher Billigung der kirchlichen Behörden praktiziert. Sowas wird ganz selbstverständlich in der Kategorie "kirchliches Angebot" oder "liturgische Vielfalt" verbucht und niemand hat Hemmungen, intern darüber zu sprechen. Wie heißt es so schön: Die Praxis ist da schon viel weiter.

Samstag, 29. Februar 2020

"ideeller Verlust"

Auf katholisch.de findet sich heute eine (KNA) Meldung über Hosteindiebstahl (hier). Abgesehen von dem materiellen Schaden spricht die Meldung von einem "ideellen" Verlust, der entstanden sei.

"Ideell" meint laut Duden etwas "die Idee betreffend, auf ihr beruhend, von ihr bestimmt".
Es ist ein interessantes Symptom unseres innerkirchlichen Verrottungsprozesses, dass selbst von offiziellen katholischen Medien der Diebstahl des sakramentalen Leibes unseres Herrn Jesus Christus fernab der Kategorie des Sakrilegs, ja generell fernab von allem Sakralen nurmehr als ein Vergehen an etwas Ideellem wahrgenommen werden kann... Bei der weltlichen Presse würde ich diese Sprache erwarten, sie wäre entschuldigt durch Unkenntnis. Aber hier?

Die echte Sorge um das Heil
Seit der Frühzeit des Christentums haben immer wieder Menschen lieber Schmerzen und Tod erlitten, als diesem allheiligsten Sakrament etwas zustoßen zu lassen. Ich bezweifle, dass irgendjemand den Tod riskieren würde, um einen "ideellen Verlust" abzuwenden.
Wenn die Eucharistie nur von ideellem Wert ist, ist sie wertlos... und ihre Anbetung ist Götzendienst.

Samstag, 22. Februar 2020

Petrus der Versager

Petrus ist ein armer Kerl. Immer bekommt er was auf den Deckel, immer macht er was falsch. Bei keinem anderen Menschen im Neuen Testament wird sein Scheitern, sein Unglaube, sein Irrtum, so oft und so penibel geschildert.

»Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?« (Mt 14,29-31)
 
»Und Petrus antwortete und sprach zu Jesus: Rabbi, hier ist für uns gut sein; wir wollen drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. Er wusste aber nicht, was er redete; denn sie waren verstört.« (Mk 9,5-6) 

»Von da an begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären: Er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten und Hohepriestern und Schriftgelehrten vieles erleiden, getötet und am dritten Tag auferweckt werden. Da nahm ihn Petrus beiseite und begann, ihn zurechtzuweisen, und sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen! Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.« (Mt 16,21-23)

»Petrus aber saß draußen im Hof. [...] Er leugnete aber vor ihnen allen und sprach: Ich weiß nicht, was du sagst.[...]  Und er leugnete abermals und schwor dazu: Ich kenne den Menschen nicht. [...] Da fing er an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht. Und alsbald krähte der Hahn. Da dachte Petrus an das Wort, das Jesus gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.« (Mt 26,69-75) 

»Als aber Kephas nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn er hatte sich ins Unrecht gesetzt. Denn bevor einige von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus der Beschneidung fürchtete. Und mit ihm heuchelten auch die andern Juden, sodass selbst Barnabas verführt wurde, mit ihnen zu heucheln.« (Gal 2,11-13)
 

Petrus ist vermutlich der fehlbarste Mensch im Neuen Testament. Und trotzdem ist er der "Erste" unter den Jüngern, der für die anderen spricht, trotzdem baut der Herr auf ihn Seine Kirche, trotzdem übergibt er ihm die Schlüssel zum Himmelreich, trotzdem befiehlt er ihm vor allen anderen, seine Schafe zu weiden. Ein fehlbarer (theologisch wenig versierter, rhetorisch ungeschickter und nicht gerade feinfühliger) Papst ist also nichts Ungewöhnliches... es müsste eigentlich der Normalfall sein, nur waren wir im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert mit einer außerordentlichen Fülle an wundervollen Päpsten gesegnet. 

Das Fest der Kathedra Petri kann vielleicht helfen, von der Person des jeweils auf diesem Stuhl Platz Nehmenden etwas Abstand zu gewinnen. Auch JPII und BXVI waren nicht über jeden Fehler und jede Nachlässigkeit erhaben.

Freitag, 14. Februar 2020

Katholischer Valentinstag

in Santra Prassede in Rom
Neben den Heiligen Patronen Europas, Kyrill und Methodius, ehrt die Kirche heute auch den heiligen Priester Valentin, jenen römischen Märtyrer des 3. Jahrhunderts, der wegen seiner hingebungsvollen Sorge für christliche Paare und deren vom Kaiser verbotenen Eheschließung nach christlichem Brauch in Rom am heutigen Tag enthauptet wurde. Wie romantisch...

Nicht zu verwechseln mit dem ebenfalls heute geehrten Heiligen Bischof Valentin von Terni, der etwa zur selben Zeit in Rom enthauptet wurde, aber aus anderen Gründen.

Donnerstag, 13. Februar 2020

Bedeutung des sakramentalen Priestertums

Nun ist also das Nachsynodale Apostolische Schreiben zur Amazonassynode mit dem spanischen(!) Titel "Querida Amazonia" erschienen. Die schlimmsten Befürchtungen vieler haben sich nicht erfüllt, dafür wurden die Hoffnungen vieler anderen enttäuscht.
Bedauerlich ist, dass in der Weltpresse (katholisch.de bringt eine Hilfreiche Presseschau HIER) beinahe flächendeckend nur die Reizthemen behandelt werden und die eigentliche Botschaft des Papstes untergeht. Ganz ehrlich: Hätte der Papst die Hoffnungen etwa der Mehrheit der Mitglieder des suizidalen Weges erfüllt, dann würde sein eigentliches Anliegen noch weniger Beachtung finden. Würde der Zölibat gelockert oder das Sakrament der Weihe in Frage gestellt, würde das Dokument ausschließlich als das Dokument in die Geschichte eingehen, das eben dies getan hat, nichts anderes wäre mehr interessant. So aber hat der Papst nur wiederholt, was vor ihm schon galt - laaangweilig -, man kann sich also getrost dem Rest des Dokuments zuwenden.

Dennoch will ich mich hier auch kurz der Frage des Weihesakraments zuwenden. Franziskus führt bemerkenswerter Weise exakt die selben "Begründung" an, die auch Marianne Schlosser in so schöner Weise dargelegt hat (siehe Text am Schluss): "Jesus Christus zeigt sich als der Bräutigam der Eucharistie feiernden Gemeinschaft in der Gestalt eines Mannes, der ihr vorsteht als Zeichen des einen Priesters." (QA 101) Der Papst spricht von einem "Dialog zwischen Bräutigam und Braut, der sich in der Anbetung vollzieht und die Gemeinschaft heiligt", weswegen es in keiner Weise zufällig oder beliebig ist, dass der geweihte Zelebrant der Eucharistiefeier ein Mann ist. Daran wird auch der Grundirrtum eines Bischofs Bode sehr schön deutlich: Dieser *hust* Würdenträger der Kirche hat offenbar noch nie einen Gedanken daran verschwendet, dass Christus sich selbst als Bräutigam seiner Gemeinde bezeichnet hat (vgl. Mt 9,15). An dieser Stelle kann man sich getrost fragen, ob Bischof Bode - als Priester, der er ist - eventuell in einer Identitätskrise steckt...

Es ist aufschlussreich, dass Franziskus, in Übereinstimmung mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, die drei Stufen des Weihesakraments als Einheit versteht: Es gibt nur ein Weihesakrament in drei Stufen. Und so ergibt es sich, dass es nicht nur eine Unmöglichkeit der Priesterweihe der Frau gibt, sondern dass eine Zulassung zu den "heiligen Weihen" (QA 100) ausgeschlossen ist. Denen, die meinen, Frauen könnten nur eine gewichtige Rolle in der Kirche spielen, wenn sie auch geweiht werden könnten - die Weihe sei geradezu eine "Anerkennung" ihrer Leistungen oder ein "Recht" (im Sinne der Gleichberechtigung) -, bescheinigt der Papst einen "Reduktionismus". Erst kürzlich fand ich in einer Kirche einen Aushang zu einem regelmäßig in der Kirche stattfindenden Gebetstreffen "für eine geschlechtergerechte Kirche" und die kfd reagierte auf das Papstschreiben mit dem Hinweis "ihr Einsatz für eine lebendige Kirche" solle doch "mit einer Weihe anerkannt werden" (siehe HIER), so als wäre das Sakrament der Weihe eine Belohnung (irgendwie muss ich dabei die ganze Zeit an einen zu dressierenden Hund denken, der zur Belohnung ein Leckerli bekommt...).

Bei der Beschreibung dessen, "was dem Priester in besonderer Weise zukommt, was nicht delegierbar ist", führt der Papst sehr eindrücklich aus:
"Die Antwort liegt im heiligen Sakrament der Weihe begründet, das ihn Christus, dem Priester, gleichgestaltet. Und die erste Schlussfolgerung ist, dass dieser ausschließliche Charakter, der in den heiligen Weihen empfangen wird, ihn allein befähigt, der Eucharistie vorzustehen. Das ist sein spezifischer, vorrangiger und nicht delegierbarer Auftrag. [...] Wenn gesagt wird, dass der Priester 'Christus das Haupt' darstellt, dann bedeutet das vor allem, dass Christus die Quelle der Gnade ist: Er ist das Haupt der Kirche, denn er hat »die Kraft, allen Gliedern der Kirche Gnade einzuflößen«.
Der Priester ist Zeichen dieses Hauptes, das die Gnade vor allem im Feiern der Eucharistie ausgießt, die Quelle und Höhepunkt allen christlichen Lebens ist. Darin besteht seine große Amtsgewalt, die nur im Weihesakrament empfangen werden kann. Deshalb kann nur er sagen: 'Das ist mein Leib'. Auch andere Worte kann nur er sprechen: 'Ich spreche dich los von deinen Sünden'. Denn die sakramentale Vergebung steht im Dienst einer würdigen Eucharistiefeier. Diese beiden Sakramente bilden die Mitte seiner exklusiven Identität." (QA 87-88)

Damit ist Wesentliches zum Sakrament der Weihe ausgesagt, das immer wieder in Erinnerung gerufen werden muss, auch wenn es eigentlich selbstverständlich ist. Besonders die Erinnerung an den Zusammenhang von Eucharistie und Beichte ist sehr zu begrüßen.
Schließlich ist es auch schön zu sehen, dass die marianische Perspektive genau hier ins Spiel kommt:
"Denn der Herr wollte seine Macht und seine Liebe in zwei menschlichen Gesichtern kundtun: das seines göttlichen menschgewordenen Sohnes und das eines weiblichen Geschöpfes, Maria. Die Frauen leisten ihren Beitrag zur Kirche auf ihre eigene Weise und indem sie die Kraft und Zärtlichkeit der Mutter Maria weitergeben. Auf diese Weise bleiben wir nicht bei einem funktionalen Ansatz stehen, sondern treten ein in die innere Struktur der Kirche." (QA 101)

Bleibt abzuwarten, was nun aus dem suizidalen Weg wird. Ich vermute jetzt einfach mal ins Blaue hinein, dass Kardinal Marx vor wenigen Tagen nicht zufällig seinen Verzicht auf den Vorsitz der DBK bekannt gegeben hat, denn mit Querida Amazonia ist ein guter Teil von dem, wofür er den suizidale Weg gestartet hat, hinfällig und damit er selbst auch in Frage gestellt.
Auch dürfte es interessant sein zu sehen, wie nun der aktuelle Hyper-Papalismus in sein Gegenteil umschlägt...


Der entscheidende Passus in den Ausführungen von Prof. Schlosser (der ganze Text ist HIER):
Warum aber kann dieses Sakrament der Repräsentanz nicht einer Frau übertragen werden?
Zu einem Sakrament gehört die Einsetzung durch Christus, d.h. die Verknüpfung eines sichtbaren Gegenstands oder Vollzugs mit einer neuen Bedeutung und einer von Christus selbst verbürgten Wirkung. Er hätte es prinzipiell auch anders anordnen können, hätte auf die Sendung der Apostel ganz verzichten können, oder hätte alles (und nicht nur vieles) der späteren Entwicklung in der Glaubensgemeinschaft überlassen können. Wenn aber etwas ein „Zeichen“ sein soll, dann muss es auf den bezeichneten Gehalt bestmöglich hinweisen (Signifikanz). Öl oder Wein haben eine andere Signifikanz als Wasser. Bei „Hochzeitsmahl“ denken wir an etwas anderes als an eine Geburtstagsparty, und wenn sie noch so rauschend gefeiert würde. Dieser Aspekt ist nicht Spielerei mit Bildern, sondern relevant, weil die Sakramente per definitionem „wahrnehmbare Zeichen“ für eine unsichtbare Wirklichkeit sind.
Und da scheint mir sehr einleuchtend, dass eine Frau kein signifikantes Zeichen für den Bräutigam der Kirche ist. Wie umgekehrt ein Mann kein signifikantes Zeichen für die Braut Kirche ist. So erhalten Ordensfrauen oft einen Ring am Tag der Profess, bei Mönchen ist das unüblich – obwohl beide die bräutliche Liebe zu Christus leben, sind sie in unterschiedlicher Weise sichtbares Zeichen
dafür.
Die Plausibilität des Arguments beruht dabei nicht nur auf einem natürlichen Vorverständnis – ebenso wenig wie die Sakramente einfach die religiöse Variante natürlicher Riten sind –, sondern auf der Verbindung zwischen Schöpfungswirklichkeit und geschichtlicher Offenbarung Gottes; man könnte auch sagen: die Wirklichkeit der Schöpfung und ihrer Symbolik wird zur Mitteilung der Erlösung verwendet. Christus „interpretiert“ die Schöpfung, wenn er die Sakramente einsetzt. Die in der Hl. Schrift als dem Niederschlag der Selbstmitteilung Gottes verwendeten Symbole sind daher nicht einfach „Bilder“, die man beliebig ersetzen könnte. Sie sind vielmehr der Weg, wie das unergründliche, göttliche Geheimnis der Liebe Christi uns nahegebracht wird. Dass das Verhältnis zwischen Jahwe und seinem geliebten Volk als Ehebund umschrieben wird, dass die Evangelien Jesus als „Bräutigam“ bezeichnen, Paulus von der Braut Kirche (vgl. 2 Kor 11,2; Eph 5) spricht, die ihr Leben dem Bräutigam verdankt, oder dass die eschatologische Erfüllung, die Freude ohne Ende, deren sakramentales Vorausbild die Eucharistiefeier ist, einem Hochzeitsmahl gleicht (z.B. Apok 22), ist nicht beliebige Bildsprache, sondern bringt zum Ausdruck, dass die Menschheit, ja der einzelne Mensch von Gottes Liebe umworben wird. Nicht umgekehrt.

Montag, 10. Februar 2020

Prophet, Priester und König

Der Dortmunder "Theologe" Thomas Ruster darf auf katholisch.de Werbung für sein neues Buch machen (HIER).

Ruster schlägt vor, das Priesteramt zu zerstückeln: Ausgehend von der vom Zweiten Vatikanischen Konzil stark gemachten (aber durchaus nicht erfundenen) Dreiheit des Amtes Christi als Prophet, Priester und König, an dem alle Getauften und ebenso die Priester in besonderer Weise Anteil erhalten, glaubt er, hier die Möglichkeit vorgezeichnet zu sehen, Priester zu weihen, die nur je eines dieser Ämter ausüben. Geschlecht egal. Auf einen Zeitraum von drei Jahren und auf das Gebiet eines Bistums beschränkt.
Mit anderen Worten: Thomas Ruster möchte ganz unverhohlen das Sakrament der Weihe durch drei verschiedene Beauftragungen von Laien ersetzen. Natürlich behauptet er, das Sakrament beizubehalten (der Bischof soll es tun!), so wie er auch einfach behauptet, seinem Vorschlag stünde nichts im Wege... Selten so einen Stuss gelesen.
Mich interessiert eher weniger, dass er faktisch etwas abschaffen will, was zum Kern des katholischen Glaubens gehört - das tun viele "Theologen" schon zum Frühstück -, mich interessiert hier nur seine Prämisse: Nämlich, dass man jene "drei Ämter" Christi von einander trennen kann. (Beim durchblättern des Buches hatte ich nicht den Eindruck, dass er, seine eigene Logik anwendend, in Zukunft auch drei verschiedene Taufen spenden möchte... dem Christen an sich gesteht er also zu, alle drei Ämter Christi mittels der Taufe zugleich anvertraut zu bekommen... Priester sollen/können/dürfen dies aber nicht.) Sein Vorschlag wird bestimmt begeistert aufgenommen, löst er doch, wie er selbst begeistert verkündet, scheinbar alle Probleme des Priestertums, die gegenwärtig etwa beim suizidalen Weg Thema sind...

Ums kurz zu machen: Natürlich ist das Mumpitz.
Das "Neue" am "Neuen Bund" ist ja gerade dies, dass einer gekommen ist, der, im Unterschied zum "Alten Bund" (s. Bild), alle drei "Ämter" in sich vereinigt, und der denen, die ihm nachfolgen, an diesen Anteil gibt. Prophet, Priester und König sind im neuen Bund nicht teilbar, so wenig wie Jesus Christus zerteilbar ist. Alles andere wäre ein Rückfall in eine Zeit vor der Inkarnation des Gottessohnes. Da mir gerade aber nicht nach großem Geschreibsel ist, lasse ich nun einfach noch Johannes Paul II. sprechen:

»Das II. Vatikanische Konzil hat die Auffassung vom Priestertum vertieft und es im Zusammenhang seiner Lehraussagen als Ausdruck der inneren Kräfte und "Dynamismen" dargestellt, durch die sich die Sendung des ganzen Volkes Gottes in der Kirche ausformt und entfaltet. Hier gilt es vor allem, die Konstitution Lumen gentium zu beachten und ihre entsprechenden Abschnitte aufmerksam nachzulesen. Die Sendung des Volkes Gottes vollzieht sich durch die Teilnahme an dem Amt und der Sendung Christi selber, die bekanntlich eine dreifache Dimension aufweisen: Sendung und Amt des Propheten, Priesters und Königs. Wer die Konzilstexte aufmerksam studiert, weiß, daß man eigentlich nur von einer dreifachen Dimension des Amtes und der Sendung Christi sprechen darf statt von drei verschiedenen Funktionen. Diese sind nämlich zuinnerst miteinander verbunden, sie erklären, bedingen und verdeutlichen sich gegenseitig. Folglich entspringt auch unsere Teilnahme an der Sendung und dem Amt Christi aus dieser dreifach gegliederten Einheit. Als Christen, als Glieder des Volkes Gottes und später dann als Priester, die in die hierarchische Ordnung der Kirche eingefügt sind, verdanken wir unseren Ursprung der Gesamtwirklichkeit der Sendung und des Amtes unseres Meisters, der zugleich Prophet, Priester und König ist. Für ihn sollen wir in der Kirche und vor der Welt besondere Zeugen sein.«
(aus: Papst Johannes Paul II., Schreiben zum Gründonnerstag 1979 "Novo incipiente", an alle Priester der Kirche über den priesterlichen Dienst; HIER nachzulesen)