Samstag, 11. August 2012

Das Licht der Heiligen

ecclesia triumphans
»Niemand zündet ein Licht an und stellt es in einen versteckten Winkel oder stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf einen Leuchter, damit alle, die eintreten, es leuchten sehen.« (Lk 11,33)

Grund #1053 warum ich jeden Tag gerne katholisch bin: Die Heiligen.

Die Heiligen sind Lichter (in) der Kirche.
Die Kirche lässt sie nicht ins Dunkel der Vergangenheit sinken, sondern hebt, so gut sie kann, das Licht auf den Leuchter. Gerade die Weise, wie dieses Wort Jesu bei Lukas (zweimal, vgl. 8,16) überliefert sind macht es sehr deutlich: Wer in ein Haus kommt braucht Licht um sich im Haus zu orientieren. So habe ich auch immer die Heiligen (unter ihnen besonders die Kirchenväter und -lehrer) als Hilfen betrachtet, die mir Orientierung geben... im Gebäude der Kirche, aber v.a. auf den Einen hin.

Neulich wurde ich wieder einmal von einem nach eigener Auskunft überzeugten Katholiken gefragt, ob ich auch einer von diesen "Vorkonziliaren" wäre (nachdem ich gerade ein kleines Gebetbüchlein antiquarisch erwarb, das 1947 gedruckt wurde). "Nein", erwiederte ich, "ich bin Katholik! Es ist ja die eine Kirche, mit allen 21 ökumenischen Konzilien." Auch die Heiligen gehören dazu: "Haben sie gewusst", sagte ich, "dass über 99% aller Heiligen die in unserer Kirche verehrt werden 'vorkonziliar' sind?"

Gute n8!

Man stellt es auf den Leuchter

»In einer fast schon greisenhaft gewordenen, absterbenden Welt, in der sich die Sicht aus dem Glauben verdunkelte, der sittliche Wandel wankte, männliche Tatkraft erlahmte; ja in einer Zeit, wo Schmutz und Laster sich verbündeten, da erweckte Gott, der die Menschen liebt, aus seiner geheimnisvollen Güte ganz neue heilige Orden. Mit ihnen stützte er vorsorglich den Glauben und erneuerte die sittliche Zucht. Ich möchte diese neuartigen Väter zusammen mit ihren Nachfolgern Leuchten des Erdkreises, Wegweiser und Lehrer des Lebens heißen. In ihnen leuchtete der abendlich untergehenden Welt eine Heiligkeit auf wie am Mittag, damit sie, die im Finstern wandelte (Is 9,1), das Licht sehe.
[...] Deshalb erweckte der gütige Gott die ehrwürdige Jungfrau Klara und zündete in ihr der Frauenwelt eine Lampe an...«

(Thomas von Celano, Leben der hl. Klara von Assisi, Einleitender Brief an Papst Alexander IV.)

Freitag, 10. August 2012

Crashkurs, anyone?

Es kann durchaus lohnend sein, sich anderer Leute Hochzeiten zuzumuten, um herauszufinden, wie man es nicht macht. Das Fremdschämen, v.a. wenn man mit den Brautleuten befreundet ist und der Bräutigam ein fertig ausgebildeter Theologe ist, muss man dann halt ertragen. Umso lehrreicher ist es dann aber auch!

Ob es wohl machbar ist, alle Teilnehmer (Familie, Freunde etc.) vorher zu drillen, damit sie dann zum Zeitpunkt des Geschehens zumindest wissen, wie man sich in einer Kirche verhält und wie nicht? Die Teilnahme am Drill als Zulassungsvoraussetzung für die eigentliche Feier?

Die Feier an sich war schön und die Braut superb.
Die Beiden sind ein tolles Paar! Gottes Segen! :)

Donnerstag, 9. August 2012

Edith Stein: Märtyrin

Alle Jahre wieder, besonders von Rechtsaußen (weils Linksaußen niemanden interessiert), und besonders laut, seit 2006 ihre Statue am Petersdom errichtet wurde, hört man den Vorwurf, Edith Stein sei garkeine Märtyrin, weil sie ja schließlich aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ermordet wurde und nicht aufgrund ihres Bekenntnisses zu Christus. Übrigens genau heute vor 70 Jahren.

Dieser Vorwurf zeugt von einer bemerkenswerten Oberflächlichkeit und Ignoranz, da er das Denken und Fühlen, das Leben und Sterben und auch das überaus reale Bekenntnis dieser großen Frau völlig außer Acht lässt und, nicht unähnlich den Nazis, auf einer rein biologisch-äußerlichen Ebene verbleibt.
Teresia Benedicta a Cruce hat sich, weil (und seit) sie Christin wurde, überhaupt erst zu ihren jüdischen Wurzeln bekannt, und sie hat ihr Leid als Nachfolge Christi (eines Juden!) interpretiert, in einer Weise, die, wegen ihrer einzigartigen Geschichte, sonst nicht anzutreffen ist. Sie hat überaus bewusst ihr Leid als Jüdin und Christin angenommen -- das ließ sich für sie garnicht trennen! Und ich habe überhaupt keinen Zweifel, dass der Herr ihr Leid auch so angenommen hat.

Die Nazis mögen sie wegen ihrer "jüdischen Gene" verfolgt haben (was das ist, kann uns bestimmt Herr Sarrazin erklären... übrigens ein Mensch ohne jede naturwissenschaftliche Ausbildung...), aber Edith Stein hat diese Verfolgung angenommen -- gerade weil sie sich dank ihres Katholischseins auch als Jüdin verstand!
In gewissem Sinne können wir das alle mit Pius XI. (1938) sagen: Geistlich sind wir alle Semiten. Edith Stein konnte das noch in sehr viel breiterem Sinne voller Stolz sagen -- und sie tat es auch! Aber eben noch viel mehr als das.

Und darum ist sie eine der bedeutendsten Märtyrer des 20. Jahrhunderts: Weil sie die de facto gegebene Verwobenheit von Judentum und Christentum, ihre "Perichorese", wenn man so will, wirklich gelebt hat! Und darum kann ich mich auch über ihre Darstellung an der Peterskirche durchaus freuen: Sie drückt genau das aus... Thora und Kreuz sind für uns Christen eigentlich nicht wirklich zu trennen... alles andere wäre bloß verkappter Markionismus.


Ein Wort der Heiligen aus ihrer "Kreuzeswissenschaft": 
»Alle, die den Mut haben, das Kreuz und den Gekreuzigten zu umarmen: In sie ergießt sich sein göttliches Licht und Leben, aber weil es unaufhaltsam alles vernichtet, was Ihm im Wege steht, darum erfahren sie es zunächst als Nacht und Tod.«


Nachtrag: Wurde gerade per Facebook auf ein kleines Filmchen beim ORF aufmerksam gemacht, in dem Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, ohne Zweifel die Expertin auf diesem Gebiet, recht ähnlich argumentierend u.a. auch dieses Thema anspricht.

Nachtrag 2: Grad drüber gestolpert: 

Mittwoch, 8. August 2012

Kathgasser?

Macht mal halblang, Jungs und Mädels: "Erzbischof Kothgasser ehrt 'Ungehorsams'-Theologen mit 5000 Euro"? Wirklich?
Also 1. Ist das kein Ungehorsams-Theologe, denn er hat den Aufruf nicht unterschrieben.
2. Sind nicht die 5000 Euro die Ehrung, sondern der "Theologische Preis der Salzburger Hochschulwochen", der zufällig mit 5000 Euro dotiert ist.
3. Ehrt nicht der Bischof, sondern die genannten Salzburger Hochschulwochen.

Außerdem ist Casanova nicht dafür bekannt, sich ständig in katholische Angelegenheiten einzumischen (außer wenn er von einem neuen Konzil träumt), der Bischof mag also guten Gewissens gehandelt haben.

Was soll das? "Skandal!" brüllen, um das Sommerloch zu füllen? Lockerflockige Parolen die mehr belügen als sie informieren? An was erinnert uns das?
Dass kontroverse und potentiell häretische Theologen ausgezeichnet werden bzw. gewisse theologische Schulen sich und ihre Vertreter immer wieder gegenseitig auszeichnen um auch ja nicht vergessen zu werden, ist nichts Neues und nichts Spannendes... da kräht kein Hahn mehr danach. Was mich eher wundert ist, warum José Casanova überhaupt den Preis bekommt, immerhin ist sein Tätigkeitsfeld nicht wirklich die Theologie, sondern die Soziologie.
Und mich wundert, wieso ihr da so ein Geschiss drum macht. Echt mal!

Also bitte, liebes kath.net, nicht so viel BILD im Sommerloch, das ist niveaulos!

Paul Gerhardt 4 ever!

Domini Canes

Fresko in Santa Maria Novella, Florenz
Die Hunde entreißen den Wölfen die Schafe.

Hunde, das mittelalterliche Symbol für Prediger schlechthin, bellen gegen den Irrtum und gegen Diebe, sie erkennen auch den Wolf im Schafspelz an seinem (Ge)Ruch und lassen sich nicht von der Fassade täuschen. Ihre Zunge fördert überdies die Wundheilung.

Nicht, dass wir die Inquisition und den Index wiederbeleben sollten, aber zumindest wäre es hilfreich, Irrlehrer und Verführer ("Volksbegehren", "Pfarrerinitiativen" etc.) wieder zu erkennen, zu benennen und mit ihnen entsprechend zu verfahren. Dominikus widerlegt hier Punkt für Punkt (an den Fingern abgezählt) die Irrenden... das geschieht heute leider viel zu selten... man bekommt den Eindruck, dass es soetwas wie eine "falsche Lehre" nach Ansicht mancher, v.a. im deutschen Sprachraum, garnicht mehr geben könne. Es sei vielmehr alles "im Rahmen", solange nur "christlich" oder "katholisch" draufsteht... komisch: auf was bezieht sich dann aber die Rede von Wölfen in "Kleidern von Schafen"? (Mt 7,15 ist in der Einheitsübersetzung furchtbar schwammig übersetzt...)

Dienstag, 7. August 2012

Gott lässt leiden

»Und man brachte alle Kranken zu ihm und bat ihn, er möge sie wenigstens den Saum seines Gewandes berühren lassen. Und alle, die ihn berührten, wurden geheilt.« (Mt 14,35f)

Warum die Beschränkung auf die armen Seelen, die zufällig in jenem Erdteil, zu jener Zeit lebten und die es schaffen, den Saum seines Gewandes zu berühren? Wenn es so einfach ist, wie im heutigen Evangelium suggeriert, warum heilt Gott dann nicht einfach alle Menschen überall mit einem Fingerschnippen? Wenn Gott so mächtig ist, und auch ständig sagt, dass er uns heilen und trösten will, warum lässt er uns leiden?
Warum tut er mir das an?
Wie kann Gott das Leid zulassen? Wir wissen, dass er darum weiß, dass er uns hört: "Was schreist du über deinen Schaden und dein arges Leiden?" (Jer 30,15) fragt er uns in der Lesung. Das klingt wie Hohn und drückt nicht grundlos auf unser gemartertes Gemüt.

Warum schweigt Gott?


Natürlich, Gott will für uns das ewige Heil und den dauerhaften Trost. Seine Gnade für uns ist nicht irdisches Wohlergehen, Glück, Wohlstand, Gesundheit, Bequemlichkeit... auch wenn uns das seit 40 Jahren manche Theologen so zu verkaufen suchen.
 Gott schweigt, weil er selbst gelitten hat und weil er auch da schwieg. Gott hat geschwiegen, als sein eingeborener Sohn litt und starb!
Der Kreuzestod Jesu, dessen Sinnhaftigkeit heute von manchem Theologen verworfen wird, gibt unserem Leiden Sinn, er erklärt unser Leiden: Ein Mitleiden mit Christus und darum Werk Gottes!
Natürlich fällt man in der Leugnung dieser Wahrheit allen Leidenden in den Rücken und erklärt ihr Leiden gleichfalls für sinnlos... und dann folglich Gott als Schlechter und Sadist.

Aber Gott ist es, der das letzte Wort hat:
»Ihr werdet mein Volk sein und ich werde euer Gott sein.« (Jer 30,22)

Evolutions-Theorie(n)?!

Es wird nicht selten (von Leuten die aus welchen Gründen auch immer die Realität der Evolution anzweifeln) der Vorwurf erhoben, die Wissenschaft habe "Darwinismus" als Dogma definiert und es sei nicht erlaubt daran zu rütteln. Darwins Schriften seien zur heiligen Schrift hochstilisiert und alles dem widersprechende werde somit Automatisch bekämpft. "Evolution ist eine Religion", so lautet nicht selten die Parole. Der "Darwinismus", als Bezeichnung für eine vermutete Ideologie, sei an der Macht und lasse nichts Widersprechendes zu.
Natürlich ist jeder frei sowas zu denken, aber warum werden dann nicht auch die "Schwerkraftgläubigen" endlich als Religionsgemeinschaft anerkannt?

Anyway, zum Thema: Ich habe an einigen Beispielen ausgeführt, warum Evolution einfach nur ein in der Natur der Lebewesen vorkommendes Phänomen ist und nicht mehr. Erklärt wird dieses Phänomen von der "Theorie der Evolution", in ihrer gegenwärtigen Form die "synthetische Theorie der Evolution". Dass ich von einer "gegenwärtigen Form" spreche, beinhaltet eigentlich schon die Lösung des Problems: Evolution (bzw. die sie beschreibende Theorie) kann garkein Dogma sein, denn, wie jede Theorie, verändert sie sich ständig. Zur Erinnerung: Fakten sind einfach nur die beobachtbaren Dinge und Prozesse in der Natur. Eine Theorie dient dazu, alle relevanten Fakten zu erklären. Unsere Theorie der Gravitation erklärt die Tatsache, dass Masse eine Anziehungskraft auf andere Massen ausübt, die Evolutionstheorie erklärt die Tatsache, dass Lebewesen sich unaufhörlich an ihre Umwelt anpassen (was übrigens eine der Eigenschaften ist, die das Leben von Unbelebtem, z.B. Steinen, unterscheiden).

Im Folgenden setze ich voraus, dass zumindest die Wikipedia-Artikel die ich beim letzten Mal verlinkt habe gelesen wurden und dem geneigten Leser dieser kleinen Serie klar ist, wie Mutation und natürliche Selektion als wichtigste Mechanismen der Evolution dieselbe bewirken.


Es wird auch diesmal wieder historisch: Ein bisschen Wissenschaftsgeschichte. Ich will damit zeigen, dass es in der Scientific Community keineswegs einen Kult um Darwin oder irgendwelche "darwinistischen Dogmen" gibt und zugleich einen Einblick geben in die Vielfalt dessen, was man umgangssprachlich plump mit "Evolutionstheorie" bezeichnet.
(Wenn hier von verschiedenen "...ismen" die Rede ist, dann einfach darum, um die jeweiligen Ideen irgendwie zu bezeichnen... der Einfachheit halber nach ihren Begründern. Das hat mit Ideologie nichts zu tun.)
Beim nächsten Mal werde ich erstmal weg von "Evolution", hin zu "Schöpfung" gehen. Dann werde ich das Verhältnis der Beiden und das von Wissenschaft und Religion überhaupt behandeln.


Die Idee, dass die Lebewesen der Erde sich im Laufe der Zeit entwickelt haben, ist nicht neu. Bereits vor Aristoteles gab es Naturphilosophen, die dieser Frage nachgingen (als einer der frühesten gilt Anaximander um 600 v. Chr.). Auch andere griechische, römische und später zahlreiche islamische Gelehrte hatten bereits diese Idee der veränderbarkeit der Lebewesen. Sogar in China gab es bereits im 4. Jhd. v. Chr. derartige Überlegungen (hier wurde auch bereits der Mensch als Teil dieses Prozesses erkannt). Es passierte aber erst im 19. Jahrhundert, dass sich die Hinweise auf solch eine Abstammung mehrten (Geologie), außerdem hatte man inzwischen eine naturwissenschaftliche Methodik mit der man gezielt arbeiten konnte. Soll heißen, man hat nichtmehr nur per Diskussion und Logik die Wahrheit gesucht (wie es in der Antike und in der Scholastik üblich war), sondern in der Praxis, in der Beobachtung, im Experiment. Das ist übrigens ein Vorgehen, das im Wesentlichen eine christliche Erfindung ist, v.a. durch Leute wie Albertus Magnus († 1280), Wilhelm von Ockham († 1347) und Johannes Buridan († 1360); es wurde aber erst durch Leute wie Kepler und Galilei wirklich angewendet, vorher war es eher etwas "Sonderbares".

Das revolutionäre an den Ideen von Charles Darwin war nicht "Evolution"; diese Überlegung war bereits in den Jahrzehnten vor ihm wieder aufgeflammt. Darwins Verdienst liegt darin, dass er es als erster geschafft hat zu erklären wie es zu einer Entwicklung kommt. Und das war kein Pappenstiel, denn was er dafür tat, ist ziemlich genial: Er stellte eine Verbindung her, zwischen der anorganischen, unbelebten Welt, und der Welt des Lebens. Zu Deutsch: er entwickelte das Konzept der "natürlichen Selektion". Die Idee war grandios, denn so konnte tatsächlich erklärt werden, wie Evolution funktioniert. Natürlich Gegebenheiten entscheiden darüber, wer Überlebt und wer nicht. Wenn ein Tier kein Fell hat das es wärmt und es kommt eine Kälteperiode, stirbt es aus, so einfach ist das. Ein anorganischer Faktor, ein unbelebtes Ereignis, selektioniert. Übrigens war Darwin nicht der einzige, der diese Idee hatte: Zeitgleich mit ihm entwickelte der Brite Alfred Wallace unabhängig von ihm ebenfalls ein Konzept der natürlichen Selektion, das er dann auch zeitgleich mit ihm veröffentlichte (die beiden waren vor der Veröffentlichung bereits in Kontakt).

Darwins große Tat bestand also darin, dass er einen Mechanismus präsentierte, der als treibende Kraft die "Evolution" (die angesichts der Fakten kaum mehr zu leugnen war) erklären konnte. Zwei Beobachtungen waren dafür entscheidend: 1. Es werden immer mehr Nachkommen produziert als letztendlich überleben. 2. Diese Nachkommen sind immer ein wenig "anders" als ihre Eltern. Die Folge ist, dass die Nachkommen, die besser an die Umgebung angepasst sind, statistisch gesehen eine bessere Chance haben zu überleben um sich fortzupflanzen und so ihre (angepassteren) Merkmale weiter zu vererben. Darwins Idee der "natürliche Selektion" ist sofort intuitiv einsichtig.

Bei der natürlichen Selektion
- hat die Umgebung (der Lebensraum) eine aktive Rolle inne,
- haben Fluktuationen (Mutationen) nur eine Passive Rolle, da sie zufällig sind und durch ihre Vielzahl auch solche entstehen, die dann quasi durch die Umwelt selektioniert werden; und
- der Kernpunkt ist, dass nur die Merkmale weitervererbt werden, die einen Einfluss auf die "Fitness" ("survival of the fittest" bedeutet übersetzt: "Überleben des am besten angepassten", nicht "... des Stärkeren"; engl. "to fit": passen) und damit den Reproduktionserfolg haben. Darum spielt zweigeschlechtliche Fortpflanzung eine so wichtige Rolle bei der Natürlichen Selektion (mehr genetische Vielfalt).

"Natürliche Selektion" war nicht die einzige Möglichkeit die zur Zeit Darwins als "Triebmittel der Evolution" möglich schien. Jean Baptist de Lamarck entwickelte ca. 50 Jahre vor Darwin eine These die man als "Transformismus" bezeichnen kann (oder "Lamarckismus", nach seinem Hauptvertreter). Lamarck beobachtete, dass bestimmte Merkmale sich im Laufe des Lebens eines Individuums verändern (z.B. die Muskulatur), und so erschien es plausibel, dass Evolution auf diese Weise verfährt: Durch körperliche Veränderungen im Leben eines Individuums.

Beim Lamarckismus
- spielt die individuelle Anstrengungen die zentrale Rolle,
- Merkmale werden verändert, je nach Gebrauch oder Nichtgebrauch und
auf diese Weise erlangte Charakteristika können an die nächste Generation weitergegeben werden.

Darwin, trotz der großen Differenz des Lamarckismus zu seiner eigenen Idee, bemerkte, dass seine Hypothese im Gegensatz zu jener ein großes Manko hatte: sie konnte nämlich nicht erklären wie denn nun eigentlich Merkmale weitervererbt werden. (Ihm fehlte das, was wir heute als "Genetik" kennen!) Das führte dazu, dass er prinzipiell die Idee des Lamarckismus akzeptierte. Man spricht dabei von der (historischen) "Pangenesishypothese". Sie geht im Prinzip auf die griechischen Philosophen der Antike zurück. Diese Idee geht davon aus, dass die Keimzellen etwa eines Tieres Sammelsurien aus verschiedenen Körperbereichen sind, sodass also somatische Zellen und deren Erbinformation die Grundlage der Vererbung würden (man dachte sich das so: in jedem Spermium ist eine winzig kleine aber akkurate Kopie des Menschen drin, ein Homunkulus, der dann in der Mutter heranwächst). August Weismann († 1914), der vielleicht bedeutendste Evolutionsbiologe des 19. Jahrhunderts, nach Darwin, bewies, dass es keinen Transfer genetischer Informationen von Körperzellen (somatische zellen) zu Fortpflanzungszellen (Keimbahnzellen, Gameten) gibt, somit können dort erworbene Merkmale nicht an die Nachkommen vererbt werden. Egal wie gut man trainiert, man wird dadurch nie muskulöse Kinder bekommen. (Heute erscheint uns das absurd, damals wusste man es eben nicht besser... Weismann widerlegte die Pangenesishypothese dadurch, dass er Mäusen den Schwanz abschnitt und sie dann Nachkommen zeugen ließ: die Nachkommen wurden mit Schwanz geboren, also geschieht Vererbung nicht durch somatische Zellen.)
Es sei noch angemerkt, dass selbst 50 Jahre nach der "Entdeckung" der natürlichen Selektion durch Darwin viele Wissenschaftler den Lamarckismus als eine ernstzunehmende Alternative zum "Darwinismus" betrachteten.

Eine weitere "Evolutionstheorie" aus jener Zeit ist der sogenannte "Mutationismus". Diese Idee, begründet auf frühen Erkenntnissen der Genetik, wurde von mehreren Wissenschaftlern in verschiedenen Ausführungen formuliert (z.B. Hugo de Vries und Thomas Hunt Morgan). In Kurz: Es schien so, als ob Organismen die Fähigkeit hätten, Mutationen spontan hervorzurufen, die dann bedeutende Auswirkungen auf die Form und Funktion ihrer Nachkommen haben können. "Mutationisten" nehmen an, dass Evolution von diesen Veränderungen verursacht wird und nicht etwa durch graduellen Veränderungen die durch Natürliche Selektion zustande kommen.
Mit den Jahren wurden die meisten dieser Ansätze jedoch verworfen. Thomas Morgans Ansatz (er bezog die Selektion mit in seine Hypothese ein) hat jedoch noch heute eine gewisse Bedeutung in der Biologie (dazu gleich mehr).

Beim Mutationismus (Morgans Variante)
- spielen Mutationen die aktive Rolle, um evolutive "Neuerungen" hervorzubringen,
natürliche Selektion wirkt wie ein Sieb und sorgt dafür, dass positive Mutationen bewahrt bleiben, während schädliche Mutationen ausgesondert werden (negative Selektion).
Im Unterschied zur natürlichen Selektion Charles Darwins,
- können neue Merkmale auch dann vererbt werden, wenn sie nicht dem Fortpflanzungserfolg zuträglich sind (neutrale Mutationen). So kann Evolution auch in einer gleichbleibenden Umwelt bedeutende Veränderungen hervorbringen.

In der Frühzeit der Evolutionsforschung, hatte man noch keinen wirklichen Mechanismus gefunden, wie denn nun eigentlich Vererbung stattfindet, was der Grund für viele Streitigkeiten zwischen diesen rivalisierenden Erklärungen war. Man wusste einfach nicht wie! Das Wiederfinden der Erkenntnisse von Gregor Mendel († 1884) -- er war übrigens Priester und Abt des Augustiner-Klosters in Brünn, wo er auch forschte -- Anfang des 20. Jahrhunderts, hat zunächst noch mehr Kontroversen verursacht, denn seine Ergebnisse über die Vererbung bei Bohnenpflanzen, widerlegten Darwins (bzw. Lamarcks) Thesen zur Vererbung und schienen den Mutationismus gegenüber allen anderen Erklärungsmodellen für die Evolution zu begünstigen.
In den 30er Jahren haben zahlreiche Wissenschaftler Darwins These der natürlichen Selektion und die Erkenntnisse Mendels mit einander versöhnt, indem sie sie in einem neuen theoretischen Rahmen vereint haben, nämlich in der "synthetischen Theorie der Evolution" (auch: "Neo-Darwinismus"). Vereinfacht sagt dieses "neue Modell" aus, dass der hauptsächliche "Akteur" der Evolution die natürliche Selektion ist, die auf der Grundlage von zufälligen genetischen Mutationen und Rekombinationen agiert. Außerdem brachte dieses Modell die Populationsforschung in die Evolutioswissenschaft ein, was die Evolutionsbiologie auch zu einem sehr mathematischen Gebiet werden ließ.

Die erste große Herausforderung an diese "neue Evolutionstheorie" kam in den späten '60ern durch Motoo Kimura († 1994) und heißt "neutral theory of molecular evolution" (neutrale Theorie der molekularen Evolution). Er kam zu der Erkenntnis, dass die allermeisten Veränderungen auf der Ebene der DNA und der Aminosäueren keine Auswirkungen auf den Organismus hatten und somit keine Basis für die natürliche Selektion hergaben, auf der diese arbeiten (selektionieren) konnte. Die betroffenen DNA Abschnitte evolvieren dennoch weiter, ohne Selektionsdruck.

Bei der "neutralen Theorie"
- haben die meisten Mutationen auf molekularer Ebene (DNA, Aminosäuren) keinen Einfluss auf die "Fitness" (Überlebenschance, Fortpflanzungserfolg) des Organismus.
Somit erfolgt molekulare Evolution hauptsächlich durch Gendrift, einem statistischen Effekt, der Mutationen auch beim Fehlen eines selektionierenden Drucks bewahren kann.
Kimura betont, dass diese "neutrale Evolution" v.a. auf molekularer Ebene geschieht, während die natürliche Selektion auf der Ebene des gesamten Organismus (Phänotyp) die Hauptrolle spielt.


Als nächstes Kapitel in der "Konkurrenz" zu Darwins Ideen wäre die Hypothese des "Punktualismus" (punctuated equilibrium) zu nennen, sie wird v.a. von Seiten der Paläontologen viel beachtet. Vor allem entwickelt wurde sie durch Niles Eldredge und Stephen Jay Gould († 2002) in Anlehnung an die Arbeit von Ernst Mayr († 2005);die beiden Letztgenannten gehören nach einhelliger Meinung zu den bedeutendsten Evolutionsbiologen des 20. Jahrhunderts.
Eldredge und Gould bemerkten in den Fossilien, dass Evolution nicht so graduell abzulaufen schien, wie es Darwin vorhergesagt hatte. Anstatt gemächlichen Schrittes Merkmale immer stärker auszuprägen, schien es, als ob die Lebewesen sich in schnellen Schüben entwickelten, gefolgt von langen "ruhigeren" Perioden ("schnell" bezieht sich hier auf geologische Zeiten, kann also durchaus auch mal einige Jahrmillionen bedeuten). Gould vermutete, die Erklärung dafür sei, dass Speziation (Artbildung) regelmäßig und schnell in kleinen isolierten Populationen geschieht. Wenn also eine kleine Gruppe vom Rest einer Spezies abgesondert wird (z.B. durch Wanderung), kann diese sich schneller verändern als die große Population; kommt diese "abgespaltene" Population dann nach einer solchen "schnelleren Entwicklung" (weil kleinere Population) wieder in das alte Gebiet zurück, können sie sich nicht mehr mit ihren alten Verwandten paaren; eine neue Spezies scheint somit "plötzlich" in dem angestammten Gebiet aufgetaucht zu sein, obwohl in Wirklichkeit Wanderungen mit dafür verantwortlich sind. Darwin glaubte hingegen, dass diese Abläuft sehr viel "glatter" abliefen und bedeutende Artbildungen sich besonders in großen Populationen ereigneten. Zwar zweifelte Gould nicht an Darwins Konzept der natürlichen Selektion, aber er stimmte mit ihm nicht überein, was seine Erklärungen zur Artbildung anlangt.

Kontrastierend zu Gould und Eldredge, stellt der Molekularbiologe Masatoshi Nei die Bedeutung der natürlichen Selektion für den evolutiven Prozess aber durchaus infrage. [Und, nein, er ist dafür nicht auf den Scheiterhaufen gekommen: Nei ist Mitbegründer der "Society for Molecular Biology and Evolution" und hat 2002 den Internationalen Preis für Biologie erhalten, mit dem auch der schon genannte Ernst Mayr, wohl der bedeutendste Vertreter der synthetischen Theorie der Evolution im 20. Jahrhundert, ausgezeichnet wurde.]
Seine Ideen sind ähnlich denen von Morgans Mutations-Selektions Hypothese und Kimuras neutraler Evolution und gründen auf aktuellen Beobachtungen von multigenen Populationen und ihren Geburten- und Todesraten.

Beim "Neomutationismus"
- wird also auch die größere Bedeutung von Mutationen gegenüber der (hier untergeordneten) natürlichen Selektion für die Veränderungen im Phänotyp der Lebewesen betont.



Das war jetzt mal ein schneller aber hoffentlich nicht zu harter Ritt durch die bisherige Geschichte der Evolutionstheorie.
Es gibt keine Kontroverse in der Welt der Wissenschaft, ob Evolution stattgefunden hat, immernoch stattfindet und stattfinden wird, es ist anerkanntes Faktum, so wie Gravitation Fakt ist und von jedem gesunden Menschen anerkannt ist. Was es aber gibt, sind vielfältige Versuche die Mechanismen der Evolution zu ergründen. Besonders wichtig ist dabei die Frage nach dem Zusammenspiel von "inneren" Faktoren (also z.B. Mutationen) und äußeren Einflüssen. Alle genannten Forscher waren bzw. sind hoch verdiente Biologen die sehr viel Anerkennung genießen und wichtige Beiträge zur Wissenschaft des Lebens geleistet haben und nachwievor leisten (selbst dann, wenn sich später herausstellen sollte, dass sie falsch lagen; dann weiß man zumindest, wie es nicht geht).
Charles Darwin gilt als Begründer der modernen Biologie, dafür gilt ihm eine gewisse Verehrung (vgl. Newton und Einstein als Begründer der modernen Physik!), aber seine Schriften haben nicht mehr Autorität als die jedes anderen bedeutenden Forschers. Wie ich hoffentlich zeigen konnte, ist heute jedem Biologen klar, dass Herr Darwin, wie unzählige andere auch, sich in einigen Punkten deftig geirrt hat. Das ist nichts ungewöhnliches... nur so sind Wissensfortschritte möglich!


Derzeit tut sich enorm viel in der Evolutionsbiologie. Evo-Devo habe ich bereits in einem früheren Eintrag in dieser Serie erwähnt: Dabei werden Erkenntnisse aus der Individualentwicklung (v.a. Embryologie) zur Erforschung der Evolution herangezogen und umgekehrt.
Die Theorie der Evolution, die, wie jede andere Theorie, im ständigen Wandel (hoffentlich: Verbesserung) begriffen ist, ist eine der Grundpfeiler der modernen Naturwissenschaft (inklusive Medizin!), denn sie hat den Prozess zum Gegenstand, der allem Leben Gestalt und Vielfalt gibt und ihre grundlegenden Aussagen (Veränderung im Laufe der Zeit und die daraus resultierende Verwandtschaft allen Lebens auf der Erde) haben einen Gewissheitsgrad, der sie in eine Reihe mit der Erkenntnis der Bewegung der Erde um die Sonne und anderen, für uns heute Lebende alltägliche, Wirklichkeiten stellt.



PS. Zuweilen kursiert das Gerücht, Darwin sei durch seine Theorie zum Atheisten geworden. Das ist ein lächerliches Märchen. (Evolution ist, wie jedes Naturphänomen, weltanschaulich neutral und, frei nach Paulus, in ihrer Schönheit eher noch ein Hinweis auf Gott, als gegen ihn.) Darwin begann an einem wohlwollenden Gott zu zweifeln, nachdem seine Lieblingstochter Annie starb. Seine Überlegungen zur natürlichen Sektion waren zu dem Zeitpunkt schon lange ausgearbeitet. Tatsächlich betrachtete Darwin die Evolution als Teil von Gottes "Methode" des Schaffens und die Religion als evolutionär entstanden. Sich selbst betrachtete er ausdrücklich nicht als Atheist (in späteren jahren bezeichnete er sich als Agnostiker). Sein Monumentalwerk "Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl" endet wiefolgt:
»Es ist wahrlich eine großartige Ansicht, dass der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder nur einer einzigen Form eingehaucht hat, und dass, während unser Planet den strengsten Gesetzen der Schwerkraft folgend sich im Kreise geschwungen, aus so einfachem Anfang sich eine endlose Reihe der schönsten und wundervollsten Formen entwickelt hat und noch immer entwickelt.«

Montag, 6. August 2012