Dienstag, 8. September 2015

Pannenberg über Homosexualität

Ich habe hier vor einer Weile versucht von der Bibel her eine Antwort auf die Frage zu geben "Ist praktizierte Homosexualität Sünde?" und dem eine Betrachtung über die Berechtigung und die Gebotenheit moralischen Be-Urteilens hinzugefügt (hier).
Da derzeit immer wieder "Theologen" das Wort ergreifen, die feierlich verkünden, theologisch, gar biblisch, stünde einer Anerkennung homosexueller Akte, gar homosexueller "Ehen" nichts im Wege, sei ein (durchaus nicht unbekannter) Text des vor einem Jahr verstorbenen großen evangelischen Theologen Wolfhart Pannenberg zitiert: "Maßstäbe zur kirchlichen Urteilsbildung über Homosexualität" von 1994. Persönlich halte ich Pannenberg für den bedeutendsten und kompetentesten evangelischen Theologen des ausgehenden 20. Jahrhunderts; seine Christologie ist mit das Beste, was es dazu gibt.
Pannenberg erregte ein gewisses Aufsehen, als er 1997 das ihm 1987 verliehene Bundesverdienstkreuz 1. Klasse zurückgab, nachdem dieses einer Dame verliehen wurde, die sich für die Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften in Kirche und Gesellschaft einsetzte; dies steht laut Pannenberg im Widerspruch zum verfassungsmäßigen besonderen Schutz von Ehe und Familie.
Der Text:

»Kann Liebe Sünde sein? Nach der ganzen Tradition christlicher Lehre gibt es verkehrte, perverse Liebe. Die Menschen sind zur Liebe geschaffen, als Geschöpfe des Gottes, der Liebe ist, aber diese Bestimmung der Menschen wird, wo sie sich von Gott abgewendet haben, pervertiert. Das ist überall da der Fall, wo Menschen anderes mehr lieben als Gott. So sagt Jesus: „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert“ (Mt 10,37). Sogar für die Liebe zu den Eltern gilt also, dass die Liebe zu Gott den Vorrang haben muss, obwohl doch die Liebe zu den Eltern Gegenstand des vierten Gebotes ist. Der Wille Gottes – oder mit der Verkündigung Jesu zu sprechen: Die Herrschaft Gottes über unser Leben – soll bei unserer Lebensführung der Leitstern unserer Selbstbestimmung sein.

Was das für den Bereich des sexuellen Verhaltens bedeutet, ist aus dem Wort Jesu über die Ehescheidung zu entnehmen. Jesus greift in seiner Antwort auf die Frage der Pharisäer nach der Zulässigkeit der Ehescheidung auf die Schöpfung des Menschen zurück, in der er Gottes Intention mit diesem seinem Geschöpf ausgedrückt sieht: Von der Schöpfung her gilt, Gott hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen. Darum heiße es auch, der Mann werde Vater und Mutter verlassen, um mit dem Weibe vereint zu sein, und die beiden werden ein Fleisch sein. Daraus folgert Jesu Wort, dass die Unverbrüchlichkeit der Gemeinschaft von Mann und Frau das Ziel des göttlichen Schöpfungswillens mit dem Menschen sei. Die unauflösliche eheliche Gemeinschaft ist also das Ziel der Erschaffung des Menschen als geschlechtliches Wesen (Mk 10,2-9).

Dieses Wort Jesu bildet die Grundlage und das Kriterium für alle christlichen Stellungnahmen zu den Fragen der Sexualität. Es geht ja darin nicht nur um die Ehe als Spezialthema, sondern ganz umfassend um die von der Schöpfung des Menschen her begründete Bestimmung seiner Existenz als Geschlechtswesen. Nach dem Worte Jesu ist die Geschlechtlichkeit des Menschen als Mann und Frau auf die unauflösliche Gemeinschaft der Ehe angelegt. Das ist der Maßstab für die Urteilsbildung christlicher Lehre über den ganzen Bereich des geschlechtlichen Verhaltens.

Diese Sicht der Dinge entspricht bei Jesus im Großen und Ganzen jüdischer Tradition, obwohl Jesus mit der Betonung der Unauflöslichkeit der Ehe über die Bestimmung des jüdischen Gesetzes hinausging, die eine Möglichkeit der Ehescheidung vorsah (Dtn 24, 1). Dass der Mensch in seiner Geschlechtlichkeit zur ehelichen Gemeinschaft bestimmt ist, war gemeinsame jüdische Überzeugung. Darin sind schon im Alten Testament die Urteile über von dieser Norm abweichende Formen sexuellen Verhaltens begründet, also neben Unzucht und Ehebruch auch über die Homosexualität.

Die biblischen Urteile über homosexuelles Verhalten sind eindeutig in ihrer mehr oder weniger scharfen Ablehnung, und alle biblischen Aussagen zu diesem Thema stimmen ausnahmslos darin überein. Das Heiligkeitsgesetz im dritten Buch Mose bestimmt apodiktisch- „einem männlichen Wesen darfst du nicht beiwohnen, wie man einer Frau beiwohnt; es wäre ein Gräuel“ (Lev 18,22). Das zwanzigste Kapitel des Buches rechnet solches Verhalten sogar zu den todeswürdigen Verbrechen (Lev 20,13), übrigens ebenso wie wenige Verse zuvor den Ehebruch (Lev 20, 10). Die Juden wussten sich in diesen Fragen von den sie umgebenden Völkern geschieden, und das hat auch die neutestamentlichen Aussagen zum Thema der Homosexualität bestimmt, im Gegensatz zur hellenistischen Kultur, die an homosexuellen Beziehungen keinen Anstoß nahm. Paulus hat im Römerbrief homosexuelles Verhalten zu den Folgen der Abwendung der Menschen von Gott gerechnet (Röm 1,27), und im ersten Brief an die Korinther wird homosexuelle Praxis neben Unzucht, Ehebruch, Götzendienst, Wucherei, Trunksucht, Diebstahl und Raub zu den Verhaltensweisen gerechnet, die von der Teilhabe am Reiche Gottes ausschließen 1 Kor 6,9f), und Paulus meint, die Christen seien von der Verstrickung in all solche Verhaltensweisen durch die Taufe frei geworden (1 Kor 6,11).

Diesen paulinischen Aussagen steht im Neuen Testament keine einzige Stelle gegenüber, die ein günstigeres Urteil über homosexuelle Betätigung erkennen ließe. In der Gesamtheit des biblischen Zeugnisses wird also praktizierte Homosexualität ausnahmslos zu den Verhaltensweisen gerechnet, in denen die Abwendung des Menschen von Gott besonders eklatant zum Ausdruck kommt. Dieser Befund setzt dem Urteil einer an die Autorität der Schrift gebundenen Kirche zum Thema der Homosexualität sehr enge Grenzen, zumal die biblischen Aussagen zu diesem Thema das negative Gegenstück zu den positiven Anschauungen über die schöpfungsgemäße Bestimmung des Menschen in seiner Sexualität bilden, sodass es sich also keineswegs um marginale Urteile handelt, die ohne Schaden für die christliche Botschaft im ganzen vernachlässigt werden könnten. Die biblischen Aussagen über Homosexualität lassen sich auch nicht dadurch relativieren, dass man sie als Ausdruck einer für den modernen Menschen überholten kulturgeschichtlichen Situation betrachtet. Es handelt sich hier ja gerade um ein Thema, bei dem die biblischen Zeugnisse schon ursprünglich ganz bewusst den in ihrer kulturellen Umwelt herrschenden Auffassungen entgegentraten, und zwar um des Glaubens an den Gott Israels willen hinsichtlich der von ihm dem Menschen bei seiner Schöpfung verliehenen Bestimmung.

Nun hört man heute von Befürwortern einer Änderung des Urteils der Kirche über die Homosexualität, die biblischen Aussagen hätten einen erst durch moderne anthropologische Erkenntnisse gewonnenen Befund nicht berücksichtigen können, nämlich dass Homosexualität – wie es heißt – schon als „Gegebenheit“ der leiblich-seelischen Befindlichkeit homosexueller Menschen vor aller entsprechenden sexuellen Betätigung zu würdigen sei. Man sollte hier zur deutlicheren Unterscheidung von der homosexuellen Betätigung besser von einer homophilen Veranlagung sprechen. Dazu ist zu sagen, dass eine solche Veranlagung nur durch ihre Intensität auf eine Minderheit von Menschen beschränkt ist. Als ein Faktor menschlicher Sexualität unter anderen ist sie viel weiter verbreitet. Für den Menschen ist ja charakteristisch, dass sexuelle Antriebe nicht auf einen abgesonderten Verhaltensbereich beschränkt sind, sondern das ganze menschliche Verhalten in allen Lebensbereichen durchdringen. Dazu gehören auch Beziehungen zu Personen des eigenen Geschlechts. Doch gerade weil erotische Motive beim menschlichen Verhalten überall beteiligt sind, stellt sich dem Menschen die Aufgabe ihrer Integration in das Ganze der menschlichen Lebensführung. Die Tatsache homophiler Neigungen muss nicht automatisch zur homosexuellen Betätigung führen. Sie kann in eine Lebensführung integriert werden, in der sie der Beziehung zum andern Geschlecht untergeordnet wird und in der das Thema sexueller Betätigung überhaupt nicht das alles andere beherrschende Zentrum menschlicher Lebensführung sein sollte. Die Leistung der Ehe als Institution liegt, wie der Soziologe Helmut Schelsky mit Recht gesagt hat, nicht zuletzt darin, dass sie die menschliche Sexualität einbindet in darüber hinausgehende Aufgaben und Ziele.

Die Tatsache homophiler Neigungen also braucht nicht verleugnet und darf auch nicht verurteilt werden. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht bei der dem Menschen aufgegebenen Selbstbestimmung seines Verhaltens. Das ist das eigentliche Problem, und an dieser Stelle hat das Urteil seinen Ort, dass homosexuelle Betätigung eine Abweichung von der dem Menschen als Geschöpf Gottes gegebenen Norm für sein sexuelles Verhalten darstellt. Im Urteil der Kirche gilt das nicht allein für die Homosexualität, sondern für jede nicht auf das Ziel der Ehe zwischen Mann und Frau bezogene sexuelle Betätigung, vor allem auch für den Ehebruch. Die Kirche muss mit der Tatsache leben, dass Abweichungen von der Norm in diesem Lebensbereich wie in andern nicht selten sind, sondern eher die Regel bilden. Die Kirche muss den betreffenden Menschen mit Toleranz und Verständnis begegnen, aber sie auch zur Umkehr aufrufen. Sie kann nicht die Unterscheidung zwischen der Norm und dem davon abweichenden Verhalten aufgeben. An dieser Stelle liegt die Grenze für eine christliche Kirche, die sich an die Autorität der Schrift gebunden weiß. Wer die Kirche dazu drängt, die Norm ihrer Lehre in dieser Frage zu ändern, muss wissen, dass er die Spaltung der Kirche betreibt. Denn eine Kirche, die sich dazu drängen ließe, homosexuelle Betätigung nicht mehr als Abweichung von der biblischen Norm zu behandeln und homosexuelle Lebensgemeinschaften als eine Form persönlicher Liebesgemeinschaft neben der Ehe anzuerkennen, eine solche Kirche stünde nicht mehr auf dem Boden der Schrift, sondern im Gegensatz zu deren einmütigem Zeugnis. Eine Kirche, die einen solchen Schritt tut, hätte darum aufgehört, evangelische Kirche in der Nachfolge der lutherischen Reformation zu sein.«

Noch ein Wort zur aktuellen Situation: In der aktuellen Debatte gehen Theologen immer öfter dazu über, die biblischen Aussagen zur Homosexualität nicht mehr zu ignorieren, wie man es auch lange Zeit tat, oder sie einfach für "zeitbedingt" und daher hinfällig zu erklären, sondern sie, ganz kreativ und falsch, umzudeuten, so als bezögen sie sich nur auf unfreiwillige sexuelle Kontakte, etwa im Krieg, sprich: Vergewaltigung. Daher sei einvernehmlicher homosexueller Verkehr, den die biblischen Autoren überhaupt nicht im Blick gehabt hätten (obwohl es ihn in ihrer Umwelt durchaus gab?!), ok. Das ist aber schon allein darum falsch, weil die Bibel sehr wohl zwischen freiwilligem und unfreiwilligem Sex deutlich unterscheidet, dies im Bezug auf Homosexualität aber gerade nicht tut. Eine Formulierung wie etwa Lev 18,22 ergäbe dann auch keinen Sinn, denn sie würde ja Vergewaltigung bei Frauen gutheißen (so, wie du es mit einer Frau tust, sollst du es mit einem Mann nicht tun). Es handelt sich hierbei um eine theologische Fiktion, die weder mit der Bibel noch mit irgendetwas aus 2000 Jahren christlicher Tradition zu stützen ist.
Die Schrift widersetzt sich solchen Umdeutungen. Am Ende des Tages bleibt einzig die Frage übrig, wie ernst wir das Wort Gottes nehmen, und darin auch die Warnung vor der Sünde und dem Jüngsten Gericht (vgl. den ersten Link oben).

Freitag, 4. September 2015

Ehrlichkeit statt Arroganz

Ohne das jetzt kirchenpolitisch zu färben, nur mal rein vernünftig betrachtet:

Stellen sie sich vor, die allermeisten Leute in Deutschland wüssten nicht mehr, wie Demokratie funktioniert und wozu sie eigentlich gut ist, und niemand könnte sich mehr so richtig etwas unter Begriffen wie "Diktatur" und "Absolutismus" vorstellen.

In dieser Situation entsteht nun eine Bewegung, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Demokratie zu "reinigen" von den Lasten ihrer Geschichte und sie zu ihrem "eigentlichen Wesenskern" zurückführen. Auch wenn, bei Licht betrachtet, eigentlich kaum jemand weiß, worin der bestanden haben könnte... man denkt sich halt was aus.
Viele der Akteure dieser Bewegung bezeichnen sich denn auch als "Demokraten" - denn sie wollen die Demokratie ja nicht abschaffen, sondern erst richtig verwirklichen! -, auch wenn sie nie wirklich bewiesen haben, dass sie welche sind. Sie gerieren sich als "erfahrene Politiker", auch wenn sie niemals nennenswerte Erfolge bei den Wählern oder bei der Ausübung eines Amtes hatten.
Die Änderungsvorschläge beinhalten etwa den, nicht mehr jeden Bürger ab einem bestimmten Alter wählen zu lassen, sondern die Kriterien einzugrenzen, etwa auf den Lebensstand. Überlegt wird auch, den Politikern, einmal gewählt, das Recht auf belienige Verlängerung und sogar erbliche Übertragung ihrer Ämter an ihre Sprösslinge zuzugestehen. Auch eine Mitgleidschaft im Parlament nur noch an den Höchstbietenden zu verkaufen, ist im Gespräch.
Erschwerend kommt noch hinzu, dass es keine Diskussionskultur mehr gibt, eigentlich werden immerzu nur Phrasen und Schlagworte gebrüllt... wirklich begründen, historisch fundiert darlegen oder erörtern, kann man nicht mehr.

Frage: Ist das vernünftig? Ist es vernünftig, in einem allgemeinen Klima der Unkenntnis, des mangelnden Wissens über und des fehlenden Bezugs zur Demokratie, diese selbe Demokratie auf ihren angeblichen "wahren Kern" hin ummodeln zu wollen?  Besteht nicht die Gefahr, dass hier die Redelsführer die breiten Massen ob ihrer Unkenntnis für ihr eigenes Spiel missbrauchen?
Oder wäre es nicht doch sinnvoller, zunächst einmal für eine tiefgehende Bildung und eine breite Beteiligung der Bürger Sorge zu tragen, bevor man anfängt, an dem System herumzudoktern? Einfach aus dem Grund, damit die Leute wissen, was sie da ändern und wohin die Reise gehen soll, bevor man ans Werk geht.

Nun: Genau dieses oben beschriebene Szenario erlebt die Katholische Kirche in Deutschland gerade. Die große Mehrheit ihrer Mitglieder hat faktisch ein schockierend niedriges Wissen darüber, was die Kirche ist, was sie lehrt und warum sie dies lehrt. Die Ergebnisse des vatikanischen Fragebogens vom letzten Jahr haben das schwarz auf weiß offengelegt (vgl. hier). Die meisten Verantwortungsträger haben insofern in ihrem Amt versagt, als sie diesen desolaten Zustand direkt zu verantworten und seit Jahrzehnten nichts Gegenteiliges unternommen haben. Und ihre Ortskirchen zerbröseln unter ihren Händen, die Leute treten in Massen aus, niemand schert sich mehr um das, was sie zu sagen haben.
Trotz allem haben wir nun eine breit angelegte "Bewegung", die alles Mögliche in der Kirche ändern will, seien es Fragen die eng mit dem Glauben zusammenhängen (Frauenpriestertum) oder zentrale Fragen der Morallehre.
Ich erlebe es selbst an meiner theologischen Fakultät, auch bei den Dozenten, dass eigentlich nicht verstanden wird, wie und warum die Kirche dies oder jenes lehrt. Allzuoft auch schon nicht, WAS die Kirche eigentlich lehrt. Es wird einfach eine Lehre (sei es des Glaubens oder der Moral) oder eine Disziplin abgelehnt, aber nur äußerst selten kann der Ablehnende erklären, warum es diese Lehre oder Disziplin überhaupt gibt... oder was sie genau beinhaltet. Wenn er aber nicht weiß, warum die Kirche dies oder jenes sagt, was berechtigt ihn dann dazu, dies in Frage zu stellen?

Es wäre zum lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Die, die faktisch am wenigsten kompetent sind etwas zu ändern, tun so, als hätten sie den Master-Plan. Und die Wenigen, die über diese schändliche Situation noch den Überblick haben, die aber ihre eigenen Ziele verfolgen, wissen diese Unkenntnis wunderbar zu nutzen um "demokratisch" Druck auszuüben. Da sie oft genug selbst für diese Unkenntnis (mit)verantwortlich sind, ist das ganze sogar schon irgendwie perfide.

Ich habe nichts gegen sinnvolle Änderungen. Aber ich lege doch Wert darauf, dass sich darum diejenigen kümmern, die Ahnung haben. Wenn einem Arzt alle seine Patienten wegsterben, egal mit welcher Krankheit sie zu ihm kommen, dann sollte man sich zweimal überlegen, ob er der Richtige ist, mich im Krankheitsfall zu beraten. Wenn einem Bischof immerzu die Leute weglaufen, dann ist er vermutlich nicht der Richtige, mir zu erzählen, wie man genau das verhindern kann. Wenn unter diesem Bischof das geistliche Leben stagniert oder rapide abnimmt, dann wird er wohl kaum der Experte für geistlichen Aufbruch sein. Wie ein schaler Witz wirkt es da, wenn solch ein Bischof ein Buch schreibt mit dem Titel "Kirche überlebt", denn überleben ist etwas anderes als leben. Überleben kann ich einen schweren Unfall auch, wenn ich hinterher querschnittsgelähmt bin. Überleben kann ein alter und eigentlich sterbender Mensch noch sehr lange, wenn er nur an die richtigen Maschinen angeschlossen ist und vor sich hin siecht.

Stattdessen sollten wir, das halte ich für das mit Abstand vernünftigste, unseren Blick dahin wenden, wo die Kirche nicht bloß überlebt, sondern wo sie lebt, wo sie blüht. Dort lernen wir, was es heißt, Kirche zu sein.
Und die Lehre der Kirche sollte man auch nur dort hinterfragen, wo sie 1. bekannt ist, 2. in ihrer Begründung verstanden wird und wo sich 3. die Menschen zumindest bemühen, sie zu leben. 2. und 3. haben 1. als notwendige Vorbedingung. Aber gerade um 1. ist es in Deutschland sehr schlecht bestellt, das haben wir seit einem Jahr schwarz auf weiß; um 2. ist es dementsprechend noch viel schlechter bestellt, gerade auch unter den Was-zu-sagen-Habern (siehe das ZK). Und um 3., das hat jene Umfrag zum geistlichen Leben bei den Seelsorgern gezeigt, muss man sich auch ganz ernsthaft Sorgen machen.

Mal ehrlich: Welche Berechtigung hätte ausgerechnet die katholische Kirche in Deutschland, Lehre und Disziplin der Kirche zu hinterfragen? Was hat die Kirche in Deutschland denn wirklich der Weltkirche zu bieten, das für das Heil der Menschen und die überweltliche Gemeinschaft der Glieder der Kirche geistlich fruchtbar wirken kann?
Das Einzige, was wir anzubieten haben, sind viele theologische Fakultäten mit endlosen Metern verstaubter Bücher (vgl. hier), stetig weiter wachsende Strukturapparate und viel, sehr viel Geld. Aber an geistlichen Gütern und Aufbrüchen, was haben wir da zu verzeichnen? Bekehrungen, Kircheneintritte, Beichtzahlen, Gottesdienstbesucher, Wallfahrten, Anbetung, Eheschließungen, Taufen?... Und trotzdem spielen wir uns auf wie sonstwas... Man sollte so ehrlich sein, sich das eigene Ungenügen und die entsprechende Nichtzuständigkeit einzugestehen. Es stünde einem Kardinal Marx gut an, einmal ganz still zu sein, sich stellvertretend für seine Amtskollegen (und seine und deren Vorgänger) unauffällig ganz weit an den Rand der Synodenaula zu setzen, gut zuzuhören und sich einer ausgiebigen Gewissenserforschung zu widmen.

Donnerstag, 3. September 2015

Wahrheit und Mehrheit

Ein Kommentator schrieb neulich (hier, runterscrollen):  
»es geht darum, dass die innersten und ehrlichsten Überzeugungen der vernünftigen Mehrheit der Christen (bspw. dass Homosexualität anders als man früher dachte wohl doch nicht in sich böse ist) ein Indiz dafür sind, was in der kath. Kirche als richtig zu gelten hat und welche Lehrmeinung sich durchsetzt.
Also nicht Akkomodation i.S. einer bequemen, widerstandslosen Übernahme irgendeines Zeitgeistes. Sondern Zurkenntnisnehmen der Wahrheit, die (auch) in der allg. Überzeugung der Mehrheit der vernünftigen und gutmeinenden Christen zum Ausdruck kommt.«

Meine Erwiederung sah zunächst so aus:
»Dein Denkfehler liegt darin begründet, dass du "Mehrheit" mit "Wahrheit" gleichsetzt. Das ist Irrsinn. Mehrheit bringt hier überhaupt nichts. Die Mehrheit lebte in Sodom und Gomorra verdammungswürdig. Die Mehrheit warf sich vor dem goldenen Kalb nieder. Die Mehrheit der Israeliten fiel immer wieder von Gott ab. Die Mehrheit wählte, ganz demokratisch, nicht nur in unserem Land einst einen Diktator zum Staatschef.«

Man könnte diese Aufzählung noch beliebig erweitern und z.B. erwähnen, dass "die Mehrheit" der Zuhörer Jesu bei der Eucharistierede in Joh 6 sich danach von ihm abgewendet haben. Man könnte darauf hinweisen, dass "die Mehrheit" gerufen hat "Kreuzige ihn!"...
Man könnte sodann darauf Hinweisen, dass Jesus immerzu vor dem Weg der Mehrheit gewarnt hat (breite Straße, weites Tor). Es gibt wirklich nichts in der Verkündigung Jesu oder in der Geschichte Gottes mit seinem Volk, das die These stützen könnte, wonach es eine Korrelation zwischen Mehrheit und Wahrheit gibt. Stattdessen finden wir überall das genaue Gegenteil. Übrigens auch zu Hauf in der Kirchengeschichte.

Der Grund, warum Mehrheit niemals Wahrheit schaffen kann, ist offensichtlich, und ich habe dies in meinem Blogbeitrag Dürftige Theologie - 17 - Vom Be-Urteilen mittels einer rhetorischen Frage zu verdeutlichen versucht: "Oder glaubt denn irgendwer ernsthaft, dass wir gegenwärtig in einer Gesellschaft leben, die im Einzelnen wie im Gesamten so heil(igmäßig) ist, dass sich der Wille Gottes in der "Lebenswirklichkeit" der Menschen kundtut?"
Nichts anderes wird nun aber von jenem Kommentator (und er ist damit in der theologischen und pseudo-theologischen Landschaft in Deutschland alles andere als allein) vorgeschlagen.

Der Grund, warum Mehrheit niemals Wahrheit schaffen darf, ist ähnlich simpel: Weil die "Meinung der Mehrheit" (auch dann, wenn man sie pathetisch als "innerste und ehrlichste Überzeugung" exaggeriert) niemals die Meinung der Mehrheit ist, sondern die Meinung des erfolgreichsten Populisten (bzw. dessen mit dem lautesten Organ). Denn die meisten Leute haben keine Ahnung von den komplexen Sachverhalten, um die es geht - sei es nun Wirtschaft, Politik, oder Theologie - und müssen sich darum dem Redelsführer anschließen, von dessen Parolen sie sich am ehesten gemeint fühlen oder den sie am sympathischsten finden. 
Mehrheiten fallen, auch wenn der Kommentator das Gegenteil behauptet, nicht vom Himmel: Mehrheiten werden immer von Menschen gemacht.

Appropos: Was ist denn eigentlich eine "vernünftige Mehrheit"? Wer bestimmt darüber, wer vernünftig ist? Wer fällt denn darunter? Etwa die Mehrheit der Theologen in unserem Land, die wesentliche Glaubensinhalte leugnet? Die Mehrheit der Pfarrer, die ihren Schäfchen die kirchliche Morallehre schlichtweg vorenthalten, um sie nicht zu verschrecken und die routinemäßig kirchliche Gesetze und ihr eigenes Weiheversprechen durch "Liturgie Marke: Eigenbau" brechen? Die Mehrheit der Katholiken, die sich nach Jahrzehnten des Bildungsmangels als erstaunlich ignorant gegenüber der kirchliche Lehre erwiesen haben? (Vgl. dazu hier.)
Und wer ist "gutmeinend"? Wer urteilt darüber? Sind die Piusbrüder gutmeinend? Sind die Verfechter der kirchlichen Lehre gutmeinend? Sind die Theologieprofessoren gutmeinend, die offen gegen die Lehre der Kirche wettern? Oder sind nur die gutmeinend, die sich als Gutmenschen gerieren? 
Die Frage ist letztlich: Wer hat die Macht, wer entscheidet? Auch wenn es um die Suche nach "Mehrheit" geht, erst recht, wenn man diese Mehrheit erst noch qualifiziert (z.B. als "vernünftig" und "gutmeinend"). Wer definiert, wer bestimmt?

Schließlich ist es doch wohl auch so, das muss man sich ehrlich eingestehen: Würde man hierzulande unter den Katholiken eine Umfrage machen nicht bezüglich moralischer Fragen (mit erwartetem Ergebnis), sondern bezüglich wesentlicher Glaubensinhalte (letztes Gericht, Realpräsenz in der Eucharistie etc.), würde man feststellen, dass die "Mehrheit" völlig inkompetent ist über irgendetwas dem Glauben oder der Moral Zugehöriges zu entscheiden, selbst wenn das überhaupt nur möglich wäre.


Nein, also sorry: Wer glaubt, per Mehrheit ließe sich Wahrheit feststellen, der nimmt weder die Bibel, noch die Geschichte, noch die conditio humana irgendwie ernst.
Ein solches Prinzip, das heute ironischerweise die theologische Mehrheitsmeinung (zumindest in Deutschland) ist, steht dem Glauben an eine Offenbarung Gottes und damit dem christlichen Glauben als ganzem, diametral entgegen: Als Jesus die Menschen lehrte und ermahnte, da hat er eben nicht gefragt: "wie hättet ihr's denn gern?, lasst uns mal darüber abstimmen", sondern er hat ihnen gesagt wie es ist. Ebenso die Apostel, ebenso die Kirche.
"Mehrheit" hat mit "Wahrheit" nichts zutun, meistens steht jene im Widerspruch zu dieser. Blumiger kann man das nicht sagen.

Die Formulierung des Kommentators "was in der kath. Kirche als richtig zu gelten hat" offenbart den zugrundeliegenden Irrtum sehr anschaulich: Einer "Mehrheit" geht es tatsächlich nur darum, was ihr "als richtig gilt"... aber das kann morgen schon von etwas anderem abgelöst werden, was dann der "Mehrheit" "als richtig gilt". Der Kirche aber geht es um die Wahrheit, und die kann sich per definitionem nicht ändern. Wahr ist etwas, weil es richtig ist, nicht bloß, weil es zufällig gerade für richtig gehalten wird.
Ich persönlich halte da zu Johannes:
»Für euch gilt: Was ihr von Anfang an gehört habt, soll in euch bleiben; wenn das, was ihr von Anfang an gehört habt, in euch bleibt, dann bleibt ihr im Sohn und im Vater. Und seine Verheißung an uns ist das ewige Leben. Dies habe ich euch über die geschrieben, die euch in die Irre führen.« (1Joh 2,24-26)

PS. "... und welche Lehrmeinung sich durchsetzt"... Es gibt nur eine Lehrmeinung, nämlich die des Lehramtes; alles andere sind bloß Meinungen.

Mittwoch, 2. September 2015

Jubiläum der Barmherzigkeit - Ablass

Das "Außerordentliche Jubiläum der Barmherzigkeit", das Papst Franziskus ausgerufen hat, stellt viele Katholiken sicher vor mittel- bis sehr große Schwierigkeiten. Denn worum es dabei geht ist nicht ein billiges "wir fühlen uns alle gut" und "Gott wirds schon richten", sondern es ist v.a. ein Ruf zu "echter Umkehr" und zur sakramentalen Versöhnung mit der Kirche und mit Gott. Der aktuelle päpstliche Brief an den Präsidenten des Päpstlichen Rats zur Förderung der Neuevangelisierung (hier) macht dies recht deutlich. Er behandelt den Jubiläumsablass und die v.a. logistisch (und für manche auch rechtlich) vereinfachten Bedingungen, diesen zu erlangen.

Und da fängt es schon an: Was ist überhaupt ein Ablass? "Ablass ist der Nachlass zeitlicher Strafe vor Gott, für Sünden, deren Schuld schon getilgt ist" (Handbuch der Ablässe, Ablass-Normen, 1). Es geht also um den Erlass zeitlicher Sündenstrafen, die hinsichtlich ihrer Schuld bereits durch das Sakrament der Beichte vergeben sind. Was sind "zeitliche Sündenstrafen"? Das sind, vereinfacht gesagt, die Leiden der "armen Seelen" (der Verstorbenen) im Purgatorium (vulgo "Fegefeuer"). Also jener Aspekt unseres katholischen Glaubens, der heute von den meisten Theologen offen bestritten/geleugnet, von den meisten Pfarrern ignoriert und von den meisten Gläubigen oft genug nicht einmal mehr (als Glaubensinhalt) gewusst und bestenfalls einschlussweise geglaubt wird.
Und dabei ist er so wertvoll! V.a. in der Sorge um die Verstorbenen, ist der Ablass von unschätzbarem Wert.

Wann haben Sie, lieber Leser, das letzte Mal einen Ablass erworben? Wissen Sie überhaupt, wie das geht? Der Kenner weiß: Einen Ablass gibt es nur in Verbindung mit dem Sakrament der Beichte (und anderen Bedingungen, die der Papst auch nennt). Ja, richtig gelesen, jenes Sakrament, das laut Statistik, viele (bis zu 9 von 10) hauptamtliche Mitarbeiter der kath. Kirche in Deutschland seltener empfangen, als dies das Kirchengebot vorschreibt. Jenes Sakrament, das mit Abstand am meisten mit "Konservativismus", "Rigorismus", "Rückständigkeit" etc. in Verbindung gebracht wird...

Die den Brief beschließenden Regelungen bzgl. Piusbruderschaft (meine Gedanken zu diesem bemerkenswerten Schritt: hier) und Abtreibung (zu den Verwirrungen diesbezüglich, ob der Papst nun Abtreibung erlaubt habe: hier) dienen einzig diesem Ziel: Dass alle hier Betroffenen, die zur Umkehr bereit sind, ungehindert den Jubiläumsablass erlangen können. [Dass mancher Zeitgenosse sich dazu hinreißen lässt, hier ein taktisches Manöver zur meinungspolitischen Einflussnahme zu sehen (siehe den letzten Link, der erste Leserkommentar), macht mich Schmunzeln, denn nichts liegt diesem Schreiben des Papstes ferner - das offenkundig nur, ich wiederhole mich, die Regelungen für den Erwerb des Ablasses und den in einigen Fällen erleichterten Zugang zur Beichte zum Erwerb dieses Ablasses zum Inhalt hat. Man beachte auch die Ausführungen des Papstes bezüglich der Strafgefangenen, die keine Möglichkeit haben, eine ordentliche Heilige Pforte zu durchschreiten.]

Es geht nicht um ein Wohlgefühl, sondern um Taten die dem eigenen Heil und dem der anderen dienen. Die auch zuweilen sehr unbequem und heute überhaupt nicht (kirchen-)politisch korrekt sind. Nochmal Franziskus:
»Es ist mein Wunsch, dass die Kirche in dieser Zeit des Jubiläums den in den leiblichen und geistlichen Werken der Barmherzigkeit enthaltenen Reichtum wiederentdecken möge.«

Zu den geistlichen Werken der Barmherzigkeit gehören auch diese: Für die Verstorbenen beten (der Ablass für einen Verstorbenen ist hier gewissermaßen das non-plus-ultra!), die Unwissenden lehren (was ich mit diesem Blog versuche) und die Sünder zurechtweisen (was heute allzugern mit der Berufung auf das Gewissen regelrecht als Diffamierung bekämpft wird, vgl. meine Ausfürungen dazu hier).

Alles in Allem kann man wohl konstatieren: Wären nicht diese zwei heiklen bzw. für Uninformierte sensationellen Passagen darin, würde niemand diesen Brief beachten... denn er regelt ja eigentlich nur einige rechtliche Formalitäten bezüglich des (wie mit jedem, so auch) mit diesem Jubiläum verbundenen Ablasses. Ein Thema, das, mal ehrlich, selbst unter den Katholiken hierzulande kaum jemanden interessiert. Man wird dieses Jubeljahr sicherlich mit vielen wohlfeilen Phrasen pflastern und am Ende doch nur "billige Barmherzigkeit" predigen... ich hege Zweifel, ob die Beichtzahlen merkbar ansteigen werden. Immerhin ein Gutes hat die ganze Aufregung um die Sache mit der Abtreibung und den Piussen (siehe die Links dazu weiter oben): Dieser Brief hat ungeahnt viel Aufmerksamkeit bekommen, und vielleicht lässt sich ja der eine oder andere Leser berühren, diese Aspekte des katholischen Glaubens - sakramentale Versöhnung, Ablass - wieder ernster zu nehmen.
Ich für meinen Teil danke dem heiligen Vater, dass er sich bemüht, an alle zu denken, so dass niemand, der auf den Weg der Gebote Gottes umkehren und den Jubiläumsablass gewinnen will, durch äußere Umstände daran gehindert ist. Und ich werde in diesem Jubeljahr auch einen solchen Ablass erlangen.

Beichte bei den Piusbrüdern

Da Papst Franziskus anlässlich des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit nicht nur allen befugten Priestern die Lösung der "Fessel der Exkommunikation" und die Lossprechung von der Sünde der Abtreibung gewährt hat (s. hier), sondern auch den Priestern der Priesterbruderschaft Pius' X. die Spendung dieses Sakraments gewährt, sei ein Wort dazu verloren.
Der Punkt, den ich machen will, ist dieser: Oft ist zu hören, bei den Piusbrüdern würden die sakramente "unerlaubt aber gültig" gespendet. Das Stimmt... leider nicht für alle Sakramente. Entgegen anderslautender Meinungen, sind die Beichten bei den Piussen nicht nur unerlaubt, sondern höchst wahrscheinlich auch ungültig.

Der Papst schreibt:
»Bewegt von der Notwendigkeit, dem Wohl dieser Gläubigen zu entsprechen, bestimme ich in der Zwischenzeit in eigener Verfügung, dass diejenigen, die während des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit das Sakrament der Versöhnung bei den Priestern der Bruderschaft St. Pius X. empfangen, gültig und erlaubt die Lossprechung von ihren Sünden erlangen.«

Es hat einen Grund, weshalb der CIC 21 Kanones benötigt, um die Voraussetzungen des Beichtvaters zum Beichtehören darzulegen, während für den Pönitenten 5 Kanones ausreichen. Bereits kanon 966 §1 CIC macht es überaus klar: "Zur gültigen Absolution [validam absolutionem] von Sünden ist erforderlich, dass der Spender außer der Weihegewalt die Befugnis besitzt, sie gegenüber den Gläubigen, denen er die Absolution erteilt, auszuüben."

Eine solche Befugnis kann laut c. 969 §1 nur der Ortsordinarius (Ortsbischof, dessen Vertreter oder rechtlich Gleichgestellte, vgl. c. 134 CIC) erteilen. Einen solchen haben die Piusse nicht. Denn sie haben zwar Bischöfe, aber keine Diözesen; sie haben Priester, aber keine Pfarreien (gleichgültig, ob sie selber irgendwelche Strukturen so nennen: es sind keine) - sie haben in der Gegend rumstehende Kirchen und Kapellen, aber nirgendwo eine Ortskirche... und keine Ordinarien (der Wortteil "ordo" impliziert bereits die Rechtmäßigkeit). Das ist der Grund dafür, und das wird in diesem "barmherzigen" Schreiben des Papstes evident, warum der Papst es ihnen überhaupt für dieses eine Jahr zugestehen kann!

Das Bemerkenswerte dabei ist, dass der Papst denen, die bei der Bruderschaft die Sakramente empfangen wollen, nicht ermahnt, dies bei den rechmäßigen (in voller Einheit mit Rom stehenden) Spendern zu tun, sondern er ihnen die Möglichkeit ausdrücklich zugesteht, dies bei den Piusbrüdern zu tun. Das ist nicht weniger als phänomenal, denn es bedeutet faktisch eine liebevolle Anerkennung alles Guten, das die Piusbrüder tun - Franziskus spricht vom "guten Glauben und der guten sakramentalen Praxis dieser Gläubigen" -, und es lässt, zumindest für einen Moment, die moralische und rechtliche Unhaltbarkeit der faktischen Trennung außer acht. Am kirchenpolitischen linken Rand müsste man darüber eigentlich entsetzt sein.


PS. Für alle Hobby-Theologen: Nein, das "supplet ecclesia" trifft hier nicht. Man lese dazu die sehr klaren Ausführungen von Jimmy Akin: hier. In kurz: die Kirche ersetzt nur bei ihren eigenen Leuten etwaige fehlende Leitungsgewalt, nicht bei denen, die nicht in voller Gemeinschaft mit ihr stehen, seien es orthodoxe Priester oder Priester der Piusbruderschaft.

Erlaubt der Papst jetzt Abtreibung?

Überall sprießen dieser Tage Pressemitteilungen, die verkünden, Papst Franziskus hätte eine andere Haltung gegenüber Abtreibung eingenommen: "Priester dürfen Abtreibung vergeben". Die Satire von Eye of the Tiber ist da garnicht mehr so weit weg: "Pope Francis announced Tuesday that he will allow Roman Catholic women to have as many abortions as they want during the upcoming Holy Year of Mercy" (hier).
Was passiert ist, kurz rekapituliert:

Der Papst hat ein außerordentliches "Heiliges Jahr" ausgerufen unter dem Motto der Barmherzigkeit (Päpste rufen für gewöhnlich alle 25 solch ein "Heiliges Jahr" aus, das nächste wäre erst 2025, weshalb dieses nun "außerordentlich" ist... der Papst darf das). Sinn solcher Heiligen Jahre (oder "Jubeljahre"), die die Päpste seit dem Jahr 1300 des öfteren ausgerufen haben, ist es, spirituelle Impulsen für die Kirche zu geben.
Nun hat der Papst, u.a., für dieses Jahr allen Priestern der katolischen Kirche die Befugnis gegeben, im Rahmen des Beichtsakramentes von der Sünde einer vollzogenen Abtreibung loszusprechen. Das Problem ist nun, dass dieser Satz für einen Nichtkatholiken unmengen an Konzepten enthält, die er nicht versteht bzw. mit denen er nichts anzufangen weiß und auch Katholiken sind zuweilen verwirrt.


Aaalso:
Erstens: Was ist "Beichte"? Eines von sieben Sakramenten, also, vereinfacht gesprochen, rituelle Lebensvollzüge der Kirche, die sie mit Gott verbinden (vgl. Taufe, Firmung etc.). In der Beichte geht es darum, begangene Sünden zu "beichten" und die Lossprechung zu empfangen. Was heißt das? Es ist KEIN Freibrief die zu beichtenden Taten zu begehen, sondern das genaue Gegenteil: Nur wenn ich die Tat, die ich begangen habe (also z.B., ganz grob, Verstöße gegen die Zehn Gebote) 1. wirklich als Sünden anerkenne (die mich mein Seelenheil kosten können!!) und sie 2. vor dem Priester ehrlich benenne und bekenne („Ich habe gesündigt...“), wenn ich sie zudem 3. aufrichtig bereue ("wie konnte ich nur!") und 4. Sühne leisten will, und 5. den ernsthaften Vorsatz fasse, sie nicht wieder zu begehen, DANN wird mir die Absolution, d.h. die Verzeihung meiner Sünden, zugesprochen (heißt: der Priester leiht soz. Gott seine Stimme, wenn er spricht "So spreche ich dich los von deinen Sünden"). Es geht darum, dass der Mensch (einfach weil er Mensch ist...) gegen Gott sündigt, dass Gott ihm aber, unter den genannten Bedingungen, diese Sünde vergibt.

 

Zweitens: Was ist Abtreibung? Abtreibung ist Mord. Abreibung ist, weil sie Mord ist, eine Sünde (gegen das 5. Gebot). Nun ist es aber so, dass, weil Abtreibung eine so schwerwiegende Sünde und zudem auch eine Straftat ist (also solche steht sie auch im Gesetzbuch der Kirche: c. 1398 CIC), jene Lossprechung nicht wie bei anderen Sünden durch jeden Priester mit entsprechender Beichtbefugnis erfolgen kann. Das hat damit zutun, dass durch die Mitwirkung an einer Abtreibung, zusätzlich zu der Sünde des Mordes, auch (auf einer anderen Ebene, die von der Kategorie "Sünde" zunächstmal unabhängig ist) nach kirchlichem Recht eine Straftat begangen wird, die die Strafe der Exkommunikation zur Folge hat, also der Ausschluss aus der sakramentalen Gemeinschaft der Kirche. [Anmerkung: Sünde und Straftat sind zwei Paar Schuhe, auch wenn sie zuweilen, wie in diesem Fall, durch ein und die selbe Handlung begangen werden: eine Sünde führt nicht zur Exkommunikation, sie kann jedoch die Rechtsstellung innerhalb dieser Gemeinhaft beeinträchtigen. Niemand wird exkommuniziert, weil er sündigt - wir sind schließlich keine Katharer. Exkommuniziert wird, wer eine entsprechende Straftat begangen hat. Sofern eine Frau nicht selbst eine Abtreibung an sich durch- bzw. herbeiführt (sei es chemisch - etwa durch die "Pille danach" -, oder mechanisch - durch einführen von Stricknadeln oder was es sonst so an Methoden gibt), sind es die Ärzte, die hier die Straftat begehen. Mir ist jedenfalls kein Fall der Exkommunikation einer Frau bekannt, sofern sie nicht selbst an der Durchführung der Abtreibung mitwirkte. Die Sünde begehen hingegen alle beteiligten, auch die Frau, die die Abtreibung will.] Diese Strafe der Exkommunikation aufzuheben und so überhaupt die Möglichkeit für den Empfang des Sakraments der Versöhnung zu eröffnen, bedarf (außer in besonders dringenden Fällen, etwa Todesgefahr) des Bischofs. (Übrigens: auch in Deutschland ist Schwangerschaftsabbruch nach § 218 StGB eine Straftat, die nur unter bestimmten Bedingungen straffrei bleibt...)
 

Drittens: Was der Papst für diese außerordentliche Heilige Jahr der Barmherzigkeit ermöglicht hat, ist, dass in diesem Zeitraum alle zur Spendung des Beichsakraments befugten Priester von der Sünde der durchgeführten Abtreibung lossprechen können, und ich vermute stark, so wie der entsprechende Passus formuliert ist (s.u.), dass das "Neue" hier v.a. die Aufhebung der Strafe der Exkommunikation der Ausführenden durch die entsprechenden Priester betrifft. [Anmerkung: Früher enthielt die Lossprechung vor der eigentlichen Absolutionsformel, die der Priester spricht, auch die in 99,99% der Fälle überflüssige Formel zur Lösung "von jeder Fessel der Exkommunkation und des Interdikts, soweit meine Vollmacht reicht und du dessen bedarfst".]
 

Hier ist nichtmal annähernd eine neue Haltung gegenüber Abtreibung erkennbar! Es handelt sich um eine rein kirchenrechtlich-disziplinarische Bestimmung, die es reuigen Sündern, die sich durch Mitwirkung an einer Abtreibung schuldig gemacht haben, ermöglicht, diese Sünde (bei entsprechenden Voraussetzungen, s.o.) auch bei ihrem Pfarrer zu beichten, die Lossprechung und Vergebung für diese schlimme Tat zu erfahren und mit der Kirche versöhnt zu werden.   

Man vergleiche nun diese Ausführngen mit den tatsächlichen Worten von Franziskus: 
"... habe ich, ungeachtet gegenteiliger Bestimmungen [d.i. was sonst gilt], entschieden, für das Jubiläumsjahr allen Priestern die Vollmacht zu gewähren, von der Sünde der Abtreibung jene loszusprechen, die sie vorgenommen haben und reuigen Herzens dafür um Vergebung bitten. Die Priester mögen sich auf diese große Aufgabe vorbereiten und Worte der echten Annahme mit einer Reflexion zu verbinden wissen, die hilft, die begangene Sünde zu begreifen. Ebenso sollen sie auf einen Weg echter Umkehr verweisen, um die wahrhaftige und großherzige Vergebung des Vaters verstehen zu können, der durch seine Gegenwart alles erneuert." (hier)

Es ist höchst bedauerlich, dass diese Anweisung so völlig unkommentiert und Kontextlos in die Welt hinausgeschickt wurde... hier hat die Kommunikation des Vatikans wiedermal glänzend versagt. Außerdem ist die Formulierung kirchenrechtlich unsauber, denn das Problem ist hier nicht die begangene Sünde, sondern die Straftat, die normalerweise eine Lossprechung von dieser Sünde verhindert.

Donnerstag, 13. August 2015

»Zorn Gottes«

»Die Kritiker des Begriffs des "Zornes Gottes" waren schwer im Unrecht, wenn sie sagten, "Zorn" sei keine aus dem Wesen Gottes verständlich zu machende, sie sei insbesondere keine mit seiner Liebe und Gnade zu vereinbarende Eigenschaft, Tätigkeit oder Verfassung.
Dazu ist zu sagen: Gnade wäre nicht Gottes Gnade, wenn sie zu scheiden wäre von der Heiligkeit, in der Gott allein seinen eigenen und als solchen guten Willen gelten und geschehen läßt, allem ihm Fremdem fern ist und widersteht, jeden Widerspruch ihm gegenüber verurteilt, ausschließt und vernichtet. Und Gnade wäre nicht freie Gnade, wenn sie an eine einzige Gestalt ihrer Erweisung und Erscheinung gebunden, wenn er verpflichtet wäre, monoton als die "Liebe", nämlich als das, was wir uns unter Liebe vorstellen, offenbar zu sein, wenn es ihm gewissermaßen verboten wäre, dem, dem ein Nein! zukommt, sein Nein entgegenzustellen, sich da, wo er auf jenen Widerspruch stößt, als der, der er in sich ist, zu verbergen, seine Gnade in jener Fremdgestalt seines Unwillens und Zornes zu offenbaren. 
Und vor allem: Gnade wäre ja gar nicht Gnade, gar nicht Gottes ernstliche und wirksame Zuwendung zum Menschen, gar nicht die effektive Aufrichtung seiner Gemeinschaft mit ihm, wenn er sich zu des Menschen Gegensatz zu ihm nicht seinerseits in Gegensatz setzen, wenn er ihn unangeklagt, unverurteilt, ungestraft seiner Wege ziehen lassen, wenn er des Menschen elenden Hochmut ignorieren würde, wenn der Mensch der Sünde ihn nicht zu fürchten hätte, wenn es nicht schrecklich wäre, in seine Hände zu fallen (Hebr 10,31), wenn er dem, der ihm widerspricht, nicht ein verzehrendes Feuer wäre (Hebr 12,29).
Daß seine Gnade ohne sein Gericht nicht seine Gnade wäre, ist ebenso wahr wie das scheinbar Entgegengesetzte - ist vielmehr in unauflöslicher Einheit eben damit wahr: daß es keine Heiligkeit Gottes gibt, die von seiner Gnade zu scheiden, und also auch keinen Zorn Gottes, der etwas Anderes wäre, als das heilsame Brennen seiner Liebe, die ja eben darin ihr abschließendes und eigentliches Werk getan hat, daß er um unserer, der in Sünde und Schuld gefallenen Menschen willen, seines eigenen Sohnes nicht verschont hat.«

(Karl Barth, Kirchliche Dogmatik IV/1, 545f.)

Dienstag, 28. Juli 2015

Das Wort

Das Wort gleicht dem beschwingten Pfeil,
Und ist es einmal deinem Bogen
In Tändeln oder Ernst entflogen,
Erschrecken muß dich seine Eil'!

Dem Körnlein gleicht es, deiner Hand
Entschlüpft; wer mag es wiederfinden?
Und dennoch wuchert's in den Gründen
Und treibt die Wurzeln durch das Land.

Gleicht dem verlornen Funken, der
Vielleicht verlischt am feuchten Tage,
Vielleicht am milden glimmt im Hage,
Am dürren schwillt zum Flammenmeer.

Und Worte sind es doch, die einst
So schwer in deine Schale fallen:
Ist keins ein nichtiges von allen,
Um jedes hoffst du oder weinst.

O, einen Strahl der Himmelsau,
Mein Gott, dem Zagenden und Blinden!
Wie soll er Ziel und Acker finden?
Wie Lüfte messen und den Tau?

Allmächt'ger, der das Wort geschenkt,
Doch seine Zukunft uns verhalten,
Woll' selber deiner Gabe walten,
Durch deinen Hauch sei sie gelenkt!

Richte den Pfeil dem Ziele zu,
Nähre das Körnlein schlummertrunken!
Erstick ihn oder fach den Funken!
Denn, was da frommt, das weißt nur du.
(Annette von Droste-Hülshoff)

Montag, 27. Juli 2015

Kirchenaustritte und Liturgie

»In der Liturgie, besonders im heiligen Opfer der Eucharistie, "vollzieht sich" "das Werk unserer Erlösung", und so trägt sie in höchstem Maße dazu bei, daß das Leben der Gläubigen Ausdruck und Offenbarung des Mysteriums Christi und des eigentlichen Wesens der wahren Kirche wird, der es eigen ist, zugleich göttlich und menschlich zu sein, sichtbar und mit unsichtbaren Gütern ausgestattet, voll Eifer der Tätigkeit hingegeben und doch frei für die Beschauung, in der Welt zugegen und doch unterwegs; und zwar so, daß dabei das Menschliche auf das Göttliche hingeordnet und ihm untergeordnet ist, das Sichtbare auf das Unsichtbare, die Tätigkeit auf die Beschauung, das Gegenwärtige auf die künftige Stadt, die wir suchen.
Dabei baut die Liturgie täglich die, welche drinnen sind, zum heiligen Tempel im Herrn auf, zur Wohnung Gottes im Geist bis zum Maße des Vollalters Christi. Zugleich stärkt sie wunderbar deren Kräfte, daß sie Christus verkünden. So stellt sie denen, die draußen sind, die Kirche vor Augen als Zeichen, das aufgerichtet ist unter den Völkern. Unter diesem sollen sich die zerstreuten Söhne Gottes zur Einheit sammeln, bis eine Herde und ein Hirt wird.« (Sacrosanctum Concilium 2)

In Deutschland nehmen nur etwa 10% der Katholiken an dem Teil, was nach dem jüngsten Konzil der "Höhepunkt [ist], dem das Tun der Kirche zustrebt" (SC 10), ihrer Liturgie. Es ist erstaunlich, dass das aber scheinbar niemanden besonders kümmert... Ja man freut sich sogar über einen angeblichen Zuwachs der Gottesdienstebsucher um 0,1%, was aber, wenn man es mit den Austrittszahlen verrechnet (die immerhin das zehnfache ausmachen!), in absoluten Zahlen so gering ausfällt, dass es als Messungenauigkeit durchgehen könnte (grob überschlagen komme ich auf ca. 500 Köpfe).
Der eigentliche Skandal ist nicht, dass es viele Kirchenaustritte gibt (klick). Die allermeisten derer, die aus der Körperschaft des öffentlichen Rechts "Katholische Kirche" austreten, haben sich schon lange innerlich von der Katholischen Kirche distanziert. Das neue Einzugsverfahren für die Kirchensteuer auf Kapitalerträge oder ein gewisser Limburger Bischof oder was auch immer gerade Tagesgeschehen ist, ist immer nur der Anlass für viele, die Kirche nun endlich auch amtlich zu verlassen, es ist aber nicht der Grund. Der Grund ist wohl eher da zu suchen, wo auch der Grund für die niedrige Beteiligung am Gottesdienst - dem innersten Wesensvollzug der Kirche - zu suchen ist.
Der Hauptgrund ist wohl schlicht eine Entfremdung vieler Menschen vom Glauben der Kirche und von dieser Kirche. Wer den Glauben der Kirche teilt und danach zu leben sich bemüht, der hat auch innerlich wie äußerlich Anteil an ihrem liturgschen Leben, denn dieses ist gleichbedeutend mit der Gemeinschaft mit der Kirche. 


Ein kleiner historischer Blick auf das, was ich meine:
In der Zeit der Kirchenväter gab es noch keine Beichte, wie wir sie heute kennen. Gegen das tägliche Zurückbleiben hinter der Taufberufung (damals wurde man noch als Erwachsener getauft, nachdem man einen mehrjährigen Weg des Katechumenats und der Umkehr beschritten hat) halfen dem Christen die Werke der Barmherzigkeit, das Lesen und Hören der Heiligen Schrift und besonders die Feier der Liturgie der Kirche. Wobei bemerkt werden muss, dass die altchristliche tägliche Gottesdienstpraxis nicht um die hl. Messe kreiste, die i.d.R. nur am Sonntag stattfand. Liturgie vollzog sich während der Woche in Gestalt des Stundengebetes, das sich einer regen Beteiligung des Volkes erfreute, besonders bei der Morgen- und Abendhore.
Für schwere Sünden (die Trias aus Götzendienst/Apostasie, Ehebruch und Mord) gab es das kanonische Bußverfahren, das man einmal im Leben durchlaufen konnte und das gut und gerne auch mehrere Jahre in Anspruch nehmen konnte (vgl. meine Ausführungen dazu hier). Wesentlicher Teil dieses Bußverfahrens war der, je nach Fortschritt im Bußverfahren, völlige oder teilweise Ausschluss aus der liturgischen Gemeinschaft. Bei besonders schweren Vergehen hieß das, dass der Büßer erst auf dem Sterbebett wieder die hl. Kommunion empfangen durfte. Am Ende dieses Bußverfahrens stand keine Absolution, wie wir sie heute in der Beichte haben ("Ego te absolvo...") und die uns die Wiederversöhnung mit Gott zuspricht, sondern hier kam es, wenn der Büßer sein Leben geändert hat, zur Rekonziliation mit der Kirche(!) also zur Wiederaufnahme in die Gemeinschaft, die sich vor allem anderen in der Feier der Liturgie des Wortes und der Sakramente konstituierte.
In den ersten Jahrhunderten des Christentums war klar, dass die Gemeinschaft mit Gott nur in der Gemeinschaft der Kirche zu finden ist und zwar konkret in der Teilnahme am eucharistischen Opfer. Wer schwer sündigte, also faktisch seine Taufentscheidung zurücknahm, verlor diese Gemeinschaft und geriet damit in die Gefahrt, für immer verloren zu gehen. Wer einmal durch die Taufe in die Kirche aufgenommen wurde und dann durch eine schwere Sünde von ihr abfiel, für den gab es keine Aussicht auf Rettung, solange er sich nicht bekehrte und (einmalig im Leben!) in die volle Gemeinschaft zurückkehrte, was sich im Empfang der Eucharistie konkretisierte. Wer ein zweites Mal nach der Taufe in schwere Sünde fiel, für den gab es keine dritte Chance zur Bekehrung (die erste war die Taufe!).  

Wenn wir heute sehen, dass 90% der Katholiken in unserem Land die liturgische Gemeinschaft faktisch egal ist, dann muss uns das zu denken geben. Ich meine, wir müssen uns erstmal auch um die verirrten Schafe unserer Herde kümmern (Katholiken die der Liturgie fern bleiben), bevor wir großspurig neue Schafe hinzuzuholen versuchen! "Denn die apostolische Arbeit ist darauf hingeordnet, daß alle, durch Glauben und Taufe Kinder Gottes geworden, sich versammeln, inmitten der Kirche Gott loben, am Opfer teilnehmen und das Herrenmahl genießen." (SC 10) Es wirkt ja auch nicht gerade attraktiv: Warum sollte ich mich, im Bild gesprochen, einer Herde anschließen, deren Hirte 90% der Schafe "verloren" hat?
Wer aus der Kirche austritt, gehörte i.d.R. schon lange zu diesen 90%. Hier muss unsere Aufmerksamkeit verortet sein: Die große Mehrheit der nominellen Glieder der Kirche in unserem Land nimmt nicht "vorauskostend an jener himmlischen Liturgie teil, die in der heiligen Stadt Jerusalem gefeiert wird" (vgl. LG 8). (In anderen Teilen der Welt riskieren die Katholiken Leib und Leben, um dies kosten zu dürfen!) Damit können wir uns nie, nie abfinden. Wir müssten eigentlich in Schockstarre sein und uns voll Tränen fragen, wie wir diese Menschen in die volle Gemeinschaft holen...
Was offensichtlich nicht funktioniert, ist die heute allüberall geübte "liturgische Kreativität", die die liturgischen Vorgaben nurmehr als Empfehlungen, keineswegs aber als verbindliche Richtlinien begreift. Der Versuch, die Liturgie auf die Bedürfnisse Einzelner zuzuschneiden oder nach eigenem Gutdünken umzumodeln, scheint wenig fruchtbringend zu sein. Jahrzehnte ständig sinkender Beteiligung geben dafür Zeugnis.
»Man kann die Liturgie also nicht immer wieder neu erfinden und sich nach eigenem Geschmack zusammenbasteln. Ich möchte, wenn ich an einem Gottesdienst teilnehme, nicht den subjektiven Einfällen und Anmutungen des jeweils Zelebrierenden ausgesetzt sein. Ich empfinde das als eine Zumutung; denn ich komme ja um die Liturgie der Kirche mitzufeiern. In der der Liturgie eigenen Objektivität drückt sich das Universale der katholischen Liturgie aus. Es geht ja um den einen Herrn, um die eine Eucharistie und so um die eine Liturgie. So kann ich überall auf der Welt die Eucharistie mitfeiern oder auch selber zelebrieren; es ist in vielfältigen Sprachen immer die eine Liturgie. Dass wir alle Brüder und Schwestern in der einen Kirche Jesu Christi sind, ist so nicht nur eine abstrakte Theorie und ein leeres Wort, es ist eine konkret erfahrbare Realität.«
(Walter Kardinal kasper, "Gottesdienst nach katholischem Verständnis", ein Vortrag im Ulmer Münster am Sonntag, 22. April 2007; hier nachzulesen)

Auf der anderen Seite muss auch die Frage berechrigt sein, wo unser Bemühen, die Menschen in die volle Kirchengemeinschaft zu holen, seine Grenzen hat. Jesus hat definitiv nicht versucht, es jedem recht zu machen, und wir dürfen es auch nicht, weil das nie ohne faule Kompromisse geht. Viele unter den 90% mögen vielleicht auch einfach desinteressiert sein oder sich bewusst abwenden von dem, was die Kirche feiert. Die Reaktion der Kirche darf aber es niemals sein, diese Inhalte zu verschweigen, zu verwässern oder gar aufzugeben, nur um zu versuchen "jeden mit ins Boot zu holen". "Wenn man euch aber in einem Haus oder in einer Stadt nicht aufnimmt und eure Worte nicht hören will, dann geht weg und schüttelt den Staub von euren Füßen." (Mt,10,14) Was die Kirche glaubt und was sie feiert und woraus sie eigentlich ihr Handlungspotential schöpfen sollte, namentlich die Eucharistie als die reale Vergegenwärtigung von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi in seinem Leib und Blut unter den Zeichen von Brot und Wein, erregt immer auch Anstoß und wird immer Ablehnung finden. Nicht weniger der moralische Anspruch von Gottes Geboten. Als Jesus seinen Jüngern und den Juden das Mysterium seines Leibes und Blutes für uns zur Speise offenbarte, gab es diese Reaktion: "Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm." (Joh 6,67) Und Jesus hat nicht versucht, sie vom Weggehen abzuhalten. Er sagte nicht "Halt mal, das war doch nur metaphorisch gemeint! Kein Grund, hier Anstoß zu nehmen", sondern er ließ sie ziehen. Jesus ist immer "ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses", weswegen sich viele an dem Wort, das zu verkünden die Christen berufen sind, stoßen (1. Petr 2,8).
Die Kirche hat nicht zuerst attraktiv zu sein (lat. attrahere: [her]anziehen), sondern sie muss missionarisch, verkündigend sein. Der Auftrag der Kirche lautet zuerst: Geht hinaus, lehrt, tauft, verkündet das Evangelium (Mk 16,15; vgl. z.B. auch Mt 22,9). Auch die Fürsorge für die Menschen muss zunächst auf die Menschen als Menschen zielen, denn die christliche Ethik ist keine funktionale Ethik, die der Image-Pflege dient. Erst sekundär und eher beiläufig (quasi als Nebeneffekt christlichen Lebens, nicht als Resultat einer von Marketing-Profis entworfenen Image-Kampagne!), soll die Kirche auch die Stadt auf dem Berg sein, zu der die Menschen von sich aus ziehen weil sie (hoffentlich) sagen "seht, wie sie (einander) lieben".

Anbiederung ist keine Option für Christus und die Christen. Wir müssen stattdessen zu unserem Proprium finden. Was nottut, ist zu allererst eine vertiefte Hinführung zum Glauben und zur Liturgie. Die Liturgie darf nicht als schmückendes Beiwerk, nerviges Pflichtprogramm, freudiges Beisammensein ("wo sich die Gemeinde feiert") oder optionaler folkloristischer Ausdruck dessen verstanden werden, was auf dem Steuerbescheid unter "Religionszugehörigkeit" vermerkt ist. Es braucht ein neues Bewusstsein von der Bedeutung der Liturgie für das Christsein, womit einhergehen würde ein tiefes Verstädnnis davon, was es überhaupt heißt, Christ zu sein. Das ist nämlich etwas wesentlich anderes, als ein "guter Mensch" oder gar ein Gutmensch zu sein. Es ist zu allererst eine besondere Beziehung zu Gott und ein Gehorsam gegen ihn... die Apostel (und ihre Nachfolger) sind dazu da "in seinem [d.i. Christi] Namen den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden" (Röm 1,5), nicht es allen recht zu machen.

Nochmal: Nicht die hohen Austrittszahlen sollten uns aufhorchen lassen. Kardinal Marx irrt, wenn er etwa im letzten Jahr in seiner Floskeltierade angesichts der 2013 nicht weniger katastrophalen Austrittszahlen sagte, wir müssten dem "begegnen, indem wir immer wieder versuchen, auf allen Ebenen Vertrauen zu schaffen durch gute und überzeugende Arbeit" (hier). Nach dieser Ma(r)xime denken leider viele in der Kirche in Deutschland. So berechtigt natürlich dieser Punkt auf irgendeinem Level sein mag, etwa bei der Krankenpflege, so scheint mir hier doch v.a. jemand zu sprechen, der sich für einen Konzernchef hält, für einen Mananger der ein Produkt oder eine Dienstleistung attarktiver machen will. (Dazu passt, dass man sich in München herzlich über Rekordeinnahmen bei der Kirchensteuer freut [klick]...) Mit Glaube und Kirche hat das jedenfalls nichts zutun. Mit dem Bemühen um "gute und überzeugende Arbeit" kann man vielleicht Beitragszahler halten, die für gute Dienste gutes Geld zu zahlen bereit sind. Aber man wird damit nicht Menschen (mehr) zu Christus führen, oder zu einem Leben in und mit der Kirche, Seinem Leib. Die inzwischen über weite Strecken säkularisierte (wenngleich auch gute Arbeit leistende) Caritas sollte uns ein Fanal sein. Ganz ehrlich: Ich schäme mich für diese Äußerung Marxens.
Zum Handeln bewegen muss uns an erster Stelle die geringe Beteiligung der (verbliebenen) Katholiken am Lebensvollzug der Kirche. Dieser Faktor offenbart das eigentliche Problem. Denn darum geht es: Um die Lebensgemeinschaft mit Gott, der sich besonders im Wort und Sakrament - in höchster Verdichtung also in der Liturgie der Kirche - uns mitteilt und uns durch seine Kirche und in dieser Kirche das Leben gibt.
»"Wir haben freudig deine hl. Geheimnisse empfangen." Das ist der Geist christlicher Frömmigkeit. Würden die Völker an den Quellen der Kirche schöpfen und lebhaften Anteil nehmen an der hl. Liturgie, den Sakramenten, kirchlichen Festen und dem hl. Offizium, dann hätten sie kein Bedürfnis nach Kino und Theater...« (sel. Ildefons Schuster, siehe hier)

Auch das dürfen wir nicht vergessen:
»Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen.
Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.« (Mt 5,10-12)
Wenn das fehlt, müssen wir uns fragen, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind, oder ob wir uns schon der Welt gleich gemacht haben. Bei Kardinal Marx habe ich das Gefühl, sein höchstes Ziel ist das Lob der Welt ("Toll macht ihr das!", "Danke, dass es euch gibt!") für die "gute Arbeit" der globalen NGO "Katholische Kirche" (ich finde den Link nicht mehr, aber Anfang des Jahres hat sich Marx irgendwo dergestalt geäußert, dass er die kath. Kirche als globales Mittel der Völkerverständigung betrachten würde... Gott kam dabei nicht vor). Nein, die Menschen werden nicht zur Kirche finden, wenn wir "Vertrauen schaffen", sondern sie werden nur dann zu Christus finden, wenn wir glaubhaft von Ihm Zeugnis geben und ihnen Christus, so unbequem er auch ist, authentisch zeigen.

»In der heiligen Liturgie erschöpft sich nicht das ganze Tun der Kirche; denn ehe die Menschen zur Liturgie hintreten können, müssen sie zu Glauben und Bekehrung gerufen werden: "Wie sollen sie den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? Doch wie sollen sie predigen, wenn sie nicht gesandt sind?" (Röm 10,14-15). Darum verkündet die Kirche denen, die nicht glauben, die Botschaft des Heils, damit alle Menschen den allein wahren Gott erkennen und den, den er gesandt hat, Jesus Christus, und daß sie sich bekehren von ihren Wegen und Buße tun. Denen aber, die schon glauben, muß sie immer wieder Glauben und Buße verkünden und sie überdies für die Sakramente bereiten. Sie muß sie lehren, alles zu halten, was immer Christus gelehrt hat, und sie ermuntern zu allen Werken der Liebe, der Frömmigkeit und des Apostolates. Durch solche Werke soll offenbar werden, daß die Christgläubigen zwar nicht von dieser Welt sind, daß sie aber Licht der Welt sind und den Vater vor den Menschen verherrlichen.« (SC 9) 

Freitag, 24. Juli 2015

Dürftige Theologie - 17 - Vom Be-Urteilen

Bitte die Einführung (hier) beachten!
 Quasi eine Vortsetzung zu Teil 16 über die moralische Gradualität (hier) und auch irgendwie zu diesem Eintrag hier.


Der moralische Wert von "objektiv ungeordneten" Lebensweisen soll diesmal Thema sein. Immer wieder hört man von Bischöfen und Theologen, was die Kirche so alles an Lebensentwürfen akzeptieren und wertschätzen soll ob des "Guten" das darin gelebt wird. Die "Lebenswirklichkeit der Menschen von heute" wird sogar geradezu als Quelle theologischer Erkenntnis ins Spiel gebracht. Was ist davon zu halten? (Es gilt eine ganze Reihe von "Argumenten" abzuarbeiten, darum ists etwas ungeordneter als sonst.)

Man kann zu Recht darauf hinweisen, dass Menschen, die ein nach biblischem Urteil "unzüchtiges" Leben führen (homosexuelle Partnerschaften, siehe hier, wiederverheiratete Gescheidene, siehe z.B. hier), "gute Menschen" sein können. Sie können Gutes tun, ja sie können alles tun, was man von einem treuen Nachfolger Jesu erwarten würde. Sie können sich natürlich auch ausdrücklich zum Herrn Jesus Christus bekennen und zu ihm beten. Es besteht kein Zweifel daran, dass Jesus auch diesen Menschen beisteht und dass auch diese Menschen Gottes Nähe und seine Liebe in ihrem Leben erfahren können. Es ist ja auch wahrlich keine neue Erkenntnis, dass Gott den Sünder liebt und ihm, soweit dieser es zulässt, beisteht. 

Und natürlich stimmt es auch, und das wird in der aktuellen Debatte immer als das schlagende Argument gebracht, dass auch in vielen gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und zivilen Zweitehen "Werte" wie Treue, Freundschaft etc. gelebt werden. Die Kirche, so das Argument, müsse solche Verbindngen wegen der in ihnen gelebten "Werte" anerkennen. Man spricht hier von "Gradualität" und "Hinordnung", insofern diese Beziehungen "zu einem gewissen Grade" an das "Ideal der Ehe" heranreichen oder auf dieses "hingeordnet" seien. Wichtig ist, dass hier ein bestimmter Status, etwa eine "eheähnliche Lebensform", als in sich moralisch gut anerkannt und als solche belassen und sogar gefördert werden soll, insofern sie im Hinblick auf jene "gelebten Werte" eben bereits "Anteil hat" am "Ideal"; ein moralisches Wachstum hin zur Erfüllung des Gebotes, etwa in Form einer Lebensänderung oder Umkehr, spielt daher keine Rolle.
  

Dieser Gedanke einer "Gradualität" und "Hinordnung" ist übrigens keineswegs so neu, wie er gegenwärtig gerne beworben wird. Tatsächlich wurde genau das, was heute wieder vorgeschlagen wird, von dem hl. Papst Johannes Paul II. bereits 1981 explizit verworfen (vgl. meine ausführlichere Behandlung dessen in Teil 16 dieser Serie: hier). (Damals im Rahmen der Debatte um Humanae vitae (klick) es gilt aber ebenso heute für die Frage nach anderen "Lebesformen".) Und zwar in dem Schreiben, das im Anschluss an die letzte Zusammenkunft der Bischofssynode zum Thema Familie die Ergebnisse derselben zusammenfasste, Familiaris consortio. Zunächst anerkennt der Papst darin die Realität eines "stufenweisen Wachstums" im sittlichen Leben jedes Menschen, das seinem Geschöpfsein durchaus entspricht. Das ist aber bei dem oben erwähnten  Konzept von einer "Gradualität" gerade nicht gemeint: Dort soll nämlich ein Status belassen und wertgeschätzt werden als etwas, das bereits "irgendwie" am "Ideal" "teilhat" und darum in sich berechtigt sei - ohne ein moralisches Wachstum. Johannes Paul II. verwirft ein solches Konzept:
»Daher kann das sogenannte 'Gesetz der Gradualität' oder des stufenweisen Weges nicht mit einer 'Gradualität des Gesetzes' selbst gleichgesetzt werden, als ob es verschiedene Grade und Arten von Gebot im göttlichen Gesetz gäbe, je nach Menschen und Situationen verschieden. Alle [sind] zur Heiligkeit berufen, und diese hehre Berufung verwirklicht sich in dem Maße, wie die menschliche Person fähig ist, auf das göttliche Gebot ruhigen Sinnes im Vertrauen auf die Gnade Gottes und auf den eigenen Willen zu antworten".« (FC 34)
Ein defizitärer Status kann nicht als etwas in sich moralisch Gutes anerkannt werden, so als gäbe es verschiedene Stufen des Gesetzes, und dieser Status befände sich nun eben auf einer zwar niedrigeren, aber immernoch in sich wertzuschätzenden Stufe die "auf das Ideal hingeordnet" ist. Eine "Hinordnung" moralisch falscher Handlungen auf ein "Ideal" funktioniert grundsätzlich nicht, wie Johannes Paul II. in der (von vielen Theologen bewusst totgeschwiegenen) Magna Charta der Moraltheologie, der Enzyklika Veritatis splendor (klick), in unüberbietbarer Schärfe ausführt: 
»Es handelt sich in der Tat um Verbote, die eine bestimmte Handlung semper et pro semper verbieten, ohne Ausnahme, weil die Wahl der entsprechenden Verhaltensweise in keinem Fall mit dem Gutsein des Willens der handelnden Person, mit ihrer Berufung zum Leben mit Gott und zur Gemeinschaft mit dem Nächsten vereinbar ist. Es ist jedem und allezeit verboten, Gebote zu übertreten, die es allen und um jeden Preis zur Pflicht machen, in niemandem und vor allem nicht in sich selbst die persönliche und allen gemeinsame Würde zu verletzen. [...] Die Handlungen aber, die sich aufgrund ihres Objektes nicht auf Gott "hinordnen" lassen und "der menschlichen Person unwürdig" sind, stehen diesem Gut immer und in jedem Fall entgegen.« (VS 52 und 82) [Beispiel: Eine Abtreibung kann niemals als "auf das Ideal des Lebensschutzes hingeordnet" betrachtet werden.]

Derweil wird übrigens von namhaften Theologen jener Grundsatz, wonach immer der Mensch und seine Handlungen zu unterscheiden sind ("Liebe den Sünder, hasse die Sünde"; vgl. Joh 4,1-42; 5,14; 8,11), in Frage gestellt. Diese Unterscheidung sei "nicht überzeugend" (Schockenhoff, hier), wobei allerdings keine Begründung gegeben wird. Das ist höchst bedenklich, denn es führt letztlich zu einem jede Sünde gutheißenden Relativismus ("Liebe den Sünder und liebe darum auch alle seine Handlungen"). Der Leser möge das mal für andere Sünden, etwa Mord, gedanklich durchspielen...
 

Die Feststellung von "gelebten Werten" in einer laut der Offenbarung "unzüchtigen" Beziehung, ist, bei Licht betrachtet, für die Debatte eigentlich unerheblich: Eine moralisch gute Handlung eines Menschen (oder was dieser von Gott her an Gnade erfährt, die ihn zum Guten befähigt), kann niemals ein Erweis der moralischen Richtigkeit irgend einer anderen Handlung dieses Menschen sein! Es ist ein Erweis der grenzenlosen Liebe Gottes, dass auch der Sünder seine Gnade erfährt und Gutes wirken kann. Aber sündhafte Handlungen hören darum nicht auf, sündhaft zu sein. Beispiel: Ein Ehemann der fremdgeht, kann mit der Frau, zu der er heimlich geht, ja durchaus auch "Werte" wie Treue und Freundschaft leben. Hört darum nun aber der Ehebruch, den er mit ihr begeht, auf, sündhaft zu sein? Nein, denn das Tun von etwas Gutem kann nicht das Tun von etwas Bösem kompensieren. Faustregel: Gelebte "Werte" können gelebte Sünde niemals rechtfertigen ("recht machen"). Wenn sodann in einer "unzüchtigen" Partnerschaft "Werte" gelebt werden, dann geschieht dies nicht wegen jener "unzüchtigen Akte", sondern trotz dieser. Denn aus einer Sünde kann niemals eine Tugend erwachsen. Die Tugend ist der Feind der Sünde. Die Sünde ist in ihrem Wesen "wert-los".
  

Und hier endet auch das Argument "Aber sie lieben sich doch!" bzw. "Kann Liebe Sünde sein?" Antwort: Ja. Der Ehebrecher kann überzeugt sein, diese Frau zu "lieben", mit der er die Ehe bricht. Aber der Ehebruch bleibt Ehebruch.
Gerne wird darauf verwiesen dass es in der Schrift heißt "Liebt einander" (Joh 13,34) und "die Liebe ist aus Gott" (1.Joh 4,7) und "Gott ist die Liebe" (1.Joh 4,16). Aber die so argumentieren vergessen eine Kleingkeit: Was unsere deutschen Übersetzungen hier mit "Liebe" wiedergeben, ist etwas grundsätztlich anderes als das, was wir in unsere Alltagssprache mit diesem Wort bezeichnen. Das wird, ohne jetzt erst noch in die Semantik des griechischen Originaltextes einzutauchen, sofort einsichtig, wenn wir bedenken, dass das alle Gebote vereinigende höchste Gebot Gottes lautet: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst [Deut 6,5; Lev 19,18]." (Lk 10,27) Wie kann denn aber Liebe als Gebot verordnet werden?

Was hier mit "Liebe" bezeichnet wird kann verordnet werden, weil es sich nicht um ein romantisches Gefühl handelt, das sich etwa in einem sexuellen Begehren konkretisiert. Es handelt sich vielmehr um eine moralische Forderung die den Willen des Menschen in die Pflicht nimmt. Und diese Liebe verwirklicht sich letzten Endes, auch und besonders für die Christen, in der Befolgung der Weisungen Gottes. Die Befolgung der Gebote ist die Bedingung der Liebe - nur wer sie befolgt, liebt: "Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe" (Joh 15,10). Zu "lieben", aber die Gebote nicht zu halten, ist ein Widerspruch in sich: "Daran kann man die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels erkennen: Jeder, der die Gerechtigkeit [= das was Jesus getan und geboten hat] nicht tut [...], ist nicht aus Gott." (1.Joh 3,10) Man muss außerdem schon ziemlich verblendet sein um zu glauben, dass jemand, nur weil er meint zu "lieben", er darum gefeit ist vor der Sünde. Gerade hier, v.a. im Bereich der Sexualität, können die schlimmsten Sünden und die schwersten Verletzungen der Seele (und der körperlichen Verfassung) geschehen.
"Gott ist die Liebe" bedeutet etwas völlig anderes als "Die Liebe [das was ich so nenne] ist Gott". Letzteres ist Götzendienst.
 

Auch das Folgende muss noch erwähnt werden: Selbst das Bekenntnis zu Jesus Christus bringt keine Ermäßigung bei der Sünde. Auch jemand, der sich nach eigenem Dafürhalten zu Jesus bekennt, kann in Wirklichkeit - im Herzen - fern von diesem Jesus leben; und das kann schlimme Konsequenzen haben. Jesus selbst führt das in aller erschreckenden Deutlichkeit aus:
»Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt [Gesetz]. Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten und haben wir nicht mit deinem Namen Dämonen ausgetrieben und mit deinem Namen viele Wunder vollbracht? Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Übertreter des Gesetzes!"« (Mt 7,21-23)
Lassen wir uns von solche Aussagen Jesu berühren? Gut die Hälfte der Zeit spricht Jesus in den Evangelien über Sünde, Gericht und die Gefahr, verloren zu gehen. Denen die eingehen "in die Freude ihres Herrn" stehen auch immer diejenigen gegenüber, die dahin gehen "wo Heulen und Zähneklappern herrscht". Wie ernst nehmen wir das? Oder klammern wir dies Unschöne lieber aus und lassen nur das als "Worte Jesu" gelten, wo es um Barmherzigkeit, Liebe und Vergebung geht? Oft und oft wird der Satz Jesu an die ertappte Ehebrecherin, die gesteinigt werden soll, zitiert: "Auch ich verurteile dich nicht." Aber nur selten vernimmt man den unmittelbar folgenden Satz, der eine sehr deutliche Ermahnung ist: "Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!" (Joh 8,11) Alle Menschen wollen Vergebung, wollen Heilung und Heiligung. Wie kann denn aber Vergebung geschehen, wo - gegen das unmissverständliche Gebot Gottes - auf dem tun der Sünde beharrt wird? Wie kann Heilung eintreten, wo die Verletzung immer wieder aufs Neue zugefügt wird? Wie kann Heiligung geschehen, wenn das Gebot des heiligen und allein heiligmachenden Gottes nicht gehalten wird? Jesus sagt: "Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt" (Joh 14,21; vgl. 15,14).
 

Die Frage, die derzeit vermehrt gestellt und oft auch einfach als Forderung skandiert wird, ist, ob zivile Zweitehen oder ausgelebte Homosexualität von der Kirche "vorbehaltlos akzeptiert" (Schockenhoff, hier), ja sogar wertgeschätzt und (in liturgischem Rahmen) gesegnet werden sollten. Viel grundlegender muss man jedoch wohl die Frage stellen: Hat denn die Kirche überhaupt das Recht, etwas zu tun, was von der Heiligen Schrift her nicht gedeckt, ja sogar einhellig verurteilt wird? (Dass Handlungen dieser Kategorie in der Vergangenheit zuweilen getan wurden, kann kein Argument sein, solche schlimmen Irrungen zu wiederholen.) Kann sie etwas segnen - hier also einer Handlungsweise den Segen Gottes zusprechen - was Gott selbst nach seinem einmütigen Zeugnis in der ganzen Offenbarung als Gräuel und schwere Sünde verwirft? Würde die Kirche soetwas tun, müsste man mit dem Apostel ernsthaft fragen: "ist dann Christus ein Diener der Sünde?" (Gal 2,17)
 


Es gilt das Jesuswort: "Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden." (Lk 6,37) Jedoch gilt es, den Sinn dieser Worte sowie den Kontext nicht aus den Augen zu verlieren, in dem sie stehen. Es gibt eigentlich keinen vernünftigen Weg, wie man von dieser Aussage Jesu zu der von Schockenhoff und anderen gelangen kann, wonach wir das, was die Bibel einhellig als Unzucht und Ehebruch bezeichnet, "vorbehaltlos anzunehmen" und "wertzuschätzen" hätten. Aber der Reihe nach: Jenes heute inflationär gebrauchte Motto: "niemanden verurteilen", wird grundsätzlich missverstanden, wenn man es so deutet, als dürfe man die Sünde nicht einmal benennen. Wiedermal wird hier ein Jesuswort verabsolutiert, sinnwidrig so verstanden, wie man es gerne hätte, und das Meiste andere, was Jesus gesagt hat, klammheimlich unter den Tisch fallen gelassen. Zunächstmal ist zu beachten, dass hier die Rede ist von "richten" und "verurteilen". Es handelt sich dabei eindeutig um Gerichtssprache: Es sind juridische Begriffe für richterliche Handlungen, die folglich nur dem Richter zustehen, nämlich dem wiederkommenden Christus am Ende der Zeiten. Was davon nicht abgedeckt ist, was uns also durchaus zu tun zusteht, ist das irdische, gegewärtige und zwischenmenschliche Urteilen und Be-urteilen, im Sinne des Urteilsvermögens. Was das wiederum konkret bedeutet, merken wir schon im direkt folgenden Satz, noch im selben Bibelvers (Lk 6,37), wo es heißt: "Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden." Um dies tun zu können, muss man aber erstmal die Schuld als solche erkennen, das moralische Handeln der Menschen also vor dem Hintergrund der Gebote Gottes be-urteilen können.
Zum Erkennen der Sünde gehört es sodann immer auch, da wir ja als Christen in einer Gemeinschaft leben und keine Monaden sind, dass wir einander ermahnen: "Belehrt und ermahnt einander in aller Weisheit!" (Kol 3,16). Die Sünde urteilend zu erkennen und dementsprechend zu ermahnen, ja sogar den Sünder zurechtzuweisen, ist nicht nur ein Vorschlag, es ist ein Imperativ. Jesus ist darin völlig klar: "Wenn dein Bruder sündigt, weise ihn zurecht!" (Lk 17,3). Wir Menschen brauchen diese wechselseitige Ermahnung (in dem Bewusstsein also, dass der heute Mahnende morgen der Ermahnte sein kann), denn der gewiefteste Anwalt, der die Sünde verteidigt, sind immer wir selbst. Natürlich sollen wir auch einander im Guten bestärken (vgl. Apg 15,41), und können sogar einander loben - Paulus macht es uns vor (vgl. 1.Kor 11,2) - aber wir können uns im Angesicht der Sünde, die wir alle tun, eben gerade nicht loben (vgl. 1.Kor 11,22), sondern müssen einander ermahnen, um so auch das fortzufüren, was Jesus selbst unentwegt getan hat (vgl. Lk 3,18; Apg 2,40).
 

Die traurige Ironie der aktuell vorgebrachten Forderungen (nicht nur bzgl. Homosexuellen und in ziviler Zweit"ehe" Lebender) ist, dass wir, in dem fast schon krampfhaften Bemühen "niemanden [zu] verurteilen", zum einen alle mahnenden und warnende Worte Jesu über den Richter, der kommen wird "wie der Dieb in der Nacht", einfach abtun. Dass wir uns aber auf der anderen Seite - in der größten aller Anmaßungen - faktisch selbst zu jenem Richter aufschwingen, der allein am Ende der Zeit das Gute gut-heißt, das Böse verwirft und den Lohn entsprechend verteilt (vgl. Mt 25). Denn man gewinnt den Eindruck, "gut" sei heute alles das, was wir mit unserem "Gewissen" (vgl. hier und besonders hier) als "gut" bestimmen, gleichgültig, was das Wort Gottes und die Tradition uns darüber sagen (vgl. hier). Wehe uns, wenn dann am Ende unserer grenzenlosen Urteilslosigkeit die Frage des Johannes steht: "Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt?" (Lk 3,7) Aber auch die Lehrer trifft es: "Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein." (Mt 5,19)

Jesus Christus hat übrigens nie irgendeine Haltung "wertgeschätzt" oder "vorbehaltlos angenommen": Jesus rief die Sünder zur Umkehr und die, die gerade mal nicht sündigten, zur Vollkommenheit auf. Jemanden in dem zu unterstützen, was er gerade tut - erst recht bei einer Sünde -, wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Das Allererste, was uns der Evangelist Matthäus vom öffentlichen Wirken Jesu überliefert, und damit alles Folgende quasi mit einer Überschrift versehend, ist der äußerst kurze Ausruf: "Kehrt um!" (Mt 4,17) "Kehrt um!" heißt nichts anderes als "Ändert euer Leben!" (vgl. Eph 4,22), wir könnten auch sagen: "Ändert eure Lebenswirklichkeit!" ... Gott liebt uns nicht, weil wir so sind, wie wir sind (wozu sonst der ständige Ruf zur Umkehr?), sondern weil wir besser sein können und mit seiner Gnade auch werden sollen.

Die Gebote Gottes, zu unserem Heil, entsprechen in aller Regel nicht unseren Wünschen und Vorstellungen und oft genug auch nicht unserer faktischen Lebenswirklichkeit. Wäre es anders, müssten sie nicht extra geboten werden.
Man redet derzeit viel von der "(veränderten) Lebenswirklichkeit" der "Menschen von heute" und sieht darin sogar eine regelrechte Offenbarungsquelle (Bode, hier). Ist das ein Argument? Es gab auch mal eine "Lebenswirklichkeit" bei den Einwohnern von Sodom und Gomorra... Und was ist mit dem Volk Israel, das immer wieder in Untreue gefallen ist? Spiegelte sich darin der Wille Gottes oder hat Gott etwa seine Gebote diesen jeweils "veränderten Lebenswirklichkeiten" angepasst? Natürlich nicht - er sandte Propheten "wie Feuer" (vgl. Sir 48,1) die ermahnten, drohten und, wenn nichts half, auch mal dreinschlugen. Außerdem: Die "Lebenswirklichkeit" ist heute keine andere als früher, etwa zur Zeit Jesu, erst recht nicht im Hinblick auf Scheidung und Homosexualität (beides im griechisch geprägten Mittelmeerraum breit geübt und gesellschaftlich akzeptiert).
 

Oder können wir heute etwa sämtliche Warnungen Jesu vor der Sünde und vor dem Gericht, seine Ankündigung des Hasses der Welt gegen uns, die wir "nicht von der Welt" sind, seine Worte über den trügerischen "Ruhm der Welt" und seine beständigen Rufe zur Umkehr also getrost vergessen, weil ja angeblich die "Lebenswirklichkeit" der Menschen bereits als solche "gut", "wertzuschätzen" und "vorbehaltlos anzunehmen" ist? Ohne allzu negativ klingen zu wollen: Als Christen sollten wir immer die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass wir gegenwärtig in einer Neuauflage von Sodom und Gomorra leben. Angesichts der Tatsache, dass wir alle Sünder sind, ist das jedenfalls nicht gerade unwahrscheinlich. Oder glaubt denn irgendwer ernsthaft, dass wir gegenwärtig in einer Gesellschaft leben, die im Einzelnen wie im Gesamten so heil(igmäßig) ist, dass sich der (betreffs Unzucht und Ehebruch nun angeblich anders lautende) Wille Gottes - im krassen Gegensatz zu jeder anderen Zeit und jeder anderen Gesellschaft in der Geschichte Gottes mit seinen Geschöpfen - in der "Lebenswirklichkeit" der Menschen kundtut?