Freitag, 23. Dezember 2016

Die Häresie der Menschwerdung?

Weil es grad in den Nachrichten die Runde macht: Die im Pfarrblatt der Wiener Dompfarrei (hier zu finden) vorgetragene These der Pastoraltheologin Rergina Polak von der Universität Wien, wonach die Vorstellung von der Menschwerdung Gottes eine Häresie sei, ist ein bestechend klares Beispiel für die Dämlichkeit von Vielem, was im deutschen Sprachraum als "Theologie" bezeichnet wird.


Sie stützt sich v.a. auf den Johannesprolog, in dem, so behauptet sie, lediglich von der Fleischwerdung Gottes die Rede sei, was ihrer Ansicht nach lediglich das Wirken Gottes in der Geschichte meine, nicht aber von einer Menschwerdung. Letzteres entspräche nicht der Erfahrungen der biblischen Autoren, und überhaupt sei Weihnachten mit seiner klassischen Rede von der Menschwerdung Gottes ein antijudaistisches Kampfmittel der Christen. Man könne bestenfalls von einer Menschwerdung des "präexistenten Messias" sprechen, dies entspräche dann auch den jüdischen Vorstellungen.
Ihr Anliegen ist eine Versöhnung zwischen Judentum und Christentum, natürlich mit der keineswegs neuen Zauberformel, einfach Jesus zu einem "einzigartigen" jüdischen Wanderprediger zu verkleinern. Mehr ist es nicht. Das alles ist also, wie könnte es auch anders sein, nur eine verschnörkelte Methode, um letztlich die Gottheit Jesu zu leugnen, was spätestens dann klar wird, wenn sie nur insofern zugesteht dass man Jesus "einzigartig und 'göttlich' [ihre Anfürungszeichen!]" nennen könne, als in ihm Gott selbst wirke. *gäähn*


An diesen Behauptungen ist so viel falsch, dass man gar nicht recht weiß, wo man anfangen soll... ich nenne mal nur die offensichtlichsten Dinge:

Frau Polak sollte den von ihr so geschätzten Johannesprolog vielleicht auch mal lesen. Dann würde ihr auffallen, dass dort zwar tatsächlich nicht von der Menschwerdung, sondern von der Fleischwerdung des göttlichen Logos die Rede ist, dass aber zugleich davon gesprochen wird, dass dieser Fleischgewordene Logos in unserer Mitte wohnte, gesehen wurde, und der Täufer Johannes auf diesen also offenbar recht konkret unter uns wohnenden inkarnierten Logos mit Gesten und Worten hinweisen konnte.
Sodann hätte die Frau wissen können, dass auch die Fleischwerdung Gottes etwas der jüdischen Vorstellung durchaus Fremdes ist (sie behauptet das Gegenteil ohne jeden Beleg), und auch nicht als Umschreibung von dessen Wirken im Volk gebräuchlich ist. Ihre Rede von der Menschwerdung des "präexistenten Messias" ist dementsprechend riesengroßer Bullsh*t, denn das Judentum kennt keinen "präexistenten Messias"! Es kennt einen kommenden Messias, den es erwartet, dieser ist aber nicht präexistent und kann folglich auch nicht "Mensch werden".
Kaum einer Erwähnung wert ist noch, dass die Frau offenbar auch nicht weiß, was der Terminus "Häresie" bedeutet, weder etymologisch, noch rechtlich, noch praktisch.

Entweder hat die Frau überhaupt keine Ahnung, wovon sie da schreibt, oder sie lügt. Ich enthalte mich hier eines Urteils.
In jedem Fall finde ich es verantwortungslos von der Redaktion des Pfarrblattes, so einen Bockmist in einem Pfarrblatt zu Weihnachten zu veröffentlichen. Theologen beitreiben an ihren Schreibtischen ja gerne solche intellektuellen Masturbationen, das juckt mich wenig, so funktioniert heutzutage "Theologie" über weite Strecken, damit verdienen viele Leute ihr Brot. Aber das Ergebnis dann so plump und dämlich und falsch dem nicht-theologischen Volk zu präsentieren, zumal zum Fest, ist einfach nur geschmacklos und ein Zeugnis für die suizidale Arroganz und Blindheit der Verantwortlichen.

Montag, 25. Juli 2016

In memoriam Alex Stock

Wie ich leider heute erst erfahren habe, verstarb am 17. Juli der Theologe Alex Stock im Alter von 79 Jahren.

Er ist selbst in Fachkreisen verhältnismäßig wenig bekannt, taucht in der Öffentlichkeit faktisch nicht auf und wird vom theologischen Mainstream, wenn er denn bekannt ist, zuweilen bewusst ignoriert. Nicht selten hört man den Vorwurf, er würde garkeine echte Theologie betreiben. Wenn man den theologischen Mainstream als "echte Theologie" betrachtet, dann stimmt das wohl auch. Tatsächlich ist sein Schaffen schlichtweg einzigartig. Und m. E. einfach großartig, überwältigend.
Sein Hauptwerk ist die "Poetische Dogmatik", die von manchem als "Summa Theologiae des 21. Jahrunderts" gepriesen wird. Aber eigentlich ist sie etwas sehr viel Spezielleres und Ästhetischeres: Zwei Jahrtausende christlicher Kultur in Gebet, Lyrik, Prosa, Musik, Bild, Architektur sind darin umfassend erschlossen zur Erhellung des Glaubens, der sie einst hervorbrachte. Schon vor Beginn meines Studiums hat mich das Werk fasziniert und es begleitet mich bis heute (trotz des horrenden Preises, den der Autor selbst, wie er mir einmal sagte, sehr bedauerte, und der wohl auch der Nische abseits des Mainstreams geschuldet ist, in die die Theologie ihn gesteckt hat).
Viel hat sich Alex Stock auch mit der Sprache des Gottesdienstes befasst und dazu u.a. eigene Übersetzungen und Erklärungen der Orationen des römischen Messbuches vorgelegt, die nicht nur der Sprache des lateinischen Originals, sondern v.a. dem theologischen Inhalt so viel mehr gerecht werden, als die gegenwärtige offizielle Übersetzung - die viel zu oft eine schwammige Nacherzählung/Umdichtung mit Hang zum niveaulosen und schon in der Textgestalt irgendwie immer gleich klingenden Einheitsbrei ist.

Vor fünf Jahren, bevor der neunte Band des Gesamtwerkes, der zweite Band der Schöpfungslehre ("Menschen"), erschien, hatte ich die Gelegenheit, ein für den Kontext (am Rande einer wissenschaftlichen Tagung) erstaunlich ausführliches Gespräch mit ihm zu führen (ein Glücksfall, denn v.a. wegen ihm bin ich überhaupt zu der Tagung gegangen, die sich dann insgesamt als überaus bereichernd herausstellte, wie keine andere Fachtagung, an der ich bisher war). Er wusste damals nicht, ob er noch Zeit haben würde, das Werk weiterzuführen. Der Begrenztheit seiner Zeit war er sich sehr wohl bewusst. Ich glaube nicht, dass er zweifelte, ob er sich mit der Größe des Projektes übernommen hatte - er nahm die Zeit, die ihm zugeteilt war und ich spürte keine Spur von Verdruss. Wir sprachen u.a. über die mögliche Komposition dieses eventuell kommenden Bandes.
Ich war tief beeindruckt von der Klarheit und schier unermesslichen Weite seines Denkens. Er war so universal belesen wie wohl kein anderer lebender Theologe (am ehesten noch vergleichbar mit Hans Urs von Balthasar; vgl. hier). Nun ist, nur eine Woche vor seinem Tod!, der elfte und letzte Band erschienen, der zweite der Ekklesiologie ("Zeit"). Das Werk ist abgeschlossen. Deo gratias! Ganz zum Schluss seines Schaffens, bietet Stock darin sogar einen Vorschlag für eine Liturgie des Requiem (190-196)...

Ein ausführlicher und sehr würdiger Nachruf findet sich hier.

R.I.P.

Sonntag, 24. Juli 2016

Zelebrationsrichtung

Die Zelebrationsrichtung ist ein Feld ideologischer Auseinandersetzungen, wie kaum ein anderer Aspekt der Messe neben dem pro multis (vgl. dazu hier). Ein paar unsystematische Gedanken zur - achtung Wortwitz - Orientierung. (Das Wort kommt von lat. oriens, also: Osten. Orientierung meint wörtlich: Ostung.)
Ich persönlich favorisiere die gemeinsame Gebetsrichtung von Volk und Priester (und ich weiß mich damit im Einklang mit dem Römischen Messbuch, s.u.). Allerdings nicht, weil das schon immer so war, sondern weil ich glaube, dass unsere Zeit den Sinn für das Heilige verloren hat, und in der gemeinsamen Ausrichtung dieses besser erfahren werden kann, als in einem von profaner Alltagserfahrung und vom Showbiz zuweilen ununterschidbaren vis à vis von Volk und Priester (vgl. meine Gedanken dazu hier).


Kardinal Sarah bei der Sacra Liturgia Konferenz Anfang Juli in London (kompletter Text hier):

»[I]t is very important that we return as soon as possible to a common orientation, of priests and the faithful turned together in the same direction—Eastwards or at least towards the apse—to the Lord who comes, in those parts of the liturgical rites when we are addressing God. This practice is permitted by current liturgical legislation. It is perfectly legitimate in the modern rite. Indeed, I think it is a very important step in ensuring that in our celebrations the Lord is truly at the centre.
And so, dear Fathers, I humbly and fraternally ask you to implement this practice wherever possible, with prudence and with the necessary catechesis, certainly, but also with a pastor’s confidence that this is something good for the Church, something good for our people. Your own pastoral judgement will determine how and when this is possible, but perhaps beginning this on the first Sunday of Advent this year, when we attend ‘the Lord who will come’ and ‘who will not delay’ (see: Introit, Mass of Wednesday of the first week of Advent) may be a very good time to do this.«

An dieser Bitte(!) des Kardinals ist eigentlich alles richtig. Bemerkenswert ist zunächst, dass es eben eine Bitte ist, kein offizieller Erlass, und dass sie überdies wohlbegründet und zugleich mit großer Milde vorgetragen wurde: Der Kardinal hat lediglich das Offensichtliche konstatiert, dass die Zelebration zum Herrn hin, an den Stellen in der Messe, an denen dieser Herr angesprochen wird, durchaus erlaubt ist. Um mit Loriot zu sprechen: Achwas?

Erstaunlich sind dagegen die Reaktionen gewisser Bischöfe gewesen, etwa die des Erzbischofs von Westminster, der seinen Priestern wenige Tage später in einem Brief von einer Zelebration ad orientem abriet, und der sich dabei auf eine falsche (und bereits seit mehreren Jahren korrigierte) Übersetzung eines offiziellen Textes stützte. Entscheidend ist für ihn die Nr. 299 der Grundordnung des Römischen Messbuches, die er in seinem Brief wie folgt zitierte:
»The altar should be built apart from the wall, in such a way that it is possible to walk around it easily and that Mass can be celebrated at it facing the people, which is desirable wherever possible.« (hier)
[Das ist insofern auch ein Affront, weil wenige Tage zuvor Kardinal Sarah im Haus des Erzbischofs zu Besuch war.]

Father Z. hat hier ausführlich darauf hingewiesen, dass es sich dabei um eine falsche Übersetzung der Norm handelt. U.a. in der deutschen Übersetzung ist es einigermaßen korrekt (aber offenbar immer noch für eine Fehlinterpretation offen) wiedergegeben, wenn es dort heißt: 
»299. Der Altar ist von der Wand getrennt zu errichten, so dass man ihn leicht umschreiten und die Feier an ihm dem Volk zugewandt vollzogen werden kann. Das empfiehlt sich überall, wo es möglich ist.« (hier kann man die Grundordnung als PDF herunterladen)
Die entscheidende Frage ist, worauf sich der letzte empfehlende(!) Satz bezieht: Auf die Zelebrationsrichtung oder auf den von der Wand abgelösten Altar? Antwort: Natürlich auf den Hauptsatz der vorhergehenden Aussage, also auf die Stellung des Altares. Die Begründung mit der Umschreitbarkeit und der Möglichkeit ("kann") der Zelebration zum Volk hin, ist ein Einschub, eine Parenthese zur hauptsächlichen Aussage über den Ort des Altares. Das wird besonders offenkundig im letztendlich maßgeblichen lateinischen Text der Grundordnung, dort handelt es sich bei dieser Passage nämlich um einen einzigen Satz: 
»299. Altare exstruatur a pariete seiunctum, ut facile circumiri et in eo celebratio versus populum peragi possit, quod expedit ubicumque possibile sit.« (hier nachzulesen)
Der von mir kursiv gesetzte Mittelteil kann ohne Beeinträchtigung der Syntax herausgenommen werden, denn es handelt sich eben nur um eine Parenthese, die ebensogut in Klammern oder in einer Fußnote stehen kann: Was sich "empfiehlt [...] wo es möglich ist", ist die Ablösung des Altares von der Wand, nicht die Zelebrationsrichtung.
Zu beachten ist hier auch, dass dies keine Norm ist, die um jeden Preis durchgeführt werden soll, sondern eben nur "wo es möglich ist". Es ist vor diesem Hintergrund besonders erschreckend, in wie vielen noch so kleinen Kirchen und Kapellen man in den letzten Jahrzehnten noch einen "Zelebrationsaltar" gezwängt und damit den Platz für selbige Zelebration erheblich eingeschränkt hat. In der alten Allgemeinen Einführung in das Messbuch fehlt in der entsprechenden Nr. 262 jene Passage mit der Empfehlung "wo es möglich ist", man wollte damit in der neuen Grundordnung wohl genau diesem Phänomen der zuweilen ins Absurde reichenden Einengung des liturgischen Raumes entgegentreten.
Was mich auch sehr wundert seit ich katholisch bin, ist ohnehin die Tatsache, dass man überhaupt das Geld für all die neuen Altäre hatte... V.a. aber gab es niemals eine Anweisung, die zum Abriss bestehender Altäre veranlasste, Hier ist lediglich die Rede von zu beachtenden Gesichtspunkten bei Neubauten.

Ich fand einmal in einer Kirche an der Stelle, wo einmal ein Hochaltar stand, eine Gratnitplatte, auf der eingemeißelt stand, dass der Hochaltar "gemäß den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils" abgerissen worden sei. In dieser Aussage stecken so viele Fehler, dass es mir kalt den Rücken runter lief, aber dieses Beispiel macht deutlich, wie unglaublich ideologisch verblendet nicht wenige Menschen waren und bis heute sind.
Dazu passt es, dass es sich ein gewisser Chefredakteur einer gewissen bedeutenden Jesuitenzeitschrift, von dem man doch wohl eine gewisse theologische Kompetenz erwarten darf, sich in der Folge der Diskussion um die Bitte Sarahs per Twitter nicht nehmen ließ, die lateinische(!) Grundordnung (Nr. 146) derart zu paraphrasieren, dass darin stünde, der Priester würde dies oder jenes "zum Volk gerichtet" ("facing the people"; siehe den Tweet hier) tun. Der Clou ist natürlich, dass genau diese Grundordnung an zahlreichen Stellen präzise zu unterscheiden weiß zwischen der Zugewandtheit zum Volk (versus [ad] populum; z.B. Nr. 124), der Zugewandtheit zum Altar (ad altare conversus) und dem dem Volk zugewandt Stehen am Altar (ad altare... versus ad populum; z.B. Nr. 164); und zwar genau so, wie man es erwarten würde, wenn die Gebete, v.a. das eucharistische Hochgebet, in einer gemeinsamen Gebetsrichtung mit dem Volk gesprochen werden und der Priester sich dementsprechend jedes Mal erst umwenden muss, wann immer er das Volk anspricht. So heißt es etwa in Nr. 157 und 158 (s. auch Nr. 243-44 bei Konzelebrationen sowie Nr. 268, wo die Hinwendung zum Volk mangels Volk wegfällt), wo es um das Agnus Dei und die Kommunion des Priesters geht:
»157. Hat der Priester das Gebet beendet, macht er eine Kniebeuge, nimmt eine in derselben Messe konsekrierte Hostie, und indem er sie etwas über der Patene beziehungsweise Hostienschale oder über dem Kelch erhoben hält, spricht er zum Volk gewandt [versus ad populum]: Seht das Lamm Gottes...

158. Darauf spricht der Priester, zum Altar gewandt [ad altare conversus], still: Der Leib Christi bewahre mich zum ewigen Leben...«

Auch die Rubriken im Messbuch selbst - für alle, die zu doof sind, die Grundordnung zu lesen - sind darin völlig klar, wenn es etwa schon ganz am Beginn der Messe zum "Der Herr sei mit euch" heißt: "Der Gemeinde zugewandt, breitet der Priester die Hände aus und begrüßt die Gemeinde" (S. 324). Das Messbuch und seine Grundordnung gehen von einem Wechsel der Ausrichtung des Priesters aus, entsprechend dem Adressaten seiner Rede: Ist das Volk angesprochen, soll er sich dem Volk zuwenden, betet er zu Gott, besonders in der eucharistischen Liturgie, dann ist er nicht dem Volk zugewandt. Tatsächlich geht das Messbuch bezüglich der Orientierung beim Hochgebet davon aus, dass es sich im Normalfall um eine andere Richtung als die zum Volk hin handelt, wenn es nämlich in den Rubriken zu den Wandlungsworten über das Brot und den Wein jeweils heißt, dass sich der Priester ein wenig verneigen soll "außer wenn er dem Volk zugewandt steht" (S. 472).
Nicht nur ist also die Zelebration ad orientem erlaubt, wie es Kardinal Sarah sehr konziliant ausdrückte, sie ist sogar der Standard, von dem das Messbuch offenkundig ausgeht. Weswegen auch in den Rubriken des Messbuches (wie in der Grundordnung desselben) die Hinwendung zum Altar gar nicht ausdrücklich erwähnt wird, außer bei der schon erwähnten Priesterkommunion (im Messbuch S. 522), sondern nur die Hinwendungen zum Volk für jeden einzelnen Fall gesondert vorgeschrieben werden, wie etwa bei der schon erwähnten Begrüßung, aber auch mittendrin bei der Einladung zum Gebet (aber nicht beim Gebet selbst! S. 346), beim Friedensgruß (S. 518) und beim Agnus Dei (S. 521), bis hin zum Segen und zum Entlassruf am Schluss (S. 530-31).

Es ist hoffentlich deutlich geworden, dass die Zelebationsrichtung zum Volk hin nicht nur nicht die nunmehr einzige erlaubte Zelebrationsrichtung ist, wie dies tatsächlich zuweilen sogar von Bischöfen insinuiert (vgl. hier ein US Bischof, der gegen die liturgischen Normen von seinen Priestern "erwartet", dass sie zum Volk hin zelebriren) und von manchen v.a. älteren Priestern, aber auch von vielen Theologen lauthals verkündet wird. Sondern genau genommen ist sie sogar nur eine neben dem Standard bestehende Möglichkeit - was aber genau genommen auch schon vor der Liturgiereform der Fall war (bloß war das an den allermeisten Altären spätestens seit dem Barock schlicht nicht möglich; die Nr. 299 der Grundordnung will genau diese Möglichkeit, und zwar als Möglichkeit, wieder eröffnen). Eigentlich geht das Messbuch, wie wir gesehen haben, von einer gemeinsamen Gebetsrichtung aller an der Liturgie Beteiligten aus, und zugleich von einem Gegenüber von Priester und Volk immer genau dann, wenn zwischen diesen tatsächlich auch ein Austausch stattfindet (Einladung zum Gebet, Friedensgruß etc.). Das ist insofern wirklich ein Fortschritt gegenüber der "überlieferten Messe", als dort der Priester selbst dann nicht wirklich dem Volk zugewandt ist, wenn er es angespricht (beim "Orate fratres" und beim Schlusssegen dreht er sich zwar um, soll aber den Blick gesenkt halten). 


Noch ein paar Gedanken, die vllt. Anstöße geben können: 
- Man war seit der Liturgiereform ja immer sehr bemüht, die Zahl der Altäre zu reduzieren. Auch die Grundordnung gibt vor, dass eine Kirche standardmäßig nur einen Altar haben soll, und dass weitere Altäre nur in Seitenkapellen errichtet werden. Es gab geradezu einen Horror vor einer Altarpluralität. Ich habe einmal einen Priester darüber predigen hören, wie schlimm das früher gewesen sei, mit den vielen Altären - eine Kirche dürfe bloß einen Altar haben. Und nach der Predigt stellte sich der selbe Priester hinter seinen Zelebrationsaltar... der nur c.a. 1,5 Meter entfernt war von dem direkt dahinter stehenden Hochaltar... Ob ich an jenem Tag der einzige war, der sein Lachen unterdrücken musste? Es ist ausgesprochen absurd, vor einen bestehenden Altar einen weiteren zu setzen und dann zwischen diesen beiden zu zelebrieren.
- Es ist indes ein Mythos, zu sagen, dass, weil der Hochaltar besonders in großen Kirchen immer so weit weg sei, die Gläubigen früher von der Liturgie nichts mitbekommen hätten. Zum einen wurden früher zumeist eh die dem Volk sehr nahe gelegenen Seitenaltäre verwendet - die heute zugunsten des zumeist weiter vom Volk entfernten "Zelebrationsaltares" brach liegen -, und zum anderen gab es auch schon lange vor der Liturgiereform in den Chorräumen vieler v.a. größerer Kirchen (mobile) Altäre, die oftmals sogar an ziemlich genau der Stelle standen, wo nach der Liturgiereform die "Volksaltäre" hingepflanzt wurden, etwa im mir gerade am nächsten gelegenen Freiburger Münster (wie man auf Fotos aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr schön ersehen kann).
- Das Thema "Zelebrationsrichtung" ist erst seit der Liturgiereform nach dem letzten Konzil von so großem und meist ideologisch getriebenem Interesse. Wenn man etwa im klassischen Handbuch der Liturgik von Eisenhofer (1932) nachschaut, findet sich die Erklärung der Gebetsrichtung nach Osten - zum Wiederkommenden Herrn bzw. zum im Osten gedachten Paradies hin - nur eher beiläufig auf einer halben Seite im Kleingedruckten behandelt, und zwar in dem Abschnitt, dessen Thema eigentlich die Erhebung der Augen vor, während und nach bestimmten Gebeten ist, wie sie seit dem Mittelalter vorgeschrieben waren. In vielen Repertorien und Zeremonienbüchlein wird diese Frage überhaupt nicht thematisiert. Man interessierte sich vor der Liturgiereform nicht für die Frage "zum Volk" oder "nicht zum Volk", sondern von alters her war Osten schlicht und ergreifend die taditionelle (in der Antike allgemein verbreitete) Gebetsrichtung, egal ob dort nun die Apsis lag oder das Volk saß.
- Ich habe bisher absichtlich die letzten Sätze von Nr. 299 der Grundordnung des Römischen Messbuches unterschlagen, weil darin nicht die Ausrichtung des Priesters am Altar behandelt wird. Interessant sind sie dennoch auch für dieses Thema. Sie lauten: 
»Der Altar ist aber so aufzustellen, dass er wahrhaft den Mittelpunkt bildet, dem sich die Aufmerksamkeit der ganzen Versammlung der Gläubigen von selbst zuwendet. In der Regel hat er feststehend und geweiht zu sein.«
Diese Formulierung ist missverständlich für den, der sie missverstehen will. "Zentrum" kann hier nicht so zu verstehen sein, dass der Altar im geographischen Sinne im Mittelpunkt der Kirche zu stehen hat. Wäre dem so, ergäben die vielen Anweisungen, sich dem Volk zuzuwenden, wenig Sinn, denn dieses befände sich ja dann ringsherum. Vielmehr muss es im klassischen Sinne eines Fokalpunktes aufgefasst werden, wie es auch die Formulierung zum Ausdruck bringt, dass sich dem Altar "die Aufmerksamkeit der ganzen Versammlung der Gläubigen von selbst zuwendet"; auch ein klassischer Hochhaltar tut genau dies, und, mit Verlaub, sehr viel effektiver als mancher moderne "Volksaltar" der eher unauffällig oder sogar schäbig daherkommt. In aller Klarheit: Der Altar soll "im wahrhaften Zentrum (lat. revera centrum)" stehen, und zwar im Zentrum der Aufmerksamkeit der feiernden Gemeinde (lat. totius congregationis fidelium attentio), nicht im geographischen Mittelpunkt des Kirchenraumes.Übrigens spricht die maßgebliche lateinische Grundordnung wiederholt beim Treten des Priesters an den Altar vom Hinaufsteigen, lat. ascendit (z.B. Nr. 123), was aber etwa in der deutschen Übersetzung nur mit "herantreten" (lat. entspräche dem accendit - ein kleiner aber feiner Unterschied!) wiedergegeben wird... die Grundordnung geht also davon aus, dass der Altar, an dem zelebriert wird, erhöht gelegen ist - eine Eigenschaft, die einem "Zentrum der Aufmerksamkeit" durchaus dienlich ist.


Die Frage ist nicht "zum Volk" oder "weg vom Volk" oder "mit dem Rücken zum Volk" oder was auch immer. Die eigentliche Frage lautet: Wollen wir gemeinsam im Gebet vor den Herrn hintreten, oder wollen wir primär mit einander einen Dialog führen?
Einem Gegenüber, dem Adressaten der eigenen Rede, wendet man sich naturgemäß zu. Wenn sich aber die Gläubigen dem Priester und der Priester den Gläubigen zuwendet, während sie sich betend an Gott wenden, dann entsteht eine für jedes Kind spürbare Dissonanz. Wenn der Adressat einer Rede Gott ist - sei es bei den Orationen, beim Gloria und besonders beim eucharistischen Hochgebet -, dann ist eine Hinwendung zu anderen Personen problematisch. Es liegt dagegen nahe und kommt der leiblichen Verfassung des Menschen sehr entgegen, wenn man sich bei der Anrede Gottes gerade nicht auf andere Menschen richtet und sich in die Augen sieht, sondern wenn man gemeinsam auf den Herrn, besonders auf das Kreuz schaut.
Interessanterweise ist ausgerechnet in der absolut unverdächtigen, weil ansonsten liberal imprägnierten "Zeit"-Beilage "Christ und Welt" neulich ein Leitartikel von Christina Rietz mit dem Titel "Schau mir nicht in die Augen" erschienen, der genau dieser Betrachtungsweise wunderbar Ausdruck gibt. Sie schreibt u.a.:
»Die katholische Messe aber bezieht ihre unwiderstehliche Schönheit aus einer dramatischen Symbolik, aus einer sakralen Choreografie, in die sich der Blick gen Osten wunderbar einfügen würde. Was ist im Osten? Architektonisch: in den meisten Kirchen die Apsis mit Hochaltar, Kruzifix und Tabernakel. Geografisch: der Ort der aufgehenden Sonne. Metaphorisch: das Licht der Welt, die Auferstehung, das Ziel aller Messopfer und Gebete. Die gemeinsame Hinwendung von Gottesdienstbesuchern und Priestern ad orientem wäre ein vergleichsweise einfach zu deutendes Zeichen – in einer an komplizierten Zeichen nicht armen Liturgie, die oft nur Eingeweihte verstehen.
Im Alltag suchen Menschen ständig und bei so ziemlich allen Beschäftigungen Blickkontakt zueinander. Den Priester zur Gemeinde hin auszurichten, gut einsehbar und ausgeleuchtet, scheint deshalb folgerichtig zu sein, weil die Situation dem täglichen Erlebnis entspricht: Immer werden wir von Menschen angeschaut, wenn sie uns etwas mitteilen wollen. Doch das Reich des Alltäglichen endet an der Kirchentür. Dahinter gelten andere Gesetze. Je stärker man das bemerkt, desto besser. Die Messe ist ein sakrales Ritual, das sich seinem Wesen nach von profanen Vorgängen unterscheiden muss. Die Eucharistie ist kein Abendessen, deshalb darf sie auch nach anderen Codes funktionieren. Es geht ausdrücklich um ein Opfer, das nicht einer anwesenden menschlichen Gemeinde dargeboten wird.« (hier - absolut lesenswert!)


Erzbischof Nichols von Westminster ist durchaus Recht zu geben, wenn er sagt:
»May I emphasize that the celebration of the Church’s liturgy is not a place in which priests are to exercise personal preference or taste.«
Nur kann er mit dem Argument gerade nicht eine Zelebration versus altare (unterschieden von versus populum) untersagen, denn erlaubt ist beides und eines davon wird vom Messbuch sogar klar favorisiert.
Faktisch leben wir aber in einer antinomistischen Zeit, in der Gesetze (und die Rubriken des Messbuches sind nichts anderes als Gesetze, sie stehen nur aus guten Gründen nicht im CIC - dieser verweist jedoch ausdrücklich auf sie und fordert ihre Einhaltung!) wenig gelten. Auch Nichols selbst ist, entgegen seiner Mahnung, nicht gerade berühmt für seine getreue Observanz liturgischer Vorschriften. Faktisch machen heute viele Priester was ihnen gefällt und in aller Regel steckt dahinter keine ausgefeilte Theologie, sondern bloße Gefühle vermischt mit theologischer Halbbildung. Aber immerhin ist es nicht mehr so schlimm wie in den ersten Jahren nach der Reform, als wirklich alles egal zu sein schien (genau in der Zeit, als sich fast allgemeine die Umkehrung der Zelebrationsrichtung durchsetzte...).
Erfreulich ist, dass gerade die junge Generation der Priester wieder stärker auf die Würde und Rechtheit der Liturgie bedacht zu sein scheint und auch immer mehr junge Gläubige nicht nur kein Problem mehr mit der gemeinsamen Gebetsrichtung haben, sondern diese sogar schätzen. Ich vermute, dass die Generation, die sich einst von dieser verabschiedet hatte, und die dies als großen Sieg feierte, tatsächlich erst wegsterben muss, bevor die junge Generation sich wieder besinnen, und erneut orientieren kann.


PS. Zum Bild: Ein Altar an der Wand des linken Seitenschiffes in der Kirche Santa Maria Antiqua in Rom, die ich vorige Woche besuchen durfte. Der Hohlraum in der Mitte war für Reliquien bestimmt. Über dem Altar thront Christus, umgeben von Aposteln. Dieses Gebäude, im 1. Jahrhundert als profaner Bau am Fuß des Palatin auf dem Forum Romanum errichtet und im 5. Jahrhundert zu einer Kirche umgewandelt, wurde im 9. Jahrhundert durch ein Erdbeben verschüttet und über ein Jahrtausend später in fantastischem Erhaltungszustand wieder ausgegraben. Nach vielen Jahren der Restaurierung ist die Kirche seit diesem Jahr wieder für Besucher geöffnet.

Freitag, 22. Juli 2016

Wieder da!

Ich bin wieder da.

Ab jetzt wird es hier wieder regelmäßiger was zu Lesen geben. Wie man dem "Archiv" zur Rechten entnehmen kann, war es in den letzten 1,5 Jahren, und v.a. in den letzten sechs Monaten, sehr ruhig hier auf dem Blog. Das hing mit der Endphase meines Studiums zusammen, die jetzt vorüber ist.

Das blöde beim Diplom ist, dass man während des Studiums doch erstaunlich wenig macht, was unmittelbar dem Abschluss dient, sodass man das dann mit den Abschlussprüfungen alles aufholen muss.
Man kann es aber auch positiv wenden, und ich ziehe diese Betrachtungsweise vor: Dieser nunmehr tote Studiengang bot die Möglichkeit, sich in Eigenverantwortung breit zu bilden, da man das, was man machen "muss" nicht über das ganze Studium verstreut, sondern gerafft erst am Ende macht. Man muss also nicht in jedem Semester viel Zeit mit Bulemielernen verbringen, sondern nur einmal (bzw. zweimal, wenn man es in zwei Blöcke teilt) am Ende - dann aber richtig! Und dann zahlt es sich zumindest indirekt auch aus, wenn man sich vorher eigenverantwortlich (v.a. theologisch) breiter gebildet hat.

In den nächsten Tagen und Wochen werde ich wohl noch einige rückblickende Gedanken zum Theologiestudium und manches andere zur Zunft der Theologen offerieren, für alle, die sowas interessiert.
Schön, wieder da zu sein. War ja einiges los in der Kirche und in der Blogozese. Auch da werde ich so manchen Senf servieren.

Dienstag, 28. Juni 2016

Sonntag, 15. Mai 2016

Die Frau als Abbild des Geistes

Heute vor 45 Jahren starb Ida Friederike Görres.

»Und den Heiligen Geist, wer spiegelt Ihn? Neben den eigentlichen Geistträgern und -spendern wie Propheten, Denker, Dichter, vor allem die Frauen: in beiden Ebenen: die Mütter und Herrinnen den Herrn und Lebendigmacher; die "begeisternde" geliebte, die die Welt schöner macht, den Geist, der die Welt "schmückt".
In einem Ehekommentar fand ich neulich den grandiosen Gedanken aus dem Genesis-Kommentar von Cornelius a Lapide: "Gott wollte in der Erschaffung von Adam und Eva seine ewige Zeugung und Hauchung nachbilden. Wie Er nämlich von Ewigkeit her den Sohn zeugt und aus dem Sohn den Heiligen geist haucht, so hat er in der Zeit Adam nach Seinem Bild geschaffen, ihn gleichsam als Seinen Sohn gezeugt und aus ihm schuf Er Eva, damit sie die Liebe Adams sei, wie der Heilige Geist die Liebe Gottes ist."
Das leuchtet mir viel stärker ein als die übliche trinitarische Deutung der Familie! Schon weil ja die Ein-Kind-Ehe keineswegs Urbild der Familie ist.
Baadersche Gedanken weiterspinnend, könnte man noch sagen: Eva ist demnach die irdische Darstellung der Gnade, - die "Gehilfing", Beistand - Trösterin - "ihm zur Seite" - übrigens lauter Umschreibungen für den Paraclet!! zugleich gratia, charis, die Sichtbarkeit der Huld. Durch den Fall hat sie diesen Charakter weitgehend verloren, ist zum Ausdruck der Hilfsbedürftigkeit (nicht Hilflosigkeit!) geworden. Darum ist erst Maria wieder gratia plena. Also wäre es der Ur-Auftrag der Frau, die Sichtbarkeit der Gnade zu sein? Im Frauendienst wird es übrigens deutlich, daß die Menschen sich manchmal dessen bewußt waren. Es ist schon ein höchst aufregendes Phänomen - sozusagen eine "Epiphanie" der Frau, mitten in einer Welt, der sie praktisch als besseres Haustier, in der Reflexion als das Symbol der Niedrigkeit, Dienstbarkeit, des Fleisches, der Verführung - Eva plus, Schlange Frau, Welt - galt. Man kann sagen, was man will über die zweifellos vorhandenen Exzesse und Depravierungen des praktischen Minnedienstes, der zum Society-Sport geworden war. Aber die Dichter - wie bezeichnend, daß es Dichter waren, die ihn aufbrachen! - haben eben doch eine echte Inspiration gehabt.
Die "Dame" des Minnesangs aktiviert den Mann zum Helden - ohne selber an seiner Mühsal teilzunehmen - wieder ein Kennzeichen der "Gnade"! - nur dadurch, daß sie "da" ist, "vor seinem Angesicht"; aus dem Aufblick zu ihr empfängt er Kraft und Führung: die Weise, wie die "Gehilfin von oben", die Sophia, wirkt.«

(I.F. Görres, aus einer Meditation zu Pfingsten)

Samstag, 7. Mai 2016

Augustinus vs. Intelligent Design Kreationismus

»Oft genug kommt es vor, daß auch ein Nichtchrist ein ganz  sicheres Wissen durch Vernunft und Erfahrung erworben hat, mit dem er etwas über die Erde und den Himmel, über  Lauf und Umlauf, Größe und Abstand der Gestirne, über bestimmte Sonnen- und Mondfinsternisse, über die Umläufe  der Jahre und Zeiten, über die Naturen der Lebewesen, Sträucher, Steine und dergleichen zu sagen hat. 
Nichts ist nun peinlicher, gefährlicher und am schärfsten zu verwerfen, als wenn ein Christ mit Berufung auf die christlichen [biblischen] Schriften zu einem Ungläubigen über diese Dinge Behauptungen  aufstellt, die falsch sind und, wie man sagt, den Himmel auf  den Kopf stellen, so daß der andre kaum sein Lachen zurückhalten kann.
Daß ein solcher Ignorant Spott erntet, ist nicht  das Schlimmste, sondern daß von Draußenstehenden geglaubt wird, unsere Autoren hätten so etwas gedacht. Gerade  sie, um deren Heil wir uns mühen, tragen den größten Schaden, wenn sie unsere Gottesmänner daraufhin als Ungelehrte verachten und zurückweisen. Denn wenn sie einen von uns Christen auf einem Gebiet, das sie genau kennen, bei einem Irrtum ertappen und merken, wie er seinen Unsinn mit unseren Büchern belegen will, wie sollen sie dann jemals diesen Büchern die Auferstehung der Toten, die Hoffnung auf das ewige Leben und das Himmelreich glauben, da sie das für falsch halten müssen, was diese Bücher geschrieben haben über Dinge, die sie selbst erfahren haben und als unzweifelhaft erkennen konnten?
Es ist unbeschreiblich, wie viel Verdruß und Kummer einsichtigen Brüdern durch solche unbesonnene Eiferer bereitet wird, die von Leuten, die nicht durch  die Autorität unserer Bücher gestützt werden, in ihren verkehrten und falschen Ansichten verächtlich zurückgewiesen werden und dann beginnen, das zu verteidigen, was sie in ihrer leichtsinnigsten Verwegenheit offenkundig falsch gesagt haben. Und dann wagen sie es auch noch, um sich zu beweisen, unsere heiligen Bücher anzuführen oder aus dem Gedächtnis alles mögliche daraus vorzubringen, von dem sie  meinen, es nützte ihnen als Bestätigung, und verstehen doch weder, was sie sagen, noch die Dinge, die sie behaupten (I Tim 1, 7).«
(Augustinus, Über den Wortlaut der Genesis I,19,39)

Sonntag, 24. April 2016

Der Papst hört Beichte

 
Zwecks Archivierung. Tolle Aktion!

Samstag, 16. April 2016

Gut und Böse

Tugend will, man soll sie holen,
Ungern ist sie gegenwärtig;
Laster ist auch unbefohlen
Dienstbereit und fix und fertig.

Gute Tiere, spricht der Weise,
Mußt du züchten, mußt du kaufen;
Doch die Ratten und die Mäuse
Kommen ganz von selbst gelaufen.


(Wilhelm Busch)

Samstag, 9. April 2016

Mein Senf zu Amoris Laetitia

Habe z.Z. nicht die nötige Muße, eine umfassende Besprechung zu liefern. Ich empfehle jedem selbst die Leküre, es lohnt sich wirklich, v.a. in den Passagen, die nicht Zvg betreffen (also eigentlich das ganze Dokument). Ein paar unsystematische und unvollständige Gedanken zu dem Thema, was so viele Gemüter erhizt.

Ich persönlich bin im Großen und Ganzen sehr zufrieden mit Amoris Laetitia (AL). Und zwar v.a. aus dem sehr persönlichen Grund, dass es betreffs jenes Themas der Zivilwiederverheiratetgeschiedenen (Zvg) im Grunde genau das enthält, was ich selbst (etwa hier vor bald 4 Jahren, vgl. auch hier) schrieb, was ich aber schon viel länger auch praktisch erlebt habe (nicht in einem Zvg-Fall, aber in ähnlich gelagerten Angelegenheiten). Darum gehts:

Was von der Glaubens- und Morallehre her gilt, bleibt natürlich unangetastet. Keine Überraschung hier. Auch die einschlägigen rechtlichen Bestimmungen, bleiben bestehen. Auch keine Überraschung.
Nichts desto trotz gestaltet sich das Leben in der Kirche natürlich nicht in der Vollkommenheit des in sich so kohärenten Regelwerks, denn die Glieder dieser Kirche sind bekanntlich Menschen.

Papst Franziskus hat in AL die einzige mögliche, von mir (s. Links) beschriebene Handlungsweise in der größtmöglichen Deutlichkeit dargelegt. Dass das Ergebnis dennoch vage erscheint, liegt in der Natur der Sache, denn es kann bei diesem einzig möglichen Weg eben gerade nicht um ein in sich abgeschlossenes Regelwerk gehen. Das Wesen der Barmherzigkeit verlangt es.

Ich schrieb damals:
Wenn ein Priester Eheleuten die in einer zweiten zivilrechtlichen Ehe zusammenleben die Kommunion reicht, weil er diese Leute kennt, weiß, dass sie treu und fromm zusammenleben und auch die Umstände des wohmöglich unglaublich schrecklichen Scheiterns der Ehe kennt (und auch die vllt. haarsträubenden Gründe, warum eine Anullierung nicht zustande kam), kann das m.E. im je einzelnen Fall legitim sein. Wichtig ist hier, dass es nicht öffentlich geschieht, dass es um ein Vertrauensverhältnis geht... weil es immer Einzelschicksale sind.
Es kann und darf aber keine "offizielle" oder "generelle" Richtlinie geben weil das letztlich zu einem "Es ist egal wie ihr lebt, ihr dürft..." führt. Das wäre eine Preisgabe der Sakramente.

Und weiter: 
Auch entsteht gerne der Vorwurf, es handle sich doch hier um eine Doppelmoral, wenn man von offizieller Seite einerseits den vortgesetzten Ehebruch mit Sanktionen behängt und andererseits aber das "heimliche" Getue (von dem jeder weiß, worüber man aber nicht redet, weil es nichts zu reden gibt!) zulässt.
Und ein Stück weit stimmt das auch. Ein Stück weit gibt es in jeder Gruppe von Menschen Doppelmoral. Und der Grund ist schnell gefunden: Wir sind keine Maschinen. So gut und richtig die Regeln auch sind die wir uns gesetzt haben oder die uns (ius divinum) von Gott gegeben wurden, so sind wir Menschen doch keine Automaten die immer alle Regeln beachten wollen (oder auch nur können!). Wir sind alle kleine Häretiker und manchmal auch Kryptoschismatiker, weil wir bestimmte Dinge nicht so machen, wie es das Ideal (KKK + CIC) vorsieht... aber genau das macht uns menschlich. Auch Eltern geben ab und an ihren Kindern nach, auch wenn sie wissen, dass es nicht zu ihrem "Besten" ist. Das stellt nicht die Regel infrage, hat aber zuweilen etwas mit gewissen Tugenden zutun.
Was aber landauf, landab alle Aufbrüchler und Memorandisten fordern, ist eine offzielle, allgemeine und rechtlich abgesicherte Regelung dieser "Ausnahmen", "Schwächen", "Nachgiebig- und -lässigkeiten".
Und das, liebe Leute, ist nicht möglich. Und es schadet obendrein den Betroffenen, dass ihr es überhaupt versucht...: Barmherzigkeit kann nicht reglementiert, systematisiert, geplant, verrechnet und subventioniert werden... Es wird nie einen Canon geben der da lautet "Du sollst barmherzig sein und darum auch den hartnäckigen Ehebrechern die Kommunion spenden." Was es gibt, sind Canones und offizielle Verlautbarungen, die von mildernden Umständen sprechen, von den Werken der Barmherzeigkeit, Brüderlichkeit und Nächstenliebe, von der Würde des Menschen, vom hohen Rang des Gewissens, von Weisheit und Hirtensorge, von Tugend und Klugheit, von Frömmigkeit und Seeleneifer und, ja, auch vom Heil der Seelen. *wink*


Genau aus diesem Grund findet sich der einzige und zugleich allerleiseste Hinweis in einer Fußnote, während zugleich unerschrocken die Irregularität der in Frage stehenden Situation benannt, und ein Bewusstsein dieser Irregularität eingefordert wird. Es gibt keine Regel dafür, weil es keine Regel geben kann. Aber es gibt den Aufruf zur Barmherzigkeit.

Entgegen vieler Verschwörungstheorien, nimmt der Papst ausführlich die Ergebnisse der Synode auf, und zitiert sie ausgiebig.
Der Text ist vom Stil her ganz klar das Produkt mehrerer Autoren. Viele Passagen zeigen geradezu benediktinische Schärfe, während andere eine typisch franziskanische Lockerheit zeigen. Es gibt auch ein, zwei Stellen in AL, bei denen ich mir eine präzisere theologische Sprache gewünscht hätte. Etwa, wenn der Papst schreibt, niemand dürfe »auf ewig verurteilt werden, denn das ist nicht die Logik des Evangeliums« (Nr. 297)... das ist es durchaus (nämlich die Gefahr des Verlorengehens, der breite Weg und das weite Tor!), aber was der Papst meint, und was man aus dem Kontext ersehen kann, ist das irdische, durch Menschen geschehende Verurteilen: Denn wir sollen ja vergeben und verzeihen! Das hätte man aber theologisch präziser fassen können.
Etwas kurios, und für den Nichttheologen vllt. verwirrend ist es auch, wenn der Papst schreibt, dass »es nicht mehr möglich [ist] zu behaupten, dass alle, die in irgendeiner sogenannten "irregulären" Situation leben, sich in einem Zustand der Todsünde befinden und die heiligmachende Gnade verloren haben.« (Nr. 301) Das hat m.W. nie jemand behauptet, dass dies bei allen der Fall sei. Die Irregularität ist eine rechtliche Kategorie, das Recht kann nun aber - und das ist keine neue Erkenntnis - die Gesinnung oder den Gnadenstand nicht feststellen... die zitierte Aussage ist in etwa so neu wie die Erkenntnis, dass auch Urteile von Kirchengerichten falsch sein können. Aber gut, nun wissen es auch die, denen das vorher nicht klar war.
Von solchen Patzern (auch der etwas steinbruchartige Umgang mit Thomas... und Erich Fromm hätte er ruhig noch mehr zitieren dürfen, statt nur auf ihn anzuspielen [etwa mit der "Lehrzeit"]!) mal abgesehen, gefällt mir der Text. Ich sehe sogar sehr stark das Erbe Benedikts durchscheinen (etwa, wenn der Fokus sehr breit, nämlich auf das ganze Leben in der Kirche gelegt wird, nicht bloß auf die teilnahme an den Sakramenten; vgl. die letzten öffentlich gewordenen gedanken von Joseph Ratzinger dazu hier), und das freut mich nochmal extra.

Von besonderer Klarheit (so weit, wie das in dem oben beschriebenen Kontext möglich ist), scheint mir beispielsweise folgender Passus in NR. 300:
»Es handelt sich um einen Weg der Begleitung und der Unterscheidung, der "diese Gläubigen darauf aus[richtet], sich ihrer Situation vor Gott bewusst zu werden. Das Gespräch mit dem Priester im Forum internum trägt zur Bildung einer rechten Beurteilung dessen bei, was die Möglichkeit einer volleren Teilnahme am Leben der Kirche behindert, und kann helfen, Wege zu finden, diese zu begünstigen und wachsen zu lassen. Da es im Gesetz selbst keine Gradualität gibt{!}, wird diese Unterscheidung niemals von den Erfordernissen der Wahrheit und der Liebe des Evangeliums, die die Kirche vorlegt, absehen können. Damit dies geschieht, müssen bei der aufrichtigen Suche nach dem Willen Gottes und in dem Verlangen, diesem auf vollkommenere Weise zu entsprechen, die notwendigen Voraussetzungen der Demut, der Diskretion, der Liebe zur Kirche und ihrer Lehre verbürgt sein." Diese Haltungen sind grundlegend, um die schwerwiegende Gefahr falscher Auskunft zu vermeiden wie die Vorstellung, dass jeder Priester schnell 'Ausnahmen' gewähren kann oder dass es Personen gibt, die gegen Gefälligkeiten sakramentale Privilegien erhalten können.«

Das Schöne an dem Dokument ist, dass es die genau richtige Verhältnisbestimmung vornimmt, was die wirklichen Herausforderungen betrifft, vor denen die Familie heute steht. Dass jenes von vielen als heißestes Eisen betrachtete Thema in eine vage Fußnote verdammt ist, entspricht m.E. der Wirklichkeit und stellt somit einen gehörigen Rüffel, eine schallende Ohrfeige an die Forderer und ihre Claqueure dar.
Was von den Aufbrüchlern gewollt wurde, haben sie nicht erreicht. Überhaupt nicht. Aber gewiss werden sie es sich noch irgendwie schönreden, werden sie sich wie die Geier ihr Filetstück herauspicken, und vielleicht sind manche Bischöfe in deutschen Landen sogar, pardon, dämlich genug, aus Fußnote 351 eine Rechtsnorm herauszuphantasieren, gleichwohl der Papst immer wieder klar macht, dass es soetwas schlicht nicht geben kann. Das sollte aber niemanden verunsichern, sondern eher zu Mitleid und Gebet für sie anregen (vgl. Jer 23,1). Ich meine, stellt euch mal das Szenario vor: Das einzige, woran sich Kasperianer in dieser Enzyklika festklammern können ist eine Fußnote. Sie könne noch nichtmal einen ordentlichen Satz oder Abschnitt herauspicken und den Rest ignorieren, sie müssen den gesamten Textkorpus ignorieren und sich an eine Fußnote klammern. Ich finds witzig, und warte schon gespannt auf den sicher bald kommenden Aufsatz oder das nächste Buch von Herrn Schockenhoff auf der Grundlage dieser Fußnote...

Montag, 4. April 2016

Vaterunser eines Ungläubigen

Vater, wenn es dich gibt, wage ich es, mich an dich zu wenden. 
Wenn es dich gibt, ist dein Name heilig: er werde geheiligt.
Wenn es dich gibt, ist dein Reich die Ordnung und auch deren Glanz: dein Reich komme.
Wenn es dich gibt, ist dein Wille das Gesetz der Welten und das Gesetz der Seelen: dein Wille geschehe in uns allen und in allen Dingen, wie im Himmel, so auf Erden.
Gib uns, wenn es dich gibt, unser tägliches Brot, das Brot der Wahrheit, das Brot der Weisheit, das Brot der Freude, das Brot über allem Brot, das man dem verspricht, der dafür danken kann.

Wenn es dich gibt, habe ich dir gegenüber große Schuld: vergib mir meine Schuld, wie ich selbst gern denen vergebe, die mir etwas schulden.
Verlass mich in Zukunft nicht in der Versuchung, sondern erlöse mich von allem Bösen

(Jean-François Six)

Mittwoch, 30. März 2016

Laienheiligkeit

Die Ankündigung der Heiligsprechung von Mutter Theresa im Sommer und ein kurzer Kommentar eines geschätzten Theologen auf Facebook brachte mir einen alten Gedanken wieder ins Bewusstsein, nämlich die Besorgnis darüber, wie die Kirche in Sachen Heiligsprechungen vorgeht. Was mir Sorge bereitet ist die Tatsache, dass ca. 99% aller kanonisierten Heiligen Priester oder Ordensleute sind. Und von den paar Laien (1%) sind wiederum ca. 99% darum kanonisiert worden, weil sie Märtyrer waren. Zugleich sind aber 99%  der Katholiken weder Kleriker/Ordensleute noch Märtyrer. Das lässt für die Weltmenschen, v.a. die Väter und Mütter (und Singles), wenig übrig an Vorbildern. (Ob wohl jemand Notiz von Louis und Zélie Martin genommen hätte, wenn deren Tochter nicht schon bald als Heilige verehrt worden wäre?) Der normale Katholik, ich zähle mich mal dazu, ist also, wenn man das abrundet, faktisch nicht im Heiligenkalender repräsentiert (0,00...%?).
Mir ist natürlich klar, dass es noch das Fest aller (auch nicht namentlich bekannten) Heiligen gibt. Und mir ist auch klar, dass jene Tatsache zunächstmal einfach daraus resultiert, dass sowohl die "Hierarchie" (gemeint ist die Instanz, die die heiligsprechungen vollzieht) wie größere Teile des Kirchenvolks logischerweise leichter Notiz nehmen von heiligmäßigen Klerikern/Ordensleuten, das liegt in der (eher exponierten) Natur der Sache. Aber das reicht m.E. nicht als Erklärung. (Und man komme mir jetzt nicht zuckersüß mit Maria und Joseph als potentiell "größte" Vorbilder, die alle anderen Heiligen ja achso überragen würden: deren Ehe war nun wirklich alles andere als "typisch" und überdies wissen wir so gut wie nichts darüber, weswegen sie als Vorbild für ein Ehe- und Familienleben in der heutigen Welt, von ein paar seeehr allgemeingültigen Grundkonstanten abgesehen, überhaupt nicht taugt.)

Ich glaube, das Problem liegt v.a. in der Mentalität: Es gibt, scheint mir, so eine Art "Instinkt", der bewusst oder unbewusst annimmt, Priester und Ordensleute seien per se in einer privilegierten Stellung um "heilig" zu werden, ja als hätten sie es "leichter", als sei ihr Stand per se näher an "Heiligkeit" (was immer das ist), weil das Klosterleben ja bereits so ein großes Opfer sei. Und das halte ich für einen katastrophalen Irrtum. Für manchen mag das Klosterdasein seiner Natur durchaus mehr entsprechen, so dass für ihn eigentlich ein Dasein in der Welt das sehr viel größere Opfer darstellen würde (ich weiß, wovon ich spreche).

Im Detail wurmt mich da so manches: Immer wieder ließt man beispielsweise in Heiligenbiographien (nicht nur in den verkünstelt-schmalzig-idealisierenden, sondern auch in durchaus realistischen-nüchternen) das Lob auf jene Nonne, die Nachts um 2 Uhr aufsteht um zu beten. Oder die Preisung jenes Priesters, der sich so hingebungsvoll um seine Schäfchen kümmert. Aber, ganz ehrlich, diese Dinge unterscheiden sich m.E. nicht wesentlich von der Mutter, die für ihr Baby mehrmals Nachts raus muss und kaum Schlaf bekommt, oder von dem Vater, der für seine Kinder immer da ist. Von den Pflichten und der Hingabe der Eheleute gegenüber einander ganz zu schweigen. "Die Eheleute/Eltern tun doch nur ihre Pflicht", spöttelt es (ich habe ähnliche Phrasen tatsächlich schon mehrfach von gewissen "Verstrahlten" vernommen!)... Aber dieser Spieß ließe sich auch auf die Priester und Ordensleute hin umdrehen! Es ist letztlich genau diese Pflichterfüllung, um die es geht. Und das können beide gleich gut.

Wenn ich mir die Landschaft der Heiligen anschaue, dann finde ich für das Leben der Hingabe - als Ehemann/-frau und als Eltern - nahezu keine Vorbilder. Ich habe mir vor einigen Jahren mal ein Buch "Heilige Eheleute" zugelegt, in der Hoffnung, darin solche Vorbilder zu finden. Man kann sich das Ergebnis schon denken: Bei den allermeisten spielte das Familienleben nur eine marginale Rolle. Biographisch wird da meist auf den Klostereintritt oder gar die Ordensgründung nach dem Tod des Gatten/der Gattin abgehoben. "Sie war eine fürsorgliche Mutter" ist i.d.R. alles, was dazu gesagt wird... so richtig "heiligmäßig", so wirklich hingabevoll, so hat man jedenfalls bei der Lektüre den Einruck, wurde sie erst ab dem Klostereintritt.
Und obwohl nun schon die letzten Päpste sich so viel um die Familie und die Berufung der Eheleute gekümmert haben, gab es kaum je Heiligsprechungen aus diesem Stand... Laien haben keine gute Lobby, wie es scheint. Aber ich glaube es ist die Gesinnung, die hier hauptverantwortlich ist.

Ida Friederike Görres schreibt in einem Brief, dass sich das Leben einer Ordensfrau von Heute oftmals nur dadurch von dem einer Ehefrau unterscheide, dass Erstere neben ihrer Arbeit viel im Gebet lebt und Gott liebt, während Letztere neben ihrer Arbeit in einer Familie lebt und ihren Mann und ihre Kinder liebt. Was der Ersteren, wenn sie "nach Hause" in den Konvent kommt, das Gebet ist, ist der Letzteren das Zuhause selbst, die Familie, der Gatte. Und irgendwie bekommt man das latente Empfinden nicht los, dass das Gebet von diesen beiden Beschäftigungen die "Heiligere" ist... Ich grüble nun seit einer ganzen Weile darüber und immernoch ertappe ich mich dabei, wie ich "Gebet" viel leichter mit Heiligkeit assoziiere.
Wenn ich die Krisen und Herausforderungen ansehe (besonders die innerhalb der Ehe), die die Eheleute um mich herum zu bestehen haben, kommt mir das Grausen... Aber umso mehr erlebe ich immer wieder im Kleinen und Ganzkleinen, wie diese Menschen das bewältigen und trotzdem nicht (ver)zweifeln, auch nicht an Gott. Es kann doch nicht sein, dass ich diese ganz alltägliche Heiligkeit, deren pneumatischer Anteil regelrecht von jedem Beteiligten jeden Tag neu erstritten werden muss, so oft erlebe, bei den wenigen Beispielen die mir vor Augen sind, dass aber zugleich kaum jemals solche Leute im Heiligenkalender auftauchen. Immer, scheint es, braucht es ein geradezu heroisches Gebetsleben noch "obendrauf", um als "heilig" zu gelten. Aber genau das geht halt meistens nicht, wenn da ein Ehepartner und eine Familie ist. Jedenfalls nicht so, wie man sich ein "heiligmäßiges Gebetsleben" gerne vorstellt. Und ich weigere mich, ein Weniger an Heiligkeit auch nur anzunehmen, bloß weil jemand seine Zeit, die andere im Gebet für Gott geben, für seinen Partner, für seine Kinder gibt. Das ist der exakt gleiche Irrtum, unter dem unser Sozialstaat leidet, wenn er Kindererziehung und Haushaltsführung nicht als "Arbeit" wertet, und den sich Katholiken immer befleißigen, anzuprangern...

Tatsächlich halte ich, das ist meine persönliche Meinung, Ehe und Familie für die größere Herausforderung, weil in der Ehe beide Beteiligten fehlbare schwache Menschen sind, während in der geistlichen Verlobung mit Christus nur ein fehlbarer Mensch beteiligt ist. Die "Fehlerquellen" sind bei Letzterer quasi um die Hälfte reduziert. Dann kommt freilich noch die "Familie" (geistlich oder physisch) dazu, die dann wieder viele "Reibungspunkte" birgt.
Während der Priester ontologisch auf Christus hin gewandelt ist, sind es die Eheleute auf einander hin. (Darum ist eine erneute Eheschließung auch nur nach dem Tod eines Partners möglich. Auch der Priester ist nach seinem Hinscheiden kein Priester mehr, denn das Himmlische Jerusalem hat bekanntlich keinen Tempel.) Und noch etwas: Sowohl aus dem Kloster wie aus dem Priesterstand kann man letztlich immer raus oder man wechselt in eine andere "Familie" oder gründet gleich einen neuen Orden... man kann einen Orden sogar in allen Einzelheiten vorher ausprobieren, ohne jede Verbindlichkeit. Aus einer Ehe kommt man nicht mehr raus, und man kann sie auch nicht in allein Einzelheiten unverbindlich ausprobieren. Was davon ist also das größere "Risiko", das größere Opfer, der größere "Sprung des Glaubens und der Hoffnung"? Gibt es vielleicht darum so viele Kleriker- und Ordensheilige, weil es schlicht und ergreifend "leichter" und ein weniger gewagter (besser zu kalkulierender) Sprung ist? Na toll.

Mich wurmt das. Mich macht das traurig und wütend. Ich weiß auch nicht, wie man diesen Mangel beheben kann... Mir scheint v.a. unsere (der Katholiken) Vorstellung von Heiligkeit dringend revisionsbedürftig.

Sonntag, 10. Januar 2016

Schnittblumen

Der Mittelpunkt dieses Lebens, seine Freude, sein tiefster Daseinsgrund, ohne den es uns nichtig erschiene, ist die Gabe unserer selbst an Gott, in Jesus Christus.
Ist, in dieser Welt zu sein, in sie hineingetaucht, als Parzelle der Menschheit, mit all seinen Fasern ausgeliefert, dargebracht, enteignet. Inseln göttlicher Anwesenheit sein. Gott einen Ort sichern. Vor allem der Anbetung überantwortet sein. Das Geheimnis des göttlichen Lebens auf uns lasten lassen, bis zum Erdrücktwerden. In den Finsternissen der allgemeinen Unwissenheit Leuchtpunkte der Bewusstwerdung Gottes sein. Erkennen, dass hier der eigentliche Akt der Erlösung geschieht; glauben im Namen der Welt, hoffen für die Welt, lieben im Namen der Welt. Wissen, dass eine Minute von glaubensbeladenem Leben, auch wenn sie sich ohne jede Aktion, ohne jeden äußeren Ausdruck vollzieht, einen Genius der Wertsteigerung und eine vitale Kraft in sich trägt, die unsere armseligen menschlichen Taten nie ersetzen können.
Alles Übrige es ist Beiwerk - das zwar notwendig ist, aber notwendig nur im Sinne einer Folge davon. Hier liegt der Kern, der Keim. Wenn der keim da ist, dann wird die Pflanze eines Lebens nach dem Evangelium unweigerlich daraus aufsprießen. Wenn wir dagegen versuchen, alle Blüten des Evangeliums auf der Erde auszubreiten: Hingabe, Armut, Demut und alles Übrige - wenn wir das versuchen, ohne zuvor das Korn gesät zu haben, dann legen wir bloß Gärten aus Schnittblumen an, die in zwei Tagen verwelken.
 

(Madeleine Delbrêl)